Cannabis und seine Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung von Jugendlichen

Die Diskussion um die Schädlichkeit von Cannabis wird seit vielen Jahren geführt. Während Befürworter auf vermeintlich geringe Nebenwirkungen und fehlende Langzeitschäden verweisen, zeigen aktuelle Studien, dass Cannabis im Gehirn von Jugendlichen eine weitaus schädlichere Wirkung hat als im Gehirn erwachsener Konsumenten. Es greift dort Strukturen an, die noch nicht ausgereift und daher besonders störanfällig sind. Cannabisbezogene Störungen sind vor allem bei Jugendlichen drastisch angestiegen, was eine Erweiterung des Präventions- und Behandlungsangebots erforderlich macht.

Kontroverse um die Schädlichkeit von Cannabis

Die Meinungen über die Schädlichkeit von Cannabis gehen auseinander. Befürworter argumentieren, dass Cannabis kaum Nebenwirkungen hat und keine Langzeitschäden verursacht. Sie berufen sich darauf, dass bei gelegentlichem Konsum (an ein bis fünf Tagen pro Monat) und bei erwachsenen Organismen keine spezifischen, körperlichen Auffälligkeiten in der Anamnese zu finden sind, mit Ausnahme von respiratorischen Symptomen. Mehr als 90 Prozent der Cannabiskonsumenten weisen keine Substanzabhängigkeit auf, und die Entzugssyndrome sind - falls sie überhaupt auftreten - nicht schwer ausgeprägt. Zudem gibt es keinen schlüssigen Nachweis dafür, dass Cannabiskonsum mit psychosozialen Problemen oder mit dem amotivationalen Syndrom einhergeht, das mit Lethargie, Passivität, verflachtem Affekt und mangelndem Interesse assoziiert ist.

Folgen von häufigem und chronischem Cannabiskonsum

Häufiger (täglicher) und chronischer (jahrelanger) Cannabiskonsum hat hingegen verschiedene, zum Teil gravierende Folgen:

  • Kognitive Beeinträchtigungen: Im Zustand der Intoxikation, aber auch noch Tage später, lassen sich kognitive Beeinträchtigungen des Arbeits- und Kurzzeitgedächtnisses, Defizite in den exekutiven Funktionen sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen nachweisen. Inwieweit diese Störungen persistieren, ist allerdings noch unklar.
  • Substanzabhängigkeit: Ein kontinuierlicher Cannabiskonsum kann (muss aber nicht) zu Substanzabhängigkeit führen. Epidemiologischen Studien in Deutschland zufolge sind circa vier bis sieben Prozent der Cannabiskonsumenten substanzabhängig, in australischen und US-amerikanischen Studien wird von bis zu 22 Prozent abhängiger Konsumenten berichtet.
  • Psychiatrische Komorbidität: Mit Cannabisabhängigkeit geht eine hohe psychiatrische Komorbidität einher. Schätzungsweise mehr als 70 Prozent der Cannabisabhängigen leiden an anderen komorbiden psychischen Störungen, wie Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, Angsterkrankungen, Depressionen, erhöhter Aggressivität und schizophrenen Psychosen. Der Konsum von Cannabis wird von den Betroffenen unter anderem eingesetzt, um die komorbiden Störungsbilder zu bewältigen. Die Kausalität zwischen komorbiden Störungen und Cannabiskonsum ist bisher nicht geklärt.
  • Mischkonsum: Cannabis wird selten allein konsumiert, sondern häufig zusammen mit Nikotin, seltener zusammen mit Opioiden, Kokain, Benzodiazepinen, Amphetaminen, Ecstasy und Alkohol. Diese Mixtur kann unvorhergesehene Wirkungen haben.
  • Soziale Probleme: Langzeitstudien zeigen, dass ein anhaltend hoher Konsum von Cannabis mit schulischen und später beruflichen, finanziellen und familiären Problemen einhergeht, wobei auch hier die Kausalität nicht eindeutig ist.
  • Akute psychotische Reaktionen: Bei Intoxikation mit hohen Cannabisdosen kann es zu akut psychotischen Reaktionen, transienten psychotischen Phänomenen, psychotischen Episoden mit schizophrener Symptomatik, Nachhallpsychosen (Flashbacks) sowie zu deliranten Zuständen kommen, die auch mehrere Tage oder Wochen anhalten können.

