Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Bizeps Parese, insbesondere im Kontext der geburtstraumatischen Plexusparese. Es werden Ursachen, Diagnose, konservative und operative Behandlungsansätze sowie spezielle Übungen zur Krankengymnastik detailliert beschrieben. Ziel ist es, Betroffenen und ihren Angehörigen ein fundiertes Verständnis der Erkrankung und ihrer Therapiemöglichkeiten zu vermitteln.
Einführung
Die Bizeps Parese, oft im Zusammenhang mit einer Plexusparese auftretend, stellt eine Herausforderung dar, die sowohl frühzeitige Diagnose als auch eine konsequente Therapie erfordert. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Lähmung, von den Ursachen über die Diagnose bis hin zu den vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten, einschließlich spezifischer krankengymnastischer Übungen.
Was ist eine Plexusparese?
Eine Plexusparese, auch Erb'sche Parese oder Geburtslähmung genannt, ist eine Lähmung, die durch eine Verletzung des Plexus brachialis Nervengeflechtes verursacht wird. Dieses Nervengeflecht befindet sich an der seitlichen Halsseite und versorgt die Schulterregion und den gesamten Arm mit Gefühl und Bewegungsimpulsen.
Ursachen und Entstehung
Ursächlich für diese Nervenverletzung ist eine Überdehnung bis hin zur Zerreißung des Nervengeflechtes am Hals durch unter der Geburt am Nerv auftretende unnatürlich hohe Zugkräfte. Häufig geschieht dies im Rahmen einer Notfallsituation mit Blockade der Schulterregion im Geburtskanal (Schulterdystokie). Risikofaktoren sind u.a. Schulterdystokie, Makrosomie, Beckenendlage und Instrumenten assistierte Geburten. Allerdings fehlen diese Risikofaktoren bei Dreiviertel aller Fälle.
Verletzungsarten
Die jeweiligen Nervenanteile im Plexus brachialis können gedehnt werden. Bei größerer und lang anhaltender Traktion entstehen Einreißungen, Zerreißungen oder sogar Ausrisse am Rückenmark. Anschließend versucht der Körper eine Regeneration, indem er vom Rückenmark her mit einer Geschwindigkeit von 1 mm pro Tag neues Nervenmaterial über die Verletzungszone bringt. Gelingt dies, kommt es zu einer schrittweisen Reinnervation. Gelingt dies nicht, bleibt die Muskulatur ohne Nervenversorgung und baut sich ab.
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Mögliche Folgen einer Plexusparese
Eine Verletzung des Plexus brachialis kann folgende Auswirkungen haben:
- Schlaffe Lähmung einer oder mehrerer Muskeln am Arm
- Niedrige Muskelspannung
- Funktionseinbuße bei Bewegungen an Schulter, Oberarm, Unterarm und Hand
- Muskelschwund und Verschmächtigung des Armes
- Minderung oder Erlöschen der Muskeleigenreflexe
- Veränderte Entwicklung des Körperschemas
- Entwicklungsstörungen des benachbarten Skelettgerüstes
- Bindegewebiger Abbau der nicht mit Nerven versorgten Muskeln
- Vegetative Störungen und veränderte Schweißbildung
- Minderentwicklung der Extremität
- Gefühlsstörungen in verschiedenen betroffenen Hautarealen
Schulterdystokie als Risikofaktor
Die Schulterdystokie ist ein seltener, unvorhersehbarer geburtshilflicher Notfall. Sie entsteht, wenn nach der Geburt des kindlichen Kopfes die vordere Schulter des Kindes an der Symphyse (Schambeinfuge) hängen bleibt. Dem Kind drohen Sauerstoffmangel sowie Schäden durch die nicht selten forcierten und eventuell unsachgemäßen Entwicklungsversuche.
