Abdominelle Migräne: Leitlinien, Diagnose und Therapie

Die abdominelle Migräne, auch Bauchmigräne genannt, ist eine wiederkehrende idiopathische Störung, die vor allem Kinder betrifft und sich durch mittellinienbetonte Bauchschmerzen äußert. Diese Schmerzen können zwischen 2 und 72 Stunden andauern und sind von mittlerer bis schwerer Intensität. Begleitet werden sie oft von vasomotorischen Symptomen, Übelkeit und Erbrechen. Die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen und die spezifischen Therapieansätze sind wichtige Aspekte in den aktuellen Leitlinien.

Definition und Häufigkeit

Der Begriff „abdominelle Migräne“ tauchte vor über einem Jahrhundert in der Literatur auf. Nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte sind etwa 1 bis 4 Prozent aller Kinder betroffen, wobei Berichte aus den USA sogar von bis zu 9 Prozent sprechen. Damit zählt die abdominelle Migräne zu den häufigsten Ursachen für funktionelle Bauchbeschwerden bei Kindern. Betroffen sind vor allem Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren.

Diagnosekriterien

Die International Headache Society (IHS) hat Kriterien für die Diagnose der abdominellen Migräne festgelegt. Ebenso gibt es die Rom-IV-Kriterien. Da es jedoch Unterschiede zwischen beiden Definitionen gibt, schlagen Mediziner pragmatische Kriterien vor, die auch Nicht-Spezialisten bei der Erstdiagnose helfen können.

Die Diagnose erfordert eine gründliche Anamnese und körperliche Untersuchung, um andere gastrointestinale oder renale Erkrankungen auszuschließen. Insbesondere bei kleineren Kindern kann das Vorliegen von Kopfschmerzen übersehen werden, daher ist eine sorgfältige Anamnese wichtig. Kinder haben oft Schwierigkeiten, zwischen Appetitlosigkeit und Übelkeit zu unterscheiden. Blässe, oft begleitet von dunklen Ringen unter den Augen, ist ein weiteres häufiges Symptom.

Symptome bei Kindern

Migräneattacken bei Kindern können sich in vielerlei Hinsicht von denen bei Erwachsenen unterscheiden. Bei Kindern treten Migräneattacken häufiger mit Geruchsempfindlichkeit, Schwindel und Bauchschmerzen auf. Rund 70 % der Kinder verspüren während einer Migräneattacke autonome Symptome wie Gesichtsschwitzen oder -rötung, gerötete oder tränende Augen, laufende oder verstopfte Nase sowie geschwollene Augenlider. Die Kopfschmerzphase ist oft kürzer als bei Erwachsenen und kann weniger als vier Stunden dauern. Auch die Seitenlokalisation ist weniger ausgeprägt, wobei der Schmerz meist beidseitig auftritt.

Lesen Sie auch: Rehabilitation bei Gesichtsfeldausfall

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen der abdominellen Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Diskutiert wird eine viszerale Hypersensitivität. Psychischer Stress gilt als ein wichtiger Trigger, ebenso wie Erschöpfung, Schlafmangel, Reisetätigkeit, grelles oder flackerndes Licht.

Häufige Triggerfaktoren bei Kindern

  • Niedriger Blutzucker und Flüssigkeitsmangel: Kinder reagieren besonders empfindlich auf einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel, beispielsweise wenn sie morgens nicht gefrühstückt haben.
  • Unregelmäßiger Schlaf: Sowohl zu wenig als auch zu viel Schlaf kann zu Migräneattacken führen.
  • Stress: Psychische Belastungen, Reizüberflutung durch elektronische Geräte, mangelnde körperliche Bewegung, familiäre Konflikte, hohe Leistungsansprüche in der Schule und Mobbing sind häufige Auslöser.
  • Wetter: Plötzliche Temperaturwechsel und hohe Luftfeuchtigkeit können Migräne auslösen.
  • Lärm und Licht: Lärm und veränderte Lichtverhältnisse können Migräneattacken verursachen.
  • Chemische Reizstoffe: Abgase, Farb- und Klebstoffe, Parfums, Deodorants und Wohngifte können Migräne auslösen.
  • Nahrungsmittel: Obwohl wissenschaftliche Belege fehlen, werden bestimmte Nahrungsmittel wie Kuhmilch, Eier, Käse, Schokolade, Koffein, glutenhaltige Getreidesorten, Tomaten, Zitrusfrüchte und fettige Speisen als mögliche Auslöser diskutiert.

