Die Botulinumtoxin-Therapie hat sich als Behandlungsstandard für verschiedene neurologische Erkrankungen etabliert. Insbesondere bei der Behandlung von Spastik, Dystonien und auch bei vermehrtem Schwitzen, Speichelfluss und chronischer Migräne hat sich die Botulinumtoxin-Therapie als wirksam erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Botulinumtoxin bei Parkinson-Patienten, die Wirkungsweise, das Behandlungsspektrum und weitere wichtige Aspekte.
Grundlagen der Botulinumtoxin-Therapie
Botulinumtoxine (BTX) sind Eiweiße, die die Übertragung krankhafter Impulse von übererregten Nerven auf die Muskulatur blockieren. Der Wirkmechanismus beruht primär auf der Hemmung der Signalübertragung vom Nerv auf den Muskel, was zu einer dosisabhängigen Lähmung des injizierten Muskels führt. Die Wirkung ist in der Regel auf den injizierten Muskel beschränkt, wodurch eine gezielte lokale Behandlung ohne größere systemische Nebenwirkungen möglich ist.
Anwendungsgebiete von Botulinumtoxin
Die Therapie mit Botulinumtoxin wird für eine Vielzahl von Indikationen angeboten, darunter:
- Torticollis spasmodicus (Schiefhals): Verschiedene Ausprägungen wie Drehung (Torticollis), Seitneigung (Laterocollis), Vorneigung (Anterocollis) und Rückneigung (Retrocollis).
- Spastik nach Schlaganfall: Armbeugspastik, Hemispastik, Spitzfuß, Krallenhand, Lumbrikalhand, Paraspastik, Adduktorenspastik bei Multipler Sklerose.
- Blepharospasmus: Unwillkürlicher Augenschluss, Lidkrampf.
- Oromandibuläre Dystonie inklusive Meige-Syndrom: Bewegungsstörungen im Mund- und Kieferbereich.
- Tic-Störungen: Blinzeltic, Augentick, zwanghaftes Augenzwinkern.
- Bruxismus: Zähneknirschen, z.B. nach Schädel-Hirn-Trauma oder Hirnblutung.
- Schreibkrampf (Graphospasmus): Dystonie beim Schreiben.
- Fokale Dystonien: Kieferschlussdystonie, Fußdystonie, Painful-leg- und Moving-toes-Syndrom, Psoassyndrom.
- Generalisierte Torsionsdystonien, Myoklonus-Dystonie: Oft in Kombination mit tiefer Hirnstimulation.
- Hemispasmus fazialis: Unerwünschte, einseitige Kontraktion der Gesichtsmuskeln.
- Syndyskinesien nach Fazialisparese: Krokodilstränen, Frey-Syndrom bzw. Aurikulotemporales Syndrom, gustatorisches Schwitzen und gustatorische Hyperhidrose.
- Hypersalivation (Sialorrhoe): Vermehrter Speichelfluss bei Morbus Parkinson, Amyotropher Lateralsklerose (ALS) oder Multisystematrophie.
- Hyperhidrose: Übermäßiges Schwitzen (axilläre oder palmare Hyperhidrose).
- Chronische Migräne: Zur Vorbeugung von Migräneattacken.
- Regionale oder fokale Schmerzsyndrome: Narbenschmerzen, Stumpfschmerzen.
- Seltene urogenitale Syndrome: Vulvodynie, Vaginismus, Anismus, Priapismus (in Zusammenarbeit mit gynäkologischen, urologischen und psychiatrischen Kollegen).
- Engpasssyndrome: Piriformis-Syndrom, akzessorische Muskeln bei Karpaltunnel-Syndrom oder Sulcus-ulnaris-Syndrom, Thoracic-outlet-Syndrom.
- Kosmetische Behandlung: Faltenbehandlung.