Diagnose einer Plexusparese
Sollte nicht bereits bei der Entbindung eine Plexusparese diagnostiziert worden sein, so muss der Kinderarzt dies umgehend tun. Das Kind muss so schnell wie möglich bei einem Physiotherapeut mit Erfahrungen mit neuronalen Schäden bei Kindern vorgestellt werden.
Beteiligte Fachleute
Als medizinischer Begleiter sollte neben dem Kinderarzt, der zwar viele Kinder betreut aber vermutlich nur sehr wenige mit einem Plexusschaden kennt, der erfahrene Plexuschirurg sowie falls vor Ort vorhanden das betreuende Sozialpädiatrische Zentrum fungieren.
Prognose
Es ist fast unmöglich eine Prognose über die Mögliche Erholung des Kindes zu machen. Die meisten erholen sich gut, aber einige tragen bleibende Schäden davon die von der Schwere der Nervenverletzung abhängig sind.
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Erstmaßnahmen nach der Geburt
Um den verletzen Bereich zu entlasten und keine weiteren Schäden zu verursachen soll in den ersten 8-12 Tagen nach der Geburt der betroffene Arm ruhiggestellt und nicht therapiert werden. Dies kann mit Hilfe eines Verbandes, einer Stoffwindel, doppelseitigen Klebe- oder Klettband erfolgen. Weitere Hinweise zum Umgang mit dem Kind und zur Behandlung müssen vom Kinderarzt oder Physiotherapeut erfolgen.
Physiotherapie bei Bizeps Parese
Wichtig für das Kind ist eine dauerhafte und konsequente Krankengymnastik, die bereits in der zweiten/dritten Lebenswoche beginnen sollte.
Ziele der Therapie
- Muskelfunktion aufbauen und erhalten
- Muskelverkürzungen (Kontrakturen) und Bewegungseinschränkungen vermeiden
- Stimulation des betroffenen Muskels
- Unterstützung der Spontanentwicklung
- Vermeidung von asymmetrischen Entwicklungen und Fehlhaltungen
Methoden und Konzepte
In Deutschland werden die neurophysiologischen Therapiekonzepte nach Bobath und/oder Vojta empfohlen, die der Kinderarzt verschreibt. Bobath und vor allem Vojta sind sehr intensive Therapieformen, die beim Kind, sogar schon beim Säugling, große Wiederstände erzeugt. Hier müssen die Eltern großes Vertrauen zum Krankengymnasten entwickeln und unbedingt Kontakt zu anderen Betroffenen suchen.
Übungen zur Krankengymnastik
Die aufgeführten Informationen beziehen sich in erster Linie auf eine kindliche geburtsbedingten Plexusparese.
Der Physiotherapeut turnt je nach Bedarf regelmäßig mit dem Kind und weist dann die Eltern in die Übungen ein, die mehrmals täglich zu Hause durchgeführt werden müssen, da nur so der Muskelaufbau und die Erholung der Nervenfunktion erreicht werden kann. Die Übungen müssen immer wieder an die Entwicklung des Kindes angepasst werden. Der Physiotherapeut wird den Eltern auch Hinweise zur Lagerung und Umgang mit dem Kind (Handling) geben um nicht durch unsachgemäße Handhabung den Plexus noch zusätzlich zu schädigen. Ein Grundsatz ist zum Beispiel „Beim Anziehen betroffenen Arm zuerst rein, beim Ausziehen zuletzt raus.“
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Verordnung von Physiotherapie
Für die Therapie müssen allerdings weiterhin Verordnungen vom Arzt ausgestellt werden. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme ICD- 10-GM sieht für die geburtstraumatische Plexusparese folgende Schlüssel vor: (muss auf der Verordnung entsprechend eingetragen sein)
- Geburtsverletzung des peripheren Nervensystems
- P14.0 Erb-Lähmung durch Geburtsverletzung Obere Armplexuslähmung
- P14.1 Klumpke-Lähmung durch Geburtsverletzung Untere Armplexuslähmung
- P14.2 Lähmung des N.
