Bruno Ganz: Vom "Verlorenen Sohn" zum gebrochenen "Führer" – Eine schauspielerische Reise zwischen Genie und Tragik

Bruno Ganz, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler, hinterließ ein beeindruckendes Erbe auf Bühne und Leinwand. Seine Karriere, die von einer beispiellosen Wandlungsfähigkeit und einer tiefen Auseinandersetzung mit den menschlichen Abgründen geprägt war, fand ihren Anfang in bescheidenen Verhältnissen und führte ihn zu den größten Bühnen und Filmsets der Welt. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Stationen seines Lebens, seine prägenden Rollen und die Kontroversen, die seine Karriere begleiteten.

Anfänge und frühe Bühnenerfolge

Bruno Ganz' Eltern, einfache Leute aus Norditalien und der Schweizer Arbeiterstand, hatten keinerlei Bezug zum Theater, als ihr Sohn 1941 in Zürich geboren wurde. Sein erster Auftritt erfolgte in dem Stück "Der Verlorene Sohn" in einem Zürcher Vorort. Diese Erfahrung weckte in ihm den Wunsch, in andere Leben einzutauchen und sich zu verwandeln.

Nach dem Abbruch der Schule und ein wenig Schauspielunterricht fand Ganz seinen Weg zum Zürcher Theater am Hechtplatz. Eine Anekdote besagt, dass er seine Karriere dort mit dem Ausruf "Mir stinkt's!" von einer Leiter herab begann. Ob diese Geschichte stimmt oder nicht, sie passt zu dem rebellischen Geist, der Ganz' Schaffen immer wieder durchzog.

Seine große Karriere begann in Bremen, wo er Ende der 1960er Jahre mit seiner Darstellung von Goethes Tasso unter der Regie von Peter Stein Rezeptionsgeschichte schrieb. Ganz kultivierte bereits in jungen Jahren einen distanzierten Blick auf seine Figuren. Seine einzigartige Stimme, warm und weich mit Schweizer A- und O-Vokalen, trug maßgeblich zur stilistischen Revolution des Theaters bei.

Die Berliner Schaubühne und die Suche nach dem Menschlichen

Gemeinsam mit Stein wechselte Ganz an die Berliner Schaubühne, wo er ideale Bedingungen für seine Darstellung von weltentrückten und "verrückten" Figuren fand. Er spielte Kleists Prinzen von Homburg, Schillers Franz Moor und Hölderlins Empedokles. Auch als Hamlet unter der Regie von Klaus Michael Grüber überzeugte er durch seine elegante und zweifelnde Darstellung.

Lesen Sie auch: Neurologie und Psychiatrie in Berlin

Auf der spielerischen Seite kamen ihm Figuren von Botho Strauß entgegen, wie der Oberon in der Shakespeare-Variation "Der Park". Zuvor hatte Ganz bereits erste Ausflüge zum Film unternommen, wo seine Fähigkeit zur Distanz von einigen Regisseuren kongenial eingesetzt wurde.

Wim Wenders und der Engel über Berlin

Wim Wenders erkannte als einer der ersten Regisseure das Potenzial von Bruno Ganz' Spiel und suchte nach einem starken Gegenpart, um es richtig auszureizen. In "Der amerikanische Freund" fand er ihn in Dennis Hopper, in "Der Himmel über Berlin" in Peter Falk. Ganz verkörperte in diesen Filmen auf unvergleichliche Weise einen Geist, der über den Dingen schwebte und dennoch um Bindung bemüht war.

Obwohl er Ensemblemitglied war, blieb Ganz immer ein großer Einzelner. Er konnte der Degradierung von Stücken zu willkürlich drangsalierbaren "Vorlagen", wie es das Theater der 1990er Jahre liebte, wenig abgewinnen. Stattdessen wurde er zum Gesicht des Autorenfilms, von Reinhard Hauff und Werner Herzog bis hin zu Theo Angelopoulos.

Die Kontroverse um "Der Untergang" und die Rolle des Adolf Hitler

Eine der umstrittensten Rollen in Bruno Ganz' Karriere war die des Adolf Hitler in dem Kinofilm "Der Untergang". Produzent Bernd Eichinger war überzeugt, dass nur Ganz den siechen "Führer" angemessen gebrochen spielen könne. Ganz nahm die Herausforderung an, stellte aber auch die Frage, was mit seiner Darstellung wirklich gewonnen sei.

