Biochemische Reaktionen bei Hirntraumata: Ein umfassender Überblick

Einleitung

Ein Hirntrauma, auch Schädel-Hirn-Trauma (SHT) genannt, ist eine Verletzung des Gehirns, die durch äußere Gewalteinwirkung verursacht wird. Diese Verletzung kann eine Kaskade biochemischer Reaktionen im Gehirn auslösen, die sowohl kurz- als auch langfristige Auswirkungen auf die Funktion des Gehirns haben können. Dieser Artikel untersucht die komplexen biochemischen Prozesse, die nach einem Hirntrauma ablaufen, und beleuchtet die potenziellen therapeutischen Ansätze zur Minimierung der Schäden und Förderung der Genesung.

Die Stressreaktion des Gehirns

Unser Körper ist darauf eingerichtet, uns so gut wie möglich vor Gefahren zu schützen. Das Gehirn spielt dabei eine maßgebliche Rolle. In den frühen evolutionären Zeiten, aus denen die Stressreaktion stammt, ging es oft um Gefahren für Leib und Leben. Heute stehen in vielen Gesellschaften andere Gefahren im Vordergrund. Menschen erleben beispielsweise Stress, wenn ihr Selbstwert bedroht ist, wenn sie Angst haben, zu versagen oder von wichtigen anderen Menschen getrennt zu sein. Oder manchmal ganz einfach, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es gerne möchten. Doch egal was die Ursache ist, die Stressreaktion läuft immer noch nach dem gleichen alten Muster ab - selbst wenn man sich die stressige Situation nur vorstellt. Dann werden verschiedene Regionen unseres Gehirns aktiv. Wie bei einem guten Team arbeiten diese Regionen zusammen, um uns für Kampf oder Flucht fit zu machen. Manche Teile des Gehirns sind eher für die emotionale Verarbeitung "zuständig", andere fürs Planen und Denken. Wieder andere sorgen dafür, dass die Vorgänge in Gang gesetzt werden, die notwendig sind, damit die Stresshormone ausgeschüttet werden.

Die Rolle der Amygdala

Eine sehr wichtige Hirnregion für unser Erleben von Stress und Angst ist die Amygdala, ein kleiner, mandelförmiger Komplex von Nervenzellen im unteren Bereich des Gehirninneren. Sie ist Teil des sogenannten Limbischen Systems. Das ist ein Verbund verschiedener Hirnstrukturen im Innern des Gehirns, der eine große Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt. Die Amygdala steuert - zusammen mit anderen Hirnregionen - unsere psychischen und körperlichen Reaktionen auf stress- und angstauslösende Situationen. Treffen bei ihr Signale ein, die höhere Aufmerksamkeit erfordern, zum Beispiel, wenn etwas neu oder gefährlich ist, dann feuern ihre Nervenzellen. Wir werden wacher und aufmerksamer. Dies geschieht bereits, bevor wir die Gefahr bewusst erkennen. Ab einer bestimmten Schwelle der Nervenaktivität setzt die Amygdala die Stressreaktion in Gang und aktiviert so die Kampf- und Flucht-Reaktion.

Zwei Wege der Stressreaktion

Um die Kampf- und Fluchtreaktion auszulösen, nutzt die Amygdala zwei Wege. Der schnellere Weg läuft über das sogenannte sympathische Nervensystem, das den Körper auf Aktivität einstimmt. Etwas langsamer ist der Weg über den Hypothalamus. Der Hypothalamus ist ein komplexes Gebilde im Zwischenhirn, das grundlegende Funktionen unseres Körpers steuert. Für die Stressreaktion setzt er eine ganze Kaskade von Hormonen in Gang.

Der schnelle Weg: das sympathische Nervensystem

Über die Nervenstränge des sympathische Nervensystem im Rückenmark gelangt die Information "Gefahr" zum Mark der Nebenniere. Dort werden Adrenalin und - in geringerem Maß - Noradrenalin ausgeschüttet. Diese Hormone nennt man auch Katecholamine. Sie treiben zum Beispiel den Herzschlag und den Blutdruck in die Höhe, sorgen für eine größere Spannung der Muskeln und bewirken, dass mehr Blutzucker freigesetzt wird, so dass die Muskelzellen besser versorgt werden können.

