Schwere Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen sind äußerst selten, aber sie kommen vor. Forschende versuchen zu ergründen, warum es bei manchen Menschen zu solchen Impfreaktionen kommt. Es ist nicht leicht, die Zusammenhänge zu klären, denn sämtliche Impfreaktionen können auch ganz andere Ursachen haben und lediglich zufällig kurz nach einer Impfung auftreten.
Seltene neurologische Komplikationen nach Corona-Impfungen
Neurologische Erkrankungen als mögliche Nebenwirkung einer Corona-Impfung haben bereits zu Verunsicherung geführt. Eine Studie mit rund 23 Millionen Teilnehmern belegt, dass neurologische Erkrankungen nach einer Impfung gegen Corona nicht gehäuft auftreten.
An der Studie nahmen 8.330.497 Menschen teil, die mindestens eine Dosis eines Corona-Impfstoffes (Astrazeneca, Biontech, Moderna oder Johnson & Johnson) erhalten hatten, außerdem 735.870 ungeimpfte Personen, die sich nachweislich (mittels PCR-Test) mit Corona infiziert hatten, sowie eine Kontrollgruppe mit 14.330.080 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung.
Ergebnis: Die Häufigkeit der Entwicklung von neurologischen Erkrankungen - wie Gesichtslähmungen (Fazialisparesen), Entzündungen des Gehirns und des Rückenmarks (Encephalomyelitiden) oder das Guillain-Barré-Syndrom (eine Form von Polyneuropathie aufgrund einer Autoimmunreaktion, bei der es zu Muskelschwäche kommt) - war in der Gruppe der Menschen mit Corona-Impfung vergleichbar mit derjenigen in der Allgemeinbevölkerung - also unauffällig. Demgegenüber fielen die Inzidenzraten bei den ungeimpften Corona-Infizierten deutlich höher aus, als in der Allgemeinbevölkerung zu erwarten gewesen wäre.
„Daraus schlussfolgern die Studienautoren, dass eine Impfung gegen Corona nicht mit der Entwicklung von neurologischen Erkrankungen wie Fazialisparese, Encephalomyelitis, Guillain-Barré-Syndrom zusammenhängt - eine Corona-Infektion bei Ungeimpften hingegen schon!“, erklärt Dr. Ursache des sog. Experten zufolge ist die Ursache des sog. Neuro-Covid-Syndroms eine deutlich geschwächte Immun- und Interferonantwort bei COVID-Patienten, die zu Begleit- und Folgeerscheinungen führen, die speziell das Nervensystem betreffen. „Am bekanntesten ist der Verlust des Geschmacks- oder Geruchssinns, aber auch schwere Komplikationen - wie Schlaganfälle, Krampfanfälle oder Hirnhautentzündung - sind möglich“, erläutert Dr. Beil. Forschende vermuten, dass durch eine Erkrankung an Covid die Blut-Hirn-Schranke fehlreguliert sein könnte, so dass der Eintritt der SARS-CoV-2-Viren ins Gehirn erleichtert würde. Antikörper gegen das Spikeprotein an der Virenoberfläche können hingegen die Aufnahme der Viren in die Zellen verringern.
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Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) im Zusammenhang mit dem Johnson & Johnson Impfstoff
Nach etwa 12,5 Millionen verabreichten Impfdosen mit dem Vektorimpfstoff Janssen von Johnson & Johnson gab es etwa 100 vorläufige Berichte, dass die neurologische Krankheit, das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), aufgetreten sei. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie bestätigt den zeitlichen Zusammenhang zur Impfung. Ob die Lähmungen dadurch verursacht werden, ließe sich aber bislang noch nicht beurteilen. Alle aufgetretenen GBS-Fälle werden jetzt im Detail geprüft.
