Morbus Parkinson ist nach der Alzheimer-Demenz die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Die Häufigkeit der Erkrankung steigt mit zunehmendem Alter: Rund ein Prozent der Bevölkerung zwischen 65 und 75 Jahren und rund 4,5 Prozent der 75- bis 85-Jährigen sind betroffen. Die meisten Fälle sind idiopathisch, also ohne fassbare Ursache. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Angesichts der zunehmenden Alterung der Bevölkerung ist zu erwarten, dass die Häufigkeit der Parkinson-Erkrankung weiter ansteigen wird.
Die Parkinson-Krankheit wird über ihre klinischen Symptome definiert: verminderte bzw. verlangsamte Bewegungen (Hypokinese), zunehmende Erhöhung des Muskeltonus (Rigor), Ruhetremor und Haltungsinstabilität. Weitere klassische Symptome sind Maskengesicht, Speichelfluss, Rückenschmerzen und vieles mehr. Bereits vor dem Auftreten motorischer Symptome können neuropsychiatrische und autonome Störungen auftreten. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung kann sich auch eine Demenz entwickeln. Beweisend für die Diagnose Morbus Parkinson ist eine Besserung der Symptome nach einer L-Dopa-Einnahme.
Die klinische Symptomatik des Morbus Parkinson entsteht durch einen Dopaminmangel im Striatum, wodurch ein Neurotransmitterungleichgewicht in den Basalganglien ausgelöst wird. Die Parkinsonsymptomatik tritt erst auf, wenn etwa die Hälfte der 500.000 dopaminergen Neuronen in der Substantia nigra zugrunde gegangen ist. Die Erkrankung ist ursächlich nicht behandelbar, die Behandlung der Symptome ist aber recht gut durch Medikamente möglich, die die Dopaminwirkung verstärken oder durch Verabreichung von L-Dopa.
Es gibt eine ganze Reihe von Risikofaktoren, die die Entstehung eines Morbus Parkinson begünstigen. In den letzten Jahren gibt es aber immer mehr Hinweise, dass die Erkrankung möglicherweise im Nervensystem des Darms ihren Anfang nimmt. An der Entstehung neurodegenerativer Prozesse sind verschiedene Faktoren beteiligt, zum Beispiel oxidativer und nitrosativer Stress, erhöhte Entzündungsaktivität im Gehirn, Energiemangel der Nervenzellen als Folge einer Fehlfunktion der Mitochondrien, erhöhte Homocysteinkonzentrationen und gesteigerte Aktivität von Glutamatrezeptoren mit daraus resultierender Übererregbarkeit der Nervenzellen. Nervenzellen im Hirnstamm wie die dopaminergen Neuronen in der Substantia Nigra sind in besonderem Maße anfällig gegenüber Schädigungsfaktoren. Die Nervenzellen im Hirnstammbereich haben besonders lange und stark verzweigte Axone, deren metabolische Versorgung einen hohen Aufwand bedeutet. Sie reagieren deshalb besonders empfindlich auf Störungen des Zellstoffwechsels.
Die Funktionsfähigkeit des Gehirns ist in hohem Maße abhängig von einer ausreichenden Versorgung mit Mikronährstoffen. Mikronährstoffe sind wichtig für den Energiestoffwechsel der Nervenzellen, für den antioxidativen Schutz, für die Begrenzung der Entzündungsaktivität, für die Regulierung der Nervenerregbarkeit, für die Bildung von Myelin, der Synapsen und Dendriten und vieles mehr.
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Mikronährstoffe und Parkinson: Eine Übersicht
Über den Zusammenhang zwischen Morbus Parkinson und Mikronährstoff-Defiziten wurden zahlreiche Studien publiziert. Die B-Vitamine sind von grundlegender Bedeutung für die Funktionsfähigkeit des zentralen Nervensystems und zur Prävention neurodegenerativer Erkrankungen.
B-Vitamine
In einem Fachartikel im Jahr 2017 beschäftigten sich chinesische Wissenschaftler mit dem Zusammenhang zwischen einem Vitamin-B1-Mangel und neurodegenerativen Erkrankungen. 2023 publizierten tschechische Wissenschaftler einen Fachartikel über die Rolle von Mikronährstoffen bei neurologischen Erkrankungen. In dieser Publikation wird auch erwähnt, dass ein Abfall der Vitamin-B1-Spiegel zu einer schnelleren Degeneration der dopaminergen Neurone bei Parkinson-Patienten führt.
