Bewusstseinsstörungen: Ursachen, Auswirkungen auf Gehirn und Psyche

Bewusstseinsstörungen sind ein komplexes und vielschichtiges Phänomen, das verschiedene Ursachen haben kann, von denen einige direkt mit dem Gehirn zusammenhängen, während andere psychologischer Natur sind. Dieser Artikel befasst sich mit den verschiedenen Aspekten von Bewusstseinsstörungen, einschliesslich ihrer Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten, und berücksichtigt sowohl neurologische als auch psychologische Perspektiven.

Einführung in Bewusstseinsstörungen

Bewusstseinsstörungen umfassen ein breites Spektrum von Zuständen, die von leichter Verwirrung bis hin zu völliger Bewusstlosigkeit reichen. Sie können durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, darunter Verletzungen, Krankheiten oder psychische Traumata. Das Verständnis der Ursachen und Mechanismen von Bewusstseinsstörungen ist entscheidend für eine wirksame Diagnose und Behandlung.

Neurologische Ursachen von Bewusstseinsstörungen

Synkopen und ihre Ursachen

Kurze Phasen der Bewusstlosigkeit, sogenannte Synkopen, können auf gefährliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen hindeuten und zu gefährlichen Stürzen führen. Es ist wichtig, die Patientin bzw. den Patienten bei vorhandener Atmung auf den Rücken (bei andauernder Bewusstlosigkeit) in die stabile Seitenlage zu legen und den Rettungsdienst zu verständigen. Bei einem Herzstillstand ist eine Herzdruckmassage durchzuführen.

Viele Faktoren können zu einer Synkope führen. Entgleisungen des Kreislaufs sind häufige Ursachen, aber auch Angst, Schmerzen oder Stress können zu einer vasovagalen Synkope führen, bei der es zu einem plötzlichen Blutdruck- und/oder Pulsabfall kommt. Eine orthostatische Synkope kann beim plötzlichen Aufstehen aus dem Liegen auftreten, insbesondere bei Personen mit niedrigem Blutdruck. Auch Dehydration kann eine Rolle spielen.

Herzerkrankungen wie die koronare Herzkrankheit, Herzklappenfehler, Herzrhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz können ebenfalls Synkopen verursachen, indem sie das Gehirn nicht ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgen. Ein Herzstillstand von mehr als 15 Sekunden kann zu Bewusstlosigkeit führen. In selteneren Fällen können Atemprobleme wie Hyperventilation ebenfalls Ohnmachtsanfälle auslösen.

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Es ist wichtig zu beachten, dass Synkopen in einigen Fällen auf einen Herzinfarkt hindeuten können, insbesondere wenn sie von Schmerzen im Brustbereich begleitet werden, die in den linken Arm, den Oberbauch oder den Kiefer ausstrahlen. Da jedoch etwa 15 bis 20 % aller Infarkte unbemerkt verlaufen, ist eine ärztliche Abklärung unerlässlich.

Angesichts der Vielzahl möglicher Ursachen ist es ratsam, sich gut auf das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt vorzubereiten und sich eventuell Stichpunkte zu machen. Es ist wichtig, alle Beschwerden vor dem Ohnmachtsanfall zu erwähnen und alle eingenommenen Medikamente anzugeben. Nach der Anamnese werden je nach Verdacht weitere Untersuchungen durchgeführt.

Delir

Das Delir ist eine akute Bewusstseinsstörung, die häufig bei älteren Patienten nach Operationen oder bei schweren Erkrankungen auftritt, aber jeden treffen kann. Es ist wichtig, das Delir frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, um bleibende Schäden zu vermeiden oder zu minimieren. Symptome können verminderte Aufmerksamkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schläfrigkeit, Unruhe, Verwirrtheit, Halluzinationen und Wahnvorstellungen sein.

Die Diagnose kann durch spezielle Checklisten, sogenannte Scores, unterstützt werden. Eine gute interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit ist wichtig, wobei Pflegekräften eine zentrale Rolle zukommt, da sie am meisten Kontakt zum Patienten haben. Die Familie sollte frühzeitig einbezogen werden, da vertraute Personen den Patienten bei der Re-Orientierung helfen können. Ein ungestörter Tag-Nacht-Rhythmus und eine frühe Mobilisation durch Physiotherapeuten sind ebenfalls hilfreich.