Die Darstellung Hitlers mit Parkinson und rollendem R warf die Frage auf, ob man einem Massenmörder menschliche Züge verleihen dürfe. Ganz selbst betonte, dass er sich der Verantwortung bewusst sei und die Rolle nicht ohne Gewissen übernommen habe. Er habe versucht, Hitler nicht als Monster, sondern als Mensch zu zeigen, ohne Vorverurteilung, Dämonisierung oder Karikatur.

Lesen Sie auch: Bruno Gröning und MS: Hoffnung oder Heilung?

Um sich auf die Rolle vorzubereiten, recherchierte Ganz intensiv und sprach mit Menschen, die an Parkinson leiden. Er übte die zitternde Hand und die Aussprache. Er betonte jedoch auch, dass er Hitler nicht "schützen" wolle, sondern lediglich versuche, ihn zu verstehen.

Die Kontroverse um "Der Untergang" zeigte, wie heikel das Thema Nationalsozialismus in Deutschland immer noch ist. Einige Kritiker warfen dem Film vor, Hitler zu vermenschlichen und die Gräueltaten des Holocaust zu relativieren. Andere lobten Ganz' Darstellung als mutig und differenziert.

Weitere späte Rollen und Auszeichnungen

Neben seiner Arbeit im Film blieb Bruno Ganz dem Theater treu. Er übernahm die Hauptrolle in Peter Steins Inszenierung von "Faust I & II", die zunächst auf der Expo in Hannover und später in Berlin und Wien aufgeführt wurde. Obwohl er sich bei Stein immer ein wenig in der Schuld fühlte, war er mit dieser Rolle nicht vollkommen eins.

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit trug Ganz seit 1996 den Iffland-Ring, jenen Halbedelstein, der angeblich Goethe dem Theatermacher Wilhelm Iffland übergeben haben soll und der "dem jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters auf Lebenszeit gehören" soll. Ganz war sich jedoch stets bewusst, dass er nicht den Weltgeist verkörpere, sondern eine Rolle reproduziere.

In seinen späten Jahren war Ganz weiterhin in zahlreichen Film- und Theaterproduktionen zu sehen. Er spielte in dem bösen Film "The Party" von Sally Potter und verkörperte den Almöhi in einer Neuverfilmung von "Heidi".

Lesen Sie auch: Laute Musik und ihre Konsequenzen

Der Mensch hinter der Maske: Alkoholprobleme und Perfektionismus

Eine Dokumentation über Bruno Ganz beleuchtete auch die Schattenseiten des Schauspielers. Er wurde als Trinker und Hitzkopf dargestellt, der handgreiflich werden konnte, wenn nicht alles nach seinen Vorstellungen lief.

Eine Anekdote von den Dreharbeiten zu Wim Wenders' "Der amerikanische Freund" verdeutlicht diese Anwandlungen. Aus Wut über die Nachlässigkeit von Dennis Hopper, der seine Dialogsätze nicht behalten konnte, soll Ganz ihm vor der Kamera ins Gesicht geschlagen haben.

Dieser Ausraster zeigt den Perfektionisten, der immer alles gibt und es nicht ertragen kann, wenn andere nicht mitziehen. Seine Wurzeln hat dieser Wesenszug in seiner Biografie. Um seinen Schweizer Akzent zu überwinden, trainierte er hart und war nie zufrieden mit sich selbst.

Vermächtnis eines Ausnahmeschauspielers

Bruno Ganz starb im Alter von 77 Jahren in Zürich nach längerer Krankheit. Er hinterließ ein beeindruckendes Werk, das von seiner Wandlungsfähigkeit, seiner Intelligenz und seiner tiefen Auseinandersetzung mit den menschlichen Abgründen geprägt war.

Seine Darstellung des Adolf Hitler in "Der Untergang" wird weiterhin kontrovers diskutiert, hat aber zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte geleistet. Bruno Ganz war ein Ausnahmeschauspieler, der die deutsche Theater- und Filmwelt nachhaltig geprägt hat.

tags: #bruno #ganz #parkinson