Interpretation von Borrelien-IgG im Liquor: Ein umfassender Überblick

Die Lyme-Borreliose, eine durch Zecken übertragene Multisystemerkrankung, stellt Ärzte vor diagnostische Herausforderungen. Obwohl die Erkrankung in den meisten Fällen gut zu behandeln ist, erfordert eine korrekte Diagnose die sorgfältige Berücksichtigung klinischer Kriterien und labormedizinischer Befunde. Dieser Artikel beleuchtet die Interpretation von Borrelien-IgG-Antikörpern im Liquor, insbesondere im Kontext der Neuroborreliose.

Einführung

Die Lyme-Borreliose, verursacht durch Bakterien des Borrelia burgdorferi sensu lato-Komplexes, manifestiert sich vor allem an Haut, Nervensystem und Gelenken. Die Diagnose stützt sich auf Anamnese, klinische Symptomatik und den Nachweis von Antikörpern gegen Borrelien. Bei Verdacht auf eine Neuroborreliose ist die Liquoruntersuchung ein wesentlicher Bestandteil der Diagnostik.

Diagnostische Verfahren bei Lyme-Borreliose

Die Diagnostik der Lyme-Borreliose umfasst verschiedene Verfahren, die je nach klinischer Fragestellung und Stadium der Erkrankung eingesetzt werden.

Klinische Kriterien

Am Anfang jeder Diagnostik steht die sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung. Typische Symptome wie das Erythema migrans, eine sich ausbreitende Rötung um die Einstichstelle, können bereits einen ersten Hinweis auf eine Borrelieninfektion geben. Allerdings ist das klinische Bild nicht immer eindeutig, weshalb labordiagnostische Untersuchungen unerlässlich sind.

Serologische Diagnostik

Die serologische Diagnostik spielt eine zentrale Rolle bei der Diagnose der Lyme-Borreliose. Dabei werden Antikörper gegen Borrelien im Serum und gegebenenfalls im Liquor nachgewiesen. Das Vorgehen erfolgt in der Regel stufenweise:

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Borrelien-Meningitis

  1. Suchtest: Ein hochsensitiver Suchtest (z.B. ELISA, CLIA) dient dazu, Antikörper gegen Borrelien im Serum nachzuweisen. Diese Tests verwenden häufig Vollantigene oder rekombinante Antigene wie VlsE, um die Sensitivität zu erhöhen.
  2. Immunoblot: Bei einem positiven oder grenzwertigen Suchtest wird ein Immunoblot (Western Blot) durchgeführt, um die Spezifität des Befundes zu überprüfen. Der Immunoblot ermöglicht die Identifizierung von Antikörpern gegen spezifische Borrelienantigene.

Direkter Erregernachweis

Der direkte Erregernachweis mittels PCR oder Anzucht von Borrelien ist aufwändig und wird in der Routinediagnostik nur selten eingesetzt. Er kann jedoch in diagnostisch schwierigen Fällen hilfreich sein, z.B. zur Klärung atypischer Hauterytheme oder bei Verdacht auf eine Reinfektion. Geeignete Untersuchungsmaterialien sind Hautbiopsien, Liquor und Gelenkpunktate.

Liquoruntersuchung bei Neuroborreliose

Bei Verdacht auf eine Neuroborreliose ist die Liquoruntersuchung unerlässlich. Dabei werden verschiedene Parameter untersucht:

  • Zellzahl: Eine lymphozytäre Pleozytose (erhöhte Zellzahl) ist typisch für die Neuroborreliose.
  • Eiweißgehalt: Eine Schrankenstörung, erkennbar an einem erhöhten Albumin-Quotienten, deutet auf eine Schädigung der Blut-Liquor-Schranke hin.
  • Antikörper: Der Nachweis einer borrelienspezifischen intrathekalen Antikörpersynthese ist ein wichtiges Kriterium für die Diagnose der Neuroborreliose. Dazu wird der Liquor-Serum-Antikörper-Index (AI) berechnet.

Interpretation von Borrelien-IgG im Liquor

Die Interpretation von Borrelien-IgG-Antikörpern im Liquor erfordert eine sorgfältige Berücksichtigung verschiedener Faktoren:

Liquor-Serum-Antikörper-Index (AI)

Der Liquor-Serum-Antikörper-Index (AI) ist ein wichtiger Parameter zur Beurteilung der intrathekalen Antikörpersynthese. Er wird berechnet, indem die Antikörperkonzentration im Liquor ins Verhältnis zur Antikörperkonzentration im Serum gesetzt wird. Ein erhöhter AI deutet auf eine lokale Antikörperproduktion im ZNS hin, was ein starkes Indiz für eine Neuroborreliose ist.

Spezifität der Antikörper

Der Immunoblot ermöglicht die Identifizierung von Antikörpern gegen spezifische Borrelienantigene. Bei der Neuroborreliose sind häufig Antikörper gegen Antigene wie OspC, p39, p41 und VlsE nachweisbar. Das Bandenmuster kann Hinweise auf das Stadium der Erkrankung geben.