Es ist wichtig, das Delir schnell zu erkennen und zu behandeln, da es zu bleibenden Hirnschäden führen kann. Präventive Maßnahmen können das Erkennen von Risikopatienten, eine angepasste Narkose und die Vermeidung bestimmter Medikamente umfassen. Die Information und Schulung der Patienten kann ebenfalls hilfreich sein, da ein informierter Patient weniger Stress hat und sein Gehirn die Eindrücke besser verarbeiten kann.

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Epilepsie

Epilepsien sind neurologische Erkrankungen, die sich durch wiederholte Anfälle äussern, bei denen die Nervenaktivität des Gehirns vorübergehend gestört ist. Ein plötzlicher Anfall kann zu schwerwiegenden Unfällen führen, weshalb eine private Unfallversicherung sinnvoll sein kann.

Viele Unfallversicherungen schliessen Unfälle aus, die durch Bewusstseinsstörungen wie epileptische Anfälle verursacht wurden. Es gibt jedoch Versicherer, die solche Risiken nicht pauschal ausschliessen, sondern individuell bewerten. Es ist wichtig, auf Klauseln zu Bewusstseinsstörungen zu achten und Gesundheitsfragen ehrlich zu beantworten. Eine gute Unfallversicherung sollte Kapitalleistungen bei Invalidität, Krankenhaustagegeld oder Genesungsgeld, Kostenübernahme für Reha und Hilfsmittel sowie eine Unfallrente bei dauerhaften Schäden leisten.

Andere neurologische Erkrankungen

Weitere neurologische Erkrankungen, die mit Bewusstseinsstörungen einhergehen können, sind Multiple Sklerose (MS), das Parkinson-Syndrom und Rückenschmerzen. Auch Verwirrtheitszustände nach Operationen oder bei schweren Erkrankungen können auftreten.

Psychologische Ursachen von Bewusstseinsstörungen

Dissoziation

Dissoziation ist ein psychologischer Zustand, bei dem es zu einer Trennung zwischen verschiedenen Aspekten des Bewusstseins kommt. Diese Trennung kann das Gedächtnis, die Wahrnehmung, das Identitätsgefühl und das Bewusstsein betreffen. Wenn Realität und Bewusstsein sich trennen, kann dies zu erheblichen Verwirrungen und Stress führen. Betroffene erleben oft, dass ihre Wahrnehmung der Aussenwelt verändert ist und sie sich von ihrem eigenen Körper oder ihrer Umgebung entfremdet fühlen.

Dissoziation kann in verschiedenen Formen auftreten, die sich in ihren Symptomen und der Intensität unterscheiden. Depersonalisation ist ein Zustand, in dem Betroffene das Gefühl haben, von ihrem eigenen Körper oder ihren eigenen Gedanken losgelöst zu sein. Derealisation ist ein Zustand, in dem die Aussenwelt als unwirklich oder fremd wahrgenommen wird. Dissoziative Amnesie ist das Unvermögen, sich an wichtige persönliche Informationen oder Ereignisse zu erinnern. Die dissoziative Identitätsstörung ist gekennzeichnet durch das Vorhandensein von zwei oder mehr unterschiedlichen Persönlichkeitszuständen. Dissoziativer Stupor ist ein Zustand, in dem eine Person für eine gewisse Zeit nicht auf äussere Reize reagiert. Dissoziative Fugue ist eine seltene Form, bei der die betroffene Person plötzlich und unerwartet von ihrem üblichen Umfeld weggeht und dabei oft eine neue Identität annimmt und keine Erinnerung an ihre Vergangenheit hat.

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Ein Trauma, insbesondere in der Kindheit, ist eine der häufigsten Ursachen für Dissoziation. Chronischer oder intensiver Stress kann ebenfalls Dissoziation auslösen. Ängste können ebenfalls eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von dissoziativen Zuständen spielen.

Verschiedene psychische Störungen können Dissoziation als Symptom beinhalten. Gedächtnislücken, Konzentrationsprobleme, Identitätsprobleme und emotionale Belastungen sind häufige Symptome dissoziativer Zustände.

Die Diagnose von dissoziativen Störungen erfolgt in der Regel durch ein klinisches Interview und diagnostische Tests. Es ist wichtig, andere mögliche psychische oder körperliche Erkrankungen auszuschliessen, die ähnliche Symptome verursachen können.

