Migräne betrifft weltweit eine Milliarde Menschen und ist eine der Hauptursachen für Behinderungen, insbesondere bei Frauen. Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) ist eine weitere chronische Erkrankung, die durch weitverbreitete Schmerzen, Erschöpfung und Schlafstörungen gekennzeichnet ist. Die Behandlung beider Erkrankungen stellt oft eine Herausforderung dar, da herkömmliche Schmerzmittel nicht immer ausreichend wirken oder mit unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sind. In diesem Zusammenhang rückt medizinisches Cannabis zunehmend in den Fokus, da es potenziell auf Systeme im Körper wirkt, die an der Schmerzverarbeitung, Schlaf, Stimmung und Entzündung beteiligt sind.
Das Endocannabinoid-System (ECS)
Das Endocannabinoid-System (ECS) wurde 1988 entdeckt und ist ein evolutionär tief in uns verankertes, körpereigenes Signalnetzwerk. Es besteht aus den Rezeptoren CB1 und CB2, den körpereigenen Cannabinoiden (Endocannabinoiden) sowie Enzymen, die für deren Aufbau und Abbau verantwortlich sind. Das ECS spielt eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Homöostase, des Gleichgewichts, in vielen körperlichen Prozessen, einschließlich Schlaf, Stimmung, Appetit und Schmerzempfindung.
Die beiden wichtigsten pflanzlichen Cannabinoide, Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), können helfen, das ECS wieder ins Gleichgewicht zu bringen. THC bindet, ähnlich wie das körpereigene Anandamid (AEA), an CB1-Rezeptoren und kann dessen Wirkung nachahmen.
Die Rolle des ECS bei Migräne und Fibromyalgie
In der Fachliteratur wird diskutiert, dass bei FMS das Endocannabinoid-System möglicherweise gestört ist, etwa durch veränderte Endocannabinoid-Spiegel oder Rezeptoraktivität, was wiederum die Schmerzverarbeitung beeinträchtigen könnte. Ein möglicher Endocannabinoid-Mangel wird in diesem Zusammenhang als Ursache für das Leiden diskutiert. Die Idee ist, dass exogene Cannabinoide das ECS ergänzen oder modulieren und damit Symptome lindern könnten.
Der Neurologe und Cannabisforscher Ethan Russo hat das Konzept der "Clinical Endocannabinoid Deficiency" (CECD) formuliert. Er geht davon aus, dass ein chronisch erniedrigter Spiegel an Endocannabinoiden oder eine verminderte Rezeptorfunktion dazu führen kann, dass Schmerzsignale übermäßig stark wahrgenommen werden. In Liquoranalysen von Patient:innen mit Fibromyalgie wurde tatsächlich eine erniedrigte Konzentration des Endocannabinoids Anandamid (AEA) festgestellt. Diese Erkenntnis liefert eine biologische Erklärung dafür, warum Schmerzsignale bei Fibromyalgie übermäßig stark und dauerhaft empfunden werden.
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Cannabis als Therapieoption bei Migräne
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Häufigkeit und Schwere der Anfälle zu reduzieren. Die Therapie kann medikamentös und nicht-medikamentös erfolgen und wird oft individuell angepasst.
Erste Studien und Patientenberichte deuten darauf hin, dass Cannabis bei einigen Personen effektiv Migräneschmerzen lindern kann. Es wird angenommen, dass Cannabis durch Interaktion mit dem Endocannabinoid-System des Körpers zur Schmerzreduktion beiträgt. Die Wirksamkeit von Cannabis gegen Migräne kann je nach Sorte und deren spezifischem THC- und CBD-Gehalt variieren.
Cannabis zeigt vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Migräne, aber weitere Forschung ist notwendig, um seine Wirksamkeit und Sicherheit vollständig zu verstehen.
Cannabis als Therapieoption bei Fibromyalgie
In den vergangenen Jahren wurde medizinisches Cannabis zunehmend auch im Zusammenhang mit Fibromyalgie untersucht. Zwar unterscheiden sich die Studien in Design und Teilnehmer:innenzahl, doch ergeben sich immer wieder ähnliche Beobachtungen: Viele Patient:innen berichten von einer Verringerung ihrer Schmerzen, einer besseren Schlafqualität und einer insgesamt verbesserten Lebensqualität.
