Beschneidung: Auswirkungen auf das Gehirn, medizinische Notwendigkeit und ethische Aspekte

Einführung

Die Beschneidung von Jungen, auch Zirkumzision genannt, ist ein Thema, das in Deutschland und weltweit immer wieder zu Diskussionen führt. Dabei geht es nicht nur um medizinische Aspekte, sondern auch um ethische, religiöse und rechtliche Fragen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten der Beschneidung, insbesondere ihre potenziellen Auswirkungen auf das Gehirn, die medizinische Notwendigkeit und die damit verbundenen ethischen Überlegungen.

Medizinische Aspekte der Beschneidung

Häufigkeit und Gründe für Beschneidungen

In Deutschland werden jährlich schätzungsweise 35.000 Jungen unter 15 Jahren aus medizinischen Gründen beschnitten. Die häufigste Diagnose ist Phimose, eine Vorhautverengung, bei der sich die Vorhaut nicht oder nur schwer über die Eichel zurückziehen lässt.

Natürlicher Verlauf der Vorhautentwicklung

Bei der Geburt ist die Vorhaut bei 96 Prozent der Jungen noch mit der Eichel verklebt, was einen natürlichen Schutz vor Verschmutzungen bietet. Diese Verklebungen lösen sich im Laufe der Zeit, ein Prozess, der sich bis zum Ende der Pubertät hinziehen kann. Die lange Zeit geltende Lehrmeinung, dass sich die Vorhaut bis zum Schuleintritt zurückziehen lassen müsse, ist durch neuere Studien widerlegt und in der aktuellen medizinischen Leitlinie revidiert worden.

Medizinische Indikationen für eine Beschneidung

Die neue medizinische Leitlinie empfiehlt eine Beschneidung nur noch in seltenen Fällen, nämlich dann, wenn Beschwerden vorliegen oder unmittelbar drohen, unabhängig vom Alter des Jungen. Eine Vorhautverengung allein gilt nicht mehr als pathologischer Befund.

Alternativen zur Beschneidung

Bei einer Vorhautverengung im Erwachsenenalter muss nicht immer eine Beschneidung erfolgen. Alternativ können Dehnungsübungen mit Salben oder eine teilweise Entfernung der Vorhaut in Betracht gezogen werden.

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Komplikationen und Risiken der Beschneidung

Die Komplikationsrate bei Beschneidungen liegt laut der neuen Leitlinie bei etwa 5 Prozent. Zu den kurzfristigen Komplikationen gehören Nachblutungen und Wundinfektionen, während schwere Komplikationen Verletzungen der Eichel und Harnröhre bis hin zum Tod umfassen können. Langfristige Komplikationen sind in der Leitlinie nicht berücksichtigt.

Auswirkungen der Beschneidung auf das Gehirn und das sexuelle Empfinden

Sensibilität der Vorhaut

Die Vorhaut ist mit zahlreichen Nerven ausgestattet und daher sehr sensibel für Stimulation. Sie bedeckt die Eichel und schützt sie vor Verletzungen und Austrocknung. An der Unterseite des Penis befindet sich das Vorhautbändchen (Frenulum), das als die erogenste Zone des Mannes gilt.

Veränderungen durch die Beschneidung

Durch die Beschneidung wird hocherogenes Gewebe entfernt, was zu einer Verminderung der Sensibilität führen kann. Da die Eichel nach der Beschneidung ständig frei liegt und mit Textilien in Berührung kommt, verhornt die Haut, was die Sensibilität zusätzlich vermindert. Allerdings empfindet nicht jeder beschnittene Mann eine Einschränkung des sexuellen Erlebens, da dies individuell sehr verschieden ist.

Frühkindliche Schmerzerfahrungen und Gehirnentwicklung

Frühkindliche Schmerzerfahrungen, wie sie bei einer Beschneidung ohne ausreichende Schmerzbehandlung auftreten können, können die Vernetzung im Gehirn grundlegend verändern. Studien deuten darauf hin, dass eine Betäubung vor dem dritten Geburtstag langfristige Folgen für die sprachlichen und geistigen Fähigkeiten des Kindes haben kann.