Der Umgang mit dissoziativen Zuständen im Alltag kann eine Herausforderung darstellen. Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit, ein strukturierter Tagesablauf, Erinnerungshilfen, Therapie und Unterstützung können helfen. Auch Angehörige und Freunde spielen eine wichtige Rolle.

Die Prävention von dissoziativen Zuständen und die Förderung der Selbstfürsorge sind entscheidend, um das Wohlbefinden zu verbessern und das Risiko für schwere dissoziative Episoden zu verringern. Stressmanagement, Achtsamkeit und der Umgang mit belastenden Situationen auf eine gesunde Weise sind hierbei wichtig.

Es gibt verschiedene Therapieansätze zur Behandlung von dissoziativen Zuständen, darunter die EMDR-Methode, tierbegleitete und tiergestützte Therapie, Kreativ- und Kunsttherapie, Musik- und Stimmtherapie sowie Entspannungsverfahren.

Weitere psychische Erkrankungen

Weitere psychische Erkrankungen, die mit Bewusstseinsstörungen einhergehen können, sind das Borderline-Syndrom, Depressionen, Schizophrenie und die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Diagnose von Bewusstseinsstörungen

Die Diagnose von Bewusstseinsstörungen erfordert eine sorgfältige Anamnese, körperliche und neurologische Untersuchungen sowie gegebenenfalls weitere diagnostische Tests wie EEG, fMRT und psychologische Tests. Es ist wichtig, die Ursache der Bewusstseinsstörung zu identifizieren, um eine geeignete Behandlung einleiten zu können.

Behandlung von Bewusstseinsstörungen

Die Behandlung von Bewusstseinsstörungen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Neurologische Ursachen erfordern möglicherweise Medikamente, Operationen oder andere medizinische Interventionen. Psychologische Ursachen können mit Psychotherapie, Medikamenten oder anderen therapeutischen Ansätzen behandelt werden.

Erste Hilfe bei Synkopen

Wenn Sie beobachten, wie jemand das Bewusstsein verliert, versuchen Sie, Ruhe zu bewahren. Meist reicht es, den Betroffenen flach auf den Rücken zu legen und nach Möglichkeit seine Beine hochzulegen. Es ist ratsam, ebenfalls die Hände oder Beine für 30 Sekunden gegeneinanderzudrücken. Das Blut fliesst so rasch ins Gehirn zurück und das Bewusstsein ist nach wenigen Sekunden wieder da. Wichtig: Wenn jemand ohnmächtig ist, müssen Sie die Atmung kontrollieren! Atmet die Person, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage und rufen Sie einen Notarzt. Ist keine Atmung feststellbar, liegt möglicherweise ein Kreislaufstillstand beziehungsweise ein Herzstillstand vor - dann ist eine Herz-Lungen-Wiederbelebung die wichtigste Massnahme. Bei einem Herzstillstand zählt jede Minute.

Selbsthilfe bei Synkopen

Bevor Betroffene Tipps zur Selbsthilfe anwenden, sollten Sie eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen, um zu klären, ob ernstere Ursachen hinter der Ohnmacht stecken könnten. Fachleute beginnen mit einer ausführlichen Befragung (Anamnese), um die Symptome und eventuelle Beschwerden im Detail zu klären. Es folgen körperliche und neurologische Untersuchen. Besteht der Verdacht auf Herzprobleme, wird ein EKG angefertigt. Werden Herzerkrankungen diagnostiziert, müssen diese behandelt werden.

