Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der fast ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland betroffen ist. Die damit verbundenen wiederkehrenden Kopfschmerzattacken können den Alltag erheblich beeinträchtigen. Neben medikamentösen Behandlungen gewinnen nicht-medikamentöse Verfahren wie Biofeedback zunehmend an Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet die Biofeedback-Therapie bei Migräne, ihre Anwendung, Wirksamkeit und die Frage der Kostenübernahme durch Krankenkassen.
Was ist Biofeedback?
Biofeedback ist eine Entspannungstechnik, bei der Patientinnen und Patienten lernen, unbewusst ablaufende Körpervorgänge aktiv zu beeinflussen. Durch elektronische Messgeräte erhalten sie eine Rückmeldung (Feedback) über ihre Körperfunktionen, z. B. Muskelspannung, Hauttemperatur oder Herzfrequenz. Diese Rückmeldung hilft ihnen, die Körpervorgänge bewusst wahrzunehmen und durch gezielte Übungen zu steuern. Die Übungen, die Sie hierbei (mit Rückmeldung durch die Systeme) absolvieren können verschieden sein. Manchmal geht es darum mithilfe bewusster Atmung einen Fisch durch einen Kanal zu steuern, ein anderes Mal bringen Sie mithilfe Ihrer Körpertemperatur eine Glühbirne zum Leuchten.
Neurofeedback ist eine Unterkategorie des Biofeedbacks und wird oft auch als EEG-Biofeedback bezeichnet. Sprachlich ähnlich, aber inhaltlich völlig verschieden ist die sogenannte Bioresonanz-Methode. Biofeedback und Neurofeedback sind aktive Methoden. Das Gerät dient nur als Unterstützung, die Veränderungen führt der Proband selbst durch.
Anwendungsbereiche von Biofeedback bei Migräne
Biofeedback wird sowohl in der Schul- als auch in der sogenannten Alternativmedizin zur Behandlung der Migräne eingesetzt. Zur Anwendung kommen beispielsweise das Blut-Volumen-Puls-Biofeedback (Vasokonstriktionstraining), das Handerwärmungstraining (thermales Biofeedback), das Herzfrequenzvariabilität-Biofeedback (Heartrate Variability Biofeedback, HRV) oder die Kontrolle von Muskelaktivität (elektromyographisches Biofeedback, EMG).
- Blut-Volumen-Puls-Biofeedback (Vasokonstriktionstraining): Ziel ist es, die für den Migräne-Kopfschmerz verantwortlichen erweiterten Blutgefäße zusammenzuziehen und zu verengen.
- Handerwärmungstraining (thermales Biofeedback): Hierbei wird versucht, die Temperatur der Handinnenflächen zu regulieren, um so in einen Entspannungszustand zu gelangen. Da die Hauttemperatur unter Stresseinfluß sinkt, läßt sich die Beeinträchtigung durch Stresseinflüsse durch Hauttemperatur-Messung abschätzen und durch Hauttemperatur-Biofeedback beeinflussen. Das Hauttemperatur-Biofeedback setzen wir z.B.
- Herzfrequenzvariabilität-Biofeedback (HRV): Auch dieses Verfahren zielt auf Entspannung und Beruhigung ab, indem trainiert wird, den Pulsschlag aktiv zu beeinflussen. Hierdurch lassen sich beispielsweise Stress und Angst beeinflussen.
- Elektromyographisches Biofeedback (EMG): Hier wird den Patientinnen und Patienten die eigene Muskelanspannung zurückgemeldet. Ziel ist auch hier, muskuläre Prozesse zu kontrollieren und eine Muskelentspannung herbeizuführen. Der Spannungszustand der Muskulatur wird über Klebe-Elektroden erfasst und mittels Biofeedback-Gerät sichtbar gemacht. Ziel ist es, eine Absenkung des Muskeltonus zu erreichen. Einsatzmöglichkeiten dieser Biofeedback-Anwendung ergeben sich u.a.
- Atem-Biofeedback: Chronische Schmerzen werden häufig von Hyperventilation(= zu schnelle oder zu tiefe Atmung) begleitet. Ein Atemtraining, bei dem die Bauchatmung gelernt wird, kann dieses ungünstige Atemmuster verändern. Ein „Atemgürtel“ oder ein Sensor, der über dem Bauch angebracht wird, erfasst Atemfrequenz und Atemtiefe.
