Die Forschung zur Rolle von Östradiol und Progesteron bei Hirnblutungen und in der Hormonersatztherapie (HRT) hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Diese Hormone, die traditionell mit der weiblichen reproduktiven Gesundheit in Verbindung gebracht werden, spielen auch eine wichtige Rolle im Gehirn und können einen Einfluss auf die Erholung nach einem Schlaganfall haben.
Expertenrat
Unser Expertenrat besteht aus:
- Prof. Dr. med. Heinz Bohnet: Spezialist für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin mit langjähriger Erfahrung in eigener Praxis und aktueller Tätigkeit als unabhängiger Konsiliarius und Gutachter für Endokrinologie.
- Dr. med. Nina Wiese: Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit Schwerpunkt auf endokrinologischen Fragestellungen in der frauenärztlichen Praxis und einem Masterstudium im Bereich Gesundheitsmanagement.
Hormone und Hirnblutungen
Neuroprotektive Wirkung von Sexualhormonen
Dr. rer. biol. hum. Cordian Beyer vom Universitätsklinikum der RWTH Aachen erforscht die Funktion von Sexualhormonen im Gehirn. Er erklärt: "Hormone steuern nicht nur unsere Organentwicklung und die Funktion der Reproduktionsorgane, sie könnten auch das Hirngewebe schützen und beschädigte Teile zur Regeneration stimulieren."
Bei einem Schlaganfall wird das Gehirn entweder mit zu wenig Blut versorgt (Hirninfarkt) oder das Blut tritt aus den Gefäßen in das Hirngewebe (Hirnblutung). Innerhalb weniger Stunden sterben die Zellen an der Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen ab. Das Nervengewebe wird dauerhaft beschädigt, wichtige Funktionen können nicht wiederhergestellt werden.
Reduktion des Schlaganfallgebiets durch Hormonbehandlung
In Tierstudien mit Ratten konnte das Schlaganfallgebiet mit einer Hormonbehandlung um bis zu 70 Prozent reduziert werden. "Dabei spielen vor allem Abwehrzellen des Gehirns, die so genannten Mikroglia, eine wichtige Rolle", so Beyer. Die verabreichten Hormone hemmen diese Abwehrzellen und sorgen andererseits dafür, dass geschädigte Nervenzellen besser überleben können. Den maximalen Effekt erzielt man mit einer speziellen Kombination von Progesteron und Östrogen.
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Rolle von Progesteron und Östrogen
Progesteron und Östrogen sind weibliche Geschlechtshormone, die während der Menstruation regelmäßig in bestimmten Phasen und während einer Schwangerschaft in besonders erhöhten Mengen vorhanden sind. Der Hormonspiegel steigt dann um ein Vielfaches an. "Der weibliche Körper, aber auch der im Mutterleib befindliche Embryo, wird regelrecht mit Hormonen überschwemmt", so Beyer, "die Einnistung der befruchteten Eizelle und deren Reifung wird dadurch ermöglicht und die spätere Milchproduktion vorbereitet."
Beyer und Kollegen aus der Kinderheilkunde der Universität Ulm stellten fest, dass extreme Frühgeborene, die aufgrund der vorzeitigen Geburt keine ausreichenden Hormonmengen aus dem Mutterkuchen erhielten, häufig Entwicklungsstörungen und Krankheiten erleiden. Vor allem die Atemwege und Hirnentwicklung sind hierbei betroffen. In Tiermodellen und in einer humanen Pilotstudie konnten mit einer gezielten Hormonbehandlung diese Störungen verringert werden.
Hormonersatztherapie (HRT)
Die Hormonersatztherapie (HRT) ist eine Behandlung, die darauf abzielt, den Hormonspiegel im Körper von Frauen in den Wechseljahren auszugleichen. Sie wird häufig zur Linderung von Symptomen wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen eingesetzt. Die HRT ist jedoch auch mit einigen Kontroversen verbunden, insbesondere in Bezug auf die Risiken und Nebenwirkungen.