Ergotherapie als ergänzende Maßnahme
Trotz guter, sensomotrischer Erholung kommt es häufig vor, dass der betroffene Arm nicht entsprechend seiner motorischen Möglichkeiten eingesetzt wird. Das Kind scheint ihn gar nicht wahrzunehmen. Hier handelt es sich um eine Störung des Körperschemas bei der Ergotherapie helfen kann.
Weitere Therapiemöglichkeiten
Darüber hinaus existieren noch orthopädische Hilfen, Schienen bzw. Orthesen, die durch die Plexusparese auftretende Belastungs- Fehlstellungen lindern helfen sollen. Diese können begleitend zur Therapie eingesetzt werden, stellen aber üblicherweise keinen Ersatz für eine Krankengymnastik bzw. einem chirurgischen Eingriff dar. Eine Alternative zur Schiene bzw. zur Orthese stellt das sogenannte “Tapen” dar.
Botox-Behandlung
Botulinum Toxin ist ein von Bakterien gewonnenes Muskelgift, das für einen begrenzten Zeitraum die Reizstromübertragung aussetzt. Botox wird in der Behandlung von kindlichen Plexusparesen genutzt, um Muskelungleichgewichte zwischen so genannten Antagonisten (Muskeln mit gegenläufiger Funktion wie z. B. Ellenbogenbeuger und Ellenbogenstrecker) zu harmonisieren. Konkret wird es bei gleichzeitiger Bewegungsaktivierung von Bizeps und Trizeps in der Ellenbogenregion und bei gleichzeitigen Kontraktionsmustern (Kokontraktionen) im Bereich der Schulter angesetzt.
Operative Eingriffe bei Plexusparese
Die Indikation zu den verschiedenen operativen Möglichkeiten bei schweren kindlichen Plexuslähmungen sollte früh festgelegt werden, deshalb ist es nützlich, dass Neugeborene mit einer spontan nicht erholenden kindlichen Plexusparese bereits mit drei Lebensmonaten vorzustellen. Nur so ist eine ausführliche Untersuchung mit anschließender Beratung möglich und es können die Weichen für die früh operiert sehr gut funktionierende Nervenrekonstruktion gestellt werden.
Operationsmethoden
Bei größeren Kindern können Muskel- und Sehnentranspositionen sowie Auflösung von Kontrakturen zur Verbesserung des muskulären Gleichgewichtes bzw. zur Stärkung gewisser Zielfunktionen beitragen. Am häufigsten sind hier Innenrotationskontrakturen der Schulter zu behandeln. Die Standardoperation zur operativen Behandlung der Insuffizienz des M. biceps ist die Latissimus-dorsi-Transplantation. Zur Behandlung der Extensionsschwäche des Handgelenks kommt in erster Linie die Transposition der Sehne des M. flexor carpi ulnaris auf den M. extensor carpi radialis infrage.
Leben mit einer Plexusparese
Das Leben des Kinder ist ähnlich aber ein bisschen anders als das Leben ohne diese Verletzung. Einige Berufe und Tätigkeiten und einige Handgriffe des Alltags sind je nach Art der Verletzung schwierig bis unmöglich. Die Kinder finden meist einen Weg Alltagsprobleme zu lösen.
Erfahrungsberichte
VERENA: "Ich lebe seit 31 Jahren ohne große Probleme mit meiner Behinderung und ich glaube nicht, dass mein Lebenslauf ohne Behinderung anders aussehen würde. Die meiste Zeit vergesse ich sogar, dass mein rechter Arm nicht genauso funktioniert wie der Linke und den Leuten in meinem Umfeld geht es auch so."
MARTIN: "Es hat sich gelohnt meine ganze Kraft in den Arm zu investieren und der Lohn dafür ist, dass ich wieder am Alltag teilnehme. Jeden anderen möchte ich motivieren zu kämpfen und nicht aufzugeben. Es geht immer weiter! Einschränkungen bedeuten nicht, dass man die schönen Seiten des Lebens nicht mehr erfahren kann."