Cannabisforschung: Nervenkrankheiten im Fokus – Ein Überblick über Risiken, Abhängigkeit und therapeutische Möglichkeiten

Cannabis, oft als "weiche Droge" angesehen, ist leicht zu beschaffen und übt durch den Reiz des Verbotenen eine gewisse Anziehungskraft aus. Viele halten es für harmloser als Alkohol. Doch wie gefährlich ist Cannabis wirklich, insbesondere im Hinblick auf Nervenkrankheiten? Dieser Frage geht der folgende Artikel auf den Grund und beleuchtet sowohl die Risiken des Konsums als auch die potenziellen therapeutischen Anwendungen.

Die Anziehungskraft von Cannabis: Entspannung und Realitätsflucht

Cannabis wird oft konsumiert, um ein "schweres, warmes Gefühl" und Entspannung zu erleben. Der Körper fühlt sich schwer an, der Kopf benebelt, die Augen werden müde. Manche Nutzer beschreiben es als eine Möglichkeit, schlechten Gedanken zu entkommen: "Wenn schlechte Gedanken kommen, dann baust Du Dir wieder einen Joint und dann ist gut. Und so schlängelt man sich immer um die schlechten Sachen herum."

Diese vermeintliche Entspannung kann jedoch zur Gewohnheit werden und in eine Abhängigkeit münden. "Man wird halt nervös, wenn man nichts mehr hat oder gerade nicht kann", beschreibt ein Betroffener. Klinikleiter Gunter Burgemeister von der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik, einer Suchtklinik im niedersächsischen Ahlhorn, bestätigt die Drogen-Epidemie. Hier werden junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren behandelt, die Cannabis-süchtig sind oder andere Substanzen konsumieren.

Der Einstieg in die Sucht: Gruppenzwang und Isolation

Der Einstieg in den Cannabiskonsum beginnt oft im Jugendalter. Jan, ein 14-Jähriger, fing zunächst mit Zigaretten an und kam dann durch Freunde zum Cannabis. "Man kann nur noch mit Leuten abhängen, die konsumieren", erklärt er. Der Konsum wird zum Mittelpunkt sozialer Interaktion: "Weil man trifft sich nur noch, um zu konsumieren. Und einen anderen Grund gibt es nicht, um rauszugehen und mit den Freunden da rumzulaufen."

Mit der Zeit kann der Konsum jedoch zur Isolation führen. Jan berichtet, dass er zum Schluss fast nur noch allein konsumiert hat. Die ständige Verfügbarkeit von Cannabis macht es Jugendlichen besonders schwer, sich dem Konsum zu entziehen. Dealer erkennen Konsumenten sofort und sprechen sie gezielt an.

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Die Risiken des Cannabiskonsums: Herzinfarkt, Gedächtnisverlust und Psychosen

Cannabis wird oft als "weiche Droge" verharmlost, die Gefahr einer Abhängigkeit wird geringer eingeschätzt als bei Alkohol. Doch der Konsum birgt ernsthafte Risiken, insbesondere für junge Menschen, deren Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet.

Zu den Nebenwirkungen von Cannabis gehört ein höheres Risiko für Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkt. Eine US-Studie zeigte, dass Konsumenten zwischen 18 und 44 Jahren mehr als doppelt so häufig einen Infarkt hatten wie Nicht-Konsumenten im gleichen Alter.

Ein weiteres Problem ist die Auswirkung auf das Gehirn. Während der Pubertät findet eine wichtige Phase der Gehirnentwicklung statt, in der die Endocannabinoide eine entscheidende Rolle bei der Vernetzung von Nervenzellen spielen. Cannabiskonsum kann diesen Prozess stören und langfristige Folgen haben.

Eine Langzeitstudie aus Neuseeland untersuchte den Intelligenzquotienten von Konsumenten. Während sich der IQ der Kontrollgruppe zwischen dem 13. und dem 38. Lebensjahr verbesserte, verschlechterte er sich bei den regelmäßigen Kiffern um bis zu 8 Punkte, und zwar umso mehr, je größer der Konsum war. Bei Erwachsenen, die mit dem Kiffen aufhörten, normalisierte sich der IQ zwar wieder, aber nur dann, wenn sie nicht schon als Teenager angefangen hatten.

Jan berichtet von Gedächtnisverlust: "Gedächtnisverlust, oh mein Gott, das ist ganz schlimm. Wenn man einen Text lesen möchte, liest man den und man weiß schon gar nicht mehr, was da passiert ist. Oder ich kann mich an so viele Sachen in meinem Leben nicht mehr erinnern, die Tage sind einfach weg."

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Besonders besorgniserregend ist das erhöhte Risiko für Psychosen. Die Psychologin Eva Hoch von der Universität München hat mit Kollegen die CaPRis-Studie erstellt, die den derzeitigen Stand der Cannabis-Forschung zusammenfasst. Sie erklärt, dass THC bei gesunden Menschen Psychose-ähnliche Phänomene auslösen kann: "Dann kann es im Rausch zu Erlebnissen kommen wie Wahn, Paranoia, Halluzinationen."

