Mit der zunehmenden Akzeptanz von Cannabis für medizinische Zwecke rückt die Frage nach den Auswirkungen der Cannabispflanze, insbesondere des Hauptwirkstoffs THC, auf das Gehirn und speziell auf die Alzheimer-Krankheit, in den Vordergrund. Obwohl THC therapeutische Effekte, beispielsweise bei chronischen Schmerzen, haben kann, gibt es auch Hinweise auf potentielle Risiken, besonders bei regelmäßigem und frühem Konsum. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Wechselwirkungen zwischen Cannabis, dem Gehirn und Alzheimer, um ein umfassendes Bild der aktuellen Forschungslage zu vermitteln.
Das Endocannabinoid-System (ECS) und THC
Um die Wirkung von THC auf das Gehirn zu verstehen, ist es wichtig, das Endocannabinoid-System (ECS) zu betrachten. Das ECS ist ein biologisches Netzwerk, das eine entscheidende Rolle bei der Regulierung verschiedener Körperfunktionen spielt. Es besteht aus Cannabinoid-Rezeptoren, endogenen Cannabinoiden (Endocannabinoiden) und Enzymen, die für die Synthese und den Abbau der Endocannabinoide verantwortlich sind.
CB1-Rezeptoren, die sich hauptsächlich im Gehirn befinden, sind an der Regulation kognitiver Prozesse und der Wahrnehmung beteiligt. Der Körper produziert Endocannabinoide, die an diese Rezeptoren binden und verschiedene Funktionen regulieren. THC dockt ebenfalls an die CB1-Rezeptoren an, oft jedoch stärker und länger als die natürlichen Botenstoffe, was zu veränderter Wahrnehmung, Euphorie oder gesteigerter Kreativität führen kann. THC beeinflusst zentrale Hirnregionen wie den Hippocampus (Gedächtnis), den präfrontalen Cortex (Impulskontrolle) und das Belohnungssystem (Motivation, Emotionen).
Auswirkungen von Cannabis auf das Gehirn
Langfristiger Cannabiskonsum, insbesondere in jungen Jahren, kann strukturelle Veränderungen im Gehirn begünstigen. Studien deuten darauf hin, dass sich die Großhirnrinde ausdünnen und der Hippocampus an Volumen verlieren könnte. Besonders heikel ist der THC-Konsum in der Jugend, da das Gehirn bis in die Mitte der 20er-Jahre reift und THC in die Hirnentwicklung eingreifen kann.
Eine Studie ergab, dass der Hippocampus bei Menschen, die langfristig Cannabis konsumiert hatten, durchweg kleiner war als bei Nicht-Konsumenten. Eine andere Studie fand heraus, dass THC bei längerer Einnahme im Gehirn ein Enzym aktivieren kann, das normalerweise bei Entzündungen eine Rolle spielt - COX-2. Wenn COX-2 aktiv ist, verändert sich die Struktur der Verbindungen zwischen den Nervenzellen, vor allem im Hippocampus, was in Tierversuchen zu Gedächtnisstörungen führte. Interessanterweise verschwanden diese negativen Effekte, sobald COX-2 gehemmt wurde.
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Während Alkohol den Abbau der grauen Substanz beschleunigt und die Entwicklung der weißen Substanz beeinträchtigt, sind die Veränderungen durch Cannabis meist weniger stark ausgeprägt, und manche Effekte können sich nach längerer Abstinenz zurückbilden.
Cannabis im medizinischen Kontext
Trotz der Risiken des Freizeitkonsums können Cannabinoide im medizinischen Kontext ihr therapeutisches Potenzial entfalten. THC wird unter anderem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose oder Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt. Die Forschung zu COX-2 eröffnet neue Perspektiven, die Cannabis-Wirkung gezielter zu steuern.
CBD (Cannabidiol) wirkt im Gehirn anders als THC - beruhigend, ausgleichend und ohne berauschende Effekte. Es beeinflusst Hirnregionen, die für Emotionen, Stressverarbeitung, Impulskontrolle und Gedächtnis zuständig sind und verbessert die Kommunikation zwischen Frontalhirn und tieferliegenden Strukturen.