Erst, wenn feststeht, dass es sich um harmlose Synkopen handelt, können Sie diese Massnahmen anwenden, um Ohnmachtsanfällen vorzubeugen: Wenn Sie die Anzeichen für eine Ohnmacht - Benommenheit, Schwindel, seltsames Körpergefühl - an sich erleben, kann es helfen, für etwa 30 Sekunden die Hände aneinander zu drücken oder die Beine zu kreuzen. Dieser aktive Einsatz verschiedener Muskeln erhöht den Blutdruck und kann einen Ohnmachtsanfall abwenden. Um einer Ohnmacht vorzubeugen, können Sie sich flach auf den Rücken legen und gegebenenfalls die Beine hochlagern. Angepasste Stützstrumpfhosen oder Kompressionsbinden für den Bauch können den Blutdruck stabil halten und so einer Ohnmacht vorbeugen. Wenn Sie unter Ohnmachtsanfällen nach dem Aufstehen leiden, sollten Sie das Hochkommen langsam angehen lassen. Trinken Sie noch im Bett ein Glas Wasser. Ausserdem kann es helfen, mit einem leicht erhöhten Oberkörper zu schlafen. Ein Kissen, das den Kopf 20 bis 30 Zentimeter hochlagert, ist besonders für ältere Menschen wichtig. So können Ohnmacht, Stürze und Verletzungen verhindert werden. Leiden Sie häufig unter Ohnmacht, meiden Sie Saunen sowie zu heisse Bäder und Duschen. Durch die Wärme kann es zu einem plötzlichen Blutdruckabfall kommen. Achten Sie auf eine angemessene Trinkmenge in Absprache mit Ihrem Arzt. Nehmen Sie ausreichend Natriumchlorid in Form von Kochsalz zu sich - auch das in Absprache mit Ihrem Arzt. Essen Sie über den Tag verteilt häufiger kleine Mahlzeiten.

Bewusstsein und seine philosophischen Aspekte

Das Konzept des substanziellen Bewusstseins

Dualismus und Idealismus behaupten die Existenz eines immateriellen Bewusstseins, das - im Falle des Dualismus - eigenständig, insbesondere unabhängig vom Gehirn existiert und das - im Falle des Idealismus - die eigentliche und wahre Natur der gesamten Wirklichkeit einschliesslich der materiellen Realität darstellt. Zu unterscheiden wäre zwischen einem “Mega-Bewusstsein”, das “eins” ist - und zahlreichen individuellen “Bewusstsein-en”, die essentialistisch erklären sollen, wie lebendige Wesen, vor allem Menschen, zu ihrem individuellen Bewusstsein gelangen. Dabei ist das eigene individuelle Bewusstsein faktisch das einzige Bewusstsein, das sich uns - bzw. mir - “empirisch” erschliesst, von dem ich weiss, während das Bewusstsein der Anderen uns/mir “nur” indirekt durch Empathie zugänglich ist; es ist weder messbar noch anderweitig objektiv beweisbar.

Individuelle Bewusstsein-e sind demnach voneinander getrennt. Im Folgenden soll bewiesen werden, dass derartige individuelle substanzielle Bewusstsein-e nicht existieren. (Sowohl die Idee eines Mega-Bewusstseins wie auch die Existenz einer Seele als immateriellem Träger potentiell variierender Bewusstseinszustände bleibt von diesem Beweis unberührt.)

Das Konzept des substanziellen individuellen Bewusstseins soll erklären, wie ein materielles individuelles Wesen zu subjektivem Erleben fähig wird. Wir stellen uns also ein immaterielles, individuelles, hirnunabhängiges, substanzielles Bewusstsein vor, das einem materiellen Wesen diese Eigenschaft verleiht.

Wenn wir sie Bewusstsein nennen und wenn sie das individuelle Bewusstsein lebendiger Wesen erklären soll, also die Fähigkeit, in subjektiver Weise zu empfinden, zu fühlen, wahrzunehmen, vielleicht sogar zu denken, dann ist ein individuelles substanzielles Bewusstsein definitionsgemäss und notwendigerweise bei Bewusstsein. Es erlebt. In der immateriellen Entität “Bewusstsein” ist die epistemische Grundstruktur - ein erlebendes Subjekt erlebt einen Erlebnisgegenstand (Intentionalität des Bewusstseins) - nicht nur realisiert, sondern genau diese Struktur ist wesensbestimmend und namensgebend für das substanzielle Bewusstsein. Die Idee eines substanziellen Bewusstseins bzw. vieler substanzieller Bewusstsein-e impliziert, dass Bewusstheit hier durchgängig gegeben ist.

Bewusstlosigkeit und ihre Implikationen

Allerdings gibt es viele Fälle von deutlicher Beeinträchtigungen des Bewusstseins. Beim Menschen tritt dies z.B. beim traumlosen Tiefschlaf, im Koma, in der Narkose, beim K.O. (z.B. beim Boxen), während eines fokalen nichtbewusst erlebten epileptischen Anfalls und bei einer Synkope (“Ohnmacht”) ein.

