Betablocker bei frühkindlicher Migräne

Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, die nicht nur Erwachsene betrifft. Etwa vier bis fünf Prozent aller Kinder sind ebenfalls von Migräne betroffen. Diese Zahl kann in der Pubertät bis auf 12 % ansteigen. Migräne bei Kindern unterscheidet sich in einigen Aspekten von der Migräne bei Erwachsenen. So fehlen bei Kindern oft die typischen Symptome, was die Diagnose erschwert. Die Behandlung von Migräne bei Kindern erfordert daher einen besonderen Ansatz, der auf die spezifischen Bedürfnisse dieser Altersgruppe zugeschnitten ist.

Definitionen der Kopfschmerztypen

Nach den Vorschlägen der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS) lassen sich im Wesentlichen unterscheiden:

  • Episodische Kopfschmerzen vom Spannungstyp mit < 15 Kopfschmerzereignissen pro Monat
  • Chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp mit größer ≥ 15 Kopfschmerzereignissen pro Monat
  • Migräne ohne Aura, also ohne neurologische Symptomatik, aber mit Übelkeit und/oder Erbrechen
  • Migräne mit Aura, also mit neurologischer Symptomatik

Es gibt auch Kopfschmerzen, die (noch) keiner eindeutigen Klassifizierung zugeordnet werden können.

Ursachen und Auslöser von Migräne bei Kindern

Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Kinder, deren Eltern ebenfalls an Migräne leiden, haben ein höheres Risiko, selbst daran zu erkranken. Das kindliche Gehirn reagiert auf viel mehr Reize und Ereignisse mit einem Migräne-Anfall als das Gehirn von Erwachsenen. Die folgenden Auslöser sind typische Migränetrigger bei Kindern:

  • Stress: Leistungsdruck in der Schule, lange Betreuungszeiten, Reizüberflutung durch elektronische Geräte, familiäre Konflikte und Mobbing.
  • Unregelmäßiger Tagesablauf: Abweichende Essenszeiten, zu wenig Schlaf, unregelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus.
  • Ernährung: Koffeinhaltige Getränke, fermentierte Kuhmilchprodukte, Schokolade, Glutamat, niedriger Blutzucker, Flüssigkeitsmangel.
  • Wetter: Plötzliche Temperaturwechsel, hohe Luftfeuchtigkeit.
  • Physikalische und chemische Reize: Laute Geräusche, helles Licht, starke Gerüche (Zigarettenrauch, Klebstoffe, Benzin, Farb- und Klebstoffe, Parfums und Deodorants, Wohngifte).

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jedes Kind auf die gleichen Auslöser reagiert. Ein Migräne-Tagebuch kann helfen, die individuellen Trigger zu identifizieren.

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Symptome von Migräne bei Kindern

Die Symptome von Migräne bei Kindern können vielfältig sein und sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden. Einige häufige Symptome sind:

  • Kopfschmerzen: Plötzliche, wiederkehrende Kopfschmerzattacken, die als starker Druck am Kopf empfunden werden können. Die Schmerzen sind oft beidseitig und betreffen die Stirn, die Schläfen oder den Augenbereich.
  • Begleitsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen (sogenannte "Bauchmigräne"), Appetitlosigkeit, Blässe oder Hautrötungen, Müdigkeit, vermehrter Harndrang, Durst, erhöhte Temperatur oder Fieber, Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit.
  • Aura: Neurologische Beschwerden wie optische Halluzinationen (bunte Farben, seltsame Formen), Sehstörungen, Lichtblitze, flimmernde Muster (sogenanntes "Alice-im-Wunderland-Syndrom"), Missempfindungen (Taubheitsgefühl, Kribbeln in Armen und Beinen), Sprachprobleme.
  • Dauer: Ein Migräne-Anfall bei Kindern dauert meist zwei bis sechs Stunden, kann aber auch bis zu 48 Stunden anhalten.

Es ist wichtig, auf Verhaltensänderungen bei Kindern zu achten, da sie ihre Empfindungen oft nicht genau deuten und sich nicht richtig ausdrücken können. Anzeichen für Migräne können sein: Aufhören zu spielen, Blässe, Unruhe, Reizbarkeit, Rückzug, Wunsch nach Dunkelheit und Schlaf.

Diagnose von Migräne bei Kindern

Die Diagnose von Migräne bei Kindern kann schwierig sein, da die Symptome vielfältig sind und sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden können. Ein ausführliches Anamnesegespräch mit dem Kind und den Eltern ist wichtig, um die Art, Häufigkeit und Dauer der Kopfschmerzen sowie begleitende Symptome zu erfassen.

