Botox und der Vagusnerv: Neue Therapieansätze im Überblick

Die Anwendung von Botulinumtoxin (Botox) ist in der Medizin weit verbreitet und geht über die rein ästhetische Nutzung hinaus. Insbesondere im Bereich der Neurologie und der Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen eröffnen sich vielversprechende Therapieansätze. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Botox in Verbindung mit dem Vagusnerv, einem zentralen Nerv des menschlichen Körpers, und gibt einen Überblick über aktuelle Studien und Behandlungsmethoden.

Der Vagusnerv: Ein Schlüsselspieler der Körperfunktionen

Der Vagusnerv, auch bekannt als der zehnte Hirnnerv, spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung zahlreicher Körperfunktionen. Er verbindet das Gehirn mit wichtigen Organen wie Herz, Lunge, Magen und Darm und beeinflusst somit Verdauung, Herzfrequenz, Atmung und sogar die Stimmung.

Die Rolle des Vagusnervs bei der Verdauung

Der Vagusnerv reguliert die Magenentleerung und den Säureausstoß. Impulse aus dem Vagusnerv können das Wachstum von Krebszellen begünstigen. Der Nervus vagus regelt die Aktivität vieler Organe, unter anderem auch die Magenleerung und den Säureausstoß. Zwei Äste diese Nervs ziehen von der Speiseröhre Richtung Magen und dort vor allem an die innere Magenkurve. Vielleicht begünstigen die Nervenimpulse quasi als Nebenwirkung auch das Wachstum von Krebszellen. Einer davon, das Acetylcholin, gibt eigentlich den Startschuss für die Kontraktion der Magenmuskeln. Aber gleichzeitig regt Acetylcholin Stammzellen in der Magenwand zur vermehrten Teilung an. Der Vagusnerv ist verantwortlich für die Steuerung vieler Aspekte des menschlichen Verhaltens: Dieser Hirnnerv verbindet einige wichtige Organsysteme mit dem Gehirn und unterstützt somit die Weiterleitung von körpereigenen Signalen. Diese helfen etwa bei der gezielten Nahrungssuche, indem sie das Belohnungssystem für Essensreize schärfen, wenn der Magen leer ist. Bisherige Forschungen zeigten, dass der Vagusnerv die Verdauung über das Gehirn regulieren kann. Dieser Mechanismus ist für therapeutische Anwendungen relevant, da der Vagusnerv nicht-invasiv stimuliert werden kann.

Vagusnerv-Stimulation zur Beeinflussung von Hunger und Sättigung

Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Nils Kroemer der Universitätsklinika Tübingen und Bonn konnte erstmals zeigen, dass eine nicht-invasive Stimulation des Vagusnervs am Ohr die Kommunikation zwischen Magen und Gehirn innerhalb von Minuten verstärken kann. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Bonn sowie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung, untersuchte insgesamt 31 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie kombinierten die Stimulation des Vagusnervs am Ohr mit einer zeitgleichen Aufzeichnung der Aktivierung des Gehirns über funktionelle Magnetresonanztomographie (MRT) und einem sogenannten Elektrogastrogram. Bei dem Elektrogastrogram werden Elektroden - ähnlich wie bei einem EKG - über dem Magen platziert, um die Signale des Verdauungstraktes aufzuzeichnen. „Wir konnten erstmals zeigen, dass wir die Kopplung zwischen Signalen des Magens und des Gehirns mit einer elektrischen Stimulation verstärken können - und das innerhalb von wenigen Minuten“, so Prof. Kroemer. Er leitet eine Arbeitsgruppe zu neurobiologischen Grundlagen von Motivation, Handlungen und Verlangen (neuroMADLAB) im Bereich Translationale Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Tübingen und ist seit 2022 Professor für Medizinische Psychologie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn. Das Forschungsteam hat bei den Studienteilnehmenden sowohl den Vagusnerv am Ohr als auch in einer Kontrollsimulation andere Nerven am Ohr angeregt. „Wir konnten beobachten, dass die Vagusnerv-Stimulation die Kopplung mit Signalen des Magens im Hirnstamm und im Mittelhirn erhöht“, erklärt Prof. Kroemer und führt fort: „Diese Regionen sind wichtig, da sie die ersten Ziele des Vagusnervs im Gehirn sind und über das Mittelhirn bereits Effekte vermittelt sein könnten, die unsere Handlungen beeinflussen.“ Darüber hinaus entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass die Kopplung mit dem Magen im gesamten Gehirn zunahm, insbesondere in Regionen, die bereits vor der Stimulation stärker mit dem Magen kommunizieren. Veränderungen in der Kopplung zwischen Magen und Gehirn können nahezu unmittelbar erzeugt werden und sich schnell ausbreiten. Diese Erkenntnisse können neue Therapieoptionen ermöglichen. So forscht die Gruppe um Prof. Kroemer aktuell weiter an einer möglichen Anwendung bei Depressionen, wo Veränderungen in der Kommunikation zwischen dem Körper und dem Gehirn bereits als ein wesentlicher Faktor betrachtet werden. Auch bei Adipositas und Essstörungen könnte die Stimulation des Vagusnervs in Zukunft betroffenen Personen helfen, die Wahrnehmung der Körpersignale wiederherzustellen.

