Die vestibuläre Migräne, auch Schwindelmigräne genannt, ist eine spezielle Form der Migräne, bei der Schwindelattacken im Vordergrund stehen und oft von Kopfschmerzen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. In Deutschland sind schätzungsweise fast ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Die Diagnose zu stellen ist nicht einfach, denn Schwindel kann viele Ursachen haben. Die vestibuläre Migräne ist eine der häufigsten Ursachen für wiederholte, spontane Schwindelanfälle.
Symptome der vestibulären Migräne
Im Gegensatz zur „klassischen“ Kopfschmerzmigräne steht bei der vestibulären Migräne nicht der Kopfschmerz, sondern der Schwindel im Vordergrund. Die Schwindelattacken können vor, während oder nach den Kopfschmerzen auftreten, oft ohne zeitlichen Zusammenhang mit den Schmerzen.
Die Betroffenen erleben plötzliche Dreh- oder Schwankschwindel-Attacken. Die Schwindelattacken dauern zwischen 30 Sekunden und Stunden, selten mehrere Tage. Der Schwindel tritt häufig isoliert als einziges Symptom auf. Begleitende Migränesymptome sind bei Auftreten des Schwindels möglich, aber nicht obligat.
Mögliche Symptome sind:
- Meist Drehschwindel, gelegentlich aber auch Bewegungsgefühl (Schwanken, Kippen)
- Gang- oder Standunsicherheit
- Zunahme des Schwindels bei Änderung der Körperlage möglich
- Begleitend Gangunsicherheit, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen möglich
- Licht- oder Geräuschempfindlichkeit begleitend möglich
- Visuell-induzierter Schwindel (Betrachtung sich bewegender Objekte)
- Kopfbewegungsinduzierter Vertigo
- Gelegentlich Sehstörung in Form eines verschwommenen Sehens
- Begleitend Gangunsicherheit, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen möglich
- Licht- oder Geräuschempfindlichkeit begleitend möglich
- Visuelle Auren häufig
- Spontannystagmus, lageabhängiger Nystagmus möglich
Die Furcht vor dem nächsten Anfall ist oft groß. Viele trauen sich aus Angst vor dem Kontrollverlust kaum mehr vor die Tür, was die Erkrankung noch schlimmer macht. Unter anderem kann Bewegung dabei helfen, Symptome zu verbessern.
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Diagnose der vestibulären Migräne
Die Diagnose einer vestibulären Migräne ist nicht immer leicht, da die Symptome mitunter diffus ausfallen und auch auf andere Erkrankungen hinweisen können. Die Diagnosekriterien der Bárány-Society spielen hier eine wichtige Rolle.
Die Diagnosekriterien umfassen:
A) Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden
B) Positive Anamnese für Migräne mit oder ohne Aura
C) Ein oder mehr Migränesymptome bei 50% der Schwindelepisoden
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- Kopfschmerz mit mind. 2 Charakteristika:
- Einseitiges Auftreten
- Pulsierender Charakter
- Mittlere bis schwere Schmerzintensität
- Photophobie oder Phonophobie
- Visuelle Aura
D) Symptomatik nicht besser durch andere Erkrankungen erklärbar
Eine wahrscheinliche vestibuläre Migräne liegt vor, wenn:
- Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden vorliegen.
- Nur eines der o.g. Kriterien erfüllt ist.
Rezidivierende Schwindelattacken (siehe Symptome) mit einer Dauer von 30 Sekunden bis Tagen. Weitere begleitende Symptome zum Schwindel sind nicht erforderlich. Isolierte Schwindelattacken schließen die Diagnose vestibuläre Migräne nicht aus. Eine positive Migräneanamnese und Auren sind wichtige Hinweise.
Auf der Suche nach einer Erklärung für ihre Symptome durchlaufen viele Betroffene eine Ärzte-Odyssee, teilweise wird ihnen fälschlicherweise verkündet, die Beschwerden seien psychischer Natur. Es vergehen oft Jahre, bis die Diagnose vestibuläre Migräne gestellt wird. Betroffene sollten eine neurologische Praxis aufsuchen, wenn in einer HNO-Praxis keine Erklärung für den Schwindel gefunden wird.
Nach dem ersten Gespräch veranlasst die Ärztin meist eine Videonystagmografie (VNG), um über die Augenbewegungen die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu messen.
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Ursachen und Risikofaktoren
Warum vestibuläre Migräne entsteht, ist nicht ganz geklärt, oft liegt die Erkrankung aber in der Familie. Es handelt sich um eine Art Softwarestörung im Gehirn, das Reize nicht mehr richtig verarbeiten kann. Äußere Faktoren wie Licht, Lärm, Schlafmangel, bestimmte Gerüche oder hormonelle Schwankungen können Attacken auslösen.