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Der "langsame" Weg über den Hypothalamus

Parallel informiert die Amygdala den Hypothalamus, dass Gefahr im Verzug ist. Der Hypothalamus schüttet hormonelle Botenstoffe aus, unter anderem das Corticotropin-releasing-Hormon. Dieses Hormon wirkt auf die Hirnanhangdrüse im Gehirn - auch Hypophyse genannt. Es sorgt dafür, dass sie ein weiteres Hormon freisetzt, das Adrenocorticotropin, kurz ACTH. Es gelangt mit dem Blut zur Rinde der Nebenniere und veranlasst diese, das Stresshormon Kortisol auszuschütten. Kortisol ist ein lebenswichtiges Glukokortikoid, das auch viele andere Funktionen im Körper hat. Ist es im Übermaß vorhanden, kann es den Körper aber auch schädigen. Zusammen sorgen die Hormone und das sympathische Nervensystem dafür, dass unser Körper mehr Sauerstoff und Energie bekommt, um schnell zu handeln.

Was die Hormone bewirken

Die durch die Stressreaktion freigesetzten Hormone bewirken eine Reihe von physiologischen Veränderungen im Körper:

  • Der Atem beschleunigt sich
  • Puls und Blutdruck steigen an
  • Die Leber produziert mehr Blutzucker
  • Die Milz schwemmt mehr rote Blutkörperchen aus, die den Sauerstoff zu den Muskeln transportieren
  • Die Adern in den Muskeln weiten sich. Dadurch werden die Muskeln besser durchblutet
  • Der Muskeltonus steigt. Das führt oft zu Verspannungen. Auch Zittern, Fußwippen und Zähneknirschen hängt damit zusammen
  • Das Blut gerinnt schneller. Damit schützt sich der Körper vor Blutverlust
  • Die Zellen produzieren Botenstoffe, die für die Immunabwehr wichtig sind
  • Verdauung und Sexualfunktionen gehen zurück. Das spart Energie

Stress und Gedächtnis

Die Amygdala setzt nicht nur die Stressreaktion in Gang. Sie veranlasst auch eine bedeutende Gedächtnisregion im Gehirn, den ganz in der Nähe gelegenen Hippocampus, sich die stressauslösende Situation gut zu merken. Auf diese Weise lernen wir, uns vor dem Stressor in Acht zu nehmen. Kommen wir erneut in eine derartige Situation, läuft die Stressreaktion noch schneller ab. Forschungen haben gezeigt, dass chronischer Stress die Zellfortsätze im Hippocampus schädigen kann. Sie sind Teil der Nervenzelle und wichtig für die Aufnahme von Information. Schrumpfen sie, wirkt sich das negativ auf das Gedächtnis aus.

Denken und Stress

Auch mit dem "denkenden" Teil des Gehirns ist die Amygdala eng verbunden, vor allem mit einem stammesgeschichtlich jüngeren Teil unseres Hirns, dem Stirnlappen. Er ist wichtig für die Kontrolle der Emotionen. Wie der Name sagt, sitzt er hinter der Stirn. Er wird auch präfrontaler Cortex genannt. Mit seiner Hilfe können wir durch logische Analyse und Denken unsere Emotionen beeinflussen. Er spielt eine große Rolle bei der Bewertung, ob wir einen Stressor für bewältigbar halten oder nicht, und für unser Verhalten in der stressigen Situation. Chronischer Stress allerdings kann den präfrontalen Cortex verändern, so dass es schwieriger wird, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Eingebaute Stressbremse

Zum Glück regen wir uns meistens nach Stress auch wieder ab. Dabei hilft eine eingebaute Stressbremse. Ist nämlich das Stresshormon Kortisol in ausreichendem Maß im Blut vorhanden, merken das bestimmte Rezeptoren im Drüsensystem und im Gehirn, die Glucocorticoidrezeptoren. Daraufhin stoppt die Nebennierenrinde die Produktion von weiterem Kortisol. Das parasympathische Nervensystem - der Teil des Nervensystems, der unseren Körper zur Ruhe kommen lässt - wird aktiv. Wir werden wieder ruhiger und entspannen uns.

