Cannabis in der Alzheimer-Forschung: Aktuelle Erkenntnisse und Perspektiven

Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten Herausforderungen im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen dar. Die Suche nach wirksamen Therapien, die den Verlauf der Krankheit verlangsamen oder gar aufhalten können, ist daher von zentraler Bedeutung. In diesem Zusammenhang rückt Cannabis zunehmend in den Fokus der Forschung. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Stand der Forschung zu Cannabis und seinen Inhaltsstoffen im Zusammenhang mit Alzheimer, wobei sowohl vielversprechende Ansätze als auch potenzielle Risiken betrachtet werden.

Cannabinoide und Neuroprotektion: Ein Forschungsprojekt des Max-Planck-Instituts

Ein abgeschlossenes Forschungsprojekt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Behl untersuchte die neuroprotektiven Eigenschaften von Cannabinoiden. Das Projekt, das von November 1999 bis Oktober 2000 lief und mit 38.347,00 Euro gefördert wurde, konzentrierte sich auf die potenziellen Mechanismen der vorteilhaften Wirkungen von Cannabis bei neurologischen Problemen.

Die Ergebnisse zeigten, dass die neuroprotektive Aktivität phenolischer Cannabinoidverbindungen nicht von der Expression oder Aktivität des Cannabinoidrezeptors CB1 abhängt. Diese Erkenntnis ist von Bedeutung, da Cannabinoidstrukturen eine neue Klasse neuroprotektiver Antioxidantien definieren könnten, die Zugang zum Gehirn haben und als Blaupause für ein zukünftiges rationales antioxidatives Wirkstoffdesign dienen könnten. Die Ergebnisse wurden auf nationalen und internationalen Neurowissenschafts-Konferenzen vorgestellt.

Im Rahmen des Projekts wurde auch die Verbindung AM404 untersucht, die als Inhibitor für einen "Anandamid-Transporter" beschrieben wurde. Es wurde festgestellt, dass AM404 intrazelluläre Aktivitäten mit 17-beta-Estradiol teilt, was mit der phenolischen Struktur von AM404 zusammenhängen könnte. AM404 aktiviert Östrogenrezeptoren und induziert die Transkription von Östrogen-regulierten Genen. Diese Studien sind noch nicht abgeschlossen, zeigen aber, dass AM404 auch als eine Verbindung betrachtet werden muss, die bestimmte Signalwege aktivieren kann, wenn eine potenzielle pharmazeutische Verwendung von AM404 oder abgeleiteten Verbindungen in Betracht gezogen wird.

Eine wissenschaftliche Publikation, die auf diesem Projekt basiert, ist:

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  • Marsicano, G., Moosmann,B., Hermann, H., Lutz, B., Behl, C. (2002). Neuroprotective properties of cannabinoids against oxidative stress: role of the cannabinoid receptor CB1. J Neurochem., 80(3):448-56.

Cannabis zur Behandlung von Agitation bei Alzheimer: Eine US-amerikanische Studie

Eine Studie aus den USA liefert neue Erkenntnisse zur Behandlung von Agitation, einem der belastenden Symptome der Alzheimer-Demenz. Im Fokus steht dabei Cannabis, das in Deutschland seit 2024 legalisiert wurde. Agitation umfasst psychomotorische Störungen wie Zittern, Ticks und Zuckungen, die mit Unruhe und innerer Anspannung einhergehen.

Die Studie der Johns-Hopkins-Universität untersuchte die Wirkung von Dronabinol, einer Pillenform von synthetischem THC, auf Patienten mit schwerer Alzheimer-Agitation. Die Ergebnisse zeigten, dass Dronabinol die Unruhe bei Patienten mit Alzheimer um durchschnittlich 30 Prozent reduzierte. Im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungen mit Antipsychotika hatte Dronabinol eine ähnliche beruhigende Wirkung, jedoch ohne unerwünschte Nebenwirkungen wie Delirium oder Krampfanfälle.

Dr. Anne Pfitzer-Bilsing von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. erklärte, dass Dronabinol auf zwei verschiedene Rezeptoren wirkt: Durch die Wirkung auf den CB1-Rezeptor löst es Angstzustände und Depressionen, und durch die Wirkung auf den CB2-Rezeptor wirkt es antientzündlich, was das Verhalten positiv verändert.

Dronabinol ist der internationale Name für Delta-9-trans-Tetrahydrocannabinol (DELTA 9 THC), dem medizinisch wirksamen Bestandteil der Hanfpflanze. Es wurde 1985 von der FDA in den USA zur Behandlung von Appetitlosigkeit bei HIV/AIDS-Patienten zugelassen und wird aktuell zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Krebspatienten verschrieben, die eine Chemotherapie machen.

Die Studienautoren betonen, dass weitere Forschung erforderlich ist, die Ergebnisse jedoch "sehr vielversprechend" sind. Eine Folgestudie mit einer größeren Anzahl von Probanden und einer längeren Verabreichungsdauer von Dronabinol ist geplant.

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CBD-Öl bei neuropsychiatrischen Symptomen der Alzheimer-Demenz

Eine im September 2024 veröffentlichte Forschungsarbeit untersuchte die Wirkung von CBD-Öl bei Patienten mit neuropsychiatrischen Symptomen (NPS) als Folge von Alzheimer-Demenz. NPS umfassen Halluzinationen, Angstzustände, Unruhe, Apathie und Reizbarkeit.