Botox als Therapeutikum: Anwendungsbereiche in der Neurologie

Ursprünglich wurde Botox vor über 20 Jahren von Augenärzten und Neurologen verwendet. Bei neurologischen Erkrankungen mit (oft schmerzhafter) Muskelüberaktivität, wie z.B. bei Lidkrampf (Blepharospasmus), Schiefhals (zervikale Dystonie) oder Schreibkrampf ist Botulinumtoxin mittlerweile Therapie der ersten Wahl. Auch bei Muskeltonuserhöhung (z.B. Auch bei Botulinumtoxin ist der Einsatz des neurologischen Ultraschalls oft sinnvoll. Mit der ultraschallgestützten Botulinumtoxintherapie lassen sich einzelne Muskeln sicher identifizieren und gezielt behandeln. In der Forschung wird Botulinumtoxin bei verschiedenen Schmerzzuständen zum angewendet. Gerade bei Nervenschmerzen eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten. Zum Beispiel gibt es bei Nervenschmerzen durch Post-Zoster-Neuralgie und auch bei diabetischer Polyneuropathie bereits gute Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Studien. Muskulärer Schiefhals - med. Krampf der Lidschlussmuskulatur - med. Verkrampfung der Gesichtsmuskulatur - med. Erhöhter Muskeltonus/Spastik an Beinen und Füßen, z.B. sog. Übermäßiges Schwitzen der Achselhöhlen - med. Übermäßiges Schwitzen an Händen oder Füßen - med. Tennisellbogen, auch Golferellbogen - med. Nervenschmerzen, z.B. bei diabetischer Polyneuropathie, Post-Zoster-Neuralgie, Occipitalisneuralgie, nach Nervenverletzungen, etc. (aktuell noch Forschungsgegenstand, wurde in einzelnen Bereichen eine langanhaltende Wirksamkeit gezeigt. Die Behandlung erfolgt im Einzelfall auf Wunsch gemäß sog.

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Botox zur Behandlung der neurogenen Blase

Die endoskopische Injektion von Medikamenten, die zu einer Lähmung der Harnblase führen (=Botox, Botulinum Toxin), ist ebenfalls eine therapeutische Option.

Magen-Botox: Ein neuer Ansatz zur Gewichtsreduktion

Eine relativ neue Anwendung von Botox ist die Injektion in den Magen zur Unterstützung der Gewichtsreduktion. Dieser Ansatz basiert auf der Blockierung des Vagusnervs, der das Gehirn und den Magen verbindet.

Wirkungsweise von Magen-Botox

Bei Magen-Botox wird durch die Injektion ein Schlüsselnerv im Magen blockiert. Dieser Nerv kontrolliert die Gefühle von Hunger und Sättigung. Botox blockiert den Vagusnerv, der das Gehirn und den Magen verbindet. Die Vorteile im Vergleich zu traditionellen Operationen zur Magenverkleinerung sind dabei offensichtlich. Statt einer offenen Operation wird dabei das Botox direkt in den Nerv im Magen injiziert. Der Eingriff wird von den Fachärzten durch ein Endoskop überwacht und gesteuert. So ist die präzise Injektion gewährleistet und eine offene Operation zur Magenverkleinerung nicht erforderlich. Der Effekt tritt sofort auf und ist lange wirksam. Neben der Erstbehandlung sind die Injektionen in einem Abstand von jeweils sechs Monaten zu wiederholen. Die Injektion von Botox in die Muskulatur des Magen soll über eine verminderte Magenentleerung die Sättigung fördern und die Kalorienzufuhr senken.

Der Ablauf der Behandlung

Unter örtlicher Betäubung schiebt der Arzt das Endoskop durch den Mund und die Speiseröhre bis in den Magen. Dann wird das Botox in den pylorischen Schließmuskel gespritzt. Nach dem Eingriff kehrt der Patient in einen Warteraum zurück. Dort kann er sich von der lokalen Betäubung erholen. Sobald der Patient sich wieder frei bewegen und kleine Mengen Flüssigkeit zu sich nehmen kann, wird er aus der Tagesklinik entlassen. Die Wirkung des Botox kann unmittelbar oder mit einiger zeitlicher Verzögerung erfolgen.

Mögliche Komplikationen und Nebenwirkungen

Mögliche Komplikationen hängen in erster Linie mit den verabreichten Beruhigungsmitteln zusammen. Es können hierbei Übelkeit und Erbrechen auftreten. Botox ist ein relativ sicheres Medikament, das auch bei der Anwendung zur Gewichtsabnahme keine schweren Nebenwirkungen zeigt.

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Studienergebnisse und Erfolge

Der Erfolg von Magen-Botox wurde in zahlreichen Studien wissenschaftlich belegt. Dabei wurden Gruppen von fettleibigen Menschen, die einen Body-Mass-Index (BMI) von 35 bis 44 hatten, mit Magen-Botox behandelt. Im Zeitraum von einem Jahr haben die Patienten jeweils zwei BotoxInjektionen erhalten. Im Gegensatz zu einem Magenbypass, ist Magen Botox eine Unterstützung und ersetzt eine ausgewogene Diät nicht! Wer danach und während der Behandlung ungesund fett- wie zuckerlastig speist, wird viel des potenziellen Erfolgs aufhalten oder zunichte machen.

Magen-Botox in der Türkei

Viele Patienten und Patientinnen entscheiden sich für eine Behandlung in der Türkei. Die Kosten für eine Behandlung liegen bei circa 1700 Euro. In der Behandlung wird das sterile Endoskop an den Magen geführt und damit die Botox-Injektion überwacht. Bei jeder Mahlzeit stellt sich nun ein schnelles Sättigungsgefühl einstellen.

Kritik und Skepsis

Es gibt auch kritische Stimmen bezüglich des Einsatzes von Botox zur Gewichtsreduktion. Einige Patienten berichten von keinen Effekt bezüglich Reflux. Wenn man es sich mal mit dem verspaßt, wird es bestimmt nicht lustig. Denn der ist für alle inneren Organe zuständig.

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