Biofeedback-Geräte gegen Migräne: Eine umfassende Analyse

Biofeedback ist eine Methode, die es ermöglicht, unbewusste Körperfunktionen bewusst zu machen und mit zunehmender Kompetenz auch Kontrolle darüber zu gewinnen. Da diese Funktionen vom vegetativen Nervensystem gesteuert werden, nimmt mit zunehmender Kompetenz auch die Einflussmöglichkeit auf das vegetative Nervensystem zu. Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzarten. Fast ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland gibt an, darunter zu leiden. Bei der Migräne kommt es zu wiederkehrenden Kopfschmerzattacken, die bis zu 72 Stunden anhalten können. Typischerweise haben die Betroffenen mäßige bis starke, einseitig pulsierende Schmerzen, die durch körperliche Aktivität verstärkt werden. Häufig gehen sie mit Übelkeit oder Empfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm einher. In medizinischen Leitlinien werden verschiedene Maßnahmen empfohlen, um Migräneanfällen vorzubeugen. Das können vorbeugende Medikamente sein, aber auch nicht-medikamentöse Verfahren wie Entspannungstechniken, Biofeedback, Verhaltenstherapie, Akupunktur und Ausdauersport.

Was ist Biofeedback?

Biofeedback (übersetzt: biologische Rückkopplung) ist eine empirische, wissenschaftliche Methode, bei der körpereigene, biologische Vorgänge mit technischen, oft elektronischen Hilfsmitteln sicht-, fühl- oder hörbar gemacht werden. Patientinnen und Patienten sollen mit dieser Methode lernen, unbewusst ablaufende Körpervorgänge aktiv zu beeinflussen. Die Einsatzmöglichkeiten dieses Verfahrens sind vielfältig. Häufig wird es zur Entspannung eingesetzt, aber auch zur Rehabilitation, beispielsweise von erlahmten Muskeln.

Spezielle Biofeedback-Geräte messen Funktionen wie Puls, Hauttemperatur, Muskeltonus oder Atmungsaktivität und wandeln die Messwerte in sichtbare Monitor-Signale um. Auf diese Weise kann die behandelte Person Rückmeldungen darüber erhalten (Feedback), welchen Einfluss Geisteszustände wie beispielsweise Erregung, Aktivität oder Entspannung auf diese Funktionen haben. Indem der Patient „Entspannung“ imaginiert und sie realisiert, wird über den Monitor der Erfolg dieser Konzentration sichtbar gemacht: Puls und Atmung sinken, die Hauttemperatur nimmt zu. Konsequentes Training lässt ein Kontrollgefühl entstehen: durch Konzentration auf körperliche Signale lassen sich die zugehörigen psychischen Zustände realisieren, -und umgekehrt.

Beispiel: die Konzentration auf die Eigenschwere meines rechten Armes hat die Tendenz, sich zu realisieren (Anmerkung: durch die Konzentration kommt es zu einer Muskelentspannung, dadurch zu vermehrtem Blutzustrom,- der Arm wird tatsächlich physikalisch messbar schwerer. Entspannt sich eine Person während der Biofeedback-Therapie, zeigen die Geräte die dabei auftretenden körperlichen Veränderungen an. Auf diese Weise lässt sich der Einfluss von Gedanken, Gefühlen, von Anspannung und Entspannung auf den Körper erkennen. Sie lernt dadurch, welche Verhaltensweisen (körperliche und geistige) ungünstige (schädliche) oder eben günstige (gesundheitsförderliche) Körperreaktionen auslösen. Ein spezielles Training ermöglicht schließlich, eigentlich unwillkürliche (vom vegetativen Nervensystem gesteuerte) körperliche Reaktionen bewusst zu beeinflussen. Nach erfolgreichem Biofeedback-Training können die Behandelten diese Fertigkeiten auch ohne das Gerät anwenden. Wir führen die Biofeedback-Therapie individuell nur so lange fort, bis eine sichere Automatisierung der Selbststeuerung erreicht ist. Ihre Therapie verkürzt sich bei konzentrierter Mitarbeit deutlich.