In Großbritannien traten nach der Gabe des Corona-Vakzins Janssen von Johnson & Johnson bisher vier Fälle des Guillain-Barré-Syndroms auf, die jetzt genau nachverfolgt werden. "Obwohl diese Patienten neurologische Symptome hatten, die zeitlich mit der Impfung zusammentreffen, kann daraus noch keine Kausalität geschlossen werden. Es sollte aber eine Überwachung der Geimpften erfolgen, was sowohl eine akkurate klinische Diagnose umfasst als auch einen nationalen Berichtsmechanismus." Christopher Allen, Mediziner an der Universität in Nottingham
Das Paul-Ehrlich-Institut meldet in seinem Sicherheitsbericht, der die Daten bis 30. Juni 2021 erfasst, dass in Deutschland knapp zwei Millionen Impfdosen von Janssen verimpft und vier GBS-Fälle erfasst wurden. "Das Zeitintervall zwischen Impfung und Erstsymptomatik/Diagnose betrug im Mittel 15 Tage. Die betroffenen Personen - drei Männer und eine Frau - waren zwischen 36 und 64 Jahre alt."
Experten schätzen Impf-Nebenwirkungen als gering ein. Ärzte weltweit halten die bisher zugelassenen Impfstoffe gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 für wirksam. Ihr Nutzen überwiege bei weitem mögliche Risiken. Dennoch können Nebenwirkungen und in sehr seltenen Fällen Impfkomplikationen auftreten.
"Insgesamt ist das GBS-Risiko durch die Impfung gegen SARS-CoV-2 nach heutigem Kenntnisstand als sehr gering einzustufen - und wir haben zum Glück eine wirksame Therapie dieses Krankheitsbilds zur Verfügung." Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)
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Die Covid-19-Vakzine Jcovden (COVID-19-Impfstoff Ad26.COV2-S [rekombinant]) von Johnson & Johnson könnte mit einem erhöhten Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) assoziiert sein. Das ergab eine im „JAMA Network Open“ publizierte Auswertung der Fälle, die an die US-Nebenwirkungsdatenbank VAERS gemeldet wurden. Die GBS-Melderaten innerhalb von 21 und 42 Tagen nach der Janssen-Impfung waren neun- bis zwölfmal höher als nach einer mRNA-Impfung mit den Covid-19-Vakzinen von BioNTech/Pfizer (Comirnaty) und Moderna (Spikevax). Für die beiden mRNA-Impfstoffe konnte kein entsprechender Zusammenhang ermittelt werden.
Daten von mehr als 480 Millionen Impfdosen ausgewertet. Die retrospektive Kohortenstudie wertete die von Dezember 2020 bis Januar 2022 beim Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) eingegangenen Meldungen über Erkrankungen am Guillain-Barré-Syndrom nach einer Covid-19-Impfung aus. Als Vakzine kamen Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson), BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und mRNA-1273 (Moderna) zum Einsatz. Die Forschenden verglichen die Meldemuster in den 21 und 42 Tagen nach der Coronaimpfung. In Summe umfasste die Analyse 487.651.785 Covid-19-Impfdosen.
Höhere GBS-Rate nach Janssen-Impfstoff. Bei den Impfdosen entfielen 3,7% auf den Janssen-Impfstoff, 54,7% auf die mRNA-Vakzine von BioNTech/Pfizer und 41,6% auf den mRNA-Impfstoff von Moderna. Insgesamt verzeichnete das VAERS 295 GBS-Fälle nach einer Covid-19-Impfung; in 275 Berichten (93,2%) war eine Hospitalisierung dokumentiert.
Innerhalb von 21 Tagen nach der Covid-19-Impfung gingen 209 gemeldete Fälle von Guillain-Barré-Syndrom ein, innerhalb von 42 Tagen waren es 253. Die 21-Tage-Raten an Meldungen pro 1.000.000 Impfdosen betrugen 3,29 für Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson), 0,29 für BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und 0,35 für mRNA-1273 (Moderna). Die entsprechenden Raten in den 42 Tagen nach der Impfung lagen bei 4,07 (Johnson & Johnson), 0,34 (BioNTech/Pfizer) und 0,44 (Moderna).
Kein Zusammenhang mit mRNA-Impfstoffen. In den 21 Tagen nach der Impfung mit der Covid-19-Vakzine Janssen gab es mehr GBS-Meldungen als nach der Impfung mit den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer (RRR 11,40, 95%-KI 8,11-15,99) oder Moderna (RRR 9,26, 95%-KI 6,57-13,07]). Ähnliche Ergebnisse wurden innerhalb von 42 Tagen nach der Impfung beobachtet (BNT162b2: RRR 12,06, 95%-KI 8,86-16,43; mRNA-1273: RRR 9,27, 95%-KI 6,80-12,63).
