Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben von Millionen Menschen weltweit beeinträchtigt. Trotz bedeutender Fortschritte in der MS-Therapie suchen viele Betroffene nach zusätzlichen Möglichkeiten, ihre Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern. In diesem Zusammenhang rückt medizinisches Cannabis zunehmend in den Fokus als ergänzende Behandlungsoption, insbesondere bei Symptomen wie Spastiken und Schmerzen.
Multiple Sklerose: Eine komplexe Erkrankung
Multiple Sklerose ist durch Attacken körpereigener Abwehrzellen auf die Myelinscheiden der Nervenzellfortsätze gekennzeichnet, was zum Verlust der isolierenden Schutzschichten um die Nervenfasern führt. Dies mündet in Störungen der Reiz- bzw. Signalweiterleitung in den Nerven und hat unterschiedliche Symptome zur Folge. Schätzungsweise 280.000 Menschen sind in Deutschland an Multipler Sklerose erkrankt, weltweit etwa 2,8 Millionen.
Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Patient zu Patient variieren. Häufige Symptome sind:
- Spastiken (Muskelkrämpfe)
- Empfindungsstörungen (Taubheit, Kribbeln)
- Sehstörungen
- Koordinationsprobleme
- Rasche Ermüdbarkeit (Fatigue)
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Schmerzen
Die Diagnose der MS wird in der Regel per Ausschlussverfahren gestellt, da es kein einzelnes klinisches Merkmal oder Diagnoseverfahren gibt. Zu den wichtigsten Diagnoseinstrumenten gehören die Anamnese, neurologische Untersuchungen, Magnetresonanztomographie (MRT) und Liquordiagnostik.
Cannabis als Therapieoption bei MS
Seit 2017 können Ärztinnen und Ärzte in Deutschland Cannabisblüten und Cannabispräparate als Arzneimittel für Patientinnen und Patienten mit einer schwerwiegenden Erkrankung zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordnen. Dies schließt auch MS-Patienten ein, bei denen andere Therapien nicht ausreichend wirksam sind.
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Cannabis enthält über 60 verschiedene Cannabinoide, von denen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) die bekanntesten sind. Diese Cannabinoide können an Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems (ECS) andocken und dadurch verschiedene Wirkungen im Körper auslösen. Das ECS ist ein Teil des Nervensystems und reguliert zahlreiche Prozesse, darunter Schmerz, Entzündungen, Spastik und Stimmung.
Wirkungsweise von Cannabis bei MS
Die in Cannabis enthaltenen Cannabinoide THC und CBD können schmerzlindernd, krampflösend und stimmungsaufhellend wirken. Sie beeinflussen Schmerzrezeptoren im Gehirn und Rückenmark und können dadurch Schmerzsignale abschwächen. Zudem können sie Muskelverspannungen reduzieren und die Schlafqualität verbessern.
CBD wirkt entzündungshemmend, neuroprotektiv und angstlösend, während THC vorrangig krampflösend, schmerzlindernd und stimmungsaufhellend wirkt. Die Kombination von THC und CBD kann sich in der MS-Therapie als besonders wirksam erweisen.
In präklinischen Studien zeigte CBD im Tiermodell entzündungshemmende Eigenschaften, indem es T-Zell-Infiltrate im Rückenmark reduzierte.
Studienlage zur Wirksamkeit von Cannabis bei MS
Die Studienlage zur Behandlung von MS-Symptomen mit Cannabis ist gemischt. Während präklinische Studien und einige kleinere klinische Studien auf potenzielle Vorteile hinweisen, gibt es noch keine ausreichenden, groß angelegten klinischen Studien.
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Ein systematischer Review randomisierter, kontrollierter Studien (RCTs) mit Nabiximols (Sativex®) kam zu dem Schluss, dass die Behandlung mit Nabiximol wahrscheinlich zu einer Verbesserung der Spastizität führt und im Vergleich zu Placebo keine schwerwiegenden schädlichen Effekte hat. Patient:innen berichten demnach häufig von einer klinisch relevanten Besserung der Krampfsymptome und der damit verbundenen Schmerzen und des Schlafs.
Eine multizentrische Real-World-Studie in Deutschland zeigte bedeutsame Verbesserungen von Symptomen in Zusammenhang mit Spastizität mit der ergänzenden Behandlung mit Nabiximols. Die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit verbesserte sich um 23 % nach 4 und 12 Wochen im Vergleich zum Studienbeginn.