Neue Erkenntnisse und Entwicklungen

Gegner des Cannabiskonsums führen aber nicht nur die zahlreichen Folgeschäden ins Feld, sondern berufen sich auch auf neuere Entwicklungen und Erkenntnisse. Dazu zählt erstens, dass sich züchtungsbedingt die Konzentration einer psychoaktiven Substanz (THC) im Marihuana in den letzten 20 Jahren verdreifacht haben soll; allerdings ist nicht zweifelsfrei erwiesen, das das THC zu Schädigungen führt.

Zweitens zeigen viele Konsumenten ein anderes, oft weitaus extremeres und exzessiveres Konsumverhalten als noch vor 20 oder 30 Jahren. So ist beispielsweise bei Jugendlichen das Inhalieren illegaler Cannabisprodukte aus Flaschen, die in einer Art Eimer stehen („Eimerrauchen“), weit verbreitet, was mit einer starken Intoxikation innerhalb kürzester Zeit einhergeht. In spezifischen Jugendszenen werden außerdem Alkohol, Ecstasy und andere „Partydrogen“ zeitgleich mit Can-nabis konsumiert.

Lesen Sie auch: Gehirnzellen und Cannabis

Drittens weisen aktuelle Studien darauf hin, dass Cannabis im Gehirn von Jugendlichen eine weitaus schädlichere Wirkung hat als im Gehirn erwachsener Konsumenten. Es greift dort Strukturen an, die noch nicht ausgereift und daher besonders störanfällig sind.

Viertens kann selbst ein erstmaliger und nicht selten auch einmaliger oder zumindest sehr kurzfristiger Cannabiskonsum Psychosen auslösen, vor allem bei Personen mit entsprechender Disposition. Bei einem kurzfristigem Konsum ist kaum anzunehmen, dass Cannabis der Verursacher ist. Es besteht hingegen kein Zweifel, dass Cannabis die Psychose, die eventuell erst viel später oder auch gar nicht aufgetreten wäre, ausgelöst hat. Die meisten Patienten mit psychotischen Erkrankungen, die in psychiatrischen Ambulanzen und Kliniken vorstellig werden, haben vorher Drogen - meist Cannabis - genommen, möglicherweise als eine Art „Selbsttherapie“. Auch bei diesen Fällen ist davon auszugehen, dass der Cannabiskonsum die psychotische Erkrankung ausgelöst, wenn nicht gar verursacht hat.

Fünftens berichten ambulante Drogenhilfen, Beratungsstellen und Suchtkliniken über immer mehr Konsumenten mit cannabisbezogenen Problemen, die auch gezielt nach Hilfe suchen. Während alkohol- und opiatbezogene behandlungsbedürftige Störungen im Jahr 2002 etwa das 1,5-Fache des Ausgangswerts von 1992 erreichten, stiegen cannabisbezogene Störungen auf das Sechsfache an. Nach Angaben der Deutschen Suchthilfestatistik waren Störungen im Zusammenhang mit Cannabiskonsum im Jahr 2002 die nach Alkohol- und Opiatkonsum dritthäufigsten Hauptdiagnosen sowohl im ambulanten (26 Prozent) als auch im stationären (sieben Prozent) Bereich. „Jeder Zweite, der heute wegen des Konsums illegaler Drogen zum ersten Mal eine Beratungsstelle aufsucht, kommt wegen Cannabis“, so Prof. Dr. med. Rainer Thomasius vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Die Wirkung von Cannabis auf das jugendliche Gehirn

Beeinträchtigung der Impulskontrolle und des Kurzzeitgedächtnisses

Um die mächtige Wirkung von Cannabis zu verstehen, hilft es, die Bestandteile zu kennen. Sollte der Konsum von Cannabis schädlich sein, liegt dies mit großer Wahrscheinlichkeit an den psychoaktiven Substanzen. Die wichtigste ist Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC). Ob THC neurotoxisch ist - also schädigend für das Gehirn -, versuchen Forschende daher schon sehr lange herauszufinden.