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Die Rate von beobachteten zu erwarteten (OE-Ratio) Fällen an Guillain-Barré-Syndrom betrug 3,79 (95%-KI 2.88-4.88) für das 21-Tage- und 2,34 (95%-KI 1.83-2.94) für das 42-Tage-Intervall nach der Janssen-Impfung. Nach der mRNA-Impfung mit BNT162b2 und mRNA-1273 lag die OE-Ratio in beiden Zeiträumen unter 1 (nicht signifikant).
Das absolute GBS-Risiko ist gering
In der retrospektiven Studie wurden unverhältnismäßig viele Meldungen von Fällen an Guillain-Barré-Syndrom nach der Covid-19-Impfung mit der Janssen-Vakzine festgestellt. Demzufolge scheint dieser Impfstoff mit einem erhöhten Risiko für GBS verbunden zu sein. Das absolute GBS-Risiko nach der Janssen-Covid-19-Impfung liegt laut Schätzungen der Forschenden aber nur in einer Größenordnung von einigen Fällen pro Million Impfdosen.
Möglicher Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen
Die spezifischen Ursachen und Risikofaktoren einer GBS-Erkrankung sind oft unklar; die Pathogenese ist bis heute nicht vollständig geklärt. Molekulare Mimikry könnte jedoch eine Rolle bei der Ätiologie spielen, schreiben die AutorInnen.
Ad26.COV2.S ist ein rekombinanter Impfstoff, der einen nicht replizierenden Adenovirus-Vektor verwendet, welcher für das SARS-CoV-2-Spike-Protein kodiert, um eine immunologische Antikörperreaktion auszulösen. Theoretisch ist es möglich, dass durch den Janssen-Impfstoff induzierte Antikörper mit Glykoproteinen auf der Myelinscheide der Axone peripherer Nerven kreuzreagieren und ein Guillain-Barré-Syndrom auslösen.
Ebenso gab es Berichte über ein erhöhtes GBS-Risiko nach der Impfung mit der ChAdOx1 nCov-19 Vakzine (Vaxzevria von AstraZeneca). Dieser Impfstoff verwendet einen replikationsinkompetenten Schimpansen-Adenovirus-Vektor und wurde in Europa in großem Umfang verabreicht. In einer Studie war die Zahl der GBS-Fälle innerhalb von 14 Tagen nach einer Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine 1,4- bis 10-mal höher als erwartet.
Ein erhöhtes GBS-Risiko nach diesen Impfstoffen könnte auf einen Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen hindeuten, zumindest in Bezug auf Covid-19-Impfstoffe, schreiben Abara und Kollegen.
Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat das Guillain-Barré-Syndrom auf die Liste „sehr seltener“ Nebenwirkungen des Coronaimpfstoffs von Astrazeneca aufgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin und dem Auftreten der Nervenerkrankung gebe, sei „zumindest begründet“, heißt es in einer Erklärung der EMA. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Astrazeneca-Impfung am Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken, sei sehr gering, betonte die EMA aber auch. Von 10.000 Menschen sei weniger als einer betroffen.
Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?
Beim Guillain-Barré-Syndroms (GBS) werden durch eine überschießende Autoimmunreaktion Nerven geschädigt, so dass sie keine Reize mehr übertragen können.
Jährlich erkranken etwa zwei von 100.000 Personen an einem Guillain-Barré-Syndrom. Vorausgegangene Infektionen des Darms oder der oberen Luftwege werden als möglicher Auslöser angeführt. Bei dieser Krankheit schädigt eine überschießende Autoimmunreaktion das Nervensystem, weshalb sie keine Reize mehr übertragen kann. Das kann zu Lähmungen führen, die in den meisten Fällen nicht von Dauer sind. Oft kann eine Physiotherapie Abhilfe schaffen. Schwere Fälle benötigen eine Immuntherapie. Auch nach Grippe- und anderen Impfungen kann die Erkrankung in Einzelfällen auftreten.
Immunreaktionen und Autoantikörper
Ein deutsches Medizinerteam hat gezeigt, welcher Antikörper hinter den seltenen Fällen stecken dürfte, wenn Menschen nach einer Impfung mit einem mRNA-Impfstoff eine Herzmuskelentzündung - eine Myokarditis - entwickeln. Und ein Forscherteam aus Chicago hat gerade beschrieben, dass das Immunsystem einiger Patientinnen und Patienten Antikörper herstellt, die sowohl gegen das Virus als auch gegen Angiotensin zwei binden. Dieses körpereigene Enzym spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Blutdrucks.