Ablauf einer Biofeedback-Therapie
Der Prozess des Biofeedbacks beginnt mit der Messung physiologischer Daten durch spezielle Sensoren. Diese Daten werden in Echtzeit auf einem Monitor dargestellt. Eine geschulte Therapeutin oder ein geschulter Therapeut hilft den Patientinnen und Patienten, diese Informationen zu interpretieren und Techniken zu entwickeln, um die Körperfunktionen gezielt zu beeinflussen.
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Konkretes Beispiel: Handerwärmungstraining
Ein Temperaturfühler am Finger misst die Hauttemperatur, welche dem Patienten optisch rückgemeldet wird. Ziel ist die willentliche Erhöhung der peripheren Temperatur, die als Maß für allgemeine Entspannungsfähigkeit gilt.
Vasokonstriktionstraining
Bei dieser Biofeedback-Anwendung wird die Weite der Schläfenarterie meist in Form eines Kreisrings auf einem Bildschirm rückgemeldet. Ziel ist die willentliche Verengung der A.
Ziele der Biofeedback-Therapie
Die Biofeedback-Therapie verfolgt mehrere Ziele:
- Migräneprophylaxe: Durch das Erlernen der willentlichen Kontrolle von Körperfunktionen sollen Migräneanfälle reduziert oder verhindert werden.
- Linderung akuter Migräneattacken: Einige Biofeedback-Verfahren, wie das Vasokonstriktionstraining, zielen darauf ab, die Symptome während einer akuten Attacke zu lindern.
- Stressbewältigung: Biofeedback unterstützt dabei, Stresssignale frühzeitig zu erkennen und mit gezielten Übungen gegenzusteuern. Die Methode fördert langfristig die Resilienz und hilft, auch in belastenden Situationen gelassener zu bleiben.
- Verbesserung der Lebensqualität: Durch die Reduktion von Migräneanfällen und die verbesserte Stressbewältigung kann die Lebensqualität der Betroffenen gesteigert werden.
Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne
Die wissenschaftliche Bewertung der Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne ist nicht einheitlich.
Empfehlungen von Fachgesellschaften
- Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt in ihrer Leitlinie die Biofeedback-Therapie zur Vorbeugung von Migräneattacken, entweder in Ergänzung zu vorbeugenden Medikamenten oder anstatt der medikamentösen Prophylaxe. Zur Behandlung einer akuten Migräneattacke empfiehlt die Leitlinie das Blut-Volumen-Puls-Biofeedback, das zu einer Verengung der verantwortlichen Blutgefäße führen soll.
- Andere internationale Fachgesellschaften, wie das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) in Großbritannien oder das Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) in den USA, geben keine Empfehlungen zu Biofeedback-Verfahren, weder zur Vorbeugung noch zur Behandlung.
Bewertung durch den IGeL-Monitor
Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes Bund hat den Nutzen oder Schaden einer Biofeedback-Therapie bei Migräne als „unklar“ eingestuft. Das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors hat erneut untersucht, ob die „Biofeedback-Therapie“ Migräneanfällen vorbeugen oder die Symptome akuter Migräneattacken lindern kann. Die gefundenen Studien haben ein hohes Verzerrungspotenzial und eine geringe Aussagesicherheit. Unklar ist einmal, ob das Biofeedback episodischen Migräneanfällen oder einer chronischen Migräne vorbeugen kann. Unklar ist ebenfalls, ob das Biofeedback zur Behandlung eines akuten Migräneanfalls geeignet ist.
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Studienlage
Das IGeL-Team fand drei systematische Übersichtsarbeiten , die allerdings nicht im Gesamten genutzt werden konnten. Die Gründe sind vielfältig: Sei es, dass die Biofeedback-Therapie nicht einzeln, sondern nur als Teil einer kognitiven Verhaltenstherapie untersucht wurde, oder die Untersuchung nur an Kindern und nicht an Erwachsenen gemacht wurde, oder dass bei den Untersuchungen die Migräne nicht separat, sondern zusammen mit dem Spannungskopfschmerz betrachtet wurde.
Neben den systematischen Übersichtsarbeiten fand das IGeL-Team drei Einzelstudien, die die Behandlung zur Vorbeugung von Migräne erforscht haben. Es wurden unterschiedliche Biofeedback-Verfahren untersucht, in einer Studie wurde das Biofeedbackverfahren mit der Gabe von Medikamenten verglichen, in einer anderen Studie mit einer Nicht-Behandlung, eine dritte Studie untersuchte die Biofeedback-Therapie als Ergänzung zu vorbeugenden Medikamenten. Zudem wurden die Studien mit nur wenigen Probandinnen und Probanden durchgeführt und das über einen nur kurzen Zeitraum. Insgesamt bescheinigt das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors den Studien ein hohen Verzerrungspotenzial und eine geringe Aussagesicherheit.