Forscher aus Indien erwähnten in einem Fachartikel von 2023, dass ein Vitamin-B1-Mangel mit einem erhöhten Risiko für Morbus Parkinson assoziiert ist. Eine niedrige Vitamin-B1-Aufnahme, 2 bis 8 Jahre vor der Diagnosestellung eines Morbus Parkinsons, sei mit Störungen des Geruchssinns assoziiert, die wiederum mit einem erhöhten Risiko für Morbus Parkinson einhergehen. Bei männlichen Parkinson-Patienten würden erhöhte Blutspiegel von Vitamin B1 das Auftreten einer milden kognitiven Störung vermindern.
Forscher aus Saudi-Arabien bewerteten Vitamin B2 als neuroprotektive Substanz mit therapeutischen Optionen bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen, unter anderem auch beim Morbus Parkinson. Vitamin B2 könne den oxidativen Stress, die mitochondriale Dysfunktion, die Entzündungsaktivität im Gehirn sowie das neurotoxische Potenzial von Glutamat vermindern.
In einer US-amerikanischen Studie, publiziert 2021, wurde nachgewiesen, dass eine Supplementierung von Vitamin B3 das Voranschreiten der Parkinsonerkrankung verlangsamen konnte. Vitamin B3 ist bekanntlich von zentraler Bedeutung für den Energiestoffwechsel der Nervenzellen. Niacin ist ein wichtiger Cofaktor im mitochondrialen Energiestoffwechsel. Wissenschaftler aus China untersuchten anhand von NHANES-Daten einen möglichen Zusammenhang zwischen der Niacin-Aufnahme und dem Risiko für Morbus Parkinson. Die Zufuhr von Vitamin B3 war invers mit dem Parkinsonrisiko bei US-Amerikanern assoziiert. Jede Steigerung der Vitamin-B3-Aufnahme um 10 mg verminderte das Parkinson-Risiko um 23 Prozent.
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Bei Parkinson-Patienten, die mit L-Dopa behandelt werden, sollte auch auf die Vitamin-B6-Versorgung geachtet werden. Jedenfalls fanden spanische Wissenschaftler bei Patienten unter L-Dopa häufig niedrige Vitamin-B6-Spiegel. Parkinson-Patienten, die mit L-Dopa und einem Decarboxylase-Hemmer behandelt werden, sollten Vitamin B6 aber nicht in hohen Dosen einnehmen.
Wissenschaftler aus Kanada publizierten 2023, dass Parkinson-Patienten ein erhöhtes Risiko für abnormale Vitamin-B6-Spiegel haben, die mit Polyneuropathie und Epilepsie assoziiert sein können.
2024 wurde von US-Wissenschaftlern ein Fachartikel publiziert aus dem hervorgeht, dass ein Vitamin-B6-Mangel bei Parkinson-Patienten mit einem erhöhten Sturzrisiko verbunden sein kann. Ein Vitamin-B6-Mangel beeinträchtigt die GABA-Neurotransmission, wodurch vermehrte Stürze auftreten können. Empfehlenswert ist die routinemäßige Bestimmung der Vitamin-B6-Spiegel bei Parkinson-Patienten. Aus einer Publikation der Mayo Klinik von 2020 geht hervor, dass höhere Vitamin-B12-Spiegel zu Beginn der Parkinsonerkrankung mit einem niedrigeren Risiko für eine Demenzentwicklung fünf Jahre nach der Parkinson-Diagnose verbunden waren.
Eine Auswertung von 14 Metaanalysen, publiziert 2022, hat ergeben, dass bei Parkinson-Patienten unter anderem die Vitamin-B12 niedriger und die Homocysteinspiegel höher sind als bei Kontrollpersonen.
2020 veröffentlichten chinesische Wissenschaftler eine Metaanalyse über die Zusammenhänge zwischen Homocystein, Folsäure und Vitamin B12 bei chinesischen Parkinson-Patienten. Die Parkinson-Patienten hatten höhere Homocysteinspiegel als Kontrollpersonen.