Gut belegt sind die unmittelbaren Folgen des Konsums. Cannabis beeinträchtigt die Aufmerksamkeit, die Impulskontrolle und das Kurzzeitgedächtnis. Langfristige Folgen sind hingegen umstritten. Ob und, falls ja, welche es gibt, hängt nach jetziger Kenntnis entscheidend davon ab, ab welchem Alter eine Person Cannabis konsumiert, wie oft und wie viel. Beginnen Menschen im Erwachsenenalter, tauchen meist nur kurzfristig unerwünschte Effekte auf. Es entstehen wenige bis keine Langzeitschäden, wie Studien nahelegen. Wer jedoch schon in der frühen Jugend kifft, ist deutlich gefährdeter für Psychosen, eine Depression oder Abhängigkeit beispielsweise.

Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Cannabis und Nervenschmerzen

Cannabis und Psychosen

Weit verbreitet ist die Annahme, Cannabiskonsum im Jugendalter führe mit höherer Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung von Psychosen. Nun ähneln die Risikofaktoren für eine Psychose denen für Cannabiskonsum: prekäre Lebensverhältnisse etwa, psychische Probleme der Eltern oder Vernachlässigung. »Aber selbst wenn es gelingt, diese Faktoren auszuklammern, zeigt sich, dass Cannabis und Psychosen besonders häufig gemeinsam auftreten«, sagt der Psychiater Derik Hermann.

Psychosen sind von einem Gen-Score codiert, der aus mehr als 100 Genen besteht. Haben Menschen besonders viele Gene aus jener Kombination, sind sie ausgesprochen anfällig dafür, eine Psychose zu entwickeln. Gleichzeitig bedingt die Kombi, wie gern jemand Cannabis konsumiert. Würden diese Menschen also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ohne Cannabis eine Psychose entwickeln? »So einfach ist es nicht. Die Genetik ist nur zum Teil verantwortlich, Cannabis kann Auslöser der Psychose sein«, sagt Hermann. Und hier scheint das Alter ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen, denn Studien zeigen: Je früher Menschen mit dem Cannabiskonsum anfangen, desto höher ist das Risiko für Psychosen.

Das liegt möglicherweise daran, dass sich das Gehirn in der Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter deutlich weiterentwickelt. »In der Jugend verknüpfen sich Synapsen, die die unterschiedlichen Zentren im Gehirn vernetzen, und es entscheidet sich, wo Nervenzellen im Gehirn platziert werden«, sagt der habilitierte Psychiater Derik Hermann, Chefarzt im Therapieverbund Ludwigsmühle. Für all diese Vorgänge soll das Endocannabinoid-System (ECS) ausschlaggebend zu sein, eine Art körpereigenes Cannabissystem. Das wichtigste körpereigene, also endogene Cannabinoid ist Anandamid. »Die Wechselwirkungen sind sehr komplex«, sagt Hermann, und sie seien unzureichend erforscht. Was man mittlerweile weiß: Das THC der Pflanzen ist den körpereigenen Cannabinoiden ähnlich. Daher entsteht der Rausch durch Cannabis wohl über die Rezeptoren des ECS. Die Annahme: Mischt sich THC in das natürliche Zusammenspiel von ECS und Cannabinoiden, schädigt es die neurologischen Systeme von Heranwachsenden. »Die Konsequenz könnten fehlende Verknüpfungen im Gehirn sein, weil das ECS bei seiner Arbeit gestört wurde. Ein solcher Schaden kann nicht mehr rückgängig gemacht werden«, sagt Hermann. Eine Vielzahl an Studien deutet darauf hin, dass die Veränderungen dauerhafte, negative Folgen haben. Die Daten zu bewerten, gilt jedoch als schwierig.

Die Hirnrinde im Bereich des präfrontalen Kortex wird dünner

»Es braucht Langzeitstudien, in denen man die Kinder und Jugendlichen am besten noch vor Beginn des Konsums untersucht und Jahre später wieder«, sagt Hermann. Eine dieser Studien führte die Gruppe um den Psychologen Matthew Albaugh durch. Sie analysierte das Gehirn von fast 800 jungen Menschen mittels MRT-Aufnahmen. Zu Beginn der Datenerhebung waren die Teilnehmenden durchschnittlich 14 Jahre alt und hatten zu diesem Zeitpunkt noch kein Cannabis ausprobiert. Ihre Hirnscans sahen da alle ähnlich aus. Im Lauf der folgenden fünf Jahre stellte die Gruppe fest, dass sich bei Jugendlichen, die Cannabis mehr oder weniger regelmäßig nutzten, die Hirnrinde im Bereich des präfrontalen Kortex verdünnte. Der Effekt war umso stärker, je mehr Cannabis die Einzelnen konsumierten.

