Die neurologische Untersuchung des Blinkreflexes ist ein wertvolles diagnostisches Instrument zur Beurteilung der Integrität der Hirnnerven und der Hirnstammfunktion. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Blinkreflexuntersuchung, einschließlich der Durchführung, der Interpretation und der klinischen Bedeutung.
Einführung
Der Blinkreflex ist ein Schutzmechanismus, der das Auge vor potenziellen Schäden schützt. Er wird durch eine Reizung der Kornea, der Bindehaut oder der Gesichtshaut ausgelöst und führt zu einem schnellen Lidschluss. Der Reflexbogen umfasst afferente Nervenfasern des Nervus trigeminus (V. Hirnnerv), ein Schaltzentrum im Hirnstamm und efferente Nervenfasern des Nervus facialis (VII. Hirnnerv), der den Musculus orbicularis oculi innerviert, den Muskel, der für den Lidschluss verantwortlich ist.
Methodik der Blinkreflexuntersuchung
Die Blinkreflexuntersuchung ist eine elektrophysiologische Methode, bei der die elektrische Aktivität der Gesichtsmuskulatur nach Stimulation des Nervus trigeminus gemessen wird. Die Untersuchung wird in der Regel von einem Neurologen oder einem speziell ausgebildeten medizinisch-technischen Assistenten (MTA) durchgeführt.
Vorbereitung
Zur Messung der Reflexantwort werden kleine Metallplättchen auf Ober- und Unterlid beider Augen geklebt, ein weiteres auf die Stirnmitte. Die Plättchen erfassen die Reflexantwort.
Stimulation
Der Reflex wird durch sehr kurze, schwache elektrische Reizung der Gesichtsnerven ausgelöst. Dazu wird ein Paar von Metallknöpfen auf die Gesichtshaut gesetzt. Durch einen elektrischen Reiz im Gesicht kommt es zu einer kurzen Muskelzuckung der Gesichtsmuskulatur, die über einen Reflex zustande kommt, der seinen Weg durch den Hirnstamm, eine tiefsitzende und wichtige Hirnstruktur, nimmt.
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Ableitung und Analyse
Die elektrische Aktivität des Musculus orbicularis oculi wird mit Oberflächenelektroden abgeleitet. Nach Stimulation des Nervus trigeminus treten typischerweise zwei Antworten auf:
- R1-Komponente: Eine frühe ipsilaterale Antwort (d. h. auf der gleichen Seite wie die Stimulation) mit einer Latenz von etwa 10 ms.
- R2-Komponente: Eine späte ipsi- und kontralaterale Antwort (d. h. auf der gleichen und der gegenüberliegenden Seite wie die Stimulation) mit einer Latenz von etwa 25-40 ms.
Klinische Bedeutung
Die Blinkreflexuntersuchung ist ein wertvolles Instrument zur Diagnose verschiedener neurologischer Erkrankungen, insbesondere solcher, die den Hirnstamm oder die Hirnnerven betreffen. Abnormale Blinkreflexe können auf folgende Erkrankungen hinweisen:
- Hirnstammläsionen: Läsionen im Hirnstamm können zu einer Verlängerung oder dem Fehlen der R1- und R2-Komponenten führen. Eine Störung des Reflexablaufs gibt die Möglichkeit, eine Schädigung in einem eng umschriebenen Bereich des Hirnstamms festzustellen.
- Trigeminusneuralgie: Bei dieser Erkrankung, die durch heftige Gesichtsschmerzen gekennzeichnet ist, kann die R2-Komponente des Blinkreflexes unterdrückt sein.
- Fazialisparese: Eine Schädigung des Nervus facialis kann zu einer Schwäche oder Lähmung der Gesichtsmuskulatur führen, was sich in einer verminderten oder fehlenden R1- und R2-Komponente äußert.
- Multiple Sklerose (MS): Bei MS können Läsionen im Hirnstamm die Blinkreflexe beeinträchtigen.
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Diese Autoimmunerkrankung kann zu einer Entzündung der peripheren Nerven führen, was sich in einer Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit und abnormalen Blinkreflexen äußern kann.