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Wenn die Hormone aus dem Ruder laufen

Anders sieht es aus, wenn das Zusammenspiel der Hormone nicht optimal funktioniert. Zum Beispiel, wenn nicht genug Rezeptoren vorhanden sind, die merken könnten, dass genug Kortisol vorhanden ist. Oder wenn die vorhandenen Rezeptoren nicht richtig arbeiten. Dann wird die Achse aus Hypothalamus, Hirnanhangdrüse und Nebenniere zu aktiv. Sie produziert zu viel Kortisol. So etwas kann in schlimmen Fällen zu Denkstörungen, zu Gewebeschwund im Hirn und zu Störungen des Immunsystems führen. Auch die Entstehung von Depressionen wird auf diesen Einfluss zurückgeführt, ebenso Stoffwechselstörungen, die Diabetes fördern.

Frühe traumatische Erfahrungen beeinflussen die Stressreaktion

Intensiver Stress in der frühen Kindheit kann die Arbeitsweise von Genen, die an der Stressreaktion beteiligt sind, so beeinflussen, dass Stresshormone schneller und intensiver ausgeschüttet werden. Das wiesen Neurowissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München an Tieren nach. Dieser Effekt bleibt lebenslang bestehen. Ähnliche Ergebnisse scheint es unter bestimmten genetischen Bedingungen auch bei Menschen zu geben, die ein Trauma erlebt haben, etwa durch eine Naturkatastrophe, durch Missbrauch oder durch Gewalt.

Neurobiologische Veränderungen nach einem Trauma

Chronische Erfahrungen, insbesondere anhaltender, überwältigender Stress oder Bedrohungen, können das Gehirn verändern. Aber auch ein einzelnes traumatisches Ereignis kann eine anhaltende Belastung verursachen, da das Ereignis immer wieder vor dem geistigen Auge erlebt wird.

Auswirkungen auf Hirnstrukturen und Biochemie

Im Gehirn beeinflussen traumatische Erfahrungen sowohl die Strukturen als auch die Biochemie. Verschiedene Hirnstrukturen werden in ihrer Größe und Aktivität beeinflusst. Auch die Biochemie des Gehirns wird beeinflusst. Traumatische Erfahrungen können sich beispielsweise darauf auswirken, wie viel von Stoffen wie Cortisol oder Oxytocin längerfristig ausgeschüttet wird. Gespeichert wird dies über einen epigenetischen Mechanismus. Man geht davon aus, dass diese Veränderungen Anpassungen sind, durch die sich das Gehirn an eine gefährliche Umwelt anpasst.

Auswirkungen auf Verhalten und Emotionsregulation

Die Veränderungen im Gehirn sind oft so gestaltet, dass sie gut zu charakteristischen Besonderheiten des Verhaltens passen, was einen Zusammenhang nahelegt. Wenn beispielsweise die Amygdala infolge früher traumatischer Erfahrungen schneller reagiert, könnte dies die Ursache dafür sein, dass Menschen nach diesen Erfahrungen häufig eine erhöhte Bedrohungsempfindlichkeit haben. Gleiches gilt für die Verbindungen, die im Gehirn für die Emotionsregulation wichtig sind. Hier findet man zum einen, dass Verbindungen vom präfrontalen Cortex zur Amygdala, die für die Emotionsregulation wichtig sind, bei Jugendlichen nach frühen Stresserfahrungen weniger stabil sind. Zum anderen haben diese Jugendlichen vermehrt emotionale Probleme, was einen Zusammenhang nahelegt.

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Veränderungen im autonomen Nervensystem

Auch das autonome Nervensystem erfährt posttraumatisch eine Veränderung. Insbesondere frühe Erfahrungen können sich nachteilig auf die Fähigkeit des autonomen Nervensystems auswirken, uns zur Ruhe zu bringen. Das autonome Nervensystem beinhaltet einerseits den Sympathikus, der uns dann, wenn unsere Umwelt herausfordernd ist, leistungsbereit macht, bis hin zu einer Kampf- oder Fluchtreaktion. Andererseits bringt der parasympathische Teil des autonomen Nervensystems mit seinem Nervus Vagus uns schnell wieder in die Ruhe, sobald die Herausforderung bewältigt oder anderweitig verschwunden ist. Die Fähigkeit des parasympathischen Nervensystems, uns zur Ruhe zu bringen, ist insbesondere nach frühen Traumatisierungen häufig vermindert. Das System funktioniert nicht so gut. Es ist jedoch auch möglich, dass dies keine „Schädigung“, sondern eine Anpassung ist: Man ist an eine Umwelt angepasst, in der Wachsamkeit und schnelle Reaktionen wichtig sind.