Cannabis und Alzheimer: Aktuelle Forschung
Eine Studie aus den USA liefert neue Erkenntnisse zur Behandlung von Alzheimer-Patienten, insbesondere des Symptoms Agitation. Agitation umfasst die Psychomotorik und kann sich in spontanen Bewegungen wie Zittern, Ticks und Zuckungen äußern. Die Studie der Johns-Hopkins-Universität ergab, dass eine Pillenform von Dronabinol, einer synthetischen Form von THC, die Unruhe bei Patienten mit Alzheimer um durchschnittlich 30 Prozent reduzieren kann. Dronabinol hat eine ähnliche beruhigende Wirkung wie Antipsychotika, jedoch ohne deren unerwünschte Nebenwirkungen.
Dr. Anne Pfitzer-Bilsing erklärte, dass Dronabinol durch seine Wirkung auf den CB1-Rezeptor Angstzustände und Depressionen löst und durch seine Wirkung auf den CB2-Rezeptor antientzündlich wirkt, was das Verhalten positiv verändert.
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Weitere Forschung ist jedoch nötig, um die Wirksamkeit und Anwendbarkeit von Dronabinol bei Alzheimer-Patienten klarer zu bestimmen.
THC als Jungbrunnen für das Gehirn?
Forscher der Universität Bonn und der Hebrew Universität Jerusalem haben bei Mäusen festgestellt, dass geringe Dosen von THC die nachlassende Gehirnleistung von alten Mäusen verbessern können. In einer Studie im Wissenschaftsjournal "Nature Medicine" berichteten sie, dass THC den Alterungsprozess des Gehirns von Mäusen verändert.
Versuche in einem Altersheim in Israel zeigten, dass Bewohner mit Appetitlosigkeit und Schlafstörungen, denen Cannabis gegeben wurde, geistig reger waren. In Bonn untersuchen Wissenschaftler nun die Wirkung genauer. Sie fanden heraus, dass das Endocannabinoidsystem alle Alterungsprozesse beeinflusst und dass die Aktivität des Systems bei alternden Tieren abnimmt, was mit typischen Alterungssymptomen einhergeht.
Die Wissenschaftler gaben alten Mäusen THC und stellten fest, dass sich die alten Tiere wie junge verhielten. Die Lern- und Gedächtnisleistung war viel besser als die von unbehandelten alten Tieren. Die Forscher untersuchten das Gehirngewebe und die Genaktivität der behandelten Mäuse und stellten fest, dass die molekulare Signatur nicht mehr der von alten Tieren entsprach, sondern vielmehr jungen Tieren sehr ähnlich war.
Cannabis zur Linderung von Demenz-Symptomen
Cannabis kann die Lebensqualität von Menschen mit Demenz verbessern und gleichzeitig die Arbeit von Pflegefachkräften entlasten. Viele Menschen mit Demenz entwickeln neuropsychiatrische Störungen wie Anspannung, Unruhe, Reizbarkeit, Aggressionen und Schlafstörungen.
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Eine israelische Studie hat gezeigt, dass medizinisches Cannabis einen hohen Wirkungsgrad bei der Linderung dieser Symptome hat. In einer placebokontrollierten Doppelblindstudie erhielten die Mitglieder der Cannabis-Gruppe im Durchschnitt deutlich besser: Schlafstörungen, Agitiertheit und Aggressionen hatten abgenommen. Wichtig ist dabei, dass positive Effekte erst nach 14 Wochen einsetzten und die Wirksamkeit von der Dosis abhängt.
CBD-Öl als Therapie bei neuropsychiatrischen Symptomen
Eine Forschungsarbeit aus dem September 2024 macht deutlich, dass CBD-Öl, das reich ist an dem nicht berauschend wirkenden Hanfpräparat Cannabidol, als Therapie von NPS bei einer Tagesdosis von bis zu 111 mg als wirksam und sicher bewertet werden kann. Die Wirkung zeigte sich insbesondere in Bezug auf die Reduktion von Halluzinationen, Angstzustände, Unruhe, Apathie und Reizbarkeit. Auch die pflegenden An- und Zugehörigen profitieren von der Therapie, da sich die Pflegebelastung verringerte und sie weniger Stress empfanden.
Risiken und Nebenwirkungen
Trotz des therapeutischen Potenzials von Cannabis gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen zu beachten. Eine Studie aus dem Mai 2025 deutet darauf hin, dass ältere Erwachsene, die wegen der Folgen ihres Cannabiskonsums im Krankenhaus behandelt werden mussten, in den folgenden Jahren häufiger an einer Demenz erkrankten. Es ist wichtig zu betonen, dass Cannabis ein Rauschmittel ist, das zu psychischer Abhängigkeit führen kann.