Myasthenia Gravis: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Myasthenia gravis ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln stört. Dies führt zu Muskelschwäche und schneller Ermüdung. Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten, wobei Frauen häufiger im Alter zwischen 30 und 50 Jahren und Männer zwischen 60 und 89 Jahren betroffen sind. Weltweit sind über 700.000 Menschen an Myasthenia gravis erkrankt.

Was ist Myasthenia Gravis?

Myasthenia gravis ist eine seltene Erkrankung, die zu den Autoimmunerkrankungen gezählt wird. In der Europäischen Union wird eine Erkrankung als selten definiert, sofern maximal 5 von 10.000 Menschen von ihr betroffen sind. In Europa liegen Studiendaten zur Prävalenz zwischen 11 und 36 pro 100.000 Einwohner. Die geschätzte Prävalenz in Deutschland für Myasthenia gravis liegt bei rund 39 betroffenen Personen pro 100.000 Einwohner. Es gibt jedoch deutliche geografische Unterschiede bezüglich der auftretenden Fälle.

Ursachen von Myasthenia Gravis

Die genauen Ursachen von Myasthenia gravis sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass die Thymusdrüse eine entscheidende Rolle spielen könnte. Bei 50-60 % der Patient:innen mit Myasthenia gravis kann eine Vergrößerung der Thymusdrüse festgestellt werden. Die Thymusdrüse steht daher unter Verdacht, bei der Produktion der Autoantikörper bei Myasthenia gravis beteiligt zu sein.

Die Rolle der Thymusdrüse

Die Thymusdrüse ist ein lymphatisches Organ in der oberen Brusthöhle, das wichtige Funktionen bei der Entwicklung des Immunsystems erfüllt. In der Thymusdrüse werden Immunzellen, sogenannte T-Lymphozyten, geprägt und vermehrt. T-Lymphozyten gehören zu den weißen Blutkörperchen und sind bei der Erkennung und Bekämpfung von Krankheitserregern beteiligt.

Im Laufe des Lebens verändert sich die Aktivität und Größe der Thymusdrüse: Im Kindheitsalter bis zur Pubertät erreicht die Drüse ihr höchstes Gewicht von etwa 35 bis 50 Gramm, da hier der Höhepunkt der Prägung der T-Lymphozyten stattfindet: Sie lernen anhand verschiedener Oberflächenstrukturen, körpereigene Zellen von Krankheitserregern zu unterscheiden. Anschließend wandern sie in die Lymphknoten und stehen dort für den Fall einer Immunreaktion zum Einsatz bereit. Die Thymusdrüse verkümmert nach und nach, bis sie im Erwachsenenalter lediglich als Thymusfettkörper zu erkennen ist.

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Weitere Risikofaktoren

Es wird vermutet, dass bestimmte Hormone wie z. B. Östrogene oder Progesteron das Risiko einer Myasthenia gravis erhöhen oder die Erkrankung zumindest beeinflussen können. Bei einer Myasthenia gravis mit frühem Krankheitsbeginn konnte beobachtet werden, dass Frauen dreimal öfter betroffen sind als Männer. Außerdem berichten einige erkrankte Frauen von einer Verschlechterung ihrer Symptome kurz vor dem Einsetzen ihrer Periode, wenn die Progesteron-Konzentration im Körper abfällt.

Neben hormonellen Schwankungen können auch verschiedene Stressfaktoren die Symptome einer Myasthenia gravis verschlimmern. Zu diesen Stressfaktoren gehören beispielsweise fieberhafte Infekte, bestimmte Medikamente, grelles Licht oder Wärme/Hitze. Ruhe und Erholung führen hingegen häufig zu einer Abmilderung der Symptome.

Genetische Faktoren scheinen bei der Myasthenia gravis weniger eine Rolle zu spielen: Nur etwa 4-7 % der Erkrankungsfälle sind mit einer familiären Häufung assoziiert. Es handelt sich also nicht um eine Erbkrankheit. Es kann jedoch passieren, dass Neugeborene von betroffenen Müttern kurz nach der Geburt myasthene Symptome entwickeln. Diese verschwinden im meist nach ein paar Wochen wieder. Man bezeichnet einen solchen Fall als neonatale Myasthenia gravis.