Der Infektiologe Christoph Spinner erklärt, dass das Immunsystem generell nach Impfungen verschiedenster Art überreagieren kann. "Prinzipiell gibt es auch Assoziationen zu Impfstoffen, denn auch hier ist die Idee, das Immunsystem zu aktivieren und es bleibt natürlich nie mit letzter Sicherheit ausgeschlossen, ob dabei nicht auch ein Teil der Immunantwort sich gegen menschliche Eiweißstoffe richtet, weil die menschlichen Eiweißstoffe und vielleicht Bestandteile des Impfstoffes oder auch des Erregers vergleichbar sind."
Harald Prüß, Neurologe an der Berliner Charité, erklärt: „Man kann inzwischen festhalten, dass nach der Corona-Impfung durchaus vereinzelte Patienten Beschwerden entwickeln, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf die Impfung zurückzuführen sind.“ Um dann gleich weiter einzuschränken: „Die allermeisten Beschwerden, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung auftreten, haben wahrscheinlich mit der Impfung überhaupt nichts zu tun.“
Prüß und sein Team fanden bei einem Patienten mit Gehirnentzündung nach Corona-Impfung Entzündungszellen und Massen von Antikörpern im Nervenwasser. Die Antikörper koppelten an Strukturen des Mausgehirns, ein Hinweis darauf, dass Sie es auch beim Menschen tun könnten.
„Antikörper können gegen beides reagieren, sowohl gegen das Virus als auch gegen körpereigene Strukturen, und dadurch Schäden verursachen“, sagt Harald Prüß. Dann sprechen Fachleute von einer Kreuzreaktion oder molekularer Mimikry.
Mit Hochdruck arbeiten Forschergruppen auf der ganzen Welt deshalb daran, Biomarker zu finden - etwa Zellen oder Antikörper, die den Zusammenhang zwischen einer Impfung und einer anschließenden Erkrankung belegen - unabhängig von statistischen Anomalien und Hintergrundinzidenzen auf Bevölkerungsebene.
Andere neurologische Komplikationen
Der einzige ursächliche Zusammenhang zwischen Corona-Impfungen und neurologischen Nebenwirkungen wurde für das Auftreten von sogenannten cerebralen Sinus- und Venenthrombosen (CSVT) nach der Anwendung von Vektorimpfstoffen aufgezeigt, die aber äußerst selten sind und dann zum Glück konsequent therapiert werden können.
„Leitsymptome für die Entwicklung von Sinus- und Hirnvenenthrombosen - und damit Warnsignal und Vorbote - sind anhaltende, starke Kopfschmerzen. Im Gegensatz dazu sind vorübergehende Kopfschmerzen bei vielen Menschen eine normale Impfreaktion, die in der Regel kurz nach der Impfung auftreten kann und dann nur kurz anhält. Zum Arzt gehen sollten Betroffene nur, wenn sie in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Impfung über einen Zeitraum von mehreren Tagen hinweg ungewöhnlich starke Kopfschmerzen erleiden, die sich mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln nicht oder nur teilweise lindern lassen. Das gilt vor allem, wenn zusätzlich neurologische Symptome wie halbseitige Lähmungen, Gefühlsstörungen, Sprachstörungen oder epileptische Anfälle hinzukommen sollten“, betont Dr. (äin-red)
Postvac & Co.: Forschung nach Biomarkern für schwere Impfschäden
Forscherteams finden Biomarker für schwere Impfschäden nach Coronaimpfung. Antikörper geben Hinweise darauf, wie das Immunsystem sich nach dem Pieks gegen den eigenen Körper richten kann. Ärzte fordern, Patientïnnen mit Beschwerden nach der Impfung früher und gründlicher zu untersuchen.