Anwendungsbereiche von Biofeedback bei Migräne

Ärztliche Praxen bieten die Biofeedback-Therapie auch an, um Migräneanfällen vorzubeugen oder die Symptome akuter Migräneattacken zu lindern. Auch in medizinischen Leitlinien wird neben der Einnahme von Medikamenten und anderen Verfahren wie Verhaltenstherapie, Akupunktur oder Ausdauersport die Biofeedback-Therapie empfohlen. Die Behandlung der Migräne mit Medikamenten wird von den Krankenkassen bezahlt. Die Biofeedback-Therapie ist grundsätzlich eine IGeL. Sie ist in der Gebührenordnung für Ärztinnen und Ärzte (GOÄ) gelistet. Danach kostet eine mindestens zwanzigminütige Sitzung je nach Aufwand zwischen 17 und 63 Euro bei einfacher Abrechnung. (Regelhöchstsatz: 60 Euro bzw. 220 Euro).

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Patienten erlernen während des Biofeedbacks verschiedene schnell wirksame Entspannungsübungen. Zu den spezifischen Biofeedback-Anwendungen bei Migräne gehören:

Handerwärmungstraining oder Temperatur-Biofeedback

Ein Temperaturfühler am Finger misst die Hauttemperatur, welche dem Patienten optisch rückgemeldet wird. Ziel ist die willentliche Erhöhung der peripheren Temperatur, die als Maß für allgemeine Entspannungsfähigkeit gilt. Da die Hauttemperatur unter Stresseinfluss sinkt, lässt sich die Beeinträchtigung durch Stresseinflüsse durch Hauttemperatur-Messung abschätzen und durch Hauttemperatur-Biofeedback beeinflussen. Das Hauttemperatur-Biofeedback setzen wir z.B. ein. Bei Migräne ist das übergeordnete Ziel der Biofeedback-Therapie, den Anspannungszustand der Muskulatur durch gezielte Entspannung zu vermindern.

Vasokonstriktionstraining

Bei dieser Biofeedback-Anwendung wird die Weite der Schläfenarterie meist in Form eines Kreisrings auf einem Bildschirm rückgemeldet. Ziel ist die willentliche Verengung der A.. Auf die Bewältigung des akuten Migräneanfalls zielt das sogenannte Vasokonstriktionstraining (Training der Gefäßverengung) ab. Dabei wird die Gefäßweite der Schläfenarterie mittels Infrarotmessung über den Blutvolumenpuls (= die Menge Blut, die in einer bestimmten Zeiteinheit durch das Gefäß fließt) bestimmt. Durch unmittelbare Rückmeldung an den Patienten trainiert er, die Schläfenarterie zu verengen. Zunächst wird die Gefäßverengung im schmerzfreien Zeitraum eingeübt. Später können diese Strategien zur Gefäßverengung bei den ersten Anzeichen eines echten Migräneanfalls angewendet werden, um die Kopfschmerzattacke abzumildern oder gar zu verhindern.

Elektromyographie-Biofeedback (EMG-Biofeedback)

Der Spannungszustand der Muskulatur wird über Klebe-Elektroden erfasst und mittels Biofeedback-Gerät sichtbar gemacht. Ziel ist es, eine Absenkung des Muskeltonus zu erreichen. Einsatzmöglichkeiten dieser Biofeedback-Anwendung ergeben sich u.a. bei Spannungskopfschmerz und MigräneHier ist es das elektrische Erregungsniveau des Stirn- bzw. Nackenmuskels, das dem Patienten in Form eines akustischen und/oder optischen Signals rückgemeldet wird (EMG-Biofeedback). Ziel ist es wiederum, das aktuelle muskuläre Erregungsniveau durch Entspannung zu vermindern, auch unter Belastungs- und Stresssituationen. Außerdem soll der Patient lernen, den Anspannungszustand der Muskulatur besser wahrzunehmen, damit künftig ganz auf den Einsatz von Biofeedback verzichtet werden kann.