Symptome von Myasthenia Gravis

Die auftretenden Symptome bei Myasthenia gravis können stark variieren. Meist macht sich die Erkrankung zunächst über die Augenmuskulatur bemerkbar, man spricht dabei von okulären Symptomen: Die Betroffenen sehen häufig Doppelbilder und mindestens eines ihrer Augenlider beginnt zu hängen. Okuläre Symptome treten bei etwa 85 % der Patient:innen auf. Ungefähr die Hälfte der Betroffenen entwickelt innerhalb von zwei Jahren eine generalisierte Form der Erkrankung, bei der weitere Muskelgruppen des Körpers Einschränkungen erfahren.

Häufige Symptome

  • Schwäche der Augenmuskeln
  • Hängende Augenlider
  • Verschwommenes oder doppeltes Sehen
  • Schwierigkeiten beim Kauen
  • Ermüdung des Kiefers
  • Verschlucken oder Erbrechen
  • Schwierigkeiten beim Sprechen
  • Veränderungen der Stimme
  • Müdigkeit
  • Schwäche in Armen und Beinen
  • Schwierigkeiten beim Gehen
  • Kurzatmigkeit

In etwa 60 % der Fälle äußert sich dies im Bereich der Rachenmuskulatur, wodurch die Bewegung des Kiefers und somit auch das Kauen erschwert wird. Schluck- und Sprachstörungen treten bei etwa 15 % der Betroffenen auf.

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Myasthene Krise

Bei besonders schweren Fällen weitet sich die Erkrankung neben der Rachen- auch auf die Atemmuskulatur aus: Patient:innen erleiden Probleme beim Atmen und das Risiko für eine Atemlähmung steigt. Man spricht dann von einer myasthenen Krise: Dabei handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Zustand, der durch eine rapide Verschlechterung der Symptomatik verursacht wird. Die Betroffenen benötigen meist eine mechanische Beatmung und/oder künstliche Ernährung.

Auswirkungen auf den Körper

Die Myasthenia gravis kann auch die Skelettmuskulatur einschränken, was sich beispielsweise durch Bewegungseinschränkungen und Muskelschwäche in den Armen und Beinen äußert. Grundsätzlich kann sich die Erkrankung auf alle Muskelgruppen, mit Ausnahme der Muskulatur der inneren Organe, auswirken.

Betroffene berichten bei zunehmender körperlicher Belastung von einer Verstärkung ihrer Symptome, während sie bei Ruhe eher abklingen. Aufgrund der körperlichen Belastung im Laufe des Tages, treten die Symptome häufig vermehrt in den Abendstunden auf.

Neben den körperlichen Symptomen beeinflusst eine Mysthenia gravis auch psychische Wohlbefinden von Betroffenen. Die körperliche Belastung erhöht beispielsweise das Risiko für Depressionen und/oder Angstzustände. Außerdem kann der Alltag mit der Erkrankung durch Krankenhausaufenthalte aufgrund schwerer Schübe stark beeinträchtigt werden.

Diagnose von Myasthenia Gravis

Wenn ein Verdacht auf eine Myasthenia gravis aufgrund oben genannter Symptome auftritt, können verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden, um die Diagnose zu sichern.

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Belastungstests

Verschiedene Arten von Belastungstests können dabei helfen, eine Myasthenia gravis zu erkennen. Hierzu werden beispielsweise die Patient:innen dazu angehalten, ihre Arme für 3 Minuten horizontal ausgestreckt zu halten. Ist dies nicht möglich, deutet das auf eine vorliegende Erkrankung hin.

Antikörpertests

Es gibt verschiedene Antikörper, die auf eine Myasthenia gravis hindeuten können. Dazu gehören z. B. die Autoantikörper, die an Acetylcholin-Rezeptoren der Muskelzellen andocken und diese blockieren. Durch Untersuchungen der Blutwerte kann festgestellt werden, welche und wie viele dieser Autoantikörper im Körper produziert werden.

Nervenstimulation im EMG-Labor

Bei einem Elektromyogramm (EMG) werden Nerven wiederholt mit elektrischen Signalen gereizt. Dabei wird zeitgleich die elektrische Spannung an den Muskeln gemessen, wodurch festgestellt werden kann, ob das Signal zwischen Nerv und Muskel übertragen wird.

Kälte-Test

Es konnte beobachtet werden, dass sich die Symptome von der Myasthenia gravis unter Einfluss von Hitze häufig verschlechtern, während sie sich bei Kälte abmildern. Daher wird besonders bei der Diagnose von okulärer Myasthenie ein Kältepack oder ähnlich genutzt, das für 2-5 Minuten auf ein betroffenes Auge gelegt wird. Eine anschließende Verbesserung der Symptomatik spricht für eine Myasthenia gravis.

