Ursachen von Bizeps- und Deltamuskellähmungen: Ein umfassender Überblick

Lähmungen (Paresen) des Bizeps (Musculus biceps brachii) und des Deltamuskels (Musculus deltoideus) können erhebliche Einschränkungen der Armfunktion verursachen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen dieser Lähmungen und bietet einen umfassenden Überblick für verschiedene Zielgruppen.

Einführung

Eine Parese beschreibt einen teilweisen Ausfall der motorischen Funktionen eines Muskels, einer Muskelgruppe oder einer Extremität. Die Schweregrade können variieren. Wenn Nerven geschädigt sind, funktioniert die Kommunikation zwischen Muskeln, Gehirn und Nerven nicht mehr richtig, was zu Empfindungs- und Bewegungsstörungen im betroffenen Körperteil führt.

Mögliche Ursachen für Bizeps- und Deltamuskelparesen

Die Ursachen für Lähmungen des Bizeps und Deltamuskels sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

1. Neurologische Ursachen

  • Neuralgische Schulteramyotrophie (Parsonage-Turner-Syndrom): Eine idiopathische Entzündung des Plexus brachialis, die mit starken Schmerzen beginnt und zu Paresen verschiedener Schultermuskeln führen kann, einschließlich des M. deltoideus und M. biceps brachii. Die eigentliche Ursache ist bislang nicht geklärt.
  • Läsionen des Plexus brachialis: Verletzungen, Entzündungen, Kompressionen oder Tumore, die den Plexus brachialis betreffen, können zu Paresen der von diesem Nervengeflecht versorgten Muskeln führen. Je nach betroffenem Abschnitt des Plexus brachialis können unterschiedliche Muskeln betroffen sein.
    • Obere Armplexusläsion: Betrifft Axone der Wurzeln C5 und C6. Es kommt v. a. zu Ausfällen der Mm. deltoideus, supra- und infraspinam, biceps brachii und brachioradialis.
    • Globale Armplexusläsion: Bei diesem Schädigungstyp sind alle Axone der Wurzeln C5-Th1 geschädigt. Sind die Mm. serratus anterior, rhomboidei, supraspinam und infraspinam betroffen, so ist die Läsion proximal, d. h. Betroffen sind Axone der Wurzeln C5 und C6.
  • Nervenkompressionssyndrome:
    • Thoracic-outlet-Syndrom (TOS): Ein Engpasssyndrom der oberen Thoraxapertur oder des Schultergürtels, bei dem neurovaskuläre Bündel (Nerven-Gefäß-Bündel) aus Plexus brachialis, Arteria und Vena subclavia gequetscht werden.
    • Supinatortunnelsyndrom (N. interosseus-post. Syndrom NIP): Nervenkompressionssyndrom am Unterarm, in der Nähe des Ellenbogens. Hier tritt ein wichtiger Armnerv (der Nervus radialis) durch den Muskel Musculus supinator.
  • Wurzelausrisse: Im Rahmen einer kompletten globalen traumatischen Armplexusläsion gehört der Ausschluss eines Wurzelausrisses mittels Myelografie, Myelo-CT oder MRT.
  • Läsionen peripherer Nerven: Schädigungen des N. axillaris oder des N. musculocutaneus können selektiv zu Paresen des M. deltoideus bzw. des M. biceps brachii führen.
    • Nervus axillaris: Verletzungen, Entzündungen und Einklemmungen sorgen für Bewegungseinschränkungen und auch für Sensibilitätsstörungen.
    • Nervus musculocutaneus
  • Spinale Ursachen: Bandscheibenvorfälle im Bereich der Halswirbelsäule können durch Kompression von Nervenwurzeln zu Paresen führen.
  • Myelopathie: Direkter Druck auf das Rückenmark kann weitere neurologische Störungen (z. B. Gangataxie, spastische Paresen, Reflexsteigerungen, Blasenstörungen) verursachen.

2. Traumatische Ursachen

  • Direkte Nervenverletzungen: Stich- oder Schussverletzungen können den N. axillaris oder N. musculocutaneus direkt schädigen.
  • Schulterluxation: Eine Ausrenkung des Schultergelenks kann den N. axillaris verletzen oder einklemmen.
  • Frakturen: Oberarmkopf- oder Humerusschaftfrakturen können den N. axillaris schädigen.
  • Geburtstrauma: Zerrschäden in Abhängigkeit von der Kindslage und von der Weite des Geburtskanals können zu Armplexusparesen führen.