Eine Cochrane-Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 untersuchte die Wirksamkeit von Cannabis und Cannabinoiden zur symptomatischen Behandlung von Menschen mit Multipler Sklerose. Die Autoren schlossen 25 Studien mit Behandlungszeiträumen von weniger als einem Jahr ein. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabis bei MS-Erkrankten die Schwere der Spastizität und die Zufriedenheit der Patient*innen mit ihrer Behandlung wahrscheinlich verbessert.
Zugelassene Cannabis-Arzneimittel bei MS
In Deutschland ist der Wirkstoff Nabiximol für die Behandlung der MS-Spastik zugelassen. Der Pflanzenextrakt aus Cannabis sativa wird als Mundspray zur symptomatischen Behandlung von mittelschwerer bis schwerer Spastik bei MS eingesetzt. Es ist ein standardisiertes Gemisch aus den Hauptwirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) im Verhältnis von etwa 1:1.
Sativex®, ein Mundspray mit Extrakten aus Cannabisblättern und -blüten, standardisiert auf die beiden Cannabinoide Delta-9-THC und Cannabidiol, hat sich in Studien als wirksam bei der Linderung von Spastiken erwiesen.
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Mögliche Nebenwirkungen von Cannabis
Wie jedes Medikament kann auch medizinisches Cannabis Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Müdigkeit
- Schwindel
- Mundtrockenheit
- Konzentrationsstörungen
- Durchfall
In seltenen Fällen können psychiatrische Symptome wie Angst oder Halluzinationen auftreten, insbesondere bei höheren Dosen von THC. Es ist wichtig, dass die Anwendung von Cannabis bei MS stets in Absprache mit einem Arzt erfolgt, um Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und individuelle Risiken auszuschließen.
Die Cochrane-Autor*innen fanden keine Daten zur Frage von unerwünschten Wirkungen bei langfristiger Verwendung von Cannabis, etwa auf die kognitive Funktion und die Gemütsverfassung. Auch die Frage nach missbräuchlicher Anwendung oder Abhängigkeit ist unzureichend geklärt.
Indikationen und Kontraindikationen für die Cannabistherapie
Medizinisches Cannabis kann bei MS eingesetzt werden, wenn herkömmliche Medikamente nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Es ist besonders wirksam bei der Behandlung von Spastiken und neuropathischen Schmerzen.
Kontraindikationen für die Cannabistherapie sind unter anderem:
- Schwere psychiatrische Störungen
- Akute Psychosen
- Schwangerschaft und Stillzeit
Verordnung und Kostenübernahme
Seit 2024 ist medizinisches Cannabis nicht mehr im Betäubungsmittelgesetz, sondern im Medizinal-Cannabisgesetz geregelt. Die Verschreibung erfolgt nun auf einem regulären Rezept durch alle approbierten Ärzte mit entsprechender Indikation, was den Zugang erleichtert.
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für medizinisches Cannabis, sofern andere Therapien nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Die Voraussetzungen regelt das aktuelle Medizinal-Cannabisgesetz.
Darreichungsformen von Cannabis
Medizinisches Cannabis ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, darunter:
- Getrocknete Blüten
- Extrakte
- Öle
- Kapseln
- Oromukosale Sprays (z.B. Sativex®)
Die Auswahl der geeigneten Darreichungsform hängt vom Symptombild, der gewünschten Wirkung und dem individuellen Verträglichkeitsprofil ab.
Empfehlungen für die Anwendung von Cannabis bei MS
- Die Anwendung von Cannabis bei MS sollte stets in Absprache mit einem Arzt erfolgen.
- Die Dosierung sollte individuell angepasst werden, um die optimale Wirkung mit minimalen Nebenwirkungen zu erzielen.
- Es ist wichtig, auf mögliche Nebenwirkungen zu achten und diese dem Arzt zu melden.
- Bei der Verordnung von Cannabisblüten ist aufgrund des Einsatzes über Inhalation Vorsicht geboten, um einen missbräuchlichen Einsatz und eine Schädigung pulmonaler Strukturen zu vermeiden.
- Wissenschaftlich erprobten Therapeutika wie Nabiximols (Sativex®) zur Behandlung der MS-induzierten Spastik (und Schmerz) sollte der Vorzug vor anderen Cannabispräparaten gegeben werden.