Feststellung neurobiologischer Veränderungen

Neurobiologische Veränderungen des Gehirns nach einem Trauma können durch Studien festgestellt werden, in denen Versuchspersonen in Gruppen eingeteilt werden, je nachdem, ob sie Traumatisierungen erlebt haben oder nicht. Anschließend werden sie in den Hirnscanner geschickt und die Größe oder Aktivität bestimmter Hirnzentren gemessen. Oder man misst die Konzentration bestimmter Stoffe im Blutplasma oder im Speichel. Anschließend vergleicht man die Ergebnisse für die beiden Gruppen und erhält so Informationen darüber, was bei den Traumatisierten anders ist. Auf individueller Ebene kann man dies nicht durchführen, da all die Prozesse zu kompliziert und abhängig von zu vielen Variablen sind.

Möglichkeiten zur "Normalisierung" des Gehirns

Es spricht aus meiner Sicht nichts gegen die Veränderbarkeit. Grundsätzlich scheinen epigenetische Veränderungen den Menschen an seine Umwelt anpassen zu können. Das bedeutet auch: Wenn sich die Umwelt ändert, kann sich auch die Biologie ändern. Das Problem dabei ist, dass sich die Umwelt oft nicht ändert. Wir wollen uns über Einsicht ändern. Problem erkannt, ab jetzt ändere ich mich. Das funktioniert oft nicht. Wir müssen andere Muster der Interaktion einüben, Teufelskreise einer nicht gelingenden Interaktion verlassen, unser Stresssystem mit Methoden wie Yoga beruhigen und so weiter. Sehr wichtig ist hier natürlich die Psychotherapie. Im Miteinander der Psychotherapie scheint es über die Synchronisation von Therapeuten und Patienten dazu zu kommen, dass der Patient in seiner Fähigkeit, seine Emotionen regulieren zu können, gestärkt wird. Außerdem weiß man, dass Psychotherapie auch mit epigenetischen Veränderungen von Genen des Stresssystems einhergeht. Es ist gut möglich, dass hier traumabedingte Veränderungen wieder rückgängig gemacht werden.

Trauma-Typen

Es gibt verschiedene Typen von Traumata, die sich an den auslösenden Ereignissen orientieren. Dazu gehören:

  • Akute Traumata: Einzelne, plötzliche Ereignisse wie Unfälle oder Naturkatastrophen.
  • Chronische Traumata: Wiederholte oder anhaltende traumatische Erfahrungen wie Missbrauch oder Vernachlässigung.
  • Komplexe Traumata: Mehrere traumatische Ereignisse unterschiedlicher Art, die oft in der Kindheit auftreten.
  • Sekundäre Traumatisierung: Belastung durch die Konfrontation mit den Traumata anderer, z.B. bei Helfern oder Therapeuten.

Traumagedächtnis

Während einer traumatischen Erfahrung werden Informationen häufig verändert verarbeitet und gespeichert. Auf der einen Seite werden bestimmte Aspekte der Situation überstark wahrgenommen und verarbeitet (z.B. überstarke Konzentration auf Gerüche, Geräusche etc.). Diese Erinnerungen werden quasi in das Gedächtnis "eingebrannt", als Folge sind sie schneller und leichter wieder abrufbar. Demgegenüber werden andere Informationen (z.B. zu Raum und Zeit) kaum wahrgenommen und daher auch nicht verarbeitet. Als Folge können Erinnerungen an das Trauma häufig nicht eindeutig in Raum und Zeit eingeordnet werden, sondern liegen isoliert neben anderen Erinnerungen vor. Das Erlebte kann nicht klar als zur Vergangenheit gehörig eingeordnet werden, Betroffene haben das Gefühl, dass die Bedrohung gegenwärtig weiter besteht. Diese Besonderheit wird als "desintegiertes Traumagedächtnis" bezeichnet. Als Konsequenz können Traumaerinnerungen - anders als "normale" Erinnerungen - häufig nicht willentlich vollständig abgerufen werden (z.B. die Autofahrt vor dem Unfall), vielmehr liegen sie meist bruchstückhaft und ungeordnet vor. Andere Aspekte der Situation dagegen sind überdeutlich gespeichert (z.B. Geräusche).