Eine israelische Beobachtungsstudie mit 367 Patient:innen zeigte nach sechs Monaten Therapie mit medizinischem Cannabis eine deutliche Abnahme der Schmerzintensität - der durchschnittliche Schmerzscore sank von 9,0 auf 5,0 Punkte. Gleichzeitig gaben 81 Prozent der Teilnehmenden an, dass sich ihre Symptome moderat bis deutlich verbessert hatten. Zudem konnten 22 Prozent ihre Opiat-Dosis reduzieren oder ganz absetzen. Auch Daten aus dem UK Medical Cannabis Registry mit über 300 Fibromyalgie-Patient:innen weisen in eine ähnliche Richtung. Bereits nach einem Monat Therapie zeigten sich signifikante Verbesserungen in den Bereichen Schmerzintensität, Schlafqualität und allgemeinem Wohlbefinden.
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Neben der Schmerzlinderung wurde in mehreren Studien auch eine Verbesserung der Schlafqualität dokumentiert. In einer Beobachtungsstudie aus Italien erhielten 102 Patient:innen zusätzlich zu ihrer Standardmedikation zwei verschiedene Cannabisextrakte mit definierten THC-/CBD-Gehalten. Nach sechs Monaten berichteten 44 Prozent über eine verbesserte Schlafqualität und 33 Prozent über eine geringere funktionelle Beeinträchtigung. Eine groß angelegte Online-Umfrage unter 878 Betroffenen zeigte zudem, dass viele Patient:innen CBD-Produkte als Alternative zu klassischen Schmerzmitteln nutzen. Rund 72 Prozent der Befragten gaben an, ihre bisherige Medikation (etwa Opioide oder NSAIDs) durch CBD ersetzt oder reduziert zu haben. In einer kleinen, aber methodisch hochwertigen randomisierten, doppelblinden Studie aus Brasilien nahmen 17 Patientinnen über acht Wochen einen THC-reichen Cannabisextrakt (24,4 mg/ml THC, 0,5 mg/ml CBD) ein.
Eine britische Kohortenstudie aus dem Jahr untersuchte zudem die Wirksamkeit verschiedener cannabisbasierter Arzneimittel (Öle, getrocknete Blüten oder eine Kombination) bei 148 Patient:innen mit Fibromyalgie. Über den gesamten Behandlungsverlauf verbesserten sich signifikant Angst, Schlafqualität und andere Fibromyalgie-Symptome, unabhängig von der Darreichungsform.
Darreichungsformen von Cannabis
Es gibt verschiedene Darreichungsformen von medizinischem Cannabis:
- Cannabisblüten: Getrocknete Blüten, die inhaliert (vaporisiert) werden. Sie ermöglichen einen sehr schnellen Wirkungseintritt und können zur Akutbehandlung bei plötzlichen Schmerzspitzen sinnvoll sein. Die Dosis ist jedoch weniger präzise steuerbar, und die Anwendung erfordert einen Vaporisator sowie eine ärztliche Anleitung.
- Flüssige Tinkturen: Diese enthalten definierte THC- und/oder CBD-Gehalte und werden oral eingenommen. Sie ermöglichen eine präzise Dosierung und haben eine längere und gleichmäßigere Wirkdauer, was sie gut für die Nacht macht. Der Wirkungseintritt verzögert sich jedoch (bis zu 2 Stunden), weshalb sie ideal für eine kontinuierliche Basiseinstellung sind.
- Kapseln: Sie enthalten eine standardisierte Dosis und werden oral eingenommen. Sie sind besonders diskret und einfach in der Handhabung, da sie stets die gleiche Wirkstoffmenge enthalten. Ihre Verfügbarkeit am Markt ist jedoch begrenzt, und ihr Wirkungsprofil ähnelt dem der Extrakte (verzögert, langanhaltend).
Jede Therapie mit Cannabis sollte ärztlich abgestimmt, individuell dosiert und regelmäßig überprüft werden. Cannabis kann ein Teil des Therapiekonzepts sein, ersetzt aber nicht die ganzheitliche Behandlung, z. B. Bewegung, Physiotherapie, Schlafhygiene oder Psychotherapie.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Insgesamt gelten die in den Studien beobachteten Nebenwirkungen als mild und gut kontrollierbar. Am häufigsten wurden Mundtrockenheit, Schwindel oder Müdigkeit berichtet, die jedoch nur selten zu einem Therapieabbruch führten. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf. Im Vergleich zu Opioiden weisen cannabisbasierte Medikamente zudem ein geringeres Risiko für Abhängigkeit oder Überdosierung auf.
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