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Vitamin C, A und E
Aus einem Fachartikel tschechischer Wissenschaftler von 2023 geht hervor, dass niedrige Vitamin-C-Spiegel die Absorption von L-Dopa beeinträchtigen können. Vitamin C kann auch die Toxizität von L-Dopa vermindern und die Bioverfügbarkeit im Gehirn verbessern.
Veränderungen der Vitamin-A-Signalwege können auch zur Pathogenese und Pathophysiologie der Parkinsonerkrankung beitragen. Es gibt aber keine ausreichende Evidenz dafür, dass Vitamin A oder Carotinoide das Risiko für die Entwicklung der Parkinsonerkrankung wesentlich beeinflussen.
Vitamin E ist ein wichtiges fettlösliches Antioxidans und von zentraler Bedeutung für den Schutz der Fettstrukturen im ZNS vor Lipidperoxidation. Eine Metaanalyse chinesischer Wissenschaftler kam nach Auswertung von 13 Studien zu dem Ergebnis, dass eine hohe Zufuhr von Vitamin E im Vergleich zu einer geringen Aufnahme das Risiko für Morbus Parkinson reduzieren konnte. Ein Umbrella Review, publiziert 2023, hat ergeben, dass eine höhere Vitamin-E-Aufnahme im Vergleich zu einer geringen Vitamin-E-Zufuhr mit einem signifikant niedrigeren Risiko für die Entwicklung von Morbus Parkinson assoziiert war. Ein Umbrella Review ist eine aussagekräftige Übersichtsarbeit über Metaanalysen oder systematische Übersichten. Deshalb haben Sie eine besonders hohe Beweiskraft.
Koreanische Wissenschaftler publizierten 2021 eine Metaanalyse über den Effekt der Aufnahme von Vitamin C und E auf das Risiko der Parkinsonerkrankung. In die Metaanalyse wurden zwölf Studien einbezogen. Die Auswertung der Daten ergab, dass Vitamin E einen Schutzeffekt gegen die Parkinsonerkrankung hatte. Bei Vitamin C konnte dieser Effekt nicht nachgewiesen werden.
Vitamin D und K
Vitamin D hat eine wichtige Funktion in der Prävention und Behandlung der Parkinsonerkrankung. Diesbezüglich wurden auch zahlreiche Studien publiziert. Exemplarisch veröffentlichten italienische Wissenschaftler im November 2020, dass die Serumkonzentration von 25(OH)D negativ mit dem Schweregrad der Parkinsonerkrankung assoziiert war. Der Vitamin-D-Status war auch wichtig für den Erhalt der kognitiven Funktionen. Niedrige Vitamin-D-Konzentrationen begünstigten das Voranschreiten der Erkrankung.
Chinesische Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Patienten mit Morbus Parkinson signifikant niedrigere Konzentrationen von 25(OH)D aufwiesen als gesunde Kontrollpersonen.
Die Auswertung von NHANES-Daten hat ergeben, dass die Serumkonzentration von 25(OH)D auch die Sterblichkeit von Parkinson-Patienten beeinflusst. Bei Konzentrationen von 30 bis 40 ng/ml bestand die geringste Sterblichkeit. Chinesische Wissenschaftler fanden bei Parkinson-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen niedrigere Konzentrationen von Vitamin K2.
Antioxidantien und Cystein
Bei der Entstehung von Morbus Parkinson sind verschiedene Faktoren beteiligt, unter anderem auch eine Schädigung der Nervenzellen durch oxidativen Stress durch eine vermehrte Produktion freier Radikale und durch Verminderung der antioxidativen Kapazität auf zellulärer Ebene. Inwieweit eine vermehrte Zufuhr von Antioxidantien einen Schutzeffekt gegen neurodegenerative Erkrankungen hat, ist schwierig zu belegen, weil dies nur in langjährigen randomisiert-kontrollierten Studien klar nachgewiesen werden könnte. Die Wissenschaftler hatten Daten von 44.000 Männern und Frauen der schwedischen März-Kohorte ausgewertet. Eine hohe Aufnahme von Vitamin C und E über die Nahrung konnte vor allem bei übergewichtigen Personen das Parkinson-Risiko reduzieren. Generell kommt es bei älteren Menschen zu einem erhöhten oxidativen Stress, der mit einer Verminderung der Cysteinkonzentration im Blutserum einhergeht. Cystein ist eine wichtige schwefelhaltige Aminosäure und meist der limitierende Faktor für die Glutathionsynthese. Glutathion ist das wichtigste intrazelluläre Antioxidans. Eine vermehrte Entstehung von Sauerstoff- und Stickstoffradikalen, wie sie beim Morbus Parkinson typischerweise auftritt, erhöht den Glutathionverbrauch und Glutathionbedarf.