Gegen die Annahme, dass in diesen Fällen Bewusstlosigkeit vorliegt, könnte man einwenden, dass in all diesen Fällen Bewusstsein weiterhin vorliegt, jedoch ohne Gedächtnisbildung, sodass im Nachhinein kein bewusstes Erleben berichtet werden kann und dadurch irrtümlich der Eindruck entsteht, die Person sei zeitweise bewusstlos gewesen. Allerdings läge in diesen Fällen unbestreitbar eine schwere Schädigung des Alltagsbewusstseins vor, welches im Ganzen - also einschliesslich seiner für das bewusste Erleben ganz wesentlichen Gedächtnisaspekte - durch das substanzielle Bewusstsein erklärt werden soll.

Aus fernöstlichen Traditionen könnte der Einwand kommen, dass der Eindruck einer Bewusstlosigkeit z.B. während des Schlafs, lediglich auf fehlender Geistesschulung der Betroffenen beruht, während diese Zeiten bei hinreichender Meditationserfahrung klar bewusst erlebt werden. Hiergegen wäre wiederum einzuwenden, dass es zwar denkbar ist, dass eine entsprechende Schulung tatsächlich zu einer Veränderung z.B. der Schlafarchitektur führen kann, etwa mit vermehrten eingestreuten Phasen von residueller Wachheit; dass aber (logischerweise nicht bewusst erlebte) Phasen der Bewusstlosigkeit auch bei Meditationsexperten sehr wahrscheinlich sind. Des Weiteren greift das oben genannte Argument: Dass in den genannten Fällen im Vergleich zum Wachbewusstsein eine sehr deutliche Reduktion bzw. Beeinträchtigung des Bewusstseins und aller kognitiven Fähigkeiten vorliegt, kann kaum bestritten werden.

Bewusstloses Bewusstsein?

Wenn ein individuelles substanzielles Bewusstsein definitionsgemäss und notwendigerweise bei Bewusstsein ist, sollte es in allen Fällen einer vermeintlichen Bewusstlosigkeit bzw. schweren Bewusstseinsstörung zu einer Art “Out of body”-Erlebnis oder zu einem Traumerleben bei vollständig erhaltenem Bewusstsein kommen: Der Körper schläft zwar ein, wird komatös und aresponsiv, wird narkotisiert, geht K.O., erleidet den Kontrollverlust bei einem epileptischen Anfall oder sackt in sich zusammen - aber das Bewusstsein des betroffenen Individuums bleibt jeweils wach, es erlebt unbeeindruckt weiterhin, es wird in keiner Weise beeinträchtigt.

Dieser körperunabhängige Bewusstseinszustand würde grundsätzlich bei jeder Operation, während eines jeden Komas, bei jedem Anfall usw. auftreten - nicht nur in extrem seltenen Fällen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Ein “zeitweise bewusstloses Bewusstsein” ist eine contradictio in se adiecto, letztlich eine Unmöglichkeit. Das Konzept eines hirnunabhängigen immateriellen Bewusstseins soll essentialistisch das Bewusstsein lebendiger Wesen erklären - steht dann aber einer Erklärung von variierenden Bewusstseinszuständen einschliesslich phasenweiser Bewusstlosigkeit bzw. Bewusstseinsbeeinträchtigung als einer vernünftigerweise unbestreitbaren Tatsache entgegen. Das essentialistische Konzept eines substanziellen Bewusstseins erlaubt keine variierenden Bewusstseinszustände. Denn von woher sollte das Bewusstsein wieder zurückkommen, nachdem es erst einmal teilweise oder sogar ganz verschwunden ist, da es doch selbst die Quelle aller Bewusstseinszustände ist?

Existiert ein überindividuelles Mega-Bewusstsein?