Zu den Risikofaktoren zählen:
- Weibliches Geschlecht
- Langjährige Migräne
- Familiäre Veranlagung
- Stress und Schlafmangel
- Hormonelle Veränderungen
- Bestimmte Lebensmittelunverträglichkeiten
- Licht und Geräuschimpulse
- Wetterfühligkeit
- Mangel an wichtigen Nährstoffen
- Nikotin- und Alkoholkonsum
Differentialdiagnose
Die vestibuläre Migräne muss von anderen Schwindelerkrankungen abgegrenzt werden, insbesondere vom Morbus Menière. Während Morbus Menière ein Flüssigkeitsstau im Innenohr zugrunde liegt, der auch das Hören einschränkt, handelt es sich bei vestibulärer Migräne um eine neurologische Erkrankung ohne Hörverlust.
Therapie der vestibulären Migräne
Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Schwindelattacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung ist in weiten Zügen vergleichbar mit der Behandlung von Migräne ohne Schwindel.
Akuttherapie
Bei einer akuten Attacke können bestimmte Mittel gegen Übelkeit helfen, etwa der Wirkstoff Dimenhydrinat, der auch in Reisetabletten enthalten ist. Typische Migränemedikamente wie Schmerzmittel oder Triptane sind bei der vestibulären Form mit Kopfschmerz ebenfalls sinnvoll.
- Antivertiginosum wie Dimenhydrinat
- Triptane
- Schmerzmittel wie Ibuprofen
Prophylaxe
Bei Patienten mit sehr häufigem Schwindel kann eine prophylaktische medikamentöse Behandlung hilfreich sein. Medikamente, die prophylaktisch bei Migräne wirksam sind, können auch einem Migräneschwindel vorbeugen. Heilbar ist vestibuläre Migräne bisher nicht.
Zur Migräneprophylaxe werden folgende Medikamente eingesetzt:
- Betablocker: Metoprolol und Propranolol haben sich als wirksam erwiesen.
- Kalziumantagonisten: Flunarizin ist offiziell zur Behandlung von Schwindel zugelassen.
- Antidepressiva: Amitriptylin kann helfen, die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Antiepileptika: Topiramat und Valproat werden ebenfalls zur Prophylaxe eingesetzt.
- CGRP-Antikörper: Seit einigen Jahren sind bei hohem Leidensdruck auch CGRP-Antikörper zur Prophylaxe zugelassen, die sich Patienten einmal im Monat oder einmal im Quartal selbst unter die Haut spritzen können.
- Gepante: Eine neue Wirkstoffklasse, die im Gehirn einen Rezeptor blockiert, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
Weitere Optionen:
- Pestwurz
- Magnesium
- Acetylsalicylsäure
- Naprocen
- Riboflavin (Vitamin B2)
Es ist wichtig, sich behutsam an die richtige Dosis der Medikamente heranzutasten. Ein auf dem Gebiet der Migräne erfahrener Hausarzt oder Neurologe steigert sie langsam bis zur ersten Zieldosis, von der er üblicherweise eine Wirkung erwartet.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von Migräneattacken.
- Regelmäßiger Schlaf: Ausreichend Schlaf ist wichtig, um Attacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Stress sollte vermieden oder reduziert werden. Regelmäßige Entspannungspausen und Schlafphasen sind wichtig.
- Ernährung: Regelmäßig essen und trinken, um das Gehirn stets mit Energie zu versorgen. Bestimmte Lebensmittel, die als Trigger identifiziert wurden, sollten vermieden werden.
- Sport: Moderater Ausdauersport von 30 Minuten zwei- bis dreimal pro Woche wirkt sich positiv aus.
- Gleichgewichtstraining: Gleichgewichtstraining gibt Patientinnen und Patienten Sicherheit.
- Akupunktur: Die Häufigkeit von Migräne-Attacken kann nach einer Akupunktur oftmals abnehmen.
- Biofeedback-Therapie: Ziel ist es, über die Rückmeldung (Feedback) der eigenen Körperfunktionen auf bestimmte Situationen zu reagieren und diese bewusst zu beeinflussen.
- Progressive Muskelentspannung: Menschen erlernen dabei, die wichtigsten Muskeln ihres Körpers kontrolliert anzuspannen und daraufhin wieder zu entspannen.
- Autogenes Training: Hilft dabei, den Körper durch die Kraft der Gedanken zu beeinflussen und einen Entspannungszustand herzustellen.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Psychologische Faktoren wie Stress spielen bei herkömmlichen Kopfschmerzen eine wesentliche Rolle.
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