Botulinumtoxin-Therapie bei Parkinson
Bei Parkinson-Patienten eignet sich Botulinumtoxin gut zur Linderung des übermäßigen Speichelflusses (Hypersalivation), wenn dieser die Lebensqualität deutlich einschränkt. Auch dystone Krämpfe der Zehen- und Beinmuskeln in der sogenannten "Off"-Phase können durch BTX gut gelindert werden.
Vermehrter Speichelfluss (Sialorrhoe) bei Parkinson
Der vermehrte Speichelfluss wird entweder durch eine erhöhte Speichelproduktion oder eine verringerte Schlucktätigkeit verursacht. Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie M. Parkinson ist die Sialorrhoe oft auf eine Schluckstörung mit reduzierter Fähigkeit, den gebildeten Speichel zu schlucken, zurückzuführen. Dies kann zu einer Reihe von negativen Auswirkungen führen, wie Behinderung des Sprechens, ungewolltes Herauslaufen des Speichels aus dem Mund und ständig benetzter Kleidung. Zudem steigt die Gefahr von teils schweren Infektionen, wenn der Speichel durch die Schluckstörung begünstigt in die Lunge gelangt.
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Durch eine gezielte Behandlung einer oder mehrerer der jeweils paarig angelegten Speicheldrüsen (Glandula submandibularis, Glandula parotis, Glandula sublingualis) mit Botulinumtoxin kann die Speichelproduktion reduziert werden, ohne dass es zu einer zu starken Mundtrockenheit kommt. Bei der Gruppe der Parkinson-Syndrome ist die Therapie mit Botulinumtoxin mittlerweile Therapie der ersten Wahl, da andere medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten oft ausgeprägte Nebenwirkungen haben.
Dystonie und Spastik bei Parkinson
Botulinumtoxin kann auch bei Dystonien und Spastiken eingesetzt werden, die im Rahmen von Parkinson auftreten können. Dystonien sind unwillkürliche Muskelbewegungen, die zu Fehlstellungen und Schmerzen führen können. Spastik ist eine erhöhte Muskelspannung, die die Beweglichkeit einschränkt. Durch die Injektion von Botulinumtoxin in die betroffenen Muskeln kann die Muskelspannung reduziert und die Beweglichkeit verbessert werden.
Ablauf der Behandlung
Die Injektion von Botulinumtoxin erfolgt mit einer dünnen Nadel direkt in die betroffenen Muskeln. Zur besseren Lokalisation der zu injizierenden Muskeln können Ultraschall und Elektromyografie (EMG) verwendet werden. Der Effekt setzt nach etwa einer Woche ein und ist nach zwei bis drei Wochen am stärksten zu spüren. Die Wirkung von Botulinumtoxin tritt in der Regel nach 3-10 Tagen ein und hält für 10-12 Wochen an. Eine Re-Injektion sollte frühestens nach 8 Wochen erfolgen, um die Gefahr der Bildung von neutralisierenden Antikörpern zu minimieren.
Die Therapie muss in der Regel alle 10-16 Wochen wiederholt werden, wofür langfristig Wiedervorstellungstermine vergeben werden. Bei einigen Patienten ist eine zusätzliche Behandlung der Dystonie oder der Spastik mit Medikamenten wie Tizanidine, Baclofen, Gabapentin, Tetrabenazin oder Biperiden nötig. Ein guter interdisziplinärer Austausch mit der Physiotherapie ist wichtig.
Mögliche Nebenwirkungen
Die Botulinumtoxin-Therapie wird in der Regel sehr gut vertragen. In seltenen Fällen können Nebenwirkungen im Injektionsbereich wie etwa blaue Flecke auftreten, vor allem bei Einnahme gerinnungshemmender Medikamente. Zudem kann eine übermäßige Schwäche der Muskulatur auftreten, die jedoch nicht von Dauer ist. Bei einer zu hohen Dosierung treten mitunter Schluckstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Übelkeit oder auch eine Einschränkung der Mimik auf.
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Kostenübernahme
Die Kosten für die Botulinumtoxin-Therapie werden in Deutschland in der Regel von den Krankenkassen übernommen, wenn die Therapie zur Behandlung von zugelassenen Indikationen wie Spastik, Dystonie, Hypersalivation oder chronischer Migräne eingesetzt wird.