Pharmakologische Tests

Auch Untersuchungen von Enzymaktivitäten können Hinweise darauf geben, ob eine Myasthenia gravis Erkrankung vorliegt oder nicht. Das Enzym Acetylcholinesterase baut beispielsweise den Botenstoff Acetylcholin ab. Durch den Einsatz von Acetylcholinesterasehemmern wird der Abbau des Botenstoffs aufgehalten, wodurch mehr Acetylcholin an die verbleibenden Rezeptoren auf den Muskelzellen andocken können. Verbessern sich durch den Einsatz von Acetylcholinesterasehemmern die Symptome, deutet dies auf eine Myasthenia gravis hin.

Bildgebende Verfahren

Bei 50-60 % der betroffenen Patient:innen liegt eine vergrößerte Thymusdrüse vor und 15 % leiden unter einem Thymom, einem meist gutartigen Tumor der Thymusdrüse. Mit Hilfe einer Computertomografie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) oder Positronen-Emissions-Tomographie (PET) kann eine solche Veränderung der Thymusdrüse analysiert werden.

Formen der Myasthenia Gravis

Die Myasthenia gravis kann anhand diverser Kriterien in verschiedene Formen unterteilt werden. Dazu gehören z. B. der Zeitpunkt des Auftretens der ersten Symptome oder die entsprechenden Typen von Antikörpern, die die Erkrankung verursachen.

Häufige Formen

  1. Form mit frühem Krankheitsbeginn:
    • Nachweisbare Autoantikörper gegen Acteylcholin-Rezeptoren
    • Erstes Auftreten der Erkrankung in einem Alter von < 50 Jahren
    • Häufig mit einer Vergrößerung der Thymusdrüse verbunden
    • Tritt meist bei Frauen auf
  2. Form mit spätem Krankheitsbeginn:
    • Nachweisbare Autoantikörper gegen Acteylcholin-Rezeptoren
    • Erstes Auftreten der Erkrankung in einem Alter von > 50 Jahren
    • Tritt meist bei Männern auf
  3. Thymom-assoziierte Form:
    • Vorliegen eines Tumors der Thymusdrüse (Thymom)
    • Meist nachweisbare Autoantikörper gegen Acetylcholin-Rezeptoren
    • Betrifft 10-15 % der Fälle
  4. MuSK-assoziierte Form:
    • Nachweisbare Autoantikörper gegen skelettmuskelspezifische Rezeptortyrosinkinase (MuSK)
    • Muskelschwäche vor allem im Bereich von Kopf und Nacken
    • Selten weitere Skelettmuskulatur betroffen
    • Meist unauffällige Thymusdrüse
  5. Form ohne nachweisbare Antikörper gegen Acetylcholin oder MuSK:
    • Verschiedene Unterformen möglich
    • Beispielsweise andere nachweisbare Autoantikörper wie z. B. Antikörper gegen das Rezeptorprotein LRP4

Schweregrade

Zur Einteilung des Schweregrades von Myasthenia gravis werden verschiedene Klassen verwendet, die sich nach der auftretenden Symptomatik richten:

  • Klasse I: rein okulär, betrifft nur den Bereich der Augenmuskulatur, andere Muskeln sind unauffällig
  • Klasse II: leichte bis mäßige generalisierter Schweregrad, bei dem neben der Augenmuskulatur auch andere Muskeln betroffen sind
  • Klasse III: mäßiger generalisierter Schweregrad, bei dem neben der Augenmuskulatur auch andere Muskeln betroffen sind
  • Klasse IV: schwerer generalisierter Schweregrad, bei dem neben der Augenmuskulatur auch andere Muskeln betroffen sind

Behandlung von Myasthenia Gravis

Für die Behandlung neurologische Symptome und Erkrankungen werden häufig medikamentöse Therapien eingesetzt, teilweise auch Botulinumtoxin.