Übertragung und Gegenübertragung

Übertragung

Das Phänomen der Übertragung/Gegenübertragung ist allen Menschen gemein und kommt bei jedem Menschen vor. Es beschreibt einfach gesagt die Tatsache, dass wir unbewusst unsere frühen Bindungserfahrungen auf aktuelle Kontexte und Personen übertragen - quasi als Blaupause für heutige soziale Situationen. Dieses Phänomen wird vornehmlich in der psychodynamischen Psychotherapie beschrieben und stellt einen völlig normalen psychischen Prozess dar, an dem ebenso Spiegelneurone beteiligt sind. Übertragung wird als unbewusste Wiederholung vergangener Beziehungserfahrungen und gewissermaßen Verschiebung der dazugehörigen Affekte, Wünsche und Erwartungen auf Personen der Gegenwart definiert.

Traumaspezifische Übertragung

Bei Menschen, die frühe traumatisierende Bindungserfahrungen gemacht haben, ist die Übertragungsintensität um ein Vielfaches höher als bei nicht traumatisierten Menschen. Es liegen unsichere oder desorganisierte Bindungstypen zugrunde oder Bindungstraumata, die Bindung sozusagen „zerreißen“. Sie erleben andere Menschen eher als bedrohlich und unzuverlässig und zurückweisend - selbst wenn das Verhalten der anderen objektiv zugewandt und wertschätzend ist. Ihre Wahrnehmung ist verzerrt und gefärbt von ihren frühen Bindungserfahrungen. Heftige Übertragungsgefühle wie Hass und Misstrauen können die pädagogische Beziehung hemmen und behindern - gar scheitern lassen. Der traumaspezifischen Übertragung von vergangenen Beziehungserfahrungen auf Personen der Gegenwart wohnt eine Dynamik inne, die unbewusst abläuft und von der Fachkraft erst erkannt werden muss. Es gilt der Grundsatz: Je früher das Trauma erlebt wurde, desto heftiger die Übertragungswucht. Diese sollte jedoch als Informationsquelle dienen, da sie uns Auskunft darüber gibt, wie sich der/die KlientIn fühlt, was sein/ihr Bedarf ist. Nach Hantke/Görges gibt es 4 grundlegende Rollen, die KlientInnen wie Fachkräfte aufgrund des Übertragungsphänomens einnehmen können:

  • Retter
  • Opfer
  • Täter
  • Mitwisser

Gegenübertragung

Der Begriff Gegenübertragung meint alle Emotionen, Wünsche, Erwartungen, Körperempfindungen und Handlungsimpulse, die uns im Kontakt mit unseren Klienten entstehen. Gemeint sind alle Empfingungen und Gedanken, die im Kontakt mit anderen Menschen entstehen. In der Arbeit mit Menschen, die Traumaerfahrung haben, werden traumaspezifische Übertragungen oft nicht erkannt und in der Folge kommt es nicht selten vor, dass Fachkräfte impulsiv und reflexhaft reagieren - sie agieren ihre Gegenübertragungsimpulse ungefiltert aus. Das kann in der Praxis dazu führen, dass sich die Fachkräfte sehr ungeduldig mit den Klientinnen zeigen oder auch wütend reagieren. Ungestoppte Gegenübertragungen können retraumatisieren.

Auswirkungen auf die Praxis

Die Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühle/-reaktionen bei früh komplex traumatisierten und dissoziativen Menschen vermitteln der Fachkraft den Eindruck, es gehe um Leben und Tod - eine überwältigende Qualität, die Hilfen zum Scheitern bringen kann. Das Gefühl von Überlastung und/oder Burnout ist nicht selten eine Folge von ausagierten Gegenübertagungsimpulsen einer Retter-Übertragung.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Eine PTBS entsteht in Folge eines traumatischen Ereignisses, welches die gewöhnlich wirksamen Bewältigungskompetenzen überfordert und den Reizschutz der Betroffenen durchbricht. Bei den meisten psychischen Störungen geht man heute davon aus, dass eine Vielzahl verschiedener Faktoren (psychische, biologisch-neurophysiologische, umweltbedingt-systemische) und deren Wechselwirkung dazu beiträgt, dass die Störung entsteht und aufrecht erhalten wird. Nicht alle Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung weisen die im Hintergrund liegenden Faktoren der Persönlichkeit auf, welche die Entwicklung der Störung beeinflussen. Es kann jedoch psychische und biologische Faktoren geben, die eine Verarbeitung nach der Traumatisierung erschweren.