»Es zeigte sich allerdings eine relativ kleine Veränderung im Gehirn, die schwierig zu interpretieren ist«, sagt Hermann dazu. Wenn das Gehirn eines Menschen zwischen 1200 und 1400 Gramm wiegt, dann liegt bei dieser Studie eine Veränderung vor, die sich im Kubikmillimeterbereich abspiele. »Das ist schwierig zu interpretieren.« Dennoch, sagt er weiter, würden die Ergebnisse gut zur bestehenden These passen, dass Cannabis auf das ECS Einfluss nehme, und decke sich mit Erkenntnissen aus Experimenten an Tieren.

Lesen Sie auch: Die Rolle von Cannabis im Gehirn

Cannabis als Einstiegsdroge?

Laut dem Gateway-Modell führt der Konsum von Cannabis früher oder später zu härteren Drogen. »Tatsächlich zeigen Studien, dass ein großer Teil der Menschen, die Heroin konsumieren, in der Lebensgeschichte zuerst Cannabis gebraucht haben«, sagt die Psychologin Eva Hoch. Doch nur ein sehr kleiner Teil der Menschen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, nimmt später auch härtere psychotrope Substanzen. Ist Cannabis also eine Einstiegsdroge oder nicht? Wenn dem so wäre, könnte die pharmakologische Wirkung des Rauschmittels die Neigung eines jungen Menschen erhöhen, andere illegale Drogen zu konsumieren. Für dieses Modell spricht, dass jugendliche Ratten, denen hohe Dosen von Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) verabreicht wurden, eher dazu neigen, sich selbst Heroin und Kokain zu verabreichen, als Tiere, denen kein THC verabreicht wurde.

Es gibt aber auch alternative Erklärungen für das Gateway-Modell. Die erste ist die Verfügbarkeit: Menschen, die Cannabis konsumieren, haben mehr Möglichkeiten, an weitere Drogen zu kommen. Eva Hoch kennt das aus den Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten: »Wenn ich bei meinem Dealer bin, hat der noch andere Sachen als Cannabis dabei.« Durch das Angebot steige die Versuchung, auch Kokain, Ecstasy oder andere Drogen zu konsumieren, sagt Hoch. Laut der zweiten These sind Menschen, die früh Cannabis konsumieren, risikofreudiger als andere. Entweder genetisch oder umweltbedingt. Oder beides. »Ob nun die eine oder die andere These zutrifft, spielt in der Praxis nicht die entscheidende Rolle«, sagt die Psychologin. Psychotrope Substanzen haben unterschiedliche Risiken und können abhängig machen. Darüber müssten Jugendliche besser informiert und glaubwürdig aufgeklärt werden. Was es bräuchte, seien mehr Präventionsprogramme, sagt Hoch.

Auswirkungen auf Intelligenz und Gedächtnis

Was die Veränderungen im Gehirn bedeuten könnten, zeigt eine weitere Längsschnittstudie, deren Autoren die mehr als 1000 Teilnehmenden fast 40 Jahre lang begleiteten. Im Alter von 13 Jahren wurden Intelligenztests mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gemacht. Diese Tests wurden im Alter von 38 Jahren wiederholt, nachdem sich teils Muster von anhaltendem Cannabiskonsum etabliert hatten. »Diejenigen, die erst im Erwachsenenalter mit dem Konsum von Cannabis begannen, zeigten nur so lange schlechtere IQ-Leistungen, wie sie auch konsumierten«, sagt Hermann. Bei den Teilnehmern, die schon im Jugendalter begonnen hatten, blieb selbst nach der Abstinenz ein gewisses Defizit bestehen.