Bewegungsstörungen und ihre Behandlung
Bewegungsstörungen sind Störungen der Bewegungs- und Haltungsregulation, die durch eine fehlerhafte Steuerung im zentralen Nervensystem entstehen. Sie äußern sich durch reduzierte Bewegungen, Fehlbewegungen oder Überbewegungen, die nicht der Willkürmotorik unterliegen und deshalb mitunter zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Patienten führen können.
Ursachen von Bewegungsstörungen
Erbliche Faktoren, metabolische, traumatische und entzündliche Schädigungen des zentralen Nervensystems können zu Bewegungsstörungen führen. Oft liegt den Erkrankungen eine Störung der Basalganglien zugrunde. Sie sind für automatische Bewegungen und die Präzision der Willkürbewegungen verantwortlich.
Arten von Bewegungsstörungen
Folgende Erkrankungen gehören u.a. zu den Bewegungsstörungen:
- Idiopathisches Parkinson-Syndrom (Parkinson-Krankheit)
- Atypische Parkinson-Syndrome (z.B. Multisystematrophie, Progressive supranukleäre Blickparese, Corticobasale Degeneration)
- Tremor-Syndrome (essentielles, dystones, erbliches, oder Parkinson-Zittern)
- Chorea (Veitstanz, z.B. bei Huntington Krankheit)
- Dystonie (z.B. Schiefhals, Schreibkrampf, Musikerdystonie, Lidkrampf)
- Spastik
Diagnostik von Bewegungsstörungen
Folgende Methoden können bei der Diagnostik von Bewegungsstörungen eingesetzt werden:
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- Ausführliche Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese)
- Standardisierte klinische Untersuchung
- Elektrophysiologie/Tremoranalyse
- Ganganalyse
- Genetische Untersuchungen
- Sorgfältige Voruntersuchungen für die Entscheidung zu einer tiefen Hirnstimulation
- Überprüfung von Neurostimulationssystemen
- Überprüfung der Pumpensysteme
- Standardisierte Levodopa- / Apomorphin-Tests
- Neuropsychologische Untersuchungen
- Autonome Funktionstestung
- Erweiterte Laboruntersuchungen in Blut, Urin und Nervenwasser
Behandlung von Bewegungsstörungen
Die Behandlung der Bewegungsstörungen umfasst in der Regel eine moderne medikamentöse Therapie, welche die Wirksamkeit und Verträglichkeit für den jeweiligen Patienten im Fokus hat. Unterstützend wird bedarfsgemäß Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie und soziale Beratung angeboten.
Die tiefe Hirnstimulation ist eine von mehreren Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit Bewegungsstörungen. Bei der tiefen Hirnstimulation werden Elektroden in bestimmte Gehirnregionen mittels eines neurochirurgischen Eingriffs implantiert. Die elektrischen Impulse, die durch diese Elektroden produziert werden, beeinflussen bestimmte Nervenzellen und chemische Prozesse im Gehirn. Die Stimulation ist durch einen Hirnschrittmacher kontrolliert. Er wird mit einem dünnen Kabel, das unter der Haut verlegt wird, an die im Gehirn implantierten Elektroden angeschlossen.
Die tiefe Hirnstimulation kann bei folgenden Erkrankungen eingesetzt werden:
- Essentieller Tremor
- Dystonien
- Parkinson-Krankheit
Weitere Therapieoptionen
- Apomorphin: Ein starker Dopaminagonist, der zur Behandlung motorischer Symptome der Parkinson-Krankheit eingesetzt wird.
- Levodopa/Carbidopa Intestinalgel (Duodopa®): Zugelassen zur Behandlung motorischer Fluktuationen der fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankung.
- Intrathekale Baclofen-Behandlung (ITB): Bei schwerer, chronischer Spastizität, die mit Physiotherapie und oralen Antispastika therapeutisch nicht ausreichend behandelbar ist.
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