- Andere Hirnnervenerkrankungen: Die Blinkreflexuntersuchung kann auch bei der Diagnose anderer Erkrankungen der Hirnnerven hilfreich sein.
Ergänzende diagnostische Verfahren
Die Blinkreflexuntersuchung wird häufig in Kombination mit anderen elektrophysiologischen und bildgebenden Verfahren eingesetzt, um eine umfassende neurologische Beurteilung zu ermöglichen. Zu den gängigen ergänzenden Verfahren gehören:
- Elektroenzephalographie (EEG): Die Elektroenzephalographie (EEG) ist eine Methode zur Messung der Hirnströme, vergleichbar dem EKG, bei dem die Herztätigkeit überprüft wird. Um die elektrischen Hirnströme ableiten zu können, werden befeuchtete Metallplatten (Elektroden) an bestimmte Stellen der Kopfhaut angebracht. Durch die Elektroden werden elektrische Signale des Gehirns mit unterschiedlichen Verstärkungen und unter Einbeziehung sog. Provokationsmethoden (z. B. Photostimulation) abgeleitet und aufgezeichnet. Das EEG wird als Diagnostikmethode, aber auch zur Behandlungs- und Verlaufskontrolle eingesetzt.
- Elektroneurographie (ENG): Die Elektroneurographie (ENG) ist ein Untersuchungsverfahren zur Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit. Nerven haben bestimmte Leitgeschwindigkeiten und -stärken. Grundsätzlich zu unterscheiden sind Nervenbahnen, die die Muskulatur (motorische Nerven) steuern, und solche, die zu den Sinnesorganen lenken.
- Elektromyographie (EMG): Bei dieser Untersuchung wird die elektrische Aktivität von Muskeln gemessen, indem eine dünne Nadel-Elektrode in einen Muskel injiziert wird. Wenn die Nadelelektrode im Muskel steckt, überträgt sie die elektrische Aktivität des Muskels über ein Kabel an das EMG-Gerät, das sie sichtbar auf einem Bildschirm und auch hörbar über einen Lautsprecher darstellt.
- Evozierte Potentiale (EP): Diese Untersuchung kann durchgeführt werden, um die Aktivitäten des Gehirns zu registrieren, die als Reaktion auf bestimmte Reize (Hören, Sehen, Fühlen) ausgelöst werden. Evozierte Potentiale (EP) geben Aufschluss darüber, ob zentrale oder periphere Nervenbahnen (Hörbahnen, Sehnerven oder sensible Leitungsbahnen) geschädigt sind.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Die Magnetresonanztomographie ist ein computergestütztes, strahlenfreies Verfahren, das sich die Eigenschaften starker Magnetfelder zu Nutze macht. Die MRT ermöglicht einen sehr guten Gewebekontrast.
- Computertomographie (CT): Die Computertomographie (CT) ist ein Verfahren der Röntgendiagnostik, das sowohl Knochen als auch Weichteilstrukturen darstellt. Bei der Computertomografie lassen sich im Gehirn geringe Veränderungen des Hirngewebes darstellen.
- Doppler-Sonographie: Unterschiedliche Verfahren der Ultraschalltechnik stellen den Blutfluss der Arterien farblich dar und machen die Beschaffenheit der Gefäßinnenwände sichtbar. Die Kombination aus bildgebender Ultraschalluntersuchung und Dopplersonographie bezeichnet man als farbkodierte Duplexsonographie. Zudem dient die Duplexsonographie zur Erfolgs- und Verlaufsbeobachtung nach gefäßchirurgischen Eingriffen, z. B.
Detaillierte Betrachtung weiterer neurologischer Untersuchungsmethoden
Um ein umfassendes Bild der neurologischen Diagnostik zu vermitteln, werden im Folgenden weitere gängige Untersuchungsmethoden detaillierter erläutert.
Elektroenzephalographie (EEG) im Detail
Das EEG ist eine nicht-invasive Methode zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns. Es wird häufig zur Diagnose von Epilepsie, Schlafstörungen, Hirntumoren und anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt.