Atem-Biofeedback

Chronische Schmerzen werden häufig von Hyperventilation(= zu schnelle oder zu tiefe Atmung) begleitet. Ein Atemtraining, bei dem die Bauchatmung gelernt wird, kann dieses ungünstige Atemmuster verändern. Ein „Atemgürtel“ oder ein Sensor, der über dem Bauch angebracht wird, erfasst Atemfrequenz und Atemtiefe.

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Herzfrequenz-Variabilitäts-Biofeedback

Hierdurch lassen sich beispielsweise Stress und Angst beeinflussen. Auch das Herzfrequenzvariabilität-Biofeedback zielt auf Entspannung und Beruhigung ab, indem trainiert wird, den Pulsschlag aktiv zu beeinflussen.

Wie funktioniert Biofeedback bei Schmerzen?

Zunächst wird die im Körper vorhandene Aktivität gemessen. Dazu werden beispielsweise Elektroden an das von Schmerz betroffene Körperteil angeschlossen. Dieser Vorgang ist vollkommen schmerzfrei und ungefährlich. Die gemessenen körperlichen Prozesse werden dann kontinuierlich mit einem akustischen (hörbaren) oder visuellen (sichtbaren) Signal an den Patienten rückgemeldet. Der Patient wendet dieses Signal an, um sein Erregungsniveau zu kontrollieren und in die gewünschte Richtung zu verändern. Das kann sehr schnell gelingen, teilweise kann es auch mehrere Sitzungen dauern.

Ein hoher autonomer oder zentralnervöser Erregung kann Schmerzzustände auslösen. Diese Erregung kann als Folge von Angst vor Schmerzen, einer gedrückten Stimmung (Depression), Ärger oder Aufregung entstehen. Daher lassen sich Schmerzen auch lindern, indem diese Erregung vermindert wird. Dazu kann Biofeedback eingesetzt werden.

Biofeedback in der Schmerzbehandlung

Auch bei Schmerzen ist das Biofeedbacktraining sehr wirksam. Der Patient lernt eine verbesserte Selbstregulation.

Rückenschmerz

Hier wird beispielsweise die mit den starken Schmerzen oft verbundene Muskelverspannung gemessen und dem Patienten als wahrnehmbares Signal rückgemeldet. Durch Entspannungstechniken oder das Vorstellen beruhigender Situationen übt er, diese Verspannung zu beeinflussen.

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Neuropathische Schmerzen

Dabei hat sich die Rückmeldung der Körpertemperatur in der betroffenen Region bewährt. Die Hauttemperatur wird über Sensoren gemessen. Dabei soll der Patient versuchen, die Hauttemperatur zu vermindern, da sich so häufig auch die Schmerzwahrnehmung vermindert.

Studienergebnisse und Wirksamkeit

Die Biofeedback-Methode ist eine sehr sanfte Therapie, bei der der Patient selbst maßgeblich an seiner Heilung beteiligt ist. Die Biofeedback-Therapie hat viele verschiedene Anwendungsbereiche und wird fast immer mit anderen Behandlungsformen kombiniert. Insbesondere, wenn der Anteil des vegetativen Nervensystems am Gesamtgeschehen hoch ist (siehe unten), kann man von besonders guter Wirksamkeit ausgehen. Die Methode ist nebenwirkungsfrei und auch für Kinder ab 6 Jahren sowie Erwachsene mit Behinderungen geeignet. Für viele der genannten Indikationsbereiche sind stichhaltige Wirksamkeitsnachweise in Form von kontrollierten Studien erbracht und in Metaanalysen mittlere bis große Effektstärken gezeigt worden.

