Das neue Gehirn: Wie man lernt und Wissen wirklich behält

Lernen ist ein lebenslanger Prozess, der uns ermöglicht, uns an neue Situationen anzupassen und unser Wissen zu erweitern. Doch wie lernen wir eigentlich richtig? Und wie können wir sicherstellen, dass das Gelernte nicht gleich wieder vergessen wird? Der Neurowissenschaftler Henning Beck kritisiert, dass wir oft falsch lernen und dass viele traditionelle Lernmethoden wenig effektiv sind. Dieser Artikel beleuchtet die Erkenntnisse der Hirnforschung und gibt Anregungen, wie wir unser Lernverhalten verbessern können.

Die Illusion des schnellen Lernens

Viele kennen das: Kurz vor einer Prüfung wird der Lernstoff noch schnell in den Kopf gepaukt. Doch schon wenige Wochen später ist das meiste wieder vergessen. Das liegt daran, dass wir etwas, das wir lernen, auch wieder verlernen können. Klassisches Lernen besteht oft aus Auswendiglernen, wobei Informationen im Hippocampus zwischengespeichert werden. Dieses Wissen ist jedoch nicht dauerhaft und wird schnell wieder gelöscht, wenn es nicht aktiv angewendet und verstanden wird.

Henning Beck vergleicht das Gehirn nicht mit einer Festplatte, sondern mit einem Orchester. Informationen werden nicht einfach ins Gehirn "reingeladen" und später wieder "abgerufen", sondern entstehen durch das Zusammenspiel von Nervenzellen. Echter Wissenserwerb erfordert daher mehr als nur das bloße Speichern von Fakten. Es geht darum, Zusammenhänge zu verstehen und das Wissen aktiv zu verarbeiten.

Verstehen statt Auswendiglernen

Der Schlüssel zu dauerhaftem Wissen liegt im Verstehen. Wenn wir etwas verstehen, sind ganz andere Areale im Gehirn aktiv als beim reinen Auswendiglernen. Bereiche, die Wortbedeutungen verarbeiten oder für räumliches Vorstellungsvermögen zuständig sind, spielen eine wichtige Rolle. Ein "Aha-Moment" signalisiert, dass wir etwas wirklich verstanden haben und dass das Wissen nun besser im Gehirn verankert ist.

Im Internet ist zwar eine riesige Menge an Daten und Informationen verfügbar, aber Wissen entsteht erst, wenn wir aktiv darüber nachdenken. Computer können zwar große Datenmengen speichern und verarbeiten, aber sie sind nicht in der Lage, Wissen wirklich zu verstehen. Sie können nicht zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden und haben keine Intuition, um schnell zu einer Lösung zu kommen.

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Kritik an traditionellen Lernmethoden

Henning Beck rät davon ab, sich auf Lerntechniken zu verlassen, die angeblich dafür sorgen, dass das Gelernte besser "abgespeichert" wird, wie Wiederholung, Unterstreichungen oder Eselsbrücken. Stattdessen empfiehlt er, sich selbst zu testen und Fragen zu stellen. Wer am wenigsten weiß, kann schließlich am besten Fragen stellen! Unklarheiten sollten nicht vermieden, sondern als Chance zum Lernen begriffen werden. Wissen entsteht erst, wenn aus Unklarheit Klarheit wird, wenn wir ein Rätsel lüften.

Guter Unterricht sollte Neugier wecken und zum Ausprobieren anregen. Man stellt erst ein Geheimnis hin und lässt die Lernenden experimentieren, bevor man die Lösung präsentiert. Wie bei Ostereiern: Man versteckt sie, um Neugier zu schaffen.

Die Rolle des Auswendiglernens

Obwohl das Verstehen im Vordergrund stehen sollte, gibt es auch Bereiche, in denen Auswendiglernen notwendig ist, um geistige Werkzeuge zu haben. Das kleine Einmaleins oder die deutsche Orthografie müssen am Anfang stringent gelernt werden. Es ist wichtig, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Auswendiglernen und Verstehen zu finden, um ein solides Fundament für weiteres Lernen zu schaffen.

Das Alter spielt eine Rolle

Es heißt oft, dass man besser lernt, je jünger man ist. Das stimmt nur bedingt. Sprachen zum Beispiel können nur vor der Pubertät auf Muttersprach-Niveau gelernt werden. Auch sehr filigrane und präzise Bewegungen sollte man schon in Kinderjahren lernen. Bei vielen anderen Dingen ist das Alter jedoch nicht entscheidend, da das Gehirn erst nach 20 bis 25 Jahren seine maximale Leistungsfähigkeit erreicht. Auch danach können wir noch viel lernen und uns neues Wissen aneignen.

Wissen anwenden können

Henning Beck fordert, die Fähigkeit, Wissen anzuwenden, in den Mittelpunkt des Lernens zu stellen. Es geht nicht darum, Wissen fehlerfrei in einer Prüfung "hervorzuwürgen", sondern darum, es in der Praxis anzuwenden und Probleme zu lösen. Die Arbeitswelt der Zukunft wird von denjenigen dominiert werden, die Wissen anwenden können.

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Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Die moderne Hirnforschung hat bahnbrechende Entdeckungen gemacht, insbesondere im Bereich der Plastizität des Gehirns. Das bedeutet, dass das Gehirn lebenslang veränderbar, ausbaubar und anpassungsfähig ist. Michael Skeide erklärt, dass viele alltägliche Vorstellungen davon, wie Lernen funktioniert, wenig mit den tatsächlichen Beobachtungen in den Forschungslaboren zu tun haben. Zum Beispiel die Vorstellung, dass man seine Gehirnhälften stärker miteinander verbinden könne, indem man liegende Achten vor sich in die Luft zeichnet.

Tipps für besseres Lernen

  • Verstehen statt Auswendiglernen: Konzentriere dich darauf, Zusammenhänge zu verstehen und das Wissen aktiv zu verarbeiten.
  • Selbst testen: Überprüfe dein Wissen regelmäßig und stelle dir selbst Fragen.
  • Unklarheiten zulassen: Begreife Unklarheiten als Chance zum Lernen und stelle Fragen.
  • Neugier wecken: Suche nach interessanten und relevanten Themen, die dich motivieren zu lernen.
  • Ausprobieren und experimentieren: Wende das Gelernte in der Praxis an und probiere neue Dinge aus.
  • Pausen machen: Gönne deinem Gehirn ausreichend Pausen, um das Gelernte zu verarbeiten. Lernstoff prägt sich besser und langfristiger ein, wenn zwischen Lernen und Prüfung mindestens eine Woche liegt.
  • Wissen anwenden: Versuche, das Gelernte in deinem Alltag anzuwenden und Probleme damit zu lösen.
  • Kritisches Hinterfragen: Hinterfrage Informationen kritisch und nimm nicht alles als gegeben hin.

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