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Durchführung:
Während der Untersuchung wird der Patient mehrfach aufgefordert, die Augen zu öffnen und wieder zu schließen. Die Untersuchung dauert insgesamt mit Vorbereitung ca. Bei Verdacht auf Epilepsie kann ein Schlaf-EEG nach Schlafentzug sinnvoll sein. Das EEG wird morgens nach einer durchwachten Nacht abgeleitet und der Patient sollte dabei einschlafen und wieder erweckt werden.
Interpretation:
Das EEG-Signal wird anhand von Frequenz, Amplitude und Form der Wellen beurteilt. Bestimmte Muster können auf spezifische neurologische Erkrankungen hinweisen. Beispielsweise können epileptiforme Entladungen auf eine Epilepsie hindeuten, während eine Verlangsamung der Hintergrundaktivität auf eine Hirnfunktionsstörung hindeuten kann.
Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) im Detail
ENG und EMG sind komplementäre elektrophysiologische Techniken, die zur Beurteilung der Funktion von peripheren Nerven und Muskeln eingesetzt werden.
Elektroneurographie (ENG):
Die Elektroneurografie ist die Untersuchung der Fortleitung der Nervenimpulse in peripheren motorischen und sensiblen Nerven. Sämtliche elektroneurografischen Techniken basieren darauf, dass mit definierten Rechteckstromimpulsen periphere Nerven leicht über Oberflächen- oder Nadelelektroden gereizt werden können.
Elektromyographie (EMG):
Bei dieser Untersuchung wird die elektrische Aktivität von Muskeln gemessen, indem eine dünne Nadel-Elektrode in einen Muskel injiziert wird. Wenn die Nadelelektrode im Muskel steckt, überträgt sie die elektrische Aktivität des Muskels über ein Kabel an das EMG-Gerät, das sie sichtbar auf einem Bildschirm und auch hörbar über einen Lautsprecher darstellt. Sie werden also anfangs aufgefordert den untersuchten Muskel zu entspannen. Bei leichter und bei starker Anspannung des Muskels können elektrische Potentiale abgeleitet (registriert) werden, die ein typisches Muster aufweisen. Ein bewusstes Anspannen eines Muskels ist nur möglich, weil der Muskel über einen Nerven mit dem Gehirn verbunden ist. Ist diese Verbindung gestört, etwa weil der Nerv an einer Stelle eingeklemmt (komprimiert) ist, dann ändert sich die elektrische Aktivität des Muskels. Die Untersuchung der Muskeln dient also dazu Schädigungen am zuführenden Nerven feststellen zu können. Deshalb kann man z.B. aus der Untersuchng eines Muskels am Arm oder am Bein Rückschlüsse auf eine Schädigung des Nerven an der Wirbelsäule, z.B. durch einen Bandscheibenvorfall ziehen. Auch Erkrankungen des Muskels selbst, die seltener sind als Schädigungen des zuführenden Nerven, kann man mit dem EMG untersuchen. Zur genaueren Abklärung braucht man bei Muskelerkrankungen aber meist zusätzliche Blutuntersuchungen.
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Klinische Anwendung:
ENG und EMG werden häufig zur Diagnose von Karpaltunnelsyndrom, Polyneuropathie, Radikulopathie (Nervenwurzelkompression) und Muskelerkrankungen eingesetzt. Die Elektroneurographie (NLG) und Elektromyographie (EMG) unterstützen bei einer genaueren Abklärung von Gefühlsstörungen, regionalen Schmerzen oder einer Schwäche einzelner Muskelgruppen, die auch durch eine Einklemmung von Nerven (z. B. bei einem Karpaltunnelsyndrom oder Bandscheibenvorfall), eine Nerven- oder Muskelentzündung oder stoffwechselbedingte Nervenirritationen verursacht werden können.
Evozierte Potentiale (EP) im Detail
Evozierte Potentiale (EP) sind elektrische Antworten des Gehirns auf spezifische sensorische oder motorische Reize. Sie werden verwendet, um die Integrität der sensorischen und motorischen Bahnen zu beurteilen.