3. Entzündliche Ursachen

  • Entzündungen des Nervensystems: Entzündungen im Bereich des Nervs können ebenfalls Schmerzen verursachen.
  • Infektionen: Borreliose kann differenzialdiagnostisch vorliegen.

4. Tumoröse Ursachen

  • Pancoast-Tumor: Ein rasch fortschreitendes peripheres Bronchialkarzinom im Bereich der Lungenspitze (Apex pulmonis), das auf Rippen, Halsweichteile, Armgeflecht und Wirbel der Hals- und Brustwirbelsäule übergreifen kann.
  • Metastasen oder Lymphome: Können den Plexus brachialis infiltrieren und zu Paresen führen.
  • Tumoren der hinteren Schädelgrube und der Schädelbasis: Können zur Akzessoriusläsion führen.

5. Iatrogene Ursachen

  • Operationen: Eingriffe an Schultergelenk, Klavikula, Axilla, nach Sternotomie (Herz-OP), Leitungsanästhesie, Punktion der Gefäße.
  • Injektionen: Regionalanästhesie, axillär oder supraklavikulär, kann durch Direkttreffer schädigen.

6. Weitere Ursachen

  • Radiogene Armplexusläsion: Intervall von 1/2-26 Jahren nach Bestrahlung.
  • Lagerungsschaden: Traktionsläsion, meist oberer Armplexus durch Kaudalverlagerung der Schulter, Auslagerung des Armes und Neigung des Kopfes zur Gegenseite, Drogen und Alkohol.

Symptome

Die Symptome einer Bizeps- und Deltamuskelparese können je nach Ursache und Schweregrad variieren. Typische Symptome sind:

  • Kraftverlust: Schwierigkeiten beim Heben des Armes (besonders seitlich und nach vorne), Beugen des Ellenbogens oder Drehen des Unterarms.
  • Muskelatrophie: Abbau des Muskelgewebes im Bereich des M. deltoideus oder M. biceps brachii.
  • Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Schmerzen im Bereich der Schulter, des Oberarms oder des Unterarms.
  • Schmerzen: Brennende und stechende sowie elektrisierende Schmerzen als typisches Symptom (besonders in der Achselhöhle).
  • Eingeschränkte Beweglichkeit: Schwierigkeiten bei bestimmten Armbewegungen.
  • Scapula alata: Abstehen des Schulterblatts bei Schädigung des N. thoracicus longus.

Diagnostik

Die Diagnostik umfasst in der Regel folgende Schritte:

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  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der Art der Beschwerden, des zeitlichen Verlaufs und möglicher Auslöser.
  • Körperliche Untersuchung: Beurteilung der Muskelkraft, der Sensibilität, der Reflexe und der Beweglichkeit des Armes.
  • Neurologische Untersuchung: Umfasst die Inspektion (Haltung, Ganganalyse), Palpation (Muskeltonus, Klopf- und Druckschmerz der Wirbelsäule), Sensibilitätsprüfung (Dermatome), Nervendehnschmerztest (Femoralisdehnschmerztest, Ischiadicusdehnschmerz, Lasègue und Bragard, Nervendehntests an der oberen Extremität), Muskelkraft an entsprechenden Kennmuskeln (Kraftmessung analog Janda), Muskelreflexe.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektromyographie (EMG) und Elektroneurographie zur Beurteilung der Nervenfunktion und Muskelaktivität.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung von Nerven, Muskeln, Bandscheiben und anderen Strukturen. Myelografie, Myelo-CT. Ultraschall.
  • Liquoruntersuchung: Zum Ausschluss entzündlicher oder infektiöser Ursachen.

Differentialdiagnostik

Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können, wie z.B.:

  • Rotatorenmanschettenläsion: Partielle oder komplette Kontinuitätsunterbrechung von Sehnenfasern der Muskelgruppe.
  • Impingement-Syndrom: Einengung der Sehnenstruktur im Schultergelenk.
  • Tendinosis calcarea der Schulter (Kalkschulter): Kalkeinlagerung zumeist im Bereich der Ansatzsehne des Musculus supraspinatus.
  • Adhäsive Kapsulitis (Frozen Shoulder): Entzündung und Schrumpfung der Gelenkkapsel.
  • Zervikale Radikulopathie: Nervenwurzelkompression im Bereich der Halswirbelsäule.
  • Akutes Koronarsyndrom (ACS): Phasen der koronaren Herzkrankheit (KHK) zusammengefasst, die unmittelbar lebensbedrohlich sind.
  • Cholezystitis (Gallenblaseninfektion): Schmerzen im rechten Oberbauch, die zwischen die Schulterblätter und in die rechte Schulter ausstrahlen können.
  • Chondrokalzinose (Synonym: Pseudogicht): Gichtähnliche Erkrankung der Gelenke, die durch Ablagerung von Calciumpyrophosphat im Knorpel.
  • Dermatomyositis: Idiopathische Myopathie (Muskelerkrankung).
  • Gelenkluxation (Gelenkausrenkung):
  • Milwaukee-Schulter (Synonym: idiopathische Schultergelenkarthritis): Vorwiegend bei älteren Frauen (80 % der Fälle) auftretende leichte Schulterschmerzen und Gelenkerguss.
  • Myofasziale Schulterschmerzen:
  • Schulter-Arm-Syndrom (Nacken-Schulter-Arm-Syndrom; Cervicobrachialgie): Multifaktorieller Symptomkomplex.

