Die Frage, ob Boxen gefährlich für das Gehirn ist, ist komplex und viel diskutiert. Während einige die Sportart verteidigen und auf ihre positiven Aspekte hinweisen, warnen andere vor den potenziellen Risiken schwerwiegender Hirnschäden. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Debatte und bietet eine umfassende Analyse der verfügbaren Informationen.
Einführung
Boxen, eine Sportart mit langer Tradition, ist sowohl bei Amateuren als auch bei Profis beliebt. Die körperlichen und geistigen Anforderungen des Boxens sind unbestreitbar, doch die potenziellen Risiken für die Gesundheit des Gehirns sind ein wachsendes Anliegen. Dieser Artikel untersucht die akuten und chronischen Folgen von Boxen auf das Gehirn, die Unterschiede zwischen Amateur- und Profiboxen sowie die Maßnahmen, die zur Minimierung des Risikos von Hirnschäden ergriffen werden können.
Akute Folgen von Schlägen auf den Kopf
Ein Schlag auf den Hinterkopf fördert das Denkvermögen - so der platte Spruch gewaltbereiter Mitmenschen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Beim Boxen ist das regelkonforme Ziel, den Gegner verteidigungsunfähig zu machen, beispielsweise durch ein stumpfes Schädel-Hirn-Trauma, das zu einer vorübergehenden Bewusstlosigkeit führt (Knock-out, K. o.). Die Aufprallgeschwindigkeit der Faust auf den Kopf kann 10 m/s und mehr betragen. Die Kraft steigt mit der Gewichtsklasse auf über 5.000 Newton, was zu einer Translationsbeschleunigung des gegnerischen Kopfes von über 50 g führen kann. Kampfentscheidend sind vor allem Rotationsbeschleunigungen des Schädels, die zu Scherkräften und Stauchungen oder Zerrungen zentraler Bahnen im oberen Hirnstamm führen.
Neben dem regelgerechten Niederschlag werden bei Boxkämpfen häufig weitere Verletzungen an Kopf und Gesicht beobachtet. In einer Studie mit 907 Kämpfen von 545 Profiboxern wurden 214 Verletzungen registriert (24 %). Nichtregelkonforme Verletzungen traten in 17 % von 524 Profikämpfen auf, wobei 51 % im Gesichtsbereich, 17 % an den Händen, 14 % an den Augen und 5 % an der Nase auftraten.
Akute Todesfälle im Boxen
Seit 1890 wurden etwa 10 Todesfälle pro Jahr im Zusammenhang mit Boxkämpfen dokumentiert, wobei die tatsächliche Zahl wahrscheinlich höher liegt. Die Ursachen für diese Todesfälle sind vielfältig und umfassen:
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- Kardiale Komplikationen
- Risse von Leber oder Milz
- Kopf- und Nackenverletzungen (über 80 %), wie Zerreißungen oder Thrombosen größerer Hirngefäße, Epiduralblutungen und Subduralhämatome
Potenzielle Risikofaktoren für eine erhöhte Letalität sind Alter, vorbestehende Hirnveränderungen, somatische Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, Dehydrierung, starker Gewichtsverlust, eine hohe Zahl von Kopftreffern und das Second-Impact-Syndrom.
Subakute Folgen von Schlägen auf den Kopf
Auch wenn die akuten Verletzungen abgeklungen sind, können Boxer unter einer Reihe von subjektiven Beschwerden leiden. Eine Befragung von 632 japanischen Profiboxern ergab, dass fast die Hälfte der Athleten am Tag nach einem K. o. unter Symptomen wie Kopfschmerzen, Tinnitus, Vergesslichkeit, Hörstörungen, Schwindel, Übelkeit und Gangstörungen litt. Etwa 10 % dieser aktiven Boxer gaben an, ständig unter Vergesslichkeit, Kopfschmerzen und anderen Beschwerden zu leiden.
Neuropsychologische Auswirkungen
Kognitive Defizite nach Sporttraumata halten messbar länger an als die subjektiv wahrgenommenen Probleme. Viele Boxer entwickeln bereits während ihrer aktiven Zeit zumindest leichte kognitive Störungen, die sich auch mit einfachen Mitteln erfassen lassen. Studien haben gezeigt, dass das verzögerte Wiedererinnern bereits bei Amateuren nach Trainingskämpfen mit Kopfschutz eingeschränkt sein kann. Auch prospektiv untersuchte Amateurboxer, deren Kampf abgebrochen werden musste, waren danach bei einfachen Reaktionstests und Mehrfachwahlaufgaben signifikant langsamer.
Biochemische Veränderungen im Gehirn
Innerhalb von 24 Stunden nach einem Schädel-Hirn-Trauma wird bereits deutlich mehr beta-Amyloid, der Grundbaustein der Alzheimer-Plaques, gebildet. Studien haben gezeigt, dass die Werte des Gesamt-Tau-Proteins, des „neurofilament light protein“ und des „glial fibrillary acidic protein“ im Liquor signifikant erhöht sind, und dies umso deutlicher, je mehr und je härtere Schläge ein Boxer erlitten hat. Diese Ergebnisse weisen auf eine akute neuronale und astrogliale Zellläsion hin.