Lesen Sie auch: Alles über Borrelien-Erythem

Weitere Liquorbefunde

Neben dem AI und der Spezifität der Antikörper sind auch andere Liquorbefunde wie Zellzahl, Eiweißgehalt und das Vorhandensein oligoklonaler Banden für die Interpretation relevant. Eine lymphozytäre Pleozytose, eine Schrankenstörung und oligoklonale Banden verstärken den Verdacht auf eine Neuroborreliose.

Klinischer Kontext

Die Interpretation der Liquorbefunde muss immer im Zusammenhang mit der klinischen Symptomatik und der Anamnese des Patienten erfolgen. Ein positiver AI bei typischen neurologischen Symptomen wie Meningitis, Radikulitis oder Enzephalitis ist ein starkes Indiz für eine Neuroborreliose.

Falsch-positive Ergebnisse

Es ist wichtig zu beachten, dass falsch-positive Ergebnisse bei der serologischen Diagnostik der Lyme-Borreliose vorkommen können. Kreuzreaktionen mit anderen Erregern oder Autoimmunerkrankungen können zu unspezifischen Antikörperreaktionen führen. Daher ist eine sorgfältige Interpretation der Befunde und die Berücksichtigung des klinischen Kontextes unerlässlich.

Besondere Situationen

In bestimmten Situationen kann die Interpretation der Liquorbefunde besonders schwierig sein:

  • Frühe Neuroborreliose: In der Frühphase der Neuroborreliose können die Antikörper im Liquor noch niedrig sein oder fehlen. In diesen Fällen kann der Nachweis des Chemokins CXCL13 im Liquor hilfreich sein.
  • Therapiekontrolle: Der AI ist nicht geeignet zur Therapiekontrolle, da er auch nach erfolgreicher Behandlung noch erhöht sein kann.
  • Chronische Neuroborreliose: Bei chronischer Neuroborreliose können die Liquorbefunde variieren. In einigen Fällen sind die Antikörper weiterhin nachweisbar, während in anderen Fällen die Entzündungszeichen im Liquor abgeklungen sind.
  • Differentialdiagnose: Die Differentialdiagnose der Neuroborreliose umfasst andere neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Enzephalitis und Meningitis anderer Ursache.

Therapie der Lyme-Borreliose

Die Lyme-Borreliose ist in der Regel gut mit Antibiotika behandelbar. Die Wahl des Antibiotikums, die Applikationsart und die Therapiedauer richten sich nach der klinischen Manifestation, der Schwere der Erkrankung und dem Alter des Patienten. Bei frühen Manifestationen werden Doxycyclin, Amoxicillin oder Cefuroximaxetil eingesetzt, bei Neuroborreliose Ceftriaxon, Cefotaxim oder Penicillin G.

Lesen Sie auch: Lumbalpunktion zur Erkennung von Neuroborreliose

Nicht empfohlene diagnostische und therapeutische Maßnahmen

Es gibt eine Reihe von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, die bei der Lyme-Borreliose nicht empfohlen werden. Dazu gehören:

  • Lymphozytenaktivierungs- oder -transformationsteste (LTT, MELISA, ELISPOT)
  • Direktnachweis von Borrelien aus Patientenmaterial mittels lichtmikroskopischer Techniken
  • PCR oder Antigennachweis aus Urin oder Blut
  • Antikörpernachweis aus Immunkomplexen
  • Visual Contrast Sensitivity Test (VCS)
  • Nachweis einer erniedrigten CD57-positiven Lymphozytensubpopulation
  • HLA-Typisierung
  • Antibiotische Langzeit-, Hochdosis-, „Watschn-“, gepulste- und Kombinationstherapien
  • Hydroxychloroquin, Fluconazol, Metronidazol, Trimethoprim-Sulfamethoxazol, Vancomycin, Gyrase-Hemmer, Cholestyramin
  • Stammzelltransplantation
  • Bismut i.v. oder H2O2 i.v.
  • Photonentherapie, Elektrotherapie (Zappen)

Zusammenfassung

Die Interpretation von Borrelien-IgG im Liquor ist ein komplexer Prozess, der eine sorgfältige Berücksichtigung klinischer, serologischer und liquordiagnostischer Befunde erfordert. Der Liquor-Serum-Antikörper-Index (AI) ist ein wichtiger Parameter zur Beurteilung der intrathekalen Antikörpersynthese. Die Interpretation der Liquorbefunde muss immer im Zusammenhang mit der klinischen Symptomatik und der Anamnese des Patienten erfolgen. Falsch-positive Ergebnisse sind möglich und erfordern eine sorgfältige differentialdiagnostische Abklärung. Die Lyme-Borreliose ist in der Regel gut mit Antibiotika behandelbar.

tags: #borrelien #igg #im #liquor