Das Leben von Migränepatienten ist oft stark beeinträchtigt, und die Suche nach Wegen zur Vorbeugung von Attacken ist ein ständiger Begleiter. Viele Betroffene identifizieren Alkohol als einen möglichen Auslöser, was zu der Frage führt, ob und wie Bier Migräne auslösen kann. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Bierkonsum und Migräne, betrachtet wissenschaftliche Erkenntnisse und gibt praktische Tipps für Betroffene.
Migräne: Eine weit verbreitete neurologische Erkrankung
In Deutschland leiden etwa zehn Millionen Menschen unter Migräne. Migräne ist charakterisiert durch wiederkehrende Attacken von schweren, meist einseitigen, pulsierenden Kopfschmerzen, welche von Übelkeit, Erbrechen und/oder Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sind und bis zu drei Tage anhalten können. Die Ausprägung, Dauer, Häufigkeit und die Gründe für eine Attacke sind individuell sehr unterschiedlich. Viele Patienten kommen nicht ohne die Einnahme von Medikamenten aus, sei es bei Bedarf wegen der Schmerzen oder regelmäßig zur Prophylaxe von Anfällen. Gänzlich auszuschalten sind die Attacken jedoch nicht, da die eigentlichen Ursachen dieser neurologischen Erkrankung nicht vollständig bekannt sind. Betroffene benötigen bei einer Migräne-Attacke Ruhe, Dunkelheit und Reizabschirmung.
Triggerfaktoren: Individuelle Auslöser identifizieren
Viele Betroffene achten deshalb darauf, aus der persönlichen Erfahrung heraus erkannte Auslöser (sog. Trigger) auszuschalten, um die Anzahl der Anfälle zu reduzieren. Trigger können z. B. Stress, Wetterwechsel, Schlafstörungen/-mangel, Hormonveränderungen, auch extreme Sinneswahrnehmungen oder bestimmte Nahrungsmittel inkl. Alkohol sein. Ein Ernährungs- und Schmerztagebuch hilft, die sogenannten "Trigger" zu identifizieren. Darin werden alle Genussmittel, Stressfaktoren und Schmerzereignisse über mindestens vier Wochen protokolliert (Uhrzeit, Essen, Getränk, Besonderheiten, Beschwerden).
Alkohol als Migräne-Trigger: Eine kontroverse Diskussion
Alkoholische Getränke stehen seit langem im Verdacht, Migräneattacken auszulösen, und befinden sich unter den Top 10 Triggerfaktoren. Ganz neu ist die Erkenntnis nicht, dass Alkohol, insbesondere Rotwein, oft in Kombination mit anderen möglichen Auslösern einer der Triggerfaktoren für Migräne-Attacken ist. Trotzdem werden die Zusammenhänge von Migräne und Alkohol in der Fachwelt z. T. kontrovers diskutiert, weil zuweilen auch angezweifelt wird, dass Alkohol ein eigenständiger Migräne-Trigger ist.
Studienergebnisse und Expertenmeinungen
So meinen die Autoren einer niederländischen Studie aus dem Jahr 2019, dass Rotwein als Auslöser von Migräne-Attacken überbewertet werde. Die Studie zeigte, dass Rotwein zwar bei einem Großteil der rund 2.000 befragten erwachsenen Migräne-Patienten oft schon kurz nach dem Genuss einen Anfall auslöst, auch wenn nur bei rund neun Prozent der Patienten immer und jedes Mal der Fall ist. Keinesfalls, sagt der Neurologe Professor Dr. Hans-Christian Diener, Seniorprofessor an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Für ihn wie auch für andere Experten steht das Triggerpotenzial von Alkohol außer Frage, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie groß der Einfluss gerade von Rotwein wegen besonders hoher Anteile an Migräne-auslösenden Inhaltsstoffen tatsächlich ist.