Das zentrale Ergebnis der Studie war, dass CBD-Öl, das reich an dem nicht berauschend wirkenden Hanfpräparat Cannabidol ist, als Therapie von NPS bei einer Tagesdosis von bis zu 111 mg als wirksam und sicher bewertet werden kann. Die Wirkung zeigte sich insbesondere in Bezug auf die Reduktion von Halluzinationen, Angstzustände, Unruhe, Apathie und Reizbarkeit. Auch die pflegenden Angehörigen profitierten von der Therapie, da sich die Pflegebelastung verringerte und sie weniger Stress empfanden. Zudem verringerte sich die finanzielle Belastung.

Die Studie wurde in einer auf medizinische Cannabistherapie spezialisierten Klinik im kolumbianischen Bogotá durchgeführt. Die Patientinnen und Patienten wurden durchschnittlich rund 23 Monate lang behandelt. Die Nachbeobachtungszeit nach den drei Monaten betrug zwei Jahre.

Cannabiskonsum und Demenzrisiko: Eine kanadische Kohortenstudie

Eine kanadische Studie untersuchte, ob ein intensiver Cannabiskonsum im fortgeschrittenen Alter das Risiko für eine spätere Demenz erhöht. Die Analyse basierte auf den Gesundheitsdaten von Einwohnern der kanadischen Provinz Ontario aus den Jahren 2008 bis 2021. Die retrospektive Kohorte umfasste mehr als sechs Millionen Menschen zwischen 45 und 105 Jahren ohne diagnostizierte Demenz.

Insgesamt 16.275 Personen mussten im Untersuchungszeitraum als Folge ihres Cannabiskonsums stationär oder ambulant im Spital behandelt werden. Die Zahl der mit Cannabis assoziierten Klinikbehandlungen stieg zwischen 2008 und 2021 um mehr als das Fünffache, wobei die Altersgruppe der über 65-Jährigen einen überdurchschnittlich hohen Zuwachs verzeichnete.

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Die Studie ergab, dass Personen, die aufgrund intensiven Cannabiskonsums eine Akutversorgung benötigten, in den folgenden Jahren ein erhöhtes Risiko hatten, an Demenz zu erkranken. Innerhalb von fünf Jahren erhielten 5 % dieser Probanden eine entsprechende Diagnose.

Das Forscherteam betonte, dass sich die beobachteten Zusammenhänge nicht ohne Weiteres auf einen gemäßigteren Konsum übertragen lassen. Auch wurden umgekehrte Kausalitäten nicht berücksichtigt, also die Anwendung von Cannabis gegen die Symptome einer bereits bestehenden, aber noch nicht diagnostizierten Demenz. Ebenso fehlten in den Daten Angaben zu Potenz, Konsummustern und der Applikationsform.

THC zur Umkehrung von Alterungsprozessen im Gehirn: Eine Studie an Mäusen

Wissenschaftler der Universität Bonn und der Hebrew Universität Jerusalem (Israel) haben in einer Studie an Mäusen gezeigt, dass eine geringe Menge an THC, dem aktiven Inhaltsstoff der Hanfpflanze (Cannabis), Alterungsprozesse des Gehirns umkehren und die kognitive Leistungsfähigkeit wieder steigern kann.

Die Forscher verabreichten Mäusen im Alter von zwei, zwölf oder 18 Monaten über einen Zeitraum von vier Wochen eine geringe Menge an THC. Danach testeten sie das Lernvermögen und die Gedächtnisleistungen der Tiere. Die kognitiven Funktionen der mit Cannabis behandelten Tiere waren genauso gut wie die von zwei Monate alten Kontrolltieren.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass das Gehirn viel schneller altert, wenn Mäuse keinen funktionsfähigen Rezeptor für THC besitzen. Mit steigendem Alter verringert sich die Menge der im Gehirn natürlich gebildeten Cannabinoide. Die THC-Behandlung kehrte den Leistungsverlust der alten Tiere wieder komplett um und setzte die molekulare Uhr im Gehirn zurück.

Die Forscher wollen im nächsten Schritt in einer klinischen Studie untersuchen, ob THC auch beim Menschen Alterungsprozesse des Gehirns umkehren und die kognitive Leistungsfähigkeit wieder steigern kann.

Medizinische Cannabistherapie zur Verbesserung der Lebensqualität von Demenzpatienten

Eine israelische Studie hat gezeigt, dass medizinisches Cannabis die Lebensqualität von Menschen mit Demenz verbessern und gleichzeitig die Arbeit von Pflegefachkräften entlasten kann. Die Forschenden führten eine placebokontrollierte Doppelblindstudie durch, bei der eine Gruppe von Patienten dreimal täglich Cannabis und die andere ein Placebo-Öl erhielt.

Nach 16 Wochen ging es den Mitgliedern der Cannabis-Gruppe im Durchschnitt deutlich besser: Schlafstörungen, Agitiertheit und Aggressionen hatten abgenommen. Wichtig ist dabei, dass positive Effekte erst nach 14 Wochen einsetzten. Zudem hängt die Wirksamkeit von der Dosis ab.

Mikrodosen von Cannabisextrakt zur Stabilisierung der kognitiven Fähigkeiten bei leichter Alzheimer-Erkrankung

Eine Studie im „Journal of Alzheimer’s Disease“ untersuchte die Wirkung sogenannter Mikrodosen eines Cannabisextrakts bei Menschen mit leichter Alzheimer-Erkrankung. Die Teilnehmenden erhielten über mehrere Monate täglich ein Öl aus Cannabisextrakt. Es enthielt die Wirkstoffe THC und CBD in gleichen Anteilen - allerdings in extrem niedriger Dosierung: jeweils 0,3 Milligramm.

Das Ergebnis: Während sich die kognitiven Fähigkeiten in der Placebo-Gruppe im Studienzeitraum weiter verschlechterten, blieben sie bei den Patientinnen und Patienten mit Cannabis-Mikrodosierung stabil.

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