Chronische Folgen von Schlägen auf den Kopf
Zehn bis 20 % der Profiboxer leiden unter anhaltenden neuropsychiatrischen Folgeerkrankungen. Die schwerwiegendsten Konsequenzen eines chronisch rezidivierenden Schädel-Hirn-Traumas bei professionellen Boxern mit langer Karriere sind:
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- Motorik: Tremor, Dysarthrie, Parkinson-Symptomatik, Ataxie, Spastik
- Kognition: Verlangsamung, Gedächtnisstörung, Demenz
- Erleben und Verhalten: Depression, Reizbarkeit, Aggressivität, Kriminalität, Sucht
Im Bezug auf Dementia pugilistica („Punch-Drunk-Syndrome“, chronische Boxer-Enzephalopathie) konnten ähnliche Risikofaktoren gefunden werden wie für die akuten Komplikationen des Boxens: Alter (> 28 Jahre), Karrieredauer (> 10 Jahre), Zahl der Kämpfe und schlechte Abwehrreflexe. Zusätzliche Faktoren sind häufige Knock-outs, längeres Sparren, „gutes Stehvermögen“ und Apolipoprotein E4.
Neuroradiologische Befunde
Konventionelle Methoden der strukturellen Bildgebung zeigen nur bei einem geringen Prozentsatz der Boxer eindeutig chronisch-pathologische Veränderungen, aber gehäuft Anomalien wie das Cavum septi pellucidi. Neuere Studien haben jedoch gezeigt, dass Boxer im Vergleich zu gesunden Erwachsenen eine erhöhte Diffusionskonstante und eine verminderte Diffusionsanisotropie aufweisen, was auf mikrostrukturelle Läsionen hinweisen könnte.
Neuropathologische Erkenntnisse
Histologisch ist die chronisch traumatische Enzephalopathie der Boxer vorwiegend charakterisiert durch gesteigerte Tau-Phosphorylierung und eine fleckförmig verteilte Neurofibrilleneinlagerung vor allem in den oberen Schichten des Frontal- und Temporallappens. Daneben findet man Amyloid-Plaques.
Amateurboxen vs. Profiboxen
Es ist wichtig, zwischen Amateur- und Profiboxen zu unterscheiden. Im Amateurbereich sind die Boxer viel besser geschützt. Sie tragen einen Kopfschutz sowie größere und schwerere Handschuhe, was die Schlagkraft reduziert. Außerdem gehen Amateurkämpfe über maximal vier Runden à zwei Minuten, was das Verletzungsrisiko ebenfalls verringert. Zudem stehen im Gegensatz zu den Profis beim Amateurboxen saubere Treffer mehr im Vordergrund als der K. o. Eine schwedische Studie aus dem Jahr 1993 verglich die Gehirnschädigungen von Amateurboxern, Fußballern und Leichtathleten und konnte keine auffälligen Unterschiede nachweisen.
Maßnahmen zur Risikominimierung
Trotz der Risiken gibt es Maßnahmen, die Boxer ergreifen können, um das Risiko von Hirnschäden zu minimieren:
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- Deckung hochhalten: Eine gute Doppeldeckung ist essenziell, um direkte Treffer zu vermeiden.
- Reaktion und Reflexe verbessern: Durch Training der Reaktion und Reflexe können Schläge zum Kopf vermieden werden.
- Beinarbeit verbessern: Eine gute Beinarbeit ermöglicht es, sich aus der Reichweite des Gegners zu bewegen.
- Auswahl des richtigen Trainingspartners: Sparring sollte nur mit erfahrenen Partnern durchgeführt werden, die das Ego nicht in den Vordergrund stellen.
- Bedingtes Sparring: Aufgabenbasiertes Sparring minimiert die Anzahl der Kopftreffer.
- Mund- und Kopfschutz benutzen: Ein Mundschutz schützt die Zähne, ein Kopfschutz kann vor Kopfstößen und Platzwunden bewahren.
- Ausdauer trainieren: Ausreichend Ausdauer ermöglicht es, sich auch bei Müdigkeit auf die Schläge zu konzentrieren.
- Weniger ist mehr: Sparring sollte nicht übertrieben werden.
Andere Sportarten im Vergleich
Es ist wichtig zu beachten, dass Boxen nicht die einzige Sportart ist, die mit einem erhöhten Risiko für Hirnschäden verbunden ist. Auch Sportarten wie American Football, Eishockey, Rugby und Fußball können zu Kopfverletzungen und langfristigen neurologischen Problemen führen. Im Fußball beispielsweise können häufige Kopfbälle und Zusammenstöße zu Gehirnerschütterungen und kognitiven Einschränkungen führen.
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