In einer Zeit, in der technischer Fortschritt und soziale Utopien uns in ihren Bann ziehen, präsentieren uns Autoren wie Justin Cronin und Jens Johler fesselnde Romane, die uns dazu anregen, unsere Vorstellungen von Glück, Gerechtigkeit und der menschlichen Existenz zu hinterfragen. Diese Werke sind mehr als bloße Unterhaltung; sie sind Denkanstöße, die uns dazu auffordern, kritisch zu denken und unsere eigene Wahrnehmung immer wieder neu zu justieren.
Justin Cronin und „Der Fährmann“: Eine Dystopie, die Realität und Glück hinterfragt
Justin Cronin, geboren 1962, hat sich als eine der markantesten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur etabliert. Nach seinem Studium an der Harvard University und dem renommierten Iowa Writers’ Workshop widmete er sich zunächst einer akademischen Laufbahn. Sein literarischer Durchbruch gelang ihm mit seinem Debütroman „Mary and O’Neil“, für den er den PEN/Hemingway Award erhielt. Weltweite Bekanntheit erlangte er jedoch mit seiner epischen „Passage“-Trilogie, einer düsteren, postapokalyptischen Saga, die Science-Fiction mit tiefgründigen Charakterstudien verbindet.
Cronins Werk zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, universelle Themen wie die Suche nach Identität, die Gefahren gesellschaftlicher Utopien und die ethischen Dilemmata des technologischen Fortschritts in packende Erzählungen zu verwandeln. Seine Romane stellen die großen Fragen unserer Zeit: Wer sind wir in einer sich ständig wandelnden Welt? Wie navigieren wir durch Sehnsucht, Verlust und den Druck, uns anzupassen?
In „Der Fährmann“ entführt uns Cronin auf den abgeschiedenen Inselarchipel Prospera, ein Meisterwerk eines genialen Designers, das seine Bewohner vor einer zerstörten Außenwelt schützt. Die Prosperaner führen ein Leben im Überfluss - lang, glücklich und frei von den Sorgen und Nöten, die den Rest der Menschheit plagen. Ihre Gesundheit wird durch einen in den Arm implantierten Monitor lückenlos überwacht. Sinkt dessen Wert unter zehn Prozent, ist es Zeit für den Ruhestand. Dieser Übergang ist keine Tragödie, sondern ein gefeierter Neuanfang: Der Betreffende wird mit einer Fähre zur Nachbarinsel, der „Nursery“, gebracht. Dort wird der Körper erneuert, die Erinnerungen werden gelöscht, und ein neues Leben als Teenager beginnt. Ein perfekter Kreislauf, der Stabilität und ewige Jugend verspricht.
Proctor Bennett, der titelgebende Fährmann, ist bei der „Behörde für Gesellschaftsverträge“ angestellt und hat die Aufgabe, die Prosperaner auf ihrer letzten Reise zur Fähre zu begleiten. Er glaubt an das System, an die Ordnung und den Frieden, den es schafft. Doch sein Glaube bekommt erste Risse, als er beginnt zu träumen - ein Zustand, der in der perfekt regulierten Welt von Prospera eigentlich unmöglich sein sollte. Noch beunruhigender ist der rapide Verfall seines eigenen Monitorwerts, ein untrügliches Zeichen, dass auch sein jetziges Leben sich dem Ende zuneigt.
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Sein Leben gerät endgültig aus den Fugen, als er seinen eigenen Adoptivvater, Malcolm, zur Fähre bringen soll. Beim Abschied überreicht Malcolm Proctor eine kryptische Botschaft und schreit im letzten Moment ein Wort, das alles infrage stellt: „Oranios“. Dieses Wort pflanzt einen Samen des Zweifels in Proctors Seele, der schnell zu wachsen beginnt.
Proctor entdeckt, dass Prospera keine makellose Utopie ist. Im Schatten des Wohlstands existiert eine zweite Klasse von Menschen: das Hilfspersonal, das auf der benachbarten, kargen Insel Annex lebt. Diese Menschen halten das System am Laufen, ermöglichen den luxuriösen Lebensstil der Prosperaner, sind jedoch vom gesellschaftlichen Reichtum vollständig ausgeschlossen. Sie sind die Unsichtbaren, deren Arbeit als selbstverständlich hingenommen wird.
Zwischen der privilegierten Welt von Prospera und dem dienenden Annex brodelt der Unmut. Eine Widerstandsbewegung namens „Arrivalists“ formiert sich. Zu ihnen gehört überraschenderweise auch die wohlhabende und einflussreiche Thea Dimopolous, eine enge Freundin von Proctor. Die Arrivalists kämpfen für Gerechtigkeit und decken die systemische Unterdrückung auf, die das Fundament von Prospera bildet.
Proctors Entfremdung von seiner eigenen Welt verstärkt sich, als er die junge Caeli kennenlernt, die ebenfalls von der „Rücksetzung“ bedroht wird. Gemeinsam mit Thea fasst er den verzweifelten Plan, Caeli vor dem System zu retten. Bei diesem Versuch stößt er auf den wahren Kern der gesellschaftlichen Lüge: Das perfekt überwachte Leben, das scheinbar grenzenlose Glück - all das ist eine sorgfältig inszenierte Fassade. Erinnerungen werden nicht nur gelöscht, sondern gezielt manipuliert.