US-Wissenschaftler haben 2019 publiziert, dass eine Supplementierung von N-Acetylcystein (NAC) als Infusion und als orale Therapie über einen Zeitraum von drei Monaten bei Parkinson-Patienten zu einer Verbesserung des dopaminergen Systems führte - mit positiven klinischen Effekten.
Wissenschaftler aus Japan publizierten 2021 einen Übersichtsartikel über Glutathion und verwandte Moleküle bei Morbus Parkinson. Es gebe eine zunehmende Evidenz dafür, dass eine Dysfunktion antioxidativer Moleküle, einschließlich reduziertem Glutathion, an der Pathogenese der Parkinsonerkrankung beteiligt ist. Glutathion sei besonders wichtig zur Verhinderung der Autoxidation von Dopamin in dopaminergen Neuronen.
Forscher aus Griechenland konnten nachweisen, dass bei Altenheimbewohnern eine Verminderung der Glutathionkonzentration im Plasma mit der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Parkinson assoziiert war. Eine Verminderung der Glutathionkonzentration im Plasma ist eine der ersten nachweisbaren biochemischen Veränderungen beim Morbus Parkinson.
Taurin, Phenylalanin und Tyrosin
Die Aminosäure Taurin ist eine schwefelhaltige Aminosäure mit sehr vielfältigen Eigenschaften. Eine Supplementierung mit Taurin kann besonders bei Erkrankungen mit mitochondrialen Defekten vorteilhaft sein. Dazu gehören auch die neurodegenerativen Erkrankungen.
Die Aminosäuren Phenylalanin und Tyrosin sind Vorläufersubstanzen für die Bildung von Dopamin und der anderen Katecholamine. Aufgrund biochemischer Überlegungen könnte man annehmen, dass eine Supplementierung von Tyrosin die Dopamin-Konzentration im Gehirn anhebt, was sich in der Praxis aber in der Regel nicht bewahrheitet. Trotzdem spricht wenig dagegen, zumindest im Anfangsstadium der Parkinsonerkrankung einen Therapieversuch mit Tyrosin zu machen.
Türkische Wissenschaftler publizierten 2024 eine Metaanalyse über den Zusammenhang zwischen dem Aminosäurenstatus und Morbus Parkinson. Bei den Parkinson-Patienten waren die Aminosäuren Valin, Prolin, Ornithin und Homocystein erhöht. Wissenschaftler aus Pakistan fanden bei Parkinson-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen in jedem Krankheitsstadium niedrigere Konzentrationen der Elektrolyte.
Zink, Selen, Magnesium und Carnitin
Forscher aus Japan haben 2021 publiziert, dass die häufige Verabreichung von L-Dopa in erheblichem Umfang die Zinkkonzentration im Serum beeinflusste, was besonders für die Entstehung psychiatrischer Symptome eine Rolle spielen könne. Bei der Behandlung des Morbus Parkinson sei deshalb die Vermeidung eines Zinkmangels von Bedeutung. Trotz eines systemischen Zinkmangels kann es aber bei neurodegenerativen Erkrankungen auch zu einer Anreicherung von Zink im Gehirn kommen mit möglichen toxischen Effekten. Eine Zink-Supplementierung beim Morbus Parkinson sollte also mit großer Vorsicht erfolgen.
Koreanische Wissenschaftler haben 2023 publiziert, dass ein Zinkmangel als Risikofaktor für L-Dopa induzierte Dyskinesien anzusehen ist.