Zur Biofeedback-Therapie bei der Behandlung von akuten Migräneattacken konnten keine Studien ermittelt werden.
Fazit zur Wirksamkeit
Aufgrund der heterogenen Studienlage und der unterschiedlichen Empfehlungen von Fachgesellschaften lässt sich die Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne derzeit nicht abschließend beurteilen. Einige Studien deuten auf einen möglichen Nutzen hin, insbesondere bei der Migräneprophylaxe, während andere Studien keine eindeutigen Ergebnisse liefern.
Kostenübernahme durch Krankenkassen
Die Kostenübernahme für Biofeedback-Therapie bei Migräne durch gesetzliche Krankenkassen ist in der Regel nicht gegeben. Die Biofeedback-Therapie ist grundsätzlich eine IGeL (individuelle Gesundheitsleistung). Sie ist in der Gebührenordnung für Ärztinnen und Ärzte (GOÄ) gelistet. Danach kostet eine mindestens zwanzigminütige Sitzung je nach Aufwand zwischen 17 und 63 Euro bei einfacher Abrechnung. (Regelhöchstsatz: 60 Euro bzw. 220 Euro).
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Ausnahmen
- Integrierte Versorgung: Zahlreiche Krankenkassen haben eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten mit unserem Behandlungsnetz vertraglich geregelt. Für Versicherte der AOK Schleswig-Holstein, der Techniker Krankenkasse, der Deutschen Angestelltenkrankenkasse, der Hanseatischen Krankenkasse HEK, der Landwirtschaftlichen Krankenkasse Schleswig-Holstein und Hamburg , der Knappschaft Bahn See, der BKK vor Ort und der E.ON Betriebskrankenkasse erfolgt bei Vorliegen der Aufnahmebedingungen…
- Kassenverfahren: Wenn Biofeedback im Rahmen eines anderen „Kassenverfahrens“ wie Autogenem Training oder Psychotherapie (begleitend) angewandt wird, kann es sich um eine Kassenleistung handeln.
- Ergotherapie: Eine Sonderstellung nimmt Neurofeedback in der Ergotherapie ein.
- Private Krankenversicherungen: Private Krankenversicherungen erstatten in der Regel die Behandlungskosten, zumindest wenn die Behandlung wegen einer Erkrankung indiziert ist, beispielsweise bei Migräne, Depressionen usw.
Tipp
Es empfiehlt sich, vorab bei der eigenen Krankenkasse nach einer möglichen Kostenübernahme zu fragen.
Alternativen und ergänzende Behandlungen
Neben Biofeedback gibt es weitere nicht-medikamentöse und medikamentöse Behandlungen zur Migräneprophylaxe und zur Linderung akuter Attacken.
Nicht-medikamentöse Verfahren
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Yoga, Meditation
- Verhaltenstherapie: Erlernen von Strategien zur Stressbewältigung und zur Veränderung von Verhaltensweisen, die Migräneanfälle auslösen können
- Akupunktur: Traditionelle chinesische Medizin, bei der feine Nadeln in bestimmte Punkte des Körpers gestochen werden
- Ausdauersport: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduzieren
- Psychotherapie: Da neben körperlichen Ursachen vermutlich auch psychologische und soziale Aspekte eine Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen, kann eine Psychotherapie sinnvoll sein. Unter Psychotherapie fassen Fachleute unterschiedliche therapeutische Verfahren zur Behandlung von seelischen Erkrankungen zusammen. Dabei kommen verschiedene Techniken zum Einsatz. Diese Therapie fußt auf dem Grundsatz, dass sich neue und günstige Denkweisen sowie Verhaltensmuster erlernen lassen. Über die Jahre eingeschliffene, negative Denkmuster werden zusammen mit dem Therapeuten identifiziert und durch positive ersetzt. Dafür gibt es Techniken, die sich der Patient angeeignet.
Medikamentöse Behandlungen
- Akutmedikation: Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen, Paracetamol), Triptane
- Prophylaktische Medikamente: Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika, CGRP-Antikörper
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und anderen Kopfschmerzarten an.
Aufnahmeformalitäten
Für die Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte erforderlich:
- Verordnung von Krankenhausbehandlung durch den behandelnden Arzt
- Ausfüllen der Aufnahme-Checkliste durch den Arzt
- Ausfüllen des Schmerzkalenders und des Schmerzfragebogens
- Senden aller Unterlagen und Kopien relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. an die angegebene Anschrift
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