Zusätzlich zur Anamnese können folgende Untersuchungen durchgeführt werden:

  • Körperliche Untersuchung: Um neurologische Auffälligkeiten (Sehprobleme, Gleichgewichtsstörungen) und andere körperliche Ursachen auszuschließen.
  • Kopfschmerzkalender: Um die Häufigkeit, Intensität und Auslöser der Kopfschmerzen zu dokumentieren.
  • Bildgebende Verfahren (MRT): Um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen, insbesondere bei ungewöhnlichen Symptomen oder neurologischen Ausfällen.
  • Hirnstromkurve (EEG): Um eine Epilepsie auszuschließen.

Behandlung von Migräne bei Kindern

Die Behandlung von Migräne bei Kindern zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. Die Therapie umfasst in der Regel eine Kombination aus nicht-medikamentösen und medikamentösen Maßnahmen.

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Nicht-medikamentöse Behandlung

Nicht-medikamentöse Maßnahmen sind oft die erste Wahl bei der Behandlung von Migräne bei Kindern, da sie in der Regel gut verträglich sind und weniger Nebenwirkungen haben als Medikamente. Zu den wichtigsten nicht-medikamentösen Maßnahmen gehören:

  • Lebensstiländerungen: Regelmäßiger Tagesablauf mit festen Essens- und Schlafzeiten, ausreichend Bewegung, Stressmanagement, Vermeidung von bekannten Auslösern.
  • Entspannungsverfahren: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, autogenes Training, Biofeedback. Diese Verfahren helfen, Stress abzubauen und die Körperwahrnehmung zu verbessern.
  • Physikalische Therapie: Wärmeanwendungen, Massagen von Hals, Nacken, Kopf und Gesicht, Akupunktur. Diese Maßnahmen können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern.
  • Verhaltenstherapie: Vermittelt Methoden und Strategien, die dabei helfen sollen, Migräneanfällen vorzubeugen. Kinder lernen, wie sie sich von den Schmerzen oder der Angst davor ablenken können, und wie ihre Gedanken und Gefühle die Migräne beeinflussen können.
  • Hausmittel: Ruhe in einem abgedunkelten Raum, kühles Tuch auf der Stirn, Nackenmassage mit Pfefferminzöl (nicht bei Säuglingen und Kleinkindern!).

Medikamentöse Behandlung

Eine medikamentöse Behandlung ist indiziert, wenn die nicht-medikamentösen Maßnahmen nicht ausreichend wirksam sind oder die Migräneanfälle sehr häufig oder stark sind. Es gibt zwei Arten von Medikamenten, die bei Migräne bei Kindern eingesetzt werden:

  • Akutmedikation: Wird während eines Migräneanfalls eingenommen, um die Schmerzen und Begleitsymptome zu lindern. Geeignete Medikamente sind:
    • Ibuprofen (10 mg/kg Körpergewicht)
    • Paracetamol (15 mg/kg Körpergewicht)
    • Acetylsalicylsäure (ASS) (ab 12 Jahren)
    • Triptane (Sumatriptan, Zolmitriptan) (ab 12 Jahren, als Nasenspray)
    • Antiemetika (Domperidon) bei Übelkeit und Erbrechen
  • Prophylaktische Medikation: Wird täglich eingenommen, um die Häufigkeit und Intensität der Migräneanfälle zu reduzieren. Geeignete Medikamente sind:
    • Betablocker (Propranolol, Metoprolol): Gelten heute als wirksam. Propranolol hat sich über 30 Jahren bewährt.
    • Flunarizin: Prophylaktisches Mittel der ersten Wahl bei migräneähnlichen Syndromen.
    • Topiramat: Kann eine gut abgesicherte Alternative darstellen.
    • Magnesium
    • Azetylsalizylsäure (ASS) in niedriger Dosierung

Betablocker in der Migräneprophylaxe

Betablocker wie Propranolol und Metoprolol sind Medikamente, die hauptsächlich zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzerkrankungen eingesetzt werden. Sie können aber auch bei Migräne helfen, indem sie die Blutgefäße im Gehirn entspannen und die Erregbarkeit des Nervensystems reduzieren.

Wirkungsweise: Betablocker blockieren die Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin, Botenstoffen, die den Herzschlag beschleunigen und die Blutgefäße verengen. Durch die Blockade dieser Botenstoffe werden die Blutgefäße erweitert und der Blutdruck gesenkt. Bei Migräne wird vermutet, dass Betablocker die übermäßige Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn reduzieren und so die Entstehung von Migräneanfällen verhindern.

