Migräne ist mehr als nur ein Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. In Deutschland sind schätzungsweise 10 Millionen Menschen von Migräne betroffen, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Auslöser von Migräne und stellt verschiedene Behandlungsansätze vor, um den Alltag trotz Migräne besser gestalten zu können.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, heftige Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Diese Attacken dauern in der Regel zwischen 4 und 72 Stunden und werden oft von Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen und einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm und Gerüchen begleitet. Körperliche Anstrengung kann die Symptome verstärken, weshalb sich Betroffene während einer Attacke oft in einen dunklen, ruhigen Raum zurückziehen.
Experten unterscheiden etwa 300 verschiedene Kopfschmerzarten, wobei Migräne eine davon ist. Um die Symptome als Migräne zu klassifizieren, müssen sie mindestens fünfmal aufgetreten sein.
Ursachen und Entstehung von Migräne
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und der jeweiligen Blutgefäße.
Frühere Annahmen vs. Aktuelle Erkenntnisse
Früher gingen Wissenschaftler von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus. Demnach verengen sich kurz vor einer Migräneattacke die Blutgefäße, was zu einer schlechteren Durchblutung der betroffenen Hirnregion führt. In einer überschießenden Gegenreaktion erweitern sich die Blutgefäße anschließend, was die migränetypischen Schmerzen verursacht.
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Aktuelle Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass das Geschehen auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen ist. Mithilfe spezieller bildgebender Verfahren konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das sogenannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses "Migräne-Zentrum" reagiert überempfindlich auf Reize.
Die Rolle des Trigeminusnervs und der Botenstoffe
Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Feinste Verästelungen des Trigeminusnervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerzsignale an das Gehirn senden. Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung sogenannter Botenstoffe (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen (Extravasation) und bestimmte Blutbestandteile (z.B. entzündliche Eiweißstoffe) freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute. Diese sogenannte neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, welche ausstrahlen und den Migränekopfschmerz bewirken.
Die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) sind chemische Substanzen, die unter anderem Nervensignale weiterleiten, die Ausdehnung oder Verengung der Blutgefäße steuern und Schmerzsignale auslösen. Von allen Botenstoffen spielt das Serotonin bei der Entstehung der Migräne eine besondere Rolle. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus, was unter anderem das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus erklärt.
Individuelle Auslöser (Trigger) identifizieren
Bestimmte innere und äußere Faktoren, sogenannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Jeder Migränepatient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerztagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln.
Häufige Triggerfaktoren sind:
- Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus: Zu viel oder zu wenig Schlaf kann eine Migräne auslösen.
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unterzuckerung oder ein Hungerzustand aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten.
- Hormonveränderungen: Während des Zyklus (Eisprung oder Menstruation) oder aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille, bei Beschwerden der Wechseljahre oder zur Osteoporose-Vorsorge).
- Stress: Körperliche oder seelische Belastungen - Migräne tritt meist in der Entspannungsphase danach auf.
- Umweltfaktoren: Verqualmte Räume, (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche.
- Nahrungsmittel: Bestimmte Nahrungsmittel wie Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte oder Alkohol (insbesondere Rotwein).
- Wetter- und Höhenveränderungen: Föhn, Kälte etc.
- Starke Emotionen: Ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst.
- Medikamente: Einige Medikamente können ebenfalls Migräne auslösen.
Symptome und Verlauf einer Migräneattacke
Eine Migräne verläuft typischerweise in verschiedenen Phasen, die unterschiedlich lange dauern und nicht zwingend alle auftreten müssen.
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Prodromalphase (Vorbotenphase)
In vielen Fällen kündigen Gereiztheit, Müdigkeit, Heißhunger und Lichtempfindlichkeit eine Migräne an. Diese Vorbotenphase kann mehrere Stunden bis zwei Tage vor dem Kopfschmerz auftreten.
Aura
Anschließend kann eine Migräne-Aura auftreten. Diese kann verschiedene Anzeichen haben:
- Sehstörungen: Flimmersehen, Zickzack-Linien, Gesichtsfeldausfälle (Skotome) oder verzerrtes, unscharfes, vergrößertes oder verkleinertes Sehen von Objekten (Metamorphopsie).
- Empfindungsstörungen: Kribbeln, das sich langsam von der Hand über den Arm bis zum Kopf ausbreitet.
- Weitere Einschränkungen: Sprachstörungen (Aphasie), Orientierungsstörungen und Lähmungserscheinungen (Paresen) sind selten. Die Migräne-Aura kann auch mit Gleichgewichtsstörungen einhergehen.
Kopfschmerzphase
Die heftigste Phase geht mit starken, einseitigen Kopfschmerzen einher, die bis zu drei Tage anhalten können. Die Schmerzen werden als pulsierend oder stechend beschrieben und treten meist im Bereich von Stirn, Schläfen und den Augen auf. Kinder und Jugendliche haben typischerweise kürzere Migräneanfälle und nehmen die Kopfschmerzen meist beiderseitig im Bereich von Stirn und Schläfen wahr.