Geradezu blitzartig gelang die Aufklärung eines Zusammenhangs zwischen einem Sars-CoV-2-Impfstoff und gesundheitlichen Beschwerden im Jahr 2021. Damals kam der Verdacht auf, der Vektor-Impfstoff Vaxzevria des britischen Herstellers Astrazeneca könnte Sinusvenenthrombosen verursachen (siehe Kasten). Weil ein ähnliches Krankheitsbild als Folge anderer Ursachen schon bekannt war, wussten Forscherteams, wonach sie suchen mussten. Schon nach wenigen Tagen war damals klar, dass die Betroffenen bei so einer vakzineinduzierten immunogenen Thrombozytopenie (Vitt) Antikörper gegen ein Protein auf der Oberfläche ihrer eigenen Blutplättchen bilden.
Auch bei anderen sehr seltenen Nebenwirkungen der Corona-Impfung hat die Spurensuche Fortschritte gemacht und weist in Richtung spezifischer Biomarker, die helfen können, den Zusammenhang zwischen Impfung und Beschwerden zu belegen. Etwa bei der Myokarditis. Von solch einer Herzmuskelentzündung sind vorwiegend Männer unter 30 Jahren betroffen, die sich ein zweites Mal mit dem mRNA-ImpfstoffSpikevax von Moderna haben impfen lassen. Aber auch bei Comirnaty von Biontech ist die Komplikation beschrieben.
Ein europäisches Medizinerteam schrieb im Oktober 2022 im Fachmagazin The New England Journal of Medicine, dass das Immunsystem dieser von einer Myokarditis betroffenen Patienten ganz spezifische Antikörper gegen Proteine bildet, die Entzündungen hemmen. „Wenn diese Antikörper nachweisbar sind, gibt es auch erhöhte Entzündungswerte und bestimmte Biomarker, die darauf hinweisen, dass wir es bei dieser Impfkomplikation tatsächlich mit einem spezifischen Mechanismus zu tun haben“, sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Professor an der Universität Heidelberg, „daher ist die kausale Verknüpfung zwischen Impfung und einer Herzmuskelentzündung als Impfkomplikation damit relativ klar.“
Ein Team der Nationalen Universität von Singapur hat 2022 22 Studien zu Impfnebenwirkungen ausgewertet. Insgesamt betrachten die Forscher darin mehr als 405 Millionen Impfdosen. Sie bestätigten, dass Männern unter 30 Jahren ein höheres Risiko hatten, eine Herzmuskelentzündung zu erleiden. Bei allen anderen war es gleich hoch - unabhängig davon, ob die Menschen eine Corona-Impfung erhalten hatten, eine andere Impfung oder gar keine Impfung. Nach einer Covid-Infektion ist das Myokarditis-Risiko fünf- bis zehnmal so hoch wie nach einer Impfung.
Das Post-Vac-Syndrom
Ein Forscherteam aus Chicago hat gerade gezeigt, dass der Körper einiger Covid-19-Patienten Antikörper herstellt, die sowohl gegen das Virus als auch gegen Angiotensin 2 binden. Dieses körpereigene Enzym spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Blutdrucks. Kommt dieses System durcheinander, können Patienten wegen Kreislaufproblemen auf der Intensivstation landen. In Mäusen zeigte das Wissenschaftlerteam, dass auch eine Corona-Impfung solche Antikörper hervorrufen kann.
Harald Prüß schätzt, dass ein niedriger einstelliger Prozentsatz der Long-Covid-Patienten eigentlich unter einem Post-Vac-Syndrom mit neuronalen Symptomen wie kognitiven Störungen oder schwerer Erschöpfung leidet.
Nutzen-Risiko-Abwägung
Die Impfung bleibt das kleinere Risiko. Zwei Jahre nach Beginn der Impfkampagne und nach Milliarden verabreichter Impfdosen weltweit zeigt sich, dass die allermeisten schweren Impfnebenwirkungen extrem selten sind und sich gut behandeln lassen. Menschen, die Angst vor Nebenwirkungen einer Corona-Impfung haben, können also beruhigt sein.
Ulrike Protzer, die Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, erklärt: „Wenn Sie das Myokarditis-Risiko nehmen: Das ist nach einer Infektion fünf- bis zehnmal so hoch wie nach einer Impfung.“ Wer mehrere Infektionen mit dem neuen Coronavirus durchmache, bei dem addiere sich dieses Risiko mit jeder Erkrankung.