Selen ist ein wichtiges antioxidatives Spurenelement und deshalb von großer Bedeutung zur Begrenzung des oxidativen Stresses. Die Auswertung von NHANES-Daten 2011 bis 2020 hat gezeigt, dass höhere Blutspiegel von Selen einen Schutzeffekt gegen Morbus Parkinson haben könnten. Die Selenspiegel von Parkinson-Patienten waren niedriger als die von Patienten mit anderen Erkrankungen.
Chinesische Wissenschaftler haben 2024 publiziert, dass die Aufrechterhaltung eines adäquaten Magnesiumsstatus wichtig ist für die Prävention von Morbus Parkinson. Chinesische Wissenschaftler fanden bei Parkinson-Patienten verminderte Konzentrationen von Carnitin und von Carnitin-Metaboliten. Die gefundenen Veränderungen des Carnitin-Stoffwechsels seien Beweis für eine mitochondriale Dysfunktion beim Morbus Parkinson.
Coenzym Q10
Coenzym Q10 spielt eine wichtige Rolle im mitochondrialen Energiestoffwechsel und ist auch ein fettlösliches Antioxidans. Der Zusammenhang zwischen Q10 und der Parkinson-Krankheit ist Gegenstand verschiedener Studien und Untersuchungen, da Q10 antioxidative Eigenschaften besitzt und eine Rolle beim Zellschutz spielt.
In einer bereits 2004 veröffentlichten Studie fanden Forscher heraus, dass der Coenzym-Q10-Spiegel in den Mitochondrien von Parkinson-Patienten signifikant niedriger war als in den Mitochondrien von Kontrollpersonen gleichen Alters und Geschlechts.
Ein Jahr später, in Jahr 1999 kamen Forscher zu der vorsichtigen Schlussfolgerung, das Coenzym Q10 möglicherweise eine Rolle bei der zellulären Dysfunktion bei der Parkinson-Krankheit spielt und das Q10 ein potenzieller Schutzwirkstoff für Parkinson-Patienten sein könnte.
Japan, August 2015: Ubiquinol-10 kann die Symptome der Parkinson-Krankheit durch Abklingen deutlich verbessern und ist bei japanischen Patienten sicher und gut verträglich.
Deutschland 2003: Eine orale CoQ10-Supplementierung bietet im Vergleich zu Placebo einen leichten symptomatischen Nutzen und verbessert die Sehfunktion bei Parkinson-Patienten.
Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Q10 möglicherweise vor neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson schützen könnte, indem es oxidative Schäden in den Zellen reduziert.
Das Coenzym Q10 spielt eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von oxidativem Stress in den Mitochondrien der Substantia nigra. Es wirkt als Antioxidans, indem es freie Radikale einfängt und neutralisiert, die durch den oxidativen Stoffwechselprozess entstehen.
In einem Übersichtsartikel über verschiedene Studien, welche sich mit der Verwendung von diversen Antioxidantien bei der Behandlung von Parkinson-Patienten beschäftigten, verbesserten Coenzym Q10 und Glutathion unabhängig voneinander die Symptome von Morbus Parkinson. Acht Studien wurden untersucht, wobei sich vier Studien mit Coenzym Q10 befassten, drei grosse klinische Studien mit Tocopherol (zwei Beobachtungsstudien und eine prospektive randomisierte) und eine Studie mit Glutathion.
L-Arginin und Acetyl-DL-Leucin: Neue Therapieansätze
L-Arginin
Eine Studie aus dem Jahr 2005 untersuchte zum ersten Mal die Anwendung von L-Arginin bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt. 792 Studienteilnehmer erhielten für 30 Tage oral verabreichtes L-Arginin beziehungsweise ein Placebo. Die Ergebnisse konnten neben einer guten Verträglichkeit der Supplementation von L-Arginin einen positiven Trend bei der Reduktion klinischer Fälle verzeichnen. Ernährungsmediziner empfehlen Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bei Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine gezielte diätetische Behandlung mit L-Arginin. Darüber hinaus wird oft Folsäure empfohlen.
Acetyl-DL-Leucin: Ein Hoffnungsschimmer?
Anfang September wurde in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“ eine Arbeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus Marburg, München, Groningen, Amsterdam und Chicago veröffentlicht. Beschrieben werden dort zwei Fallberichte, in denen die modifizierte Aminosäure Acetyl-DL-Leucin erfolgreich das Auftreten einer manifesten Parkinson-Krankheit verhinderte. Wesentliche Krankheitsmarker gingen nach Gabe von Acetyl-DL-Leucin (ADLL) zurück.