Psychologische Hintergrundfaktoren

Wie oben bereits dargestellt, müssen Patient*innen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung vor dem Zeitpunkt der Traumatisierung keine psychischen Besonderheiten aufweisen. Wurde aber bereits ein Trauma oder sogar mehrere Traumata in der Vorgeschichte erlebt, kann dies den Auftritt einer posttraumatischen Belastungsstörung nach nochmaliger Traumatisierung deutlich begünstigen. Nichtsdestotrotz betrifft das Belastungsereignis einen Menschen mit bestimmten Grundzügen der Persönlichkeit, bestimmten Kompetenzen im Umgang mit Gefühlen, einem bestimmten Ausmaß an sozialem Rückhalt usw. Annahmen eigener Unzulänglichkeit, Hilflosigkeit und Verlassenheit (z.B. bedingt durch emotionale Vernachlässigung) sowie bestehende psychische Erkrankungen können die Entwicklung einer PTBS begünstigen.

Biologische Faktoren

Man geht davon aus, dass Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung Veränderungen in der Aktivität bestimmter Hirnsysteme zeigen. Andere Hirnsysteme dagegen (z.B. der für die Gedächtnisbildung zuständige Hippocampus) scheinen nach einem traumatischen Ereignis unteraktiv zu sein. Der Mandelkern beinhaltet auch das mit starken Gefühlen und Körpererlebnissen verbundene "Akutgedächtnis", in welchem Informationen unverarbeitet und nicht miteinander verknüpft vorliegen. Im Gegensatz dazu beinhaltet der Hippocampus verarbeitete, sprachlich angebundene und in Raum und Zeit eingeordnete Information.

Aufrechterhaltung der PTBS

Oftmals führen die Faktoren, die zum Auftreten einer PTBS beigetragen haben, auch dazu, dass diese weiter besteht. Liegen also im Hintergrund Faktoren vor, welche die Verarbeitung des Traumas erschweren (z.B. bestimmte Persönlichkeitszüge), halten diese auch die Störung aufrecht. Darüber hinaus können Überzeugungen (z.B. eigener Wert- oder Hilflosigkeit), die in Folge der Traumatisierung erworben wurden, eine Verarbeitung des Traumas erschweren. Zudem wird eine Posttraumatische Belastungsstörung vor allem durch ein sich-selbst stabilisierendes System (Teufelskreis) aufrechterhalten, das im Folgenden dargestellt wird.