Denkbar wäre, dass ein individuelles Bewusstsein durch die Wechselwirkung eines Mega-Bewusstseins mit einem individuellen Gehirn entsteht. Nur das individuelle Bewusstsein würde dann phasenweise untergehen können (wenn das Gehirn nicht richtig funktioniert); das Individuum wäre in dieser Zeit tatsächlich bewusstlos. Aber das Bewusstsein selbst wäre dennoch nicht verschwunden; es wäre und bliebe stets eins mit dem Mega-Bewusstsein und könnte später wieder in Wechselwirkung mit dem regenerierten Gehirn treten und erneut das individuelle Bewusstsein ausprägen. Da jeder nur sein eigenes individuelles Bewusstsein kennt, dürfte das Mega-Bewusstsein völlig ausserhalb unseres Vorstellungsvermögens liegen, es ist reine Spekulation; wir haben z.B. keine Ahnung was genau “Wechselwirkung” hier bedeuten soll. Das Mega-Bewusstsein wäre vermutlich jedoch auch auf irgendeine Weise “bei Bewusstsein”, also ein Subjekt, das irgendwie irgendetwas erlebt.

Gibt es immaterielle Seelen?

Im Unterschied zum Bewusstsein wären Seelen immaterielle Träger potentiell variierender Bewusstseinszustände. Anders als beim Bewusstsein selbst, spricht nichts dagegen, dass Seelen phasenweise schlafen oder bewusstseinsgemindert oder sogar bewusstlos sind. - Allerdings stehen wir mit dieser vermeintlichen Erklärung des Bewusstseins wieder vor denselben Fragen wie zuvor: Unter welchen Umständen wird eine Seele bewusstseinsfähig? Wann verliert sie ihr Bewusstsein? - jetzt bezogen auf eine immaterielle Seele, statt z.B. auf eine menschliche Person. Die Einführung des Konzepts Seele mag rhetorisch wie eine ursächliche Erklärung wirken; tatsächlich ist aber gar nichts erklärt, alle Fragen sind weiterhin offen. Allerdings sind die Fragen nun in die Sphäre des Immateriellen verrückt worden; eine Antwort auf diese Fragen, vor allem eine naturwissenschaftliche Antwort ist somit ausgeschlossen.

Gibt es die cartesische “res cogitans”?

Die hier vorgeschlagene Argumentationsfigur schliesst übrigens auch das Konzept einer “res cogitans” als Ursache meiner höchsten geistigen Fähigkeiten (wie von Descartes vorgeschlagen) aus. Denn auch diese “denkende Sache” würde entweder entsprechend ihres Wesens durchgehend denkend sein - was in Widerspruch tritt zu der schlichten Tatsache, dass ich nicht jederzeit denke - oder wäre der immaterielle Träger variierender Denktätigkeit - womit wiederum nichts erklärt wäre (wie im Falle der Seele).

Der Pferdefuss essentialistischer Erklärungen

Essentialistische Erklärungen (wie auch beim phlogiston oder beim élan vitale) wirken rhetorisch oft sehr überzeugend, aber bei genauerer Betrachtung stellt sich schnell heraus, dass sie im Grunde völlig leer sind. Ganz grundsätzlich kann man etwas schwer Erklärliches nicht durch etwas prinzipiell Unerklärliches (wie ein movens oder ein immaterielles substanzielles Bewusstsein) erklären. Eine Erklärung, die wirklich etwas erklärt, führt etwas schwer Erklärliches in verständlicher Weise auf bereits (besser) verstandene zugrundeliegende Faktoren und Konzepte zurück; d.h. eine wirksame Erklärung ist grundsätzlich reduktiv, nicht extensiv. Insofern sind theologische Erklärungen, z.B. die Entstehung der Welt durch göttliche Schöpfung, grundsätzlich keine Erklärungen in einem üblichen Sinne.

Implikationen für das Leben nach dem Tod

Folgt man der hier vorgeschlagenen Argumentation gegen die Existenz eines individuellen substanziellen, hirnunabhängigen Bewusstseins, sieht es mit der Überlebensfähigkeit des individuellen Bewusstseins über den Tod hinaus nicht gut aus: Schon bei wesentlich geringeren Anlässen als dem Tod verlieren wir regelmässig unser Bewusstsein bzw. Teile davon - das Bewusstsein bleibt währenddessen nicht in einer anderen Sphäre erhalten (sodass wir weiterhin erleben), sondern für einen Moment sind wir “weg”; es gibt uns nicht mehr. Wenn dem so ist, wie sollte das Bewusstsein dann den endgültigen Untergang des gesamten lebendigen Organismus, insbesondere den irreversiblen Verlust aller Hirnfunktionen (welcher das Mindestkriterium des Todes ist) im Tod überleben können? Eine Rückkehr bzw. Heimkehr des irdisch abgetrennten individuellen Bewusstseins in ein substanzielles Mega-Bewusstsein im Moment des Todes bliebe jedoch weiterhin “vorstellbar” (wirklich?) - der berühmte Wassertropfen, der ins Meer zurückkehrt. Mich gibt es dann aber auch in diesem Falle nicht mehr.