Zwei Personen (eine weiblich, eine männlich) mit einer isolierter REM-Schlafverhaltensstörung (iRBD) wurden 22 Monate lang mit 5 g ADLL pro Tag behandelt. Die Traum-Schlafstörung iRBD gilt als Vorläufer einer Parkinson-Krankheit. Wer an einer iRBD leidet, hat ein Risiko von mehr als 85 Prozent (und damit ein 130-fach höheres Risiko), in den folgenden 10 bis 15 Jahren an der Parkinson-Krankheit oder einer Lewy-Körperchen-Demenz (einer Variante der Parkinson-Krankheit) zu erkranken. Nur etwa 15 Prozent der von iRBD Betroffenen entwickeln diese neurodegenerativen Erkrankungen nicht. In der Wissenschaft gilt daher die iRBD als Frühsymptom (prodromales Zeichen) der Parkinson-Krankheit.
„Dass die beiden Betroffenen wahrscheinlich nicht zu den 15 Prozent der ‚Glücklichen‘ gehörten, die dieses Schicksal nicht ereilt hätte, wissen wir aus den Voruntersuchungen: Die Dopamin-Transporter SPECT („Single Photon Emission Computerized Tomography“)-Untersuchung zeigte bei beiden bereits eindeutig vor der Behandlung mit ADLL einen pathologischen Befund. Auch litten beide schon unter einer Riechstörung (Anosmie), einem weiteren Parkinson-Frühsymptom“, erläutert Prof. Dr. Lars Timmermann, Direktor der Neurologie an der Uniklinik Marburg und Ko-Autor der Studie. „Das wirklich Eindrucksvolle an den beiden Fallberichten ist, dass die neurodegenerativen Veränderungen hin zu einer klinisch manifesten Parkinson-Krankheit nicht nur verlangsamt werden konnten, sondern dass sich die Krankheitszeichen in der Bildgebung unter der Behandlung sogar zurückbildeten“, ergänzt Dr. Annette Janzen, Ko-Autorin und Oberärztin an der Marburger Klinik. Und Prof. Dr. Michael Strupp, Senior-Autor der Publikation, von der Klinik für Neurologie der LMU München betont: „Das leistet bisher noch kein einziger Therapieansatz. Und wir reden hier über eine einfache und gut verträgliche modifizierte Aminosäure."
Folgende drei Kriterien wurden in der aktuellen Publikation, untersucht: 1) der Schweregrad der REM-Schlafverhaltensstörung (RBD-SS-3), 2) die Dopamin-Transporter-Einzelphotonen-Emissions-Computertomographie (DAT-SPECT als Maß für den Verlust der dopaminergen Fasern von der Substantia nigra zum Streifenkörper) und 3) der metabolische „Parkinson’s Disease-related-Pattern (PDRP)“-z-Score in der 18F-Fluorodesoxyglucose-Positronen-Emissions-Tomographie (FDG-PET - als Maß für Parkinson-typische pathologische Hirnaktivität). Bereits nach drei Wochen der Behandlung sank der RBD-SS-3-Wert bei beiden Studienteilnehmenden deutlich ab und blieb über die 18 Monate der ADLL-Behandlung reduziert. Bei Patientin 1 war die sog. DAT-SPECT Putaminal Binding Ratio (PBR) in den fünf Jahren vor der Behandlung von normal (1,88) auf pathologisch (1,22) gesunken und der FDG-PET-PDRP-z-Score von 1,72 auf einen krankhaften Wert von 3,28 gestiegen. Nach 22 Monaten ADLL-Behandlung verbesserte sich der DAT-SPECT-PBR auf 1,67 als Hinweis auf Erholung des dopaminergen Systems und der FDG-PET-PDRP-z-Score lag bei 3,18 als Zeichen der Stabilisierung der Hirnaktivität. Ähnliche Ergebnisse wurden bei Patient 2 beobachtet: Sein DAT-SPECT-PBR stieg von einem Vorbehandlungswert von 1,42 auf einen fast normalen Wert von 1,72 und der FDG-PET-PDRP-z-Score sank nach 18 Monaten ADLL-Behandlung von 1,02 auf 0,30 als Zeichen des Rückgangs der Parkinson-typischen pathologischen Hirnaktivität.