Überblick über die in der HRT eingesetzten Hormone
In der HRT werden hauptsächlich Östrogene und Gestagene verwendet. In der Europäischen Union (EU) ist zudem Tibolon zugelassen, das speziell für postmenopausale Frauen vorgesehen ist und als Ersatz für Östrogen bzw. Östrogen-Gestagen-Kombinationen verwendet werden kann. Eine Kombination aus Östrogen und einem selektiven Östrogenrezeptormodulator, Bazedoxifen, ist in Deutschland nicht verfügbar. Androgene sind zur Behandlung von Frauen in der EU nicht zugelassen, werden jedoch gelegentlich zur Verbesserung der Libido in der Peri- und Postmenopause off Label eingesetzt.
Zu den verschiedenen verfügbaren Östrogenen gehört vor allem 17β-Estradiol (E2), das derzeit in der Versorgung dominiert, während konjugierte equine Östrogene in Deutschland nicht mehr verfügbar sind. Estradiol kann sowohl oral als auch transdermal verabreicht werden, wobei transdermale Optionen in Form von Pflastern, Gel und Spray verfügbar sind.
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Bioidentische Hormone
„Bioidentisch” bedeutet, dass das zugeführte Hormon, unabhängig von der Applikationsform (oral, transdermal, als Spray oder Creme), die gleiche chemische Struktur wie das körpereigene Hormon aus den Eierstöcken besitzt. Alle Hormone, mit Ausnahme der konjugierten equinen Östrogene, werden aus Yamswurzel hergestellt, einschließlich der synthetischen Hormone. Hormone, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für die Therapie in den Wechseljahren zugelassen sind, umfassen Progesteron, vaginales Dehydroepiandrosteron (DHEA) sowie verschiedene Varianten von Estradiol und Estriol. Zusätzlich gibt es Hormone, die als Magistralrezeptur therapeutisch eingesetzt werden können, darunter orales Pregnenolon, orales Dehydroepiandrosteron (DHEA) und transdermales Testosteron.
Indikationen für die HRT
Alle vorgestellten Präparate sind zur Behandlung von Symptomen eines Östrogenmangels zugelassen, teilweise auch zur Prävention von Osteoporose. Die Indikation gilt jedoch hauptsächlich für postmenopausale Frauen, das heißt für Frauen, bei denen mindestens zwölf Monate nach ihrer letzten Periode vergangen sind. Einige der genannten Präparate sind auch für Frauen zugelassen, bei denen mindestens sechs Monate nach ihrer letzten Periode verstrichen sind.
Kontroversen in der HRT
Die HRT ist mit einigen Kontroversen verbunden, die nicht mit dem Ziel einer endgültigen Entweder-oder-Entscheidung geführt werden können; sie münden häufig in Auseinandersetzungen und Streitigkeiten, die nicht faktenbasiert geführt werden. Die Diskussionen über die HRT bei Frauen werden kontrovers und sehr emotional geführt.
HRT nur für postmenopausale Frauen?
Eine Kontroverse besteht darin, dass HRT ausschließlich bei postmenopausalen Frauen verschrieben werden darf, während symptomatische perimenopausale Frauen auf eine Therapie warten müssen, bis sie postmenopausal sind. Die klinische Erfahrung zeigt jedoch, dass auch Frauen in der Perimenopause ungeachtet des offiziellen Zulassungsstatus von einer HRT profitieren könnten, was auch durch klinische Studien bestätigt wird.
HRT nur bei Hitzewallungen?
Eine weitere Kontroverse betrifft die Frage, ob HRT nur bei Hitzewallungen verschrieben werden darf und nicht bei anderen Wechseljahresbeschwerden. Eine HRT kann auch zur Behandlung anderer Symptome der Wechseljahre außer Hitzewallungen verschrieben werden. Es ist jedoch wichtig sicherzustellen, dass die Symptome tatsächlich auf die Wechseljahre zurückzuführen sind.
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Hormone verursachen Gewichtszunahme?