Covid-19 ist also deutlich gefährlicher als jede Corona-Impfung - das ist auch gar nicht verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass die Impfung das menschliche Immunsystem lediglich mit einem einzigen Baustein des Virus konfrontiert, meist dem Spike-Protein. Das Immunsystem von Covid-19-Patienten hingegen muss sich mit dem kompletten Virus auseinandersetzen. Das liefert viel mehr Gelegenheiten für Mimikry und Kreuzreaktivität. Außerdem regt eine Viruserkrankung das Immunsystem insgesamt viel stärker an als eine Impfung. Auch das erhöht das Risiko für Folgekomplikationen.
Patienten, die jetzt den Verdacht haben, dass die Impfung schwere Probleme bei ihnen ausgelöst hat, brauchen natürlich sofort Hilfe. Ihre Ärzte müssen sie gründlich untersuchen. Doch so früh wie den alten Patienten mit den Bewusstseinsstörungen sehen Neurologen nach einer Impfung selten, berichtet Prüß. Man sollte aber früh daran denken und dies abklären. Denn wenn die Impfung und das erste Auftreten der Beschwerden schon mehrere Wochen zurückliegen, sind wichtige Biomarker möglicherweise schon wieder aus dem Körper verschwunden.
Peter Berlit plädiert für gründliche Untersuchungen: „Wann immer es möglich ist und der Patient zustimmt, sollte man auch das Nervenwasser untersuchen. Das wird häufig versäumt.“ Zudem empfiehlt der Neurologe, Blut und Nervenwasser tiefgefroren aufzubewahren. Wenn Forscher neue Antikörper finden, könnten sie diese Proben im Nachhinein darauf testen. „Man will den Patientinnen und Patienten ja Gerechtigkeit widerfahren lassen“, sagt Berlit.
Bei manchen Patienten zeige die gründliche Untersuchung zudem, dass die Impfung zwar nicht die Ursache für eine Krankheit gewesen ist, sie aber dennoch zum Ausbruch gebracht habe. In Einzelfällen sei das bei der Multiplen Sklerose (MS) der Fall. Dieses Muster kennen Experten bei der Multiplen Sklerose unabhängig von der Impfung auch von Infekten, die das Immunsystem aktivieren und damit den ersten MS-Schub auslösen können.
Die Erfassung von Nebenwirkungen und Entschädigungsansprüche
Jeder und jede Geimpfte kann sich bei möglichen Nebenwirkungen an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wenden , das für die Erfassung zudem die App SafeVac 2.0 entwickelt hat. Außerdem haben Ärztinnen und Ärzte die Pflicht, etwaige Nebenwirkungen zu melden.
Die meisten bekannten Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Injektionsstelle klingen schnell ab. Die bedeutendsten, sehr seltenen schwerwiegenden Nebenwirkungen bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna sind laut PEI Entzündungen des Herzmuskels und des Herzbeutels. Bei den Coronaimpfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson gab es zudem einzelne Fälle des Guillain-Barré-Syndroms.
Ob jemandem eine Entschädigung zusteht, entscheidet nicht das PEI, sondern das Versorgungsamt des jeweiligen Bundeslands. Geprüft wird dann, ob der gesundheitliche Schaden durch die Impfung verursacht wurde. Je nachdem wie groß der gesundheitliche Schaden ist, stehen den Betroffenen etwa Rentenzahlungen, Heilbehandlungen oder Hinterbliebenenversorgung zu.
Laut »Welt am Sonntag« gehören zu den anerkannten Impfschäden Herzmuskelentzündungen, Sinusvenenthrombosen und das Guillain-Barré-Syndrom. Sinusvenenthrombosen, bei der bestimmte Blutgefäße im Gehirn verstopfen, wurden gerade nach Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca beobachtet.
Gemessen an der Zahl der verabreichten Dosen sind Anträge für die Anerkennung von Impfschäden selten. Insgesamt wird nur ein Bruchteil der Anträge bewilligt.
Die Entscheidung über Entschädigungen hat keinen direkten Einfluss auf die Sicherheitsbewertung der Impfstoffe. Die obliegt weiterhin den zuständigen Gesundheitsbehörden. Ein entscheidendes Instrument ist die sogenannte Observed-versus-Expected-Analyse, was auf Deutsch in etwa so viel heißt wie Beobachtet-gegen-Erwartet-Analyse. Stellen Expertinnen und Experten eine Häufung fest, gilt die mögliche Komplikation als Sicherheitssignal.
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