Forscher am Londoner King’s College haben die Häufigkeit psychotischer Erkrankungen in europäischen Städten verglichen. Sie fanden eine überdurchschnittlich hohe Rate an Psychose-Fällen in Städten, in denen das handelsübliche Cannabis besonders viel von dem rausch-auslösenden Wirkstoff THC enthält - nämlich London und Amsterdam. Täglicher Konsum und hoher THC-Gehalt erhöhten die Wahrscheinlichkeit einer psychotischen Störung. Unter Cannabis-Konsumenten erkranken 2 bis 5-mal so viele Menschen an einer Psychose wie unter Nicht-Konsumenten.

Ursache oder Wirkung? Die Rolle der genetischen Veranlagung

Die Frage, ob Cannabis Psychosen verursacht oder ob Menschen mit einer genetischen Veranlagung eher zum Cannabiskonsum neigen, ist Gegenstand aktueller Forschung. Der Genetiker Robert Power konnte 2014 in einer Zwillingsstudie zeigen, dass das angeborene Psychose-Risiko Ursache des Cannabis-Konsums sein könnte. Ein internationales Forscherteam um die niederländische Psychologin Joelle Pasman kam zu dem gleichen Ergebnis. Sie verglich das Erbgut von über 180.000 Cannabis-Konsumenten mit dem von Nicht-Konsumenten und konnte genetische Variationen bestimmen, die zu 11 Prozent den Konsum erklären. Einige dieser "Cannabis-Marker" stimmten mit genetischen Variationen überein, die auch mit einem Schizophrenie-Risiko in Verbindung gebracht werden.

Psychologin Eva Hoch vermutet, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt: "Auf der einen Seite gibt es wahrscheinlich eine Vulnerabilität. Auf der anderen Seite spielen Umweltfaktoren, Risikofaktoren eine Rolle. Vielleicht braucht es auch mehrere Risikofaktoren, und Cannabis kommt dann wie der Tropfen noch dazu, der das Fass zum überlaufen bringt."

Die britische Psychiaterin Suzanne Gage schlägt ein Dreiecksmodel vor, wonach vor allem Menschen mit einer genetischen Veranlagung betroffen sind, die aufgrund ihrer psychischen Labilität anfälliger für einen übermäßigen Cannabis-Konsum sind. Der Drogenkonsum verursacht aber zusätzlichen Stress und kann möglicherweise eine psychotische Störung auslösen.

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Cannabis als Sucht: Eine Krankheit, die behandelt werden muss

In der Diskussion über psychische Krankheiten, die durch Cannabis-Konsum ausgelöst werden können, wird oft übersehen, dass die Sucht selbst eine Krankheit ist. Mehr als 8.000 Minderjährige waren 2017 wegen einer Cannabis-Abhängigkeit in Behandlung, davon fast ein Drittel stationär in einer Klinik.

Der regelmäßige Gebrauch von Cannabis kann zu Problemen in der Schule oder bei der Arbeit sowie zu sozialen und zwischenmenschlichen Problemen führen. Betroffene entwickeln eine Toleranz und brauchen eine immer höhere Dosis. Ihr Konsum wird durch ein starkes Verlangen bestimmt, das so genannte Craving. Wenn sie die Substanz nicht bekommen, erleben sie Entzugssymptome.

Klinikleiter Burgemeister erklärt, dass sich durch den Konsum das Belohnungssystem im Vorderhirn verändert. Der Drang zu konsumieren ist ein Automatismus, der über lange Zeit eingeübt wird und nur schwer zu überwinden ist.

Paragraf 35 des Betäubungsmittelgesetzes ermöglicht es im Fall einer mit Drogen verbundenen Straftat, eine Therapie zu machen statt ins Gefängnis zu gehen. Fast die Hälfte der Patienten in der Ahlhorner Suchtklinik ist straffällig geworden, vor allem wegen Dealens, aber auch wegen Raubes, Diebstahls oder wegen Körperverletzung.

Prävention und Aufklärung: Ein wichtiger Baustein im Kampf gegen die Sucht

Suchtprävention ist ein wichtiger Baustein im Kampf gegen die Cannabis-Sucht. Es ist wichtig, dass Jugendliche frühzeitig über die Risiken des Konsums aufgeklärt werden. Die Daten der Fachstelle für Suchtprävention zeigen, dass das Einstiegsalter bei 14,6 Jahren liegt. Daher müssen Schulen und Eltern das Thema offen ansprechen.

Lehrer stehen oft vor der Frage, wie sie mit Schülern umgehen sollen, die Cannabis konsumieren. Sie wollen die Jugendlichen nicht kriminalisieren, aber auch nicht die Augen vor dem Problem verschließen. Suchtprävention sollte daher fest im Lehrplan verankert sein.

Medizinisches Cannabis: Hoffnung für Parkinson-Patienten und Schmerzgeplagte?

