Akupunktur und Bewegung als Therapieansatz bei Polyneuropathie

Die Polyneuropathie, oft als „Leiden der vielen Nerven“ beschrieben, ist eine häufige, oft chronische Erkrankung, die durch Schädigung peripherer Nerven gekennzeichnet ist. Sie manifestiert sich typischerweise in den Füßen und Händen und kann eine Vielzahl von Ursachen haben, darunter Diabetes, Alkoholmissbrauch, Chemotherapie und andere. Die Symptome reichen von Kribbeln und Taubheit bis hin zu quälenden Nervenschmerzen und Bewegungseinschränkungen.

Die konventionelle medizinische Behandlung konzentriert sich hauptsächlich auf die Linderung von Symptomen durch Medikamente wie Antidepressiva, Morphin-Derivate und Antiepileptika. Integrative medizinische Ansätze, insbesondere die Kombination von Akupunktur und Bewegung, gewinnen jedoch zunehmend an Bedeutung als wirksame Strategien zur Linderung der Beschwerden und zur Förderung der Nervenregeneration.

Polyneuropathie: Ursachen und Symptome

Polyneuropathie betrifft Millionen von Menschen und entsteht durch Schäden an Nervenfasern außerhalb des Gehirns und Rückenmarks. Die Ursachen sind vielfältig und umfassen:

  • Diabetes: Jeder zweite oder dritte Diabetiker entwickelt im Laufe seines Lebens eine Polyneuropathie.
  • Alkoholmissbrauch: Übermäßiger Alkoholkonsum kann zu Nervenschäden führen.
  • Weitere häufige Ursachen: Schilddrüsenerkrankungen, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Krebserkrankungen, Medikamente gegen Krebs, Vitaminmangel (insbesondere Vitamin B12), Infektionen, krankhafte Eiweißablagerungen, Entzündungen und Immunstörungen. Auch genetische Veranlagung kann eine Rolle spielen, und in manchen Fällen bleibt die Ursache unbekannt (idiopathische Polyneuropathie).

Die Symptome der Polyneuropathie können je nach betroffenen Nerven variieren:

  • Sensorische Symptome: Kribbeln, Taubheitsgefühle, brennende Schmerzen, Verlust des Tastempfindens.
  • Motorische Symptome: Muskelzucken, Muskelkrämpfe, Muskelschwäche, Muskelschwund.
  • Autonome Symptome: Beeinträchtigung der Organfunktionen, beispielsweise Verdauungsstörungen, Herzrhythmusstörungen, oder Probleme mit der Blasen- und Darmkontrolle.

Zusätzlich können Symptome wie unruhige Beine (Restless-Legs-Syndrom) auftreten, die sich durch Missempfindungen in den Beinen äußern und durch Bewegung gelindert werden können.

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Akupunktur als Therapie bei Polyneuropathie

Die Akupunktur, eine zentrale Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), bietet einen vielversprechenden Ansatz zur Behandlung von Polyneuropathie. Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur nicht nur die Symptome lindern, sondern auch die Nervenregeneration fördern kann.

Wirkungsweise der Akupunktur

Die TCM betrachtet den Menschen als ein komplexes System, in dem die Lebensenergie „Qi“ in definierten Bahnen, den Meridianen, fließt. Eine Störung dieses Energieflusses kann zu Krankheiten führen. Akupunktur zielt darauf ab, das energetische Gleichgewicht wiederherzustellen, indem feine Nadeln an spezifischen Akupunkturpunkten entlang der Meridiane gesetzt werden.

PD Dr. Sven Schröder vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt, dass Akupunktur einen starken sensorischen Reiz setzt und die Feindurchblutung anregt, was das Nervensystem stimuliert und die Regeneration der Nervenenden fördert. Er betont, dass die peripheren Nerven ein natürliches Regenerationspotenzial besitzen, das durch Akupunktur unterstützt werden kann.

Studienergebnisse zur Akupunktur bei Polyneuropathie

Mehrere Studien haben die Wirksamkeit von Akupunktur bei Polyneuropathie untersucht:

  • Eine Studie aus dem Jahr 2021 mit 180 Probanden mit diabetischer Polyneuropathie zeigte, dass Akupunktur nicht nur die Beschwerden lindert, sondern auch die Nervenleitgeschwindigkeiten messbar verbessert.
  • Eine weitere Studie aus dem Jahr 2023 bestätigte, dass Patienten mit Polyneuropathie von der Akupunkturtherapie profitieren.
  • Eine Studie aus dem Jahr 2017 im „Journal of Pain Research“ zeigte, dass Akupunktur bei Patienten mit diabetischer Polyneuropathie Schmerzen und Taubheitsgefühle deutlich reduzieren und die Lebensqualität verbessern kann.
  • Eine Studie aus dem Jahr 2020 in „Acupuncture in Medicine“ ergab, dass Akupunktur auch bei chemotherapieinduzierter Polyneuropathie die Symptome lindern kann.