Proctor schließt sich den Arrivalists an und findet sich im Zentrum der Rebellion wieder. Die Bewegung wird für ihn zu einer zutiefst persönlichen Angelegenheit, als sich herausstellt, dass seine totgeglaubte Adoptivmutter, Cynthia, die Anführerin der Rebellen ist. Im Finale gelingt es Proctor, Cynthia, Thea und einer kleinen Gruppe von Gefährten, ein Boot zu stehlen und aus dem Inselreich zu fliehen. Sie wagen den Sprung ins Ungewisse, hinaus auf ein offenes Meer, das in einen surrealen, unendlichen Wasserfall zu münden scheint.
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Der Sturz durch den Wasserfall ist kein Ende, sondern der wahre Anfang. Proctor erwacht aus der Simulation und findet sich in der Realität wieder: Er ist nicht auf einer Insel, sondern an Bord des riesigen Generationenraumschiffs „Oranios“. Die Menschheit hatte die Erde durch einen unaufhaltsamen Klimawandel unbewohnbar gemacht. Proctor war in diesem früheren Leben nicht der Fährmann, sondern der Direktor der gesamten Mission. Seine Frau Elise (die in Prospera ebenfalls seine Frau war) und seine Tochter Caeli waren an seiner Seite. Doch eine furchtbare Tragödie hatte alles zerstört: Die kleine Caeli ertrank im Pool des Raumschiffs.
Die Simulation „Prospera“ wurde von den verbliebenen Verantwortlichen als verzweifelter Versuch geschaffen, die Psyche der schlafenden Passagiere über die Generationen hinweg stabil zu halten. Doch das Experiment geriet außer Kontrolle, pervertierte seine ursprüngliche Absicht und schuf eine zutiefst ungerechte Kastengesellschaft. Proctor erkennt, dass er die ultimative Verantwortung für dieses gescheiterte Utopia trägt. Er beschließt, die Simulation endgültig zu beenden und die ursprüngliche Mission fortzusetzen. Er konfrontiert die Investoren mit der Wahrheit und stellt sie vor die Wahl: Entweder sie akzeptieren ein neues Leben als Teil einer gerechten Gemeinschaft oder sie bleiben für immer in der zerfallenden Simulation gefangen.
„Der Fährmann“ ist weit mehr als nur ein packender Science-Fiction-Roman. Er ist ein tiefgründiger Kommentar zu den fundamentalen Fragen unserer Zeit: Identität, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Cronins fiktive Inselgesellschaft mag auf den ersten Blick wie ein erstrebenswertes Paradies wirken, doch schnell wird klar: Wahre Perfektion hat einen unbezahlbaren Preis, und individuelles Glück kann niemals von einem allmächtigen System diktiert werden.
Die zentrale und kraftvollste Lehre des Buches lautet: Nur wer bereit ist, etablierte Grenzen zu hinterfragen, scheinbar unumstößliche Regeln zu überprüfen und unermüdlich nach seiner eigenen Wahrheit zu suchen, kann ein selbstbestimmtes Leben führen und echte Veränderungen anstoßen. Der Roman ist eine eindringliche Inspiration, soziale Ungleichheiten und versteckte Machtgefälle in unserer eigenen Welt zu erkennen und nicht tatenlos zuzusehen. Er erinnert uns eindrücklich daran, dass Selbstbestimmung, Empathie und Mitgefühl die entscheidenden Werkzeuge sind, um eine bessere und gerechtere Welt zu gestalten - weit jenseits künstlicher Utopien.
Jens Johler und „Kritik der mörderischen Vernunft“: Ein Wissenschaftsthriller, der ethische Fragen aufwirft
Jens Johler, geboren 1944, arbeitete nach einer Schauspielausbildung zunächst an den Städtischen Bühnen Dortmund. Danach studierte er Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin und war anschließend als wissenschaftlicher Assistent tätig. Seit 1982 ist er freier Autor und lebt in Berlin.
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In seinem Wissenschaftsthriller „Kritik der mörderischen Vernunft“ entführt uns Johler in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Wissenschaft und Ethik verschwimmen. Der Journalist Troller erhält rätselhafte Nachrichten von jemandem, der sich einfach nur 'Kant' nennt. Kurz darauf wird ein bekannter Hirnforscher ermordet, gefesselt an einen Stuhl, an dem er selbst Experimente mit Affen vornahm. Bald darauf folgen weitere Morde, und schnell kommt der Verdacht auf, dass radikale Tierschützer dafür verantwortlich machen zu sind. Doch Troller kommen schon bald Zweifel, ob da nicht doch etwas anderes dahinter steckt. Eines ist jedoch sicher, 'Kant' ist der Mörder. Und es gibt irgendeine Verbindung zwischen ihm und Troller.
Gemeinsam mit seiner Freundin, der Kriminalreporterin Jane Anderson, macht sich Troller auf die Suche nach 'Kant'. Dabei stoßen sie auf einen Club, der unfassbare Ziele verfolgt, und eine zwielichtige Firma, die mit der CIA und dem Pentagon in Verbindung gebracht werden kann.
Johler verwebt in seinem Roman auf intelligente Weise wissenschaftliche Fakten und philosophische Überlegungen. Er wirft ethische Fragen auf, die uns zum Nachdenken anregen: Darf die Wissenschaft alles, was sie kann? Was ist ethisch vertretbar? Der Autor spielt virtuos mit den Ängsten seiner Leser. Wer würde sich nicht davor fürchten, durch und durch gläsern und manipulierbar zu sein?
„Kritik der mörderischen Vernunft“ ist ein anspruchsvoller Thriller, der einem durchaus unter die Haut geht. Es ist nicht immer einfach Dichtung und Wahrheit auseinander zu halten. Und genau das macht den Reiz des Buches aus. Es scheint hervorragend recherchiert zu sein und ist nicht zuletzt auch deshalb beängstigend realistisch.