Anwendung bei Kindern: Betablocker können auch bei Kindern und Jugendlichen zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden, insbesondere wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirksam sind. Die Dosierung muss individuell angepasst werden und hängt vom Körpergewicht und der Verträglichkeit ab.

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Nebenwirkungen: Wie alle Medikamente können auch Betablocker Nebenwirkungen haben. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen, niedriger Blutdruck und kalte Hände und Füße. Betablocker sind für Kinder mit Asthma nicht geeignet.

Wichtige Hinweise:

  • Die Anwendung von Betablockern bei Kindern sollte immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen.
  • Betablocker sollten nicht plötzlich abgesetzt werden, da dies zu Entzugserscheinungen führen kann. Die Dosis sollte langsam reduziert werden.
  • Bei Auftreten von Nebenwirkungen sollte der Arzt informiert werden.

Dr. Raymund Pothmann zeigt in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen die Wirksamkeit von Propranolol und Metoprolol in der Migräneprophylaxe. Diese gelten heute als wirksam. Sie werden in einer Dosis eingenommen und sind fast nebenwirkungsfrei.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Betablocker eine wirksame Option zur Migräneprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen sein können. Die Entscheidung für eine Behandlung mit Betablockern sollte jedoch immer individuell getroffen werden und die potenziellen Risiken und Vorteile sorgfältig abgewogen werden.

Weitere Medikamente zur Migräneprophylaxe

Neben Betablockern gibt es noch weitere Medikamente, die zur Migräneprophylaxe bei Kindern eingesetzt werden können:

  • Flunarizin: Ein Kalziumkanalblocker, der die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn reduziert.
  • Topiramat: Ein Antiepileptikum, das auch bei Migräne wirksam sein kann.
  • Magnesium: Ein Mineralstoff, der eine wichtige Rolle bei der Nervenfunktion spielt. Ein Magnesiummangel kann Migräneanfälle begünstigen.
  • Azetylsalizylsäure (ASS): In niedriger Dosierung kann ASS ebenfalls prophylaktisch wirken.

Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Alter des Kindes, der Art und Häufigkeit der Migräneanfälle, Begleiterkrankungen und möglichen Nebenwirkungen.

Alternative Behandlungsmethoden

Zusätzlich zu den genannten Maßnahmen gibt es noch einige alternative Behandlungsmethoden, die bei Migräne bei Kindern eingesetzt werden können:

  • Akupunktur: Kann bei einigen Kindern wirksam sein, jedoch gibt es letztlich zu wenige Spezialisten für Akupunktur bei Kindern.
  • Biofeedback: Über Elektroden auf der Haut lassen sich verschiedene Körperfunktionen messen. Die Betroffenen lernen so, diese Funktionen absichtlich und gezielt zu beeinflussen.
  • Ernährungsumstellung: Bei einigen Kindern können bestimmte Nahrungsmittel Migräneanfälle auslösen. Eine Ernährungsumstellung kann helfen, diese Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden. Es kann bei ca. 90% der Kinder zum Erfolg führen.

Bauchmigräne

Die Bauchmigräne, auch abdominelle Migräne genannt, ist eine besondere Form der Migräne, die vor allem bei Kindern auftritt. Typische Symptome sind anfallsartige Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Blässe. Die Bauchschmerzen sind meist in der Mitte des Bauches lokalisiert und dauern mindestens eine Stunde an.

Die Behandlung der Bauchmigräne umfasst in erster Linie Entspannungsverfahren und das Meiden von auslösenden Reizen. In akuten Fällen können Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol eingesetzt werden. Bei häufigen Anfällen kann eine medikamentöse Prophylaxe mit Betablockern oder Antihistaminika in Erwägung gezogen werden.

Familiäre Hemiplegische Migräne (FHM)

Die Familiäre Hemiplegische Migräne (FHM) ist eine seltene, genetisch bedingte Form der Migräne mit Aura. Neben den typischen Migränesymptomen kommt es bei der FHM zu einer vorübergehenden Lähmung einer Körperseite (Hemiparese). Die FHM wird durch Mutationen in verschiedenen Genen verursacht, die für Ionenkanäle oder Transportproteine im Gehirn kodieren.

Die Behandlung der FHM richtet sich nach den Symptomen und kann die Gabe von Schmerzmitteln, Triptanen oder anderen Medikamenten umfassen. In einigen Fällen kann auch eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten erforderlich sein.

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