Seit einigen Jahren dürfen Ärzte ihren Patienten medizinisches Cannabis gegen Parkinson verschreiben. Manche Patienten legen große Hoffnungen in die neue Therapie. Viele haben jedoch nur eine vage Vorstellung davon, wogegen oder wofür das Cannabis eigentlich wirken soll.

Der Körper produziert selbst Cannabinoide, die an Empfängerstellen im Gehirn andocken und Signalkaskaden auslösen. Dadurch werden Botenstoffe wie Dopamin, Glutaminsäure oder Serotonin freigesetzt. Von den mehr als 60 Inhaltsstoffen im Cannabis sind zwei besonders wichtig: THC (Tetrahydrocannabinol), der Stoff, für den Cannabis als Droge geraucht wird, und CBD (Cannabidiol), der nicht halluzinogen wirkt.

THC gibt es als Öl oder in Kapseln. CBD ist derzeit als Nahrungsergänzungsmittel und nicht als Medikament zugelassen. Man erhofft sich, dass Cannabis das Zittern bei Parkinson lindert. Bisher gibt es aber keine Hinweise darauf. Die Forschung hat lediglich nahegelegt, dass Cannabis möglicherweise eine dämpfende Wirkung auf die Unruhebewegungen haben könnte, die durch das Medikament L-Dopa ausgelöst werden.

Allerdings sind in Studien bei einigen Patienten Halluzinationen aufgetreten. Außerdem leiden Parkinsonpatienten oft unter Kreislaufschwäche und sehr niedrigem Blutdruck, was durch THC noch verstärkt werden kann. Weiterhin gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte.

Trotz der Risiken gibt es Patienten, bei denen die konventionelle Medizin nicht weiterkommt und die Cannabis unbedingt ausprobieren wollen. Meist klappt die Kostenübernahme durch die Krankenkasse, aber man braucht oft einen langen Atem.

Auch bei chronischen Schmerzen kann medizinisches Cannabis eine Option sein, wenn gängige Behandlungen nicht helfen oder nicht vertragen werden. Seit 2017 dürfen Ärzte schwer kranken Menschen Rezepte für getrocknete Cannabisblüten und deren Extrakte sowie Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol (teilsynthetisches THC) und Nabilon (synthetisches THC) ausstellen. Die Kosten übernehmen im Regelfall die Krankenkassen.

Am häufigsten wird Hanf als Mittel gegen chronische Schmerzen verschrieben, gefolgt von Spastik und Anorexie. Einigermaßen gut belegt ist die Wirkung bei neuropathischen Schmerzen, also chronischen Nervenschmerzen, die zum Beispiel durch Diabetes, einen Schlaganfall oder Rückenmarksverletzungen entstehen.

Gelangen Cannabinoide in den menschlichen Körper, docken sie an die Rezeptoren des Endocannabinoidsystems an. Rezeptoren vom Typ CB1 befinden sich vor allem auf Nervenzellen im Gehirn, CB2-Rezeptoren hauptsächlich auf Zellen des Immunsystems und im Verdauungstrakt. THC bindet im Gehirn bevorzugt an CB1-Rezeptoren, die unter anderem im limbischen System vorhanden sind, also in Hirnregionen, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind. Außerdem beeinflussen THC und CBD die Ausschüttung von Botenstoffen wie Serotonin, Noradrenalin und Glutamat, die an Stress- und Angstempfinden mitwirken.

Cannabinoide können Schmerzen erträglicher machen, was für weniger Stress und besseren Schlaf sorgt. Diesen Eindruck bestätigt auch Anästhesist Marc Seibolt: "Für chronische Schmerzpatienten, denen nicht anders geholfen werden kann, ist Cannabis in vielen Fällen ein Segen."

Vorsicht bei Selbstmedikation und minderwertigen Produkten

Von einer Selbstmedikation mit Cannabis wird dringend abgeraten. In Europa kursieren viele Produkte, die mit gefährlichen synthetischen Cannabinoiden versetzt sind. Das Risiko einer Abhängigkeit ist größer, Panikattacken, Schwindel, Herzrasen, Psychosen sind mögliche Folgen des Rausches. Wer seine Schmerzen oder andere Beschwerden mit Cannabis lindern möchte, sollte daher unbedingt zu Hanf auf Rezept greifen und sich ärztlich begleiten lassen.

Auch die Bundesärztekammer sowie die Kassenärztliche Vereinigung raten davon ab, medizinisches Marihuana, die getrockneten Cannabisblüten, zu rauchen. Durch das Inhalieren von Cannabis können die Lunge und das Herz-Kreislauf-System geschädigt werden.

Stattdessen sollten orale Cannabinoide verwendet werden, um konstante Konzentrationen der Stoffe im Körper zu erreichen. Bei Angst und Angespanntheit kann Cannabidiol über die Apotheken bezogen werden, wo CBD in den verschiedenen Konzentrationen hergestellt wird, was garantiert, dass eine definierte und nachweisbare Konzentration von Cannabidiol in dem Produkt enthalten ist.

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