Es gibt auch die Annahme, dass Hormone eine Gewichtszunahme verursachen. Unter einer HRT zeigen Frauen im Vergleich zu Frauen ohne HRT tendenziell eher eine geringere Gewichtszunahme oder sogar eine Verringerung des Körpergewichtes. Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass eine HRT keinesfalls als Medikament zur Gewichtsabnahme betrachtet werden sollte.
Die WHI-Studie und die Risiken der HRT
Die WHI-Studie hat gezeigt, dass eine HRT zu risikobehaftet ist und daher nicht verschrieben werden sollte. Diesbezüglich ist eine sehr differenzierte Betrachtung erforderlich. Bezüglich der Fragestellung, wie sich die orale oder transdermale HRT auf das Thrombose- oder Schlaganfallrisiko auswirkt, wurden insgesamt vier Studien identifiziert: E3N-Studie, ESTHER-Studie, MEVE-Studie und die French National Insurance System Study. Die E3N- und ESTHER-Studie untersuchten das venöse Thromboembolierisiko und stellten fest, dass orale Östrogene das Risiko erhöhen, während transdermale Östrogene nicht mit einer Risikoerhöhung einhergehen. Die Zugabe von Progesteron oder Dydrogesteron hatte keinen risikomodulierenden Effekt. Die MEVE-Studie untersuchte das Rezidivrisiko für venöse Thromboembolien bei Frauen mit vorheriger Thrombose und zeigte, dass orale Östrogene das Thromboembolierisiko erhöhen, während transdermale Östrogene kein erhöhtes Risiko aufweisen. Auch hier hatte die Zugabe von Progesteron keinen zusätzlichen Effekt. In Bezug auf das Schlaganfallrisiko erhöhen orale Östrogene das Risiko, während sich dies für transdermale Östrogene nicht nachweisen lässt. Die Zugabe von Progesteron hatte auch hier keinen modulierenden Effekt.
Zyklusbeschwerden und Hormontherapie: Ein Überblick
Viele Frauen in der Perimenopause erleben Zyklusbeschwerden, die oft mit Hormonschwankungen zusammenhängen. Hier sind einige häufige Szenarien und Expertenratschläge zur Dosierung und Anwendung von Hormonen:
- Zwischenblutungen: Bei wiederholten Blutungen sollte eine Ultraschalluntersuchung der Gebärmutter durchgeführt werden. Eine Erhöhung der Progesterondosis könnte erwogen werden.
- Brustspannen: Dies deutet oft auf einen phasenweise zu hohen Estrogenspiegel hin. Eine Dosiserhöhung von Progesteron auf 200 mg täglich kann helfen.
- Schlafstörungen: Progesteron kann sich positiv auf die Schlafqualität auswirken. Eine Einnahme von 200 mg Progesteron vor dem Schlafengehen kann hilfreich sein.
- Unregelmäßiger Zyklus: Die Einnahme von Progesteron in den ersten beiden Wochen des Kalendermonats kann helfen, den Zyklus zu regulieren.
- Hitzewallungen: Ein Hub Gel täglich kurz vor dem Schlafengehen, parallel dazu eine Stunde vorher eine Kapsel Progesteron 100 mg, kann helfen. Beide Hormone sollten ca. 21 Tage angewendet und dann eine Pause von mindestens 4 Tagen eingelegt werden.
Individuelle Anpassung der Hormontherapie
Die individuelle Dosierung der HRT richtet sich nach der Dosis, die benötigt wird, bis Symptomfreiheit erreicht ist. Das ist von Frau* zu Frau* verschieden. Und selbst bei ein- und derselben Frau* kann sich die benötigte Dosierung verändern. Auch Faktoren wie die Applikationsform (Gel, Spray, Pflaster) bzw. der Aufbau deiner Haut können individuell Einfluss auf die Aufnahme des Wirkstoffs haben.
Zu Beginn der HRT ist es sinnvoll, kürzere Intervalle von 3 (-6) Monaten zu vereinbaren, damit du mit deiner betreuenden Ärztin/deinem Arzt besprechen kannst, wie es dir unter Therapie geht und ihr ggf. Anpassungen in der Dosierung deiner HRT vornehmen könnt, bis die optimale Dosis für dich gefunden ist.
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