Durch Biofeedbackverfahren lassen sich die Schmerzen um 50 bis 60% lindern, was einer medikamentösen Behandlung vergleichbar ist. Man darf aber nicht verschweigen, dass die Behandlung wesentlich länger dauert (etwa 20 bis 40 Sitzungen) und damit erst nach Wochen ein Effekt spürbar wird. Die Wirkung ist aber im Vergleich zur medikamentösen Behandlung viel nachhaltiger. Es wird empfohlen, alle sechs bis zwölf Monate eine „Auffrischsitzung“ zu machen, um den Effekt dauerhaft zu stabilisieren. Positiv zu werten ist zudem, dass keine Nebenwirkungen auftreten.

Allerdings bedeutet „unklar“ für die beiden Fragestellungen jeweils etwas anderes: Im ersten Fall bedeutet es, dass das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors zwar Studien gefunden hat, in denen untersucht wurde, ob das Biofeedback Migräneanfällen vorbeugen kann. Allerdings ist die Aussagesicherheit dieser Studien so gering, dass sie keine eindeutigen Aussagen zu Nutzen und Schaden zulassen. Im zweiten Fall, dem Biofeedback zur Behandlung akuter Migräneanfälle, fand der IGeL-Monitor weder Primärstudien noch systematische Übersichtsarbeiten, die das untersucht haben.

Kosten und Verfügbarkeit

Eine Biofeedback-Sitzung dauert ca. 30 Minuten. Dauer und Häufigkeit sind abhängig von Ihrer Erkrankung, Ihrem Ausmaß an Beeinträchtigung und Ihrer Lernfähigkeit. Durchschnittlich benötigen unsere Patienten 10 Sitzungen zur Erzielung befriedigender Erfolge. Wenn Sie Freude entwickeln an der spielerischen Anwendung, werden sich deutliche Besserungen und Medikamenteneinspareffekte einstellen.

Zurzeit ist die Biofeedbackbehandlung eine Zusatzleistung, die gelegentlich im Rahmen einer Verhaltenstherapie angewendet oder als eigenständige Maßnahme durchgeführt wird. In letzterem Fall muss der Patient einen Teil der Kosten der Behandlung selbst tragen. Die Biofeedback-Therapie ist grundsätzlich eine IGeL. Sie ist in der Gebührenordnung für Ärztinnen und Ärzte (GOÄ) gelistet. Danach kostet eine mindestens zwanzigminütige Sitzung je nach Aufwand zwischen 17 und 63 Euro bei einfacher Abrechnung. (Regelhöchstsatz: 60 Euro bzw. 220 Euro).

Kritik und Einschränkungen

Das IGeL-Team fand drei systematische Übersichtsarbeiten , die allerdings nicht im Gesamten genutzt werden konnten. Die Gründe sind vielfältig: Sei es, dass die Biofeedback-Therapie nicht einzeln, sondern nur als Teil einer kognitiven Verhaltenstherapie untersucht wurde, oder die Untersuchung nur an Kindern und nicht an Erwachsenen gemacht wurde, oder dass bei den Untersuchungen die Migräne nicht separat, sondern zusammen mit dem Spannungskopfschmerz betrachtet wurde.

Neben den systematischen Übersichtsarbeiten fand das IGeL-Team drei Einzelstudien, die die Behandlung zur Vorbeugung von Migräne erforscht haben. Es wurden unterschiedliche Biofeedback-Verfahren untersucht, in einer Studie wurde das Biofeedbackverfahren mit der Gabe von Medikamenten verglichen, in einer anderen Studie mit einer Nicht-Behandlung, eine dritte Studie untersuchte die Biofeedback-Therapie als Ergänzung zu vorbeugenden Medikamenten. Zudem wurden die Studien mit nur wenigen Probandinnen und Probanden durchgeführt und das über einen nur kurzen Zeitraum. Insgesamt bescheinigt das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors den Studien ein hohen Verzerrungspotenzial und eine geringe Aussagesicherheit.

Zur Biofeedback-Therapie bei der Behandlung von akuten Migräneattacken konnten keine Studien ermittelt werden.

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