»Gut an dieser Studie ist neben ihrem Langzeitdesign, dass die Forschenden die Schulbildung der Probanden mit in die Analyse einbezogen«, sagt Hermann. So konnte ausgeschlossen werden, dass Unterschiede hinsichtlich der Bildung bei der Entwicklung eine Rolle spielen. Die Studie zeigte zugleich: Das Alter des Beginns ist allein nicht ausschlaggebend. Wie lange jemand kifft und wie intensiv, ist ebenfalls relevant. Beispielhaft dafür ist die oben erzählte Geschichte des jungen Mannes, der eine Cannabis-Konsumstörung entwickelt hat. Menschen wie ihn behandelt Eva Hoch als Leiterin des Instituts für Therapieforschung in München regelmäßig. Mit Hilfe eines ​​verhaltenstherapeutisch orientierten Entwöhnungsprogramms sollen Betroffene in zehn Sitzungen lernen, weniger Drogen zu nehmen oder ganz aufzuhören. Die drei Kernelemente der Therapie sind Motivationsförderung, Verhaltenstherapie und Problemlösetraining. »Wenn es um die Motive geht, stehen meine Klienten vor der Frage: Warum konsumiere ich?«, sagt Hoch. Viele wollen besser schlafen, entspannter sein, kreativer denken. »Auf der anderen Seite steht die Frage: Was möchte ich in meinem Leben? Könnte es Gründe geben, meinen Konsum zu verändern? Beispielsweise, um weniger Stress mit den Eltern zu haben oder weniger Ärger mit der Polizei. Viele möchten ihren Schulabschluss schaffen oder den Führerschein«, sagt Eva Hoch. Zusammen mit den Betroffenen entwickle sie alternative Strategien, um sich zu entspannen oder Zufriedenheit im Leben zu finden. »Außerdem setzen wir gemeinsam Ziele. Wie viel Konsum ist realistisch? Reicht es zu reduzieren, also nur an manchen Tagen zu kiffen? Oder muss es ein Stopp sein?«, sagt Hoch. Ein abhängiges Gehirn sei dabei nur sehr schwer zu kontrollieren. Gar kein Cannabis mehr zu rauchen, zu essen oder zu inhalieren sei da das Einfachste.

Zu Beginn sei es für manche Klienten herausfordernd, bei der Therapie mitzumachen. Die einen könnten sich nicht so gut konzentrieren, weil sie über einen langen Zeitraum intensiv gekifft haben. Die anderen seien hinsichtlich ihrer Motivation ambivalent. Doch mit der Zeit ändert sich das. »Besonders schön ist es zu sehen, wie sich die jungen Menschen im Lauf der Behandlung verändern. Sie sind dann viel wacher, leistungsfähiger und viel interessierter, oft ergeben sich neue Perspektiven und Ziele für die Zukunft«, sagt Hoch.

Therapie cannabisbezogener Störungen

Die Behandlung cannabisbezogener Störungen zielt hauptsächlich darauf ab, Intoxikationen und schädlichen Gebrauch zu behandeln beziehungsweise zu vermeiden und substanzspezifische Abhängigkeiten zu überwinden. Dazu werden hauptsächlich psychotherapeutische Interventionen eingesetzt. Als wirksam haben sich vor allem kognitiv-verhaltenstherapeutische und motivationsfördernde Kurz- und Gruppeninterventionen sowie Social-Support-Gruppen und die individuelle Beratung erwiesen. „Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind darüber hinaus auch milieu- und familientherapeutische Interventionen sinnvoll“, meint Prof. Dr. med. Udo Bonnet von den Rheinischen Kliniken Essen. Durch diese Behandlungen konnten in einer deutschen Studie mehr als die Hälfte der erwachsenen Cannabisabhängigen eine signifikante Reduktion der Konsummenge und der Folgeerscheinungen erzielen. 15 bis 22 Prozent blieben während der Behandlung und auch ein Jahr danach abstinent. Vergleichbare Studien aus den USA und eine Studie, die ausschließlich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt wurde, bestätigen dieses Ergebnis. Bleibt Cannabisabhängigkeit hingegen unbehandelt, ist eine spontane Remission bei jugendlichen Dauerkonsumenten relativ unwahrscheinlich. Günstiger ist die Prognose hingegen für ältere Konsumenten, die in festen Beziehungen leben und Cannabis nur gelegentlich konsumieren.

Ein weiteres Ziel der Behandlung besteht darin, häufig vorliegende komorbide, psychische Störungen zu identifizieren und spezifisch zu therapieren. Darüber hinaus werden allgemeine, psychosozial aktivierende und kognitiv trainierende Maßnahmen, jedoch keine Pharmakotherapie empfohlen.

