Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene neurologische Erkrankung, die zu Muskelschwäche und Lähmungen führen kann. In den letzten Jahren wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen dem COVID-19-Impfstoff von Johnson & Johnson und einem erhöhten Risiko für das Auftreten des GBS diskutiert. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Lage, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die potenziellen Risiken und Vorteile der Impfung mit dem Johnson & Johnson-Vakzin.
Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine entzündliche Erkrankung der peripheren Nerven und Nervenwurzeln. Es handelt sich um eine Form der Polyneuropathie. Vermutlich wird durch eine überschießende Autoimmunreaktion - in Folge von Infektionen - die Myelinschicht der peripheren Nerven geschädigt. Deswegen können die Nervenfasern keine Reize mehr übertragen. Dies äußert sich durch eine fortschreitende Lähmung und Taubheitsgefühle, meist von den Beinen, später von den Armen ausgehend. Auch der Kopf beziehungsweise das Gesicht können betroffen sein.
Die genauen Ursachen, warum das Guillain-Barré-Syndrom entstehen kann, sind bislang nicht vollständig geklärt. Oft entsteht ein GBS einige Tage bis Wochen nach einer Infektionserkrankung: Beispielsweise nach einer Erkrankung der oberen Atemwege oder einer bakteriellen Magen-Darm-Infektion (mit Campylobacter-Bakterien), einer Grippe oder Erkältung. GBS ist eine Fehlsteuerung des Immunsystems und kann nach Infektionen wie Influenza (Grippe) auftreten. Auch nach einer natürlichen Sars-CoV-2-Infektion kann es zu dem Syndrom kommen. Mehrere Fallberichte liegen vor. Bereits im vergangenen Jahr berichteten mehrere Länder von Einzelfallberichten solcher Erkrankungen. Die Betroffenen mussten häufig künstlich beatmet werden. Ob die Beatmung aufgrund der Folgeerkrankung benötigt wurde, konnte nicht differenziert werden.
Meist beginnt die Erkrankung in den Beinen, dort nehmen Betroffene die Beschwerden zuerst wahr. Einige der ersten Symptome des Syndroms können ein Kribbeln in den Füßen oder Händen sein. Andere umfassen Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen, Kauen, Sehen oder Lähmungen im Gesicht.
Die Erkrankung ist eine Art Polyneuropathie, bei der es zunehmend zu Muskelschwäche kommt. Oft heilt die Erkrankung später von selbst aus. Die Dauer beträgt ohne Behandlung bis zu mehreren Wochen. Nehmen die Symptome über einen Zeitraum von mehr als zwei Monaten zu, so muss eine erneute Differentialdiagnostik erfolgen. Die Symptomatik geht in einigen Fällen mit der Zeit wieder zurück.
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Aufgrund der Gefahr einer Atemlähmung werden Patienten immer stationär eingewiesen und engmaschig überwacht. Wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie berichtet, erhalten Betroffene dann entweder hochdosiert intravenös Immunglobuline oder es erfolgt eine Plasmapherese. Die Gabe von Glukokortikoiden kann ebenfalls erfolgen. Mediziner:innen empfehlen, dass die Krankheit durch Plasmapherese kontrolliert und die Gabe von Immunglobulin-Präparaten sicherzustellen. Eine kausale Therapie der Erkrankung existiert bisher nicht.
Oft dauere es viele Wochen, bis sich die Symptome zurückbilden, bei einigen Patienten würden dauerhaft neurologische Beschwerden bestehen bleiben: Etwa 30 Prozent der Betroffenen weisen noch drei Jahre nach Beginn des Syndroms eine verbleibende Schwäche auf.
Der Johnson & Johnson-Impfstoff und das GBS-Risiko
Während der Coronapandemie wurde das Guillain-Barré-Syndrom immer wieder mit Impfungen gegen Covid-19 in Verbindung gebracht. Wie das Ärzteblatt berichtet, könnte der COVID-19-Impfstoff Jcovden von Janssen (Tochterfirma von Johnson & Johnson) mit einem erhöhten Risiko für das GBS einhergehen. Die Untersuchung liefere damit Hinweise für ein erhöhtes Risiko, innerhalb von 21 beziehungsweise 42 Tagen nach einer Impfung mit dem Corona-Vakzin von Janssen an einem Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken, berichtet das Autorenteam in seinem Bericht auf JAMA Network Open. Das Risiko sei aber sehr gering. Es seien nur einige Fällen pro einer Million Impfdosen registriert worden.
Die US-Aufsichtsbehörde FDA geht bei dem Impfstoff von Johnson & Johnson gegen das Coronavirus von einem kleinen Risiko einer Nervenkrankheit aus. Die FDA gab am Montag eine Warnung wegen des potenziell gefährlichen Guillain-Barré-Syndroms heraus, einer seltenen Form der Polyneuropathie. Bei der Krankheit können Muskelschwäche und Lähmung auftreten.
Die US-Arzneimittelbehörde warnt vor dem sogenannten Guillain-Barré-Syndrom. Zuvor waren dutzende Fälle des sogenannten Guillain-Barré-Syndroms gemeldet worden. Die entzündliche neurologische Erkrankung führt zu Muskelschwäche bis hin zu Lähmungen.