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Die Rolle von Bier: Inhaltsstoffe und Gärungsprozesse
Viele kennen es: Das stechende Pochen im Kopf nach einem Abend, an dem man mehr als nur eine Flasche Bier getrunken hat. Doch liegt das einfach an der Menge des Alkohols oder "schtimmt dees", dass es tatsächlich Biersorten gibt, die verstärkt Kopfschmerzen auslösen? Zuallererst sei der im Bier enthaltene Alkohol für das Schädelbrummen verantwortlich, erklärt Biersommelier Simon Fehr. "Das liegt daran, dass Alkohol dehydriert. Deswegen ist das klassische Zwischenwasser ein guter Trick, der dabei hilft, das zu vermeiden", erklärt Fehr.
Fuselalkohole: Ein möglicher Faktor
"Beim Gärprozess entstehen auch sogenannte Fuselalkohole", sagt der Bierexperte. Diese könnten sich negativ auf das allgemeine Wohlbefinden auswirken. Diese Fuselalkohole kommen laut Simon Fehr vermehrt bei obergärigen Biersorten wie dem Weizenbier vor. Bei diesen Sorten laufe der Gärungsprozess bei höheren Temperaturen ab.
Billig-Bier und Kopfschmerzen?
"Je höher die Temperatur beim Gärungsprozess ist, desto schneller läuft dieser ab. Und wer Zeit spart, spart Geld", erklärt der Biersommelier. Daraus könne man schließen, dass billigeres Bier eher Kopfschmerzen auslöse als teureres. Sicher ist sich Fehr bei dieser Schlussfolgerung aber nicht.
Weitere Faktoren, die Kopfschmerzen nach Bierkonsum begünstigen können:
- Migräneanfälligkeit: Besonders Menschen mit bereits diagnostizierter Migräne können bereits nach kleinen Mengen Alkohol Kopfschmerzen bekommen, da Alkohol als Trigger wirken kann.
- Flüssigkeits- und Mineralstoffverlust: Alkohol wirkt harntreibend, wodurch der Körper Wasser und wichtige Mineralstoffe verliert. Dieser Mangel kann Kopfschmerzen begünstigen.
- Histamin und andere Inhaltsstoffe: Bier enthält wie andere alkoholische Getränke Histamin, das bei empfindlichen Personen Kopfschmerzen oder Migräne auslösen kann.
- Individuelle Empfindlichkeit: Manche Menschen reagieren generell empfindlicher auf Alkohol oder bestimmte Zusatzstoffe im Bier.
Was tun bei Kopfschmerzen nach Bierkonsum?
Akute Maßnahmen:
- Flüssigkeitsausgleich: Um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, sollten Sie ausreichend Mineralwasser zu sich nehmen.
- Frische Luft: Ein Spaziergang an der frischen Luft kann den Kreislauf anregen und das Wohlbefinden verbessern.
- Pfefferminzöl: Das Einmassieren von Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen kann lindernd wirken.
- Schmerzmittel: Wer unter heftigeren Katerkopfschmerzen leidet, dem können Schmerzmittel Linderung bringen. Dabei sind die Wirkstoffe Ibuprofen bzw. Ibu-Lysin und Acetylsalicylsäure (ASS) besonders gut geeignet.
Vorbeugende Maßnahmen:
- Konsum einschränken: Wenn Sie regelmäßig nach wenig Bier Kopfschmerzen bekommen, sollten Sie den Konsum einschränken oder ganz darauf verzichten.
- Qualität beachten: Meiden Sie alkoholische Mischgetränke und billige Biere, da diese mehr Fuselstoffe enthalten können, die Kopfschmerzen verstärken.
- Alkoholfreie Alternativen: Greifen Sie idealerweise auf alkoholfreie Varianten zurück.
- Ausreichend Wasser trinken: Trinken Sie viel Wasser und achten auf die Qualität, wenn Sie doch mal ein Bier trinken wollen.
Katerkopfschmerzen: Ursachen und Behandlung
Fast jeder hat ihn schon einmal erlebt - den ungeliebten Kater nach einer durchzechten Nacht. Die typischen Kopfschmerzen machen sich meist 5-12 Stunden nach der Alkoholaufnahme bemerkbar und klingen spätestens nach 72 Stunden wieder ab.