Arten von evozierten Potentialen:
- Visuell evozierte Potentiale (VEP): Diese werden durch visuelle Reize ausgelöst und zur Beurteilung der Sehbahn verwendet.
- Akustisch evozierte Potentiale (AEP): Diese werden durch akustische Reize ausgelöst und zur Beurteilung der Hörbahn verwendet.
- Somatosensorisch evozierte Potentiale (SEP): Diese werden durch elektrische Stimulation von peripheren Nerven ausgelöst und zur Beurteilung der somatosensorischen Bahnen verwendet.
- Magnetisch evozierte Potentiale (MEP): Bei den Magnetisch evozierten Potentialen (MEP) werden bestimmte Gehirngebiete bzw. die aus dem Rückenmark abgehenden Nervenwurzeln durch einen kurzen magnetischen Impuls stimuliert und die Antwort auf diesen Reiz (kurzes Zusammenziehen) an den Muskeln der Arme und Beine abgeleitet.
Klinische Anwendung:
Evozierte Potentiale werden zur Diagnose von Multipler Sklerose, Hirntumoren, Rückenmarkverletzungen und anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt. Sie geben Aufschluss darüber, ob zentrale oder periphere Nervenbahnen (Hörbahnen, Sehnerven oder sensible Leitungsbahnen) geschädigt sind.
Bildgebende Verfahren: MRT und CT im Detail
MRT und CT sind wichtige bildgebende Verfahren in der Neurologie, die detaillierte Bilder des Gehirns und des Rückenmarks liefern.
Magnetresonanztomographie (MRT):
Die Magnetresonanztomographie ist ein computergestütztes, strahlenfreies Verfahren, das sich die Eigenschaften starker Magnetfelder zu Nutze macht. Die MRT ermöglicht einen sehr guten Gewebekontrast.
Computertomographie (CT):
Die Computertomographie (CT) ist ein Verfahren der Röntgendiagnostik, das sowohl Knochen als auch Weichteilstrukturen darstellt. Bei der Computertomografie lassen sich im Gehirn geringe Veränderungen des Hirngewebes darstellen.
Klinische Anwendung:
MRT und CT werden zur Diagnose von Schlaganfall, Hirntumoren, Multipler Sklerose, Hirnblutungen und anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt. Die wichtigsten Stellen, an denen die meisten Gefäßverengungen auftreten, liegen im Bereich der gut darstellbaren Teilung der Haupthalsschlagader (Arteria carotis communis) in die Schlagader, die das Hirn (A. carotis interna) und die, die den Gesichtsbereich (A. carotis externa) versorgt.
Doppler-Sonographie im Detail
Die Doppler-Sonographie ist eine Ultraschalltechnik, die zur Beurteilung des Blutflusses in den Blutgefäßen des Gehirns eingesetzt wird.
Durchführung:
Bei der Doppler-Sonographie (benannt nach dem österreichischen Physiker Christian Doppler) wird eine Sonde auf die Haut aufgesetzt, die die Blutkörperchen beschallt. Die Bewegung der Blutkörperchen wird von dem Untersuchungsgerät in Zischlaute umgesetzt, die man als Patient bei der Untersuchung mithören kann. Bestimmte Eigenschaften der Zischlaute gestatten dem Untersucher, das Ausmaß von Verengungen über die auftretenden Blutflußgeschwindigkeitesänderungen zu messen.Bei der Duplex-Sonographie lässt sich ein Blutgefäß mit seinem Hohlraum direkt darstellen. Verengungen und Ablagerungen (Plaque) werden direkt bildhaft sichtbar. Der Blutfluß innerhalb des Gefäßes lässt sich farbig darstellen („farbkodiert“).
Klinische Anwendung:
Schlaganfälle werden häufig durch Verengungen oder Verschlüsse der Blutgefäße verursacht, die das Gehirn mit Blut versorgen. Diese Verengungen lassen sich mit Hilfe von Ultraschalluntersuchungen besonders gut und risikolos darstellen. Die Doppler-Sonographie wird zur Diagnose von Schlaganfall, transitorisch ischämischer Attacke (TIA) und anderen vaskulären Erkrankungen des Gehirns eingesetzt.
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