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Berichte deuteten auf ein erhöhtes Risiko innerhalb von 42 Tagen nach Verabreichung des Vakzins hin. Die Erkrankung trat demnach größtenteils innerhalb von zwei Wochen nach der Impfung auf und betraf meist ältere Männer.
Daten aus den USA
Washington · Am Guillain-Barré-Syndrom erkrankten rund 100 Amerikaner aus knapp 13 Millionen, die mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson geimpft wurden. In den USA wurden bislang 12,5 Millionen Impfdosen des nur einmal zu applizierenden Impfstoffes verabreicht. Im Zusammenhang mit rund 12,5 Millionen verabreichten Impfdosen von Johnson & Johnson hatte es 100 vorläufige Berichte über Lähmungserscheinungen gegeben.
Die Behörde und die US-Gesundheitsbehörde CDC überprüften Berichte von rund 100 Personen, die nach der Impfung mit Johnson & Johnson die Immunsystemkrankheit bekamen. Die meisten der 100 Fälle des Guillain-Barré-Syndroms traten dabei bei Männern auf. 95 der rund 100 Fälle seien schwerwiegend gewesen und erforderten eine Einweisung in ein Krankenhaus. Ein Mensch starb.
Die FDA zufolge wurden 95 der 100 Fälle ins Krankenhaus eingeliefert, eine Person starb. Die FDA hatte daraufhin am Montag ihren Warnhinweis aktualisiert. Künftig soll eine Warnung in Infoblättern für Personen enthalten sein, die mit Johnson & Johnson geimpft werden.
Vergleich mit anderen Impfstoffen
Bei den vorliegenden Daten gebe es keine Hinweise auf ein ähnlich erhöhtes Risiko bei den Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna, schrieb die US-Zeitung weiter. Alle drei Mittel sind derzeit mit einer FDA-Notfallzulassung zur Verwendung in den USA freigegeben.
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Die GBS-Melderaten innerhalb von 21 und 42 Tagen nach der Janssen-Impfung waren neun- bis zwölfmal höher als nach einer mRNA-Impfung mit den Covid-19-Vakzinen von BioNTech/Pfizer (Comirnaty) und Moderna (Spikevax). Für die beiden mRNA-Impfstoffe konnte kein entsprechender Zusammenhang ermittelt werden.
Mögliche Ursachen für den Zusammenhang
Ad26.COV2.S ist ein rekombinanter Impfstoff, der einen nicht replizierenden Adenovirus-Vektor verwendet, welcher für das SARS-CoV-2-Spike-Protein kodiert, um eine immunologische Antikörperreaktion auszulösen. Theoretisch ist es möglich, dass durch den Janssen-Impfstoff induzierte Antikörper mit Glykoproteinen auf der Myelinscheide der Axone peripherer Nerven kreuzreagieren und ein Guillain-Barré-Syndrom auslösen.
Ebenso gab es Berichte über ein erhöhtes GBS-Risiko nach der Impfung mit der ChAdOx1 nCov-19 Vakzine (Vaxzevria von AstraZeneca). Dieser Impfstoff verwendet einen replikationsinkompetenten Schimpansen-Adenovirus-Vektor und wurde in Europa in großem Umfang verabreicht. In einer Studie war die Zahl der GBS-Fälle innerhalb von 14 Tagen nach einer Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine 1,4- bis 10-mal höher als erwartet.
Ein erhöhtes GBS-Risiko nach diesen Impfstoffen könnte auf einen Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen hindeuten, zumindest in Bezug auf Covid-19-Impfstoffe, schreiben Abara und Kollegen.
Risikobewertung und Empfehlungen
Trotz des potenziellen Risikos betonen Gesundheitsbehörden, dass die Vorteile des Impfstoffs die Risiken immer noch überwiegen. Ungeimpfte Menschen sind nach wie vor dem größten Risiko ausgesetzt, an Covid-19 zu erkranken und zu sterben.
Da Nebenwirkungen freiwillig gemeldet würden, sei es jedoch nicht immer möglich, «ihre Häufigkeit zuverlässig abzuschätzen oder einen kausalen Zusammenhang (mit der Impfung) herzustellen», hieß es weiter.
Warnhinweise und Überwachung
Die FDA hat einen Warnhinweis für das Guillain-Barré-Syndrom in die Produktinformationen des Covid-19-Impfstoffs von Johnson & Johnson aufgenommen. In anderen Regionen der Welt werde man die Informationen entsprechend der örtlichen Bestimmungen anpassen, teilte Johnson & Johnson mit. Alle Meldungen über Nebenwirkungen gebe das Unternehmen an Behörden wie FDA und die Europäische Arzneimittelagentur EMA weiter.
Aufgrund bekannter Assoziationen zwischen anderen Impfstoffen und dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) war die Erkrankung eine vordefinierte Nebenwirkung von besonderem Interesse für die Covid-19-Impfstoffüberwachung, schreiben Winston E. Abara und Kollegen vom Covid-19-Response-Team der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde (Centers for Disease Control and Prevention [CDC]) in Atlanta.
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