Ursachen für Katerkopfschmerzen:
- Schädliche Alkoholabbauprodukte: Beim Abbau von Alkohol in der Leber entstehen Essigsäure und Acetaldehyd. Zweiteres scheint für die typischen Kater-Symptome mitverantwortlich zu sein.
- Flüssigkeits- und Mineralstoffverlust: Alkohol hemmt die Freisetzung des antidiuretischen Hormons (ADH), das für die Rückgewinnung von Wasser aus der Niere verantwortlich ist. Dadurch scheidet der Körper verstärkt Flüssigkeit aus und es entsteht ein Wassermangel.
- Fuselöle und Methanol: Fuselöle können das Ausmaß eines Katers verstärken und finden sich insbesondere in farbigen Spirituosen wie Whisky, Cognac oder Rum, denen sie unter anderem das typische Aroma verleihen.
Was hilft gegen Katerkopfschmerzen?
- Flüssigkeitsverlust ausgleichen: Trinken Sie Mineralwasser und Fruchtsaftschorlen, um den Flüssigkeits- und Mineralstoffverlust auszugleichen.
- Leicht bekömmliche Nahrung: Essen Sie leicht bekömmliche Nahrungsmittel mit vielen Mineralstoffen, zum Beispiel Müsli mit Obst oder ein belegtes Vollkornbrot.
- Kreislauf anregen: Bringen Sie den Kreislauf mit einem kleinen Spaziergang an der frischen Luft wieder in Schwung.
- Pfefferminzöl: Reiben Sie ein paar Tropfen Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen.
- Schmerzmittel: Bei heftigeren Katerkopfschmerzen können Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Ibuprofen bzw. Ibu-Lysin und Acetylsalicylsäure (ASS) Linderung bringen.
Wichtig: Paracetamol wird bei Katerkopfschmerzen nicht empfohlen, da der Wirkstoff die Leber zusätzlich belasten kann.
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Die Rolle von Histamin und anderen biogenen Aminen
Histamine stehen im Verdacht, als "Trigger" für Kopfschmerz-Attacken zu wirken. Histamine und Tyramine kommen in lange gelagerten Speisen und Getränken vor, wie beispielsweise in Käse, Schinken, Fertigprodukten, aber eben auch in Sekt, Wein, Bier oder in bestimmten Spirituosen. Bereits zwei Standardgläser waren - so die Autoren der Studie - bei den betroffenen Patienten ausreichend, um einen Migräneanfall auszulösen. Dieser kann, im Vergleich zum klassischen Alkohol-Kater, sehr schnell nach dem Alkoholkonsum einsetzen (30 Minuten bis wenige Stunden im Anschluss).
Individuelle Trigger und die Bedeutung des Migränetagebuchs
Welche Faktoren Kopfschmerzen oder Migräne auslösen, ist bei Betroffenen sehr verschieden. Ein Ernährungs- und Schmerztagebuch hilft, die sogenannten "Trigger" zu identifizieren. Darin werden alle Genussmittel, Stressfaktoren und Schmerzereignisse über mindestens vier Wochen protokolliert (Uhrzeit, Essen, Getränk, Besonderheiten, Beschwerden).
Sie können versuchen, Migräne-Trigger durch das Führen eines Tagebuchs genauer zu identifizieren. Ein maßvoller Konsum von Genussmitteln wie z. B. Alkohol kann Teil eines bewussten Lebensstils sein, sollte aber bei Migräneanfälligkeit kritisch hinterfragt werden.
Zusammenfassung und Empfehlungen
Ob und inwieweit Bier Migräne auslöst, ist individuell verschieden und hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Während Alkohol generell als potenzieller Trigger gilt, spielen auch Inhaltsstoffe wie Fuselalkohole und Histamin, sowie der Flüssigkeitsverlust eine Rolle.
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