Auswahl der Akupunkturpunkte

Bei der Behandlung von Polyneuropathie werden häufig folgende Akupunkturpunkte verwendet:

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  • Ma 36 (Zusanli): Stärkt Milz und Magen, wirkt Stagnationen entgegen und harmonisiert Qi und Xue.
  • Ma 40 (Fenglong): Wandelt Schleim um, treibt Schleim aus dem Körper und bewegt das Qi der Funktionskreise Milz und Magen.
  • Mi 6 (Sanyinjiao): Kräftigt den Funktionskreis Milz, wandelt Nässe um und steigert die Verteilung der Säfte im Körper.
  • Mi 9 (Yinlingquan): Leitet Nässe aus, reguliert den Fluss und bringt Qi in die unteren Extremitäten.
  • Ni 3 (Taixi): Stärkt das Qi der Funktionskreise Niere und Leber, kühlt Hitze und kräftigt den unteren Rückenbereich und die Knie.
  • Le 3 (Taichong): Kühlt Xue, reguliert dessen Fluss und wirkt damit Stagnationen entgegen, senkt Yang ab und unterstützt die Funktionskreise Leber und Gallenblase.
  • Gb 34 (Yanglingquan): Stärkt die Funktionsbereiche Leber, Gallenblase, Milz und Niere, entspannt die Sehnen und eliminiert Schleim und Hitze.

Individualisierte Therapieansätze

PD Dr. Schröder betont die Bedeutung einer individualisierten Therapie, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten ist. Dies beinhaltet die Berücksichtigung von Tagesabläufen, Stressmanagement, Schlafqualität, Verdauung und die Untersuchung der Zunge, um ein umfassendes Behandlungskonzept zu entwickeln.

Grenzen und Notwendigkeit der Lebensstiländerung

Die Nachhaltigkeit der Akupunkturbehandlung hängt von der Ursache der Polyneuropathie ab. Wenn die Ursache weiterhin besteht (z.B. schlecht eingestellter Diabetes oder fortgesetzte Einnahme toxischer Medikamente), kann der Effekt der Akupunktur nur kurzfristig sein. Daher ist eine Optimierung der westlichen Therapie und der Lebensführung unerlässlich.

Akupunktur als Teil eines integrativen Therapieplans

Die Klinik am Steigerwald setzt Akupunktur nie als Einzeltherapie ein. Ihre volle Wirkung entfaltet sie im Zusammenspiel mit der chinesischen Arzneitherapie, begleitender Physiotherapie, behandlungspflegerischen Maßnahmen wie Blutegeltherapie, Einreibungen oder Linsenfußbädern sowie einer auf den Patienten abgestimmten Ernährung.

Bewegung als wichtiger Bestandteil der Therapie

Bewegung spielt eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von Polyneuropathie. Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere Yoga, kann die Nerven stimulieren und ihre Funktion verbessern. Bewegung fördert die Durchblutung, reduziert Entzündungen und unterstützt die Nervenregeneration.

Empfehlungen für Bewegung

  • Yoga: Yoga verbessert die Flexibilität, stärkt die Muskeln und fördert die Entspannung, was besonders bei Nervenschmerzen und Muskelverspannungen hilfreich ist.
  • Weitere geeignete Bewegungsformen: Spaziergänge, Schwimmen, Radfahren und andere moderate Aktivitäten können die Durchblutung verbessern und die Nervenfunktion unterstützen.

Weitere Therapieansätze

Neben Akupunktur und Bewegung können auch andere Therapieansätze zur Behandlung von Polyneuropathie eingesetzt werden:

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  • Vitalstoffe: Die Behandlung mit B-Vitaminen in adäquater Dosis und Alpha-Liponsäure kann die Nervenregeneration fördern.
  • Pflanzenheilkunde: Capsaicin, ein Extrakt aus Chilischoten, kann bei der Linderung von Schmerzen helfen.
  • Chinesische Arzneitherapie: Ergänzend zur Akupunktur können chinesische Arzneien als Tee eingenommen werden, um die Therapie zu unterstützen.
  • Ernährungstherapie: Eine ausgewogene Ernährung kann den Körper unterstützen und die Nervenfunktion verbessern.

Die Rolle der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

Die TCM betrachtet Polyneuropathie als eine Ansammlung von Schleim (Tan) im Körper, die durch eine Überlastung des Funktionskreises Magen/Milz (Pi Wei) verursacht wird. Dies führt zu Stauungen im Blut (Xue), was die Unterversorgung der Nerven und die daraus resultierenden Symptome bedingt.

Die TCM-Therapien zielen darauf ab, das energetische Gleichgewicht wiederherzustellen, den Schleim abzubauen, die Durchblutung zu verbessern und die Organfunktionen zu stärken.

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