Zu den Wirkmechanismen von Acetyl-DL-Leucin gehören zwei Effekte: 1) auf das lysosomale System und 2) auf die „Zellatmung“, also den Energiestoffwechsel der Zellen. In jeder Zelle wird aus der mit der Nahrung zugeführten Substanz Glukose in Anwesenheit von Sauerstoff in den Mitchondrien (den „Zellkraftwerken“) der entscheidende Energieträger der Zelle, das Adenosin-Tri-Phosphat (ATP), hergestellt. Ohne ausreichende Mengen von ATP können Zellfunktionen nicht aufrechterhalten werden. Wie eine biochemische Arbeit zeigt, erhöht Acetyl-L-Leucin die Produktion von ATP. Störungen des lysosomalen Systems sind bei der Parkinson-Krankheit im Gehirn beschrieben und jüngste Ergebnisse der Ko-Autoren Dr. Geibl und Dr. Henrich in einem Mausmodell des prodromalen Stadiums der Parkinson-Krankheit zeigen, dass im Frühstadium sowohl der Energiehaushalt als auch die lysosomale Funktion in den geschädigten dopaminergen Neuronen stark beeinträchtigt ist. Das ist umso mehr ein Grund, Acetyl-DL-Leucin mit seinem dualen Wirkmechanismus bei Patientinnen und Patienten mit isolierter REM-Schlafverhaltensstörung einzusetzen.
Bei den beiden iRBD-Patienten kam das Medikament Acetyl-DL-Leucin zum Einsatz. Chemisch liegt Acetyl-Leucin in zwei Formen vor: als Acetyl-D-Leucin (D steht für „das Licht nach rechts drehend“) und als Acetyl-L-Leucin (L-steht für „das Licht nach links drehend“). Die Mischung von beiden Formen, von Acetyl-D-Leucin und Acetyl-L-Leucin, wird als Acetyl-DL-Leucin (ADLL) bezeichnet. Und nur diese Mischung ADLL stand für den individuellen OFF-Label Einsatz (Heilversuch) bei den oben beschriebenen zwei Patienten mit iRBD als Medikament zur Verfügung. Aus der Grundlagenforschung an Tiermodellen gibt es aktuelle Hinweise, dass von dem Gemisch ADLL nur die L-Form, also Acetyl-L-Leucin, wirksam ist. Zukünftige Studien werden demnach vorzugsweise mit Acetyl-L-Leucin durchgeführt werden.
Schlussfolgerung und Ausblick
„Wir sehen Hinweise dafür, dass Acetyl-DL-Leucin das Fortschreiten der Erkrankung verhindern kann. Die Parkinson-typischen Muster in der Bildgebung sind sogar reversibel - und es scheint: je besser die Ausgangswerte oder je leichter ausgeprägt die Krankheitswerte zu Behandlungsbeginn, desto effektiver ist möglicherweise die Therapie. Wir müssen betonen, dass es sich bisher nur um zwei Patientenbeschreibungen handelt, mit allen Limitationen wie Nicht-Verblindung, fehlende Placebogruppe etc. Randomisierte Placebo-kontrollierte Langzeitstudien sind in Planung. Was uns optimistisch stimmt und besonders fasziniert, sind die Bildgebungsdaten, da die Verbesserung der Hirnpathologie nicht mit einem Placebo-Effekt erklärt werden kann“, erläutert Prof. Dr. Wolfgang Oertel.
Viele Errungenschaften in der Medizin gehen auf Zufallsbeobachtungen zurück, wie z. B. die Entdeckung des Penicillins. Bestätigen große klinische Studien das, was hier an zwei Patienten beobachtet werden konnte, nämlich dass Acetyl-DL-Leucin eine beginnende Parkinson-Krankheit zum Stillstand bringen kann, stellt diese Entdeckung einen bedeutsamen Meilenstein in der Medizingeschichte dar. „Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg und wir müssen bei aller Euphorie besonnen bleiben und möglichst schnell kontrollierte Studien auflegen, die evidenzgebend sind“, mahnt Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.