Für die Behandlung cannabisbezogener Störungen stehen in Deutschland die Angebote von Suchthilfesystemen (unter anderem Drogenberatungsstellen, Institutsambulanzen), Akutbehandlung (Entzugsbehandlung) und der medizinischen Rehabilitation (Entwöhnungsbehandlung) zur Verfügung. Mittlerweile sind aber auch andere Institutionen und Verbände auf den Anstieg cannabisbezogener Störungen vor allem bei jungen Menschen aufmerksam geworden. Dazu zählt beispielsweise das Präventionsmodell FreD (Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten), das von der Koordinationsstelle des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe entwickelt und von örtlichen Suchtberatungsstellen organisiert wird. Bewährt haben sich auch die Projekte „Realize it!“ (Kombination von Tagebuch und Beratungen, in denen der eigene Cannabiskonsum eingeschätzt und reduziert werden kann; Zweiländerprojekt in Deutschland und der Schweiz), INCANT (ein Projekt für cannabisabhängige Jugendliche und deren Familien, das in fünf europäischen Ländern vergleichend durchgeführt wird), CANDIS (eine individuelle, ausstiegsorientierte Therapie) sowie „Quit the shit“ (internetgestütztes Ausstiegs- und Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Hilfe bieten außerdem Selbsthilfeangebote für junge Suchtkranke sowie zahlreiche Projekte in der Sucht- und Drogenhilfe, die sich speziell an junge Menschen mit problematischem Cannabiskonsum wenden.

Trotz dieser Ansätze sind dringend weitere Bemühungen erforderlich, um cannabisbezogene Störungen wissenschaftlich zu erforschen und das therapeutische Präventions- und Behandlungsangebot, insbesondere für junge Konsumenten, zu erweitern.

Risikominimierung beim Cannabiskonsum

Es sollte klar sein: Keine Droge ist harmlos. Entsprechend ist jeglicher Konsum mit Gefahren verbunden, auch der von Cannabis. »Es gibt keine sichere Untergrenze, bei der der Konsum gänzlich unbedenklich ist«, sagt der Suchtforscher Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Doch es ist möglich, die Risiken zu minimieren.

Auf die Qualität achten

Was wirklich drin steckt, weiß nur, wer selbst anbaut. Das aber ist derzeit verboten. Der Deutsche Hanfverband gibt Hinweise, wie sich verunreinigtes Marihuana erkennen lässt: Sand rieselt beispielsweise in der Tüte zumeist hinab, verbrixtes Gras riecht oft sehr schwach, Haarspray-Hasch klebt und riecht chemisch-süßlich. Auch sollte man, um die Kontrolle zu bewahren, zunächst möglichst gering dosieren und sich stets bewusst sein, dass manche Hersteller und Dealer Cannabis strecken oder verunreinigen. Damit steigt die Gefahr für schlechte Trips und Vergiftungen.

Dampfen statt rauchen

Das zu Klumpen gepresste Harz (Haschisch) sowie die getrockneten Blätter und Blüten (Gras/Marihuana) werden meist als Joint geraucht, teils in Wasserpfeifen oder Vaporizern. Weil Dampfen ohne Tabak auskommt, schadet es nach jetziger Kenntnis den Atemwegen weniger als Rauchen. Allerdings ist in Vaporizern THC vergleichsweise konzentrierter, das High weniger gut zu kontrollieren.

Dampfen statt essen

Cannabis in Keksen oder anderen Backwaren wirkt langsamer als gerauchtes Cannabis. Es kann mindestens ein oder zwei Stunden dauern, bis die Wirkung eintritt. Um Überdosierung zu vermeiden, lieber langsam essen. Außerdem wird der THC-Gehalt beim Backen nicht unbedingt gleichmäßig im Teig verteilt; einzelne Kekse oder Kuchenteile können unterschiedlich stark sein. Und: bitte niemals einer Person ohne ihr Wissen einen Cannabis-Keks geben.

Den Rausch nicht unterschätzen

Wer bekifft ist, ist fahruntüchtig. Ob nach 30 oder 90 Minuten - in Studien schnitten Teilnehmende beim Fahren im Rausch deutlich schlechter ab als die Kontrollgruppe. Geringfügige Beeinträchtigungen fanden die Forschenden sogar noch nach…

tags: #cannabis #erst #ab #21 #wegen #wachstum