Der Teufelskreis der PTBS

Der Teufelskreis der posttraumatischen Belastungsstörung entsteht dadurch, dass Erinnerungen an die traumatische Situation und bestimmte Merkmale der traumatischen Situation vermieden werden. Die Vermeidung führt kurzfristig zu einer Entlastung, hält jedoch langfristig die Symptome aufrecht oder verstärkt sie sogar. Während des Traumas werden Merkmale der traumatischen Situation (z.B. der Ort, bestimmte Geräusche) mit dem ausgelösten Gefühl (z.B. Angst) und einer Körperreaktion (z.B. Herzklopfen) verknüpft. Die gelernte Verknüpfung führt dazu, dass bestimmte Merkmale auch weiterhin unangenehme Gefühle, Körperreaktionen und Erinnerungen auslösen. Um diese unangenehmen Konsequenzen abzuwenden, werden alle Reize, die zur Auslösung von unangenehmen Gefühlen, Körperreaktionen und Erinnerungen führen, zunehmend vermieden. Die Vermeidung führt zunächst zu einem Absinken der Angst - kurzfristig erscheint Vermeidung also als eine günstige Bewältigungsstrategie. Langfristig aber kommt es zunehmend zu einer Ausweitung der Angst: nicht mehr nur die genauen Merkmale der Situation lösen Erinnerungen und Angst aus, sondern vermehrt auch Situationen, die lediglich Ähnlichkeit mit der traumatischen Situation aufweisen. In der Folge werden auch diese Situationen vermieden. Ist es den Betroffenen nicht möglich, bestimmte Situationen direkt zu vermeiden, kommen häufig indirekte Vermeidungsstrategien zum Einsatz. Dies kann beispielsweise eine gedankliche Vermeidung durch Gedankenunterdrückung sein oder die Mitnahme von Gegenständen, die subjektive Sicherheit geben sollen (z.B. "Notfalltropfen"). Aufgrund des Vermeidungsverhaltens wird das traumatische Erlebnis jedoch nie vollständig verarbeitet, es liegt weiterhin isoliert neben den anderen Erinnerungen vor. Den Betroffenen gelingt es nicht, die traumatischen Erfahrungen in Raum und Zeit einzuordnen und als vergangen zu speichern, das Trauma wird weiterhin als gegenwärtige Bedrohung erlebt. Folglich können Traumaerinnerungen weiterhin schnell durch Reize, die im Zusammenhang mit dem Trauma stehen, ausgelöst werden, was wiederum die Neigung zur Vermeidung erhöht. Die direkte Vermeidung hindert die Betroffenen auch daran, neue positive Erfahrungen mit den gefürchteten Situationen und Reizen zu machen, die tatsächlich ja ungefährlich sind (z.B. bleibt durch die Vermeidung die Verbindung zwischen "Neonlicht" und "Angst" bestehen, obgleich "Neonlicht" an sich ungefährlich ist.).

Therapieansätze

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

EMDR ist eine psychotherapeutische Methode, bei der der Patient sich an die belastende Situation erinnert, während er gleichzeitig Augenbewegungen nach rechts und links ausführt. Dies soll die Verarbeitung der Erinnerungen erleichtern und die subjektive Belastung vermindern. Seit 2008 ist die EMDR-Technik von den Krankenkassen als psychotherapeutische Methode anerkannt und wird seither auch in Deutschland immer mehr eingesetzt. Der Vorteil von EMDR: Die Methode ist effektiver als nicht-traumafokussierte Verfahren, bei denen der Therapeut wartet, bis der Patient von alleine seine schlimmen Erinnerungen thematisiert. EMDR kombiniert konfrontierende und stabilisierende Elemente.

Klopftechniken

Klopftechniken integrieren eine Stimulation durch Klopfen auf Hautpunkte an Hand, Rumpf, Gesicht oder sanftes „Kurbeln“ auf dem Brustkorb über dem Herz in den therapeutischen Prozess. Sie nutzen die Haut als Emotionen regulierendes Organ. Dabei ist wichtig, dass Klienten und Therapeutinnen die Bewegung und Berührung am eigenen Körper durchführen. Klopftechniken zählen somit, ähnlich wie EMDR, zu bifokalen Stimulationstechniken - also zu den Methoden, die bei der Konfrontation unangenehmer, belastender, traumatischer Inhalte parallel einen Fokus zu diesem Inhalt und zu einer beruhigenden, körperlichen Stimulation halten. Es gibt erste Hinweise, dass Klopftechniken bei PTBS wirksam sein können.

Aggression und Gewalt

Aggression ist eine komplexe Emotion, die eine Reihe von Verhaltensweisen und Reaktionen umfasst, die oft feindselig, destruktiv oder gewalttätig sind und typischerweise durch wahrgenommene Bedrohungen oder Frustration ausgelöst werden. Es ist wichtig, zwischen Aggression als Emotion und Aggression als Verhalten zu unterscheiden. Gewalt wird immer zu den aggressiven Verhaltensweisen gezählt, aber dieser Begriff wird nur verwendet, um schwerwiegende Taten zu beschreiben.

Neurobiologie der Aggression

Die neurobiologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten die anatomischen und funktionalen Bereiche und Abläufe im Gehirn untersucht, die an der Entstehung von Aggression beteiligt sind. Dabei wurden unter anderem der präfrontale Cortex (PFC) sowie die Amygdala identifiziert.

  • Amygdala: Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems und ihre Hauptaufgabe ist das Verknüpfen von Sinneseindrücken mit Gefühlen. Sie steuert Emotionen wie Angst, Wut und Ärger.
  • Präfrontaler Cortex (PFC): Im PFC werden Handlungen geplant, um auf die Emotionen zu reagieren.

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