Botulinumtoxintherapie

Botulinumtoxintherapie mit Botulinumtoxin Typ A ist eine sehr wirksame und gut verträgliche Therapie bei chronischer Migräne. Eine chronische Migräne wird diagnostiziert nach Abklärung und Ausschluss anderer Erkrankungen bei einem Kopfschmerz, der über mehr als 3 Monate an 15 oder mehr Tagen pro Monat auftritt und der an mindestens 8 Tagen pro Monat die Merkmale eines Migränekopfschmerzes aufweist. Es handelt sich häufig um einen stark, pochend-pulsierenden oft einseitig verstärkten Kopfschmerz mit Verschlechterung bei Alltagsaktivität/Bewegung. Therapeutische Möglichkeit umfassen bei chronischer Migräne nicht-medikamentöse und medikamentöse Maßnahmen mit Einsatz von bestimmter Wirkstoffe (Akutmedikation, Prophylaxe). In besonderen Fällen ist speziell bei chronischer Migräne die Botulinumtoxintherapie mit Botulinumtoxin Typ A zur Behandlung möglich, wirksam und gut verträglich. Botulinumtoxintherapie wird im Bereich des Kopfs und Nacken an speziellen Injektionspunkten durchgeführt, dies erfolgt mit sehr dünnen Nadeln, die Behandlung ist schmerzarm und wird gut vertragen. Die Wiederbehandlung erfolgt in der Regel nach 3 Monaten.

Botulinumtoxintherapie wird bei Dystonien mit gutem Erfolg eingesetzt, da hier gezielt in die betroffenen Muskeln injiziert wird und die überaktiven Muskeln entspannt. Bei zervikaler Dystonie, erkennbar durch Fehlstellung des Kopfes und Hals wird abhängig von der entsprechenden Form (Torticollis/Torticaput, Laterocollis/Laterocaput, etc.) EMG - oder ultraschallgesteuert Botulinumtoxininjektionen ambulant in der Praxis durchgeführt. Dystonien sind Bewegungsstörungen, die sich durch unwillkürliche wiederholende Muskelanspannungen äußern und so zu abnormen Haltungen und Bewegungen führen können. Unterschieden werden fokale, segmentale und generalisierte Dystonien. Blepharospasmus ist ein beidseitiger Augenlidkrampf, der unterschiedlich ausgeprägt sein kann und eine tonische und klonische Komponente unterscheidet. Er führt zu einem unwillkürlichen vermehrten Blinzeln und oft Zusammenkneifen der Augenlider, speziell bei Sonnenlicht. Hemispasmus facialis ist eine Bewegungsstörung mit unwillkürlichen Zuckungen und Verkrampfungen der Muskeln einer Gesichtshälfte.

Spastik beschreibt eine krankhafte Muskelüberaktivität, hervorgerufen durch Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS). Arm- und Beinspastik nach z.b. einem Schlaganfall des Gehirns können gezielt mit individuell angepasster Botulinutoxintherapie behandelt werden mit dem Ziel der Funktionsverbesserung, Schmerzreduktion und Besserung der Lebensqualität, Vorbeugung oder Behandlung von Komplikationen sowie auch zur Unterstützung der krankengymnastischen und ergotherapeutischen Therapie.

Durch Einsatz von Botulinumtoxintherapie bei übermäßigem Schwitzen kann oft eine Symptomlinderung durch Injektion über 6 bis 8 Monate erreicht werden. Injektionen reichen oft 1 bis 2x im Jahr für ein anhaltenden Therapieerfolg.

Weitere Therapieansätze

Neben der Botulinumtoxintherapie gibt es noch weitere Therapieansätze, die je nach Schweregrad und Form der Myasthenia gravis eingesetzt werden können. Dazu gehören:

  • Acetylcholinesterasehemmer: Diese Medikamente erhöhen die Verfügbarkeit von Acetylcholin an der motorischen Endplatte und verbessern so die Signalübertragung.
  • Immunsuppressiva: Diese Medikamente unterdrücken das Immunsystem und reduzieren die Produktion von Autoantikörpern.
  • Thymektomie: Die operative Entfernung der Thymusdrüse kann bei einigen Patienten die Symptome verbessern.
  • Plasmapherese: Bei dieser Behandlung werden die Autoantikörper aus dem Blut entfernt.
  • Intravenöse Immunglobuline (IVIG): Diese Behandlung kann das Immunsystem modulieren und die Symptome verbessern.

Was ist das Lambert-Eaton-Syndrom?

Beim Lambert-Eaton-Syndrom (LES), auch Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndrom (LEMS) genannt, handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung des Nervensystems, die der Myasthenia gravis sehr ähnlich ist. Der Unterschied ist, dass beim Lambert-Eaton-Syndrom Autoantikörper vor der motorischen Endplatte aktiv werden. Sie zerstören Kanäle der Nervenzellen, wodurch die Ausschüttung von Botenstoffen gestört wird. In Folge docken nur wenige Botenstoffe an den Rezeptoren der Muskelzelle an, was die Signalübertragung stark einschränkt. Die auftretenden Symptome bei Myasthenia gravis und dem Lambert-Eaton-Syndrom weisen daher viele Parallelen auf.

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