Therapie

Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Parese und kann konservative und operative Maßnahmen umfassen:

1. Konservative Therapie

  • Schmerztherapie: Medikamente zur Schmerzlinderung, z.B. nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) oder Opioide.
  • Physiotherapie: Kräftigung der betroffenen Muskeln, Verbesserung der Beweglichkeit und Koordination.
  • Ergotherapie: Anpassung der Alltagsaktivitäten und Hilfsmittelberatung.
  • Entlastung: Vermeidung von Belastungen, die die Symptome verstärken.
  • Orthesen: Unterstützung des Armes oder der Schulter.
  • Injektionen: Lokalanästhetika und/oder Kortikosteroide zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung.
  • Akupunktur: Die Anwendung kann bei subakuten radikulären Symptomen und bei in Kombination mit Bewegungstherapie bei chronifizierungs-gefährdeten Patienten erfolgen.
  • Verhaltenstherapie: Das Hauptziel der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Maßnahmen besteht in der Entkoppelung von Schmerz und Stress, sie sind meist Teil einer multimodalen Behandlungsstrategie.
  • Entspannungstechniken: Eine in einer Metaanalyse nachgewiesene Wirksamkeit bei unspezifischen chronischen Rückenschmerzen ließ sich bisher noch nicht auf radikuläre Beschwerden übertragen.
  • Gesundheitsbildung und Information: Multiprofessionelle Gesundheitsbildung und Patientenedukation sind bei Betroffenen mit spezifischen Rückenschmerzen mit hohem Chronifizierungsrisiko bzw. mit chronifizierten Rückenschmerzen wichtige Bestandteile interdisziplinärer Rehabilitationsprogramme mit aktivem Therapieansatz.
  • Manuelle Therapie: Bei akuten radikulären Beschwerden ist eine Manipulation auf Segmentebene kontraindiziert.

2. Operative Therapie

  • Nervenrekonstruktion: Bei Nervenverletzungen kann eine operative Rekonstruktion des Nervs erforderlich sein.
  • Dekompression: Bei Nervenkompressionssyndromen kann eine operative Dekompression des Nervs durchgeführt werden.
  • Tumorentfernung: Bei Tumoren, die den Plexus brachialis oder periphere Nerven komprimieren, kann eine operative Entfernung des Tumors erforderlich sein.
  • Bandscheibenoperation: Bei einem Bandscheibenvorfall kann dieser operativ entfernt werden, um den Druck auf die Nervenwurzel zu reduzieren.
  • Nerventransfer-Operationen: Verbindung des distalen Stumpfes mit N.

3. Rehabilitation

  • Physiotherapie
  • Aufgabenorientierte Training
  • Spiegeltherapie

Prognose

Die Prognose einer Bizeps- und Deltamuskelparese hängt von der Ursache, dem Schweregrad und dem Zeitpunkt der Behandlung ab. In vielen Fällen ist eine deutliche Besserung oder vollständige Genesung möglich, insbesondere wenn die Ursache rechtzeitig erkannt und behandelt wird.

Vorbeugung

Einige Ursachen von Bizeps- und Deltamuskelparesen lassen sich nicht verhindern. Folgende Maßnahmen können jedoch dazu beitragen, das Risiko zu reduzieren:

  • Vermeidung von Verletzungen: Tragen von Schutzausrüstung bei sportlichen Aktivitäten.
  • Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Vermeidung von Fehlbelastungen und ungünstigen Körperhaltungen.
  • Gesunder Lebensstil: Ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und Vermeidung von Übergewicht.
  • Frühzeitige Behandlung von Grunderkrankungen: Behandlung von Erkrankungen, die zu Nervenschädigungen führen können, wie z.B. Diabetes oder Borreliose.

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