Ethische und rechtliche Aspekte der Beschneidung

Das Kölner Urteil und das Beschneidungsgesetz

Im Jahr 2012 führte der Fall eines vierjährigen Jungen, der aus religiösen Gründen beschnitten wurde und anschließend wegen Blutungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste, zu einem Urteil des Kölner Landgerichts. Das Gericht wertete den medizinisch nicht notwendigen Eingriff als Körperverletzung. Dieses Urteil löste eine breite gesellschaftliche Diskussion aus und führte zur Verabschiedung des sogenannten Beschneidungsgesetzes im Bundestag.

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Inhalt und Kritik des Beschneidungsgesetzes

Das Beschneidungsgesetz legalisiert die medizinisch nicht erforderliche Vorhautentfernung an Jungen aus jeglichem Grund, vorausgesetzt, der Eingriff wird nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt. In den ersten sechs Monaten nach der Geburt dürfen auch Nicht-Ärzte, die dafür besonders ausgebildet sind, eine Vorhautentfernung vornehmen.

Viele Juristinnen sehen das Gesetz als verfassungswidrig an, da es das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Religionsfreiheit verletzt und dem Gleichheitsgrundsatz widerspricht. Jungen sind seither - im Gegensatz zu Mädchen und intergeschlechtlichen Kindern - nicht vor Eingriffen an ihren Genitalien ohne medizinische Notwendigkeit geschützt.

Spannungsverhältnis zwischen Religionsfreiheit und Kindeswohl

Die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen birgt ein Spannungsverhältnis zwischen der Religionsfreiheit der Eltern und dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Während die Religionsfreiheit ein Grundrecht darstellt, kennt sie bestimmte Grenzen, insbesondere wenn es um das Wohl des Kindes geht.

Die Rolle der Eltern und die Selbstbestimmung des Kindes

Das Erziehungsrecht der Eltern soll sich am Wohl des Kindes ausrichten. Eine Beschneidung stellt einen irreversiblen Eingriff in den Körper des Kindes dar, der möglicherweise seine spätere sexuelle Empfindung beeinflusst. Kritiker argumentieren, dass das Kind selbst entscheiden sollte, ob es sich aus religiösen Gründen beschneiden lassen möchte, sobald es religionsmündig ist.

Die Perspektive der Betroffenen

Leiden nach der Beschneidung

Immer mehr Männer, die als Jungen beschnitten wurden, melden sich öffentlich zu Wort und berichten über ihr Leiden unter den Folgen des Eingriffs. Sie fühlen sich in ihrer sexuellen Empfindung beeinträchtigt und sehen in der Beschneidung eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte.

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MOGIS - Eine Stimme für Beschneidungsbetroffene

Der Verein MOGIS gibt Beschneidungsbetroffenen eine Stimme und setzt sich für die genitale Selbstbestimmung ein. Er ist auch an der neuen Leitlinie zu Beschneidungen bei Jungen beteiligt.

Aktuelle Entwicklungen und Empfehlungen

Neue medizinische Leitlinie zur Phimose

Die neue medizinische Leitlinie zur Phimose empfiehlt, eine Beschneidung nicht voreilig oder vorbeugend durchzuführen. Sie betont, dass eine Vorhautverengung in den meisten Fällen ein natürlicher Zustand in der Entwicklung eines Jungen ist und sich oft von selbst löst.

Behandlung nur bei Beschwerden

Die Leitlinie empfiehlt eine Behandlung nur dann, wenn Beschwerden vorliegen, etwa bei Entzündungen und Problemen beim Wasserlassen. In solchen Fällen werden zunächst Salben verschrieben, und erst wenn diese nicht wirken, wird eine Operation in Betracht gezogen, bei der möglichst die Vorhaut erhalten bleibt.

Vollnarkose und lokale Betäubung bei Beschneidungen

Die Leitlinie verlangt bei medizinisch notwendigen Beschneidungen eine Vollnarkose und lokale Betäubung, da frühkindliche Schmerzerfahrungen die Vernetzung im Gehirn grundlegend verändern können.

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