Fallstudien und Beispiele

Der verlorene Matrose

Ein alter Mann ist in der Vergangenheit gefangen. Als Jimmie Hedwin Mitte der 1970er-Jahre in ein New Yorker Seniorenheim zieht, ist er bärenstark, blitzgescheit - und glaubt, erst 19 Jahre alt zu sein. Mühelos nimmt er alle Treppen. Kein Detail seiner Ausbildung bei der Marine, das ihm entfallen wäre. Rechenaufgaben erledigt er wie immer: schnell und mit Leichtigkeit. Im Spiegel aber sieht er einen Mann mit Falten. Der Neurologe, der ihn schon mit 49 Jahren im Seniorenheim aufnimmt und untersucht, ist anfangs ratlos. Wie kann es sein, dass Hedwin sich an alle Jugendfreunde erinnert, doch jeden Gesprächspartner vergisst, sobald der nur kurz den Raum verlässt?

Menschen mit schweren Hirnverletzungen

Nach einer schweren Hirnverletzung eines Menschen, der dann oft im Koma auf der Intensivstation liegt, stellen sich Angehörige und medizinisches Personal irgendwann die Frage: Hat der Patient oder die Patientin das Bewusstsein wiedererlangt? Um das zu ergründen, wird die verletzte Person zum Beispiel gebeten, eine Hand zu bewegen. Erfolgt keine Reaktion, gehen viele davon aus, dass sie sich noch in einem so tiefen Koma befindet, dass sie nichts mitbekommt.

Doch Studien weisen darauf hin, dass dieser Schluss nicht stimmen muss. Denn es gibt Menschen, die äusserlich nicht auf eine Ansprache reagieren, deren Gehirne aber trotzdem kognitiv arbeiten. Frühere Studien an einzelnen Forschungszentren fanden eine solche Aktivität bei ungefähr 15 bis 20 Prozent der Untersuchten. Eine neue Studie im renommierten Fachjournal „New England Journal of Medicine“ kommt nun auf einen höheren Wert von etwa 25 Prozent.

In der Studie untersuchten die Fachleute Patientinnen und Patienten mit schweren Hirnverletzungen aus den USA und Europa. Sie hatten - oft schon vor Monaten - etwa einen Verkehrsunfall mit Schädel-Hirn-Trauma, einen Schlaganfall oder eine Wiederbelebung nach Herz-Kreislauf-Stillstand. Während in Tests ihre Gehirne gescannt wurden, erhielten sie Anweisungen, zum Beispiel: „Stellen Sie sich vor, sie öffnen und schliessen Ihre Hand“. Oder sie sollten sich vorstellen, eine Sportart auszuführen.

241 Teilnehmende zeigten, normalerweise im Bett liegend, zwar keine äusserlich sichtbare Reaktion - aber in den Tests befolgten 60 von ihnen die Anweisungen trotzdem minutenlang innerlich. Diese Menschen seien also aufmerksam, verstünden Sprache und hätten ein Kurzzeitgedächtnis, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Solche Bewusstseinsstörungen können Tage, Wochen, Monate oder auch Jahre anhalten. Studien wie die jetzige könnten in bestimmten Konstellationen Anlass geben, mehr von diesen Patienten mit EEG zu untersuchen und sie über längere Zeit zu beobachten. Man könne daraus ableiten, dass man in Zweifelsfällen ausgewählten Patienten mehr Zeit einräumen sollte.

Umgang mit Bewusstseinsgestörten Menschen

Menschen auf Intensivstationen sollten so behandelt werden, als bekämen sie etwas mit. Man redet mit ihnen und geht respektvoll mit ihnen um. Viele Pflegekräfte machen das dagegen oft sehr gut, indem sie den Patienten begrüssen, sich vorstellen, ihm sagen, was sie mit ihm machen. Das sollten alle beherzigen, auch Ärztinnen und Ärzte bei der Visite oder Besuchspersonen, und etwa am Krankenbett nicht über angsteinflössende Themen sprechen.

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