Diagnose von Migräne
Um eine Migräne zu diagnostizieren, erkundigt sich der Arzt zunächst nach den Beschwerden des Patienten. Unter anderem wird nach der Häufigkeit und Dauer der Anfälle, Art und Stärke der Kopfschmerzen und nach Begleitsymptomen gefragt. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, diese Fragen zu beantworten. Meist kann bereits auf diese Weise Migräne diagnostiziert werden. Es ist wichtig, die Erkrankung von anderen Kopfschmerzen oder weiteren Krankheiten abzugrenzen. Ist das allein anhand der Beschwerden nicht möglich, können eine bildgebende Untersuchung oder weitere Tests nötig werden.
Behandlung von Migräne
Auch wenn Migräne eine nicht heilbare Krankheit ist, lässt sie sich mit Medikamenten und anderen Maßnahmen gut behandeln. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Medikamenten für akute Migräneattacken und zur Rückfallprophylaxe.
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Akuttherapie
Zur Linderung akuter Migräneanfälle werden Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure sowie koffeinhaltige Kombinationspräparate eingesetzt. Migränespezifische Medikamente wie Triptane oder Ditane sind wirksam gegen starke Symptome und sollten frühzeitig eingenommen werden. Gegen Übelkeit helfen zum Beispiel Metoclopramid und Domperidon. Die neue Wirkstoffgruppe der Gepante kann eingesetzt werden, wenn Schmerzmittel oder Triptane nicht wirksam sind oder nicht vertragen werden. Außerdem ist die Remote Electrical Neuromodulation eine Ergänzung oder Alternative zur Standardtherapie - etwa dann, wenn etwas gegen Medikamente spricht.
Es ist wichtig, die Medikamente möglichst frühzeitig einzunehmen, da sie dann am wirksamsten sind. Allerdings sollte darauf geachtet werden, dass an mindestens 20 Tagen im Monat keine Schmerz- oder Migränemittel eingenommen werden, um einen Medikamentenübergebrauch zu vermeiden.
Migräneprophylaxe
Bei häufigen oder schweren Migräneattacken können Medikamente helfen, vorzubeugen (Prophylaxe). Dafür kommen beispielsweise bestimmte Betablocker oder Krampflöser wie Topiramat oder das Antidepressivum Amitriptylin infrage. Seit einigen Jahren ist in Deutschland eine besondere Antikörpertherapie zur Vorbeugung von Attacken bei chronischer Migräne zugelassen. Diese ist gut wirksam, kommt aber nicht für jeden infrage. Ähnlich verhält es sich mit der neuen Wirkstoffgruppe der Gepante.
Außerdem gibt es einige nicht-medikamentöse Methoden, die möglicherweise dabei helfen können, die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren. Hierzu gehören beispielsweise Entspannungsverfahren, Ausdauersport und ein regelmäßiger Schlaf- und Mahlzeitenrhythmus. Die Wirkung dieser Maßnahmen kann nicht garantiert werden, dennoch können sie positiven Einfluss auf die Anzahl der Migränetage haben.
Natürliche und alternative Behandlungsmethoden
Neben den medikamentösen Behandlungen gibt es auch eine Reihe von natürlichen und alternativen Methoden, die bei der Behandlung von Migräne helfen können:
- Regelmäßiger Ausdauersport: Laufen, Schwimmen oder Radfahren können den Stresspegel verringern und helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Entspannungsverfahren: Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Vorbeugung von Migräne hilfreich sein kann.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann Betroffenen helfen, mit ihrer Migräne besser umzugehen und Stressoren zu identifizieren und zu bewältigen.
- Biofeedback: Bei dieser Methode lernen Betroffene, biologische Signale wie den Blutdruck bewusst zu beeinflussen und so die Kopfschmerzen zu lindern.
Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Bereits Kinder können an Migräne leiden, typisch ist aber ein erstes Auftreten nach der Pubertät. Jungen und Mädchen sind in etwa gleich häufig betroffen. Bei Kindern können neben Kopfschmerzen auch andere Symptome wie Bauchschmerzen auftreten. Nicht alle Medikamente sind für Kinder zugelassen, daher sollte eine Behandlung immer mit einem Kinderarzt abgestimmt sein.
Migräne in der Schwangerschaft
Auch in der Schwangerschaft lässt sich Migräne behandeln. In jedem Fall sollte eine Therapie dann mit einem Arzt abgesprochen werden, um Schäden am Ungeborenen durch Medikamente zu vermeiden. Glücklicherweise verlieren viele betroffene Frauen während der Schwangerschaft vorübergehend ihre Migräne.
Leben mit Migräne: Tipps für den Alltag
Migräne kann den Alltag stark beeinträchtigen. Mit dem richtigen Wissen über Auslöser, einer passenden Behandlung und gesunden Gewohnheiten können Betroffene ihren Alltag trotz Migräne positiv gestalten.
- Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch: Notieren Sie Häufigkeit, Dauer, Intensität und Begleitsymptome der Migräneattacken sowie mögliche Auslöser.
- Achten Sie auf einen regelmäßigen Lebensstil: Regelmäßige Schlaf- und Wachzeiten, Mahlzeiten und körperliche Aktivität können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Vermeiden Sie bekannte Trigger: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Auslöser und versuchen Sie, diese zu vermeiden.
- Sorgen Sie für ausreichend Entspannung: Bauen Sie Stress ab und nehmen Sie sich Zeit für Entspannungsübungen.
- Suchen Sie professionelle Hilfe: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Migräne und lassen Sie sich beraten, welche Behandlungsmöglichkeiten für Sie geeignet sind.
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