Therapieansätze

Da es in der Pädiatrie keine spezifischen zugelassenen Therapien für Patientinnen und Patienten mit Bauchmigräne gibt, konzentriert sich die Behandlung auf unterstützende Maßnahmen und die Identifizierung und Vermeidung von Triggern.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Unterstützende Maßnahmen: Wärmeanwendungen, Entspannungsverfahren, autogenes Training und Biofeedback können helfen, die Symptome zu lindern.
  • Entspannungsverfahren: Muskelrelaxation nach Jacobson und autogenes Training sind gut geeignet, um Kindern zu helfen, sich zu entspannen.
  • Physikalische Therapie: Wärmeanwendungen oder Massagen von Hals, Nacken, Kopf und Gesicht sowie Akupunktur können starke Kopfschmerzen lindern.
  • Biofeedback: Über Elektroden auf der Haut lassen sich verschiedene Körperfunktionen messen und durch Ton- und Lichtsignale sichtbar machen. Die Betroffenen lernen so, diese Funktionen absichtlich und gezielt zu beeinflussen.
  • Hausmittel: Ruhe, ein wohltemperierter und abgedunkelter Raum, ausreichend Wasser, ein kühles Tuch auf der Stirn oder eine Nackenmassage mit Pfefferminzöl können helfen, die Beschwerden zu lindern.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Behandlung von Migräne bei Kindern ist nicht das erste Mittel der Wahl. Ärzte empfehlen, zunächst nicht-medikamentöse Methoden auszuprobieren. Medikamente dienen eher als Reservemaßnahme, wenn andere Methoden nicht erfolgreich sind.

  • Schmerzmittel: Bei einem akuten Migräne-Anfall empfehlen Ärzte Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol für Kinder.
  • Antiemetika: Bei Übelkeit und Erbrechen kann Domperidon eingesetzt werden.
  • Triptane: Kinder ab zwölf Jahren dürfen nach einer ärztlichen Untersuchung Triptane wie Sumatriptan und Zolmitriptan in Form von Nasensprays einnehmen.

Es ist wichtig zu beachten, dass viele Medikamente gegen Migräne, die Erwachsenen helfen, bei Kindern unter Umständen schwere Schäden anrichten können. Geben Sie Ihrem Kind niemals Medikamente, die Sie selbst einnehmen!

Ernährungstherapie

Obwohl es viele Ratschläge zur Ernährung bei Kopfschmerzen, insbesondere bei Migräne, gibt, basieren diese oft nicht auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage. Einige Betroffene bemerken spezielle Lebensmittel, Alkohol oder Fasten als Auslöser für Migräneattacken. Neuere Ansätze zeigen, dass insbesondere die individuellen Blutzuckerreaktionen auf Mahlzeiten hierbei entscheidend sein können.

Lesen Sie auch: Parkinson und B1: Ein Erfahrungsbericht

  • Personalisierte, niedrig-glykämische Ernährung: Unsere randomisierte kontrollierte Studie mit sinCephalea untersucht derzeit die Wirksamkeit einer personalisierten, niedrig-glykämischen Ernährung bei Migräne und trägt damit zur Etablierung eines innovativen Ernährungsansatzes in der Migräneprophylaxe bei.

Nicht ausreichend belegt sind der Einsatz von Probiotika, die routinemäßige Bestimmung von IgE-Antikörpern gegen Nahrungsmittelantigene und der Einsatz von Omega-3-Fettsäuren. Trotz guter Studienergebnisse spielt die Vitamin D-Versorgung noch eine untergeordnete Rolle in der Migränebehandlung. Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium, Coenzym Q10 und Riboflavin haben eine gute Verträglichkeit und konnten Effekte auf die Migräne nachweisen.

Komplementäre und ergänzende Verfahren

Charly Gaul, Laura Zaranek und Gudrun Goßrau veröffentlichten eine Übersicht über komplementäre und ergänzende Therapieansätze bei Kopfschmerzerkrankungen. Es wurde betont, dass diese Ansätze nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu etablierten Standardtherapien genutzt werden sollen.

Migräne bei Kindern: Spezielle Aspekte

Etwa vier bis fünf Prozent aller Kinder sind von Migräne betroffen. Häufig werden die Migräneattacken bei Kindern nicht zeitgerecht erkannt. Sie unterscheiden sich in vielen Aspekten von den Migräneanfällen von Erwachsenen. Schon das Konzept, dass Migräne eine Mädchenerkrankung ist, führt bei Jungen zu einer fehlenden oder verzögerten Diagnosestellung. Dies ist insbesondere von Bedeutung, da bis zur Pubertät die Migräne mit höherer Wahrscheinlichkeit bei Jungen als bei Mädchen auftritt. Während Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit bei Erwachsenen sehr typische Migränesymptome sind, können solche Begleitsymptome bei Kindern fehlen oder geringer ausgeprägt sein. Zudem sind sie auch nur sehr schwer in der Lage, Begriffe für solche Überempfindlichkeiten zu bilden und dies zu kommunizieren.

Allgemeine vorbeugende Maßnahmen für Kinder

Kinder und Eltern sollten eine Beratung über Lebensstilfaktoren, die die Migräne verstärken können, sowie den Umgang mit Migräneauslösern erhalten. Alles zu Schnelle, alles zu Unregelmäßige, alles zu Plötzliche und alles zu Häufige sollten im Alltag vermieden werden. Gleichtakt und Regelmäßigkeit im Alltag ist das Prinzip. Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus sollte eingehalten werden. Die Einnahme von Mahlzeiten zu festen Zeiten ist ebenfalls wichtig. Insbesondere sollte auf ein ausreichendes kohlenhydratreiches Frühstück in Ruhe geachtet werden. Ausreichendes Trinken im Tagesablauf ist ebenfalls bedeutsam. Insbesondere sollten Kinder Zeit haben für Entspannung und Ruhe am Tag. Zur Vorbeugung können Kinder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson durchführen.

Lesen Sie auch: Umfassende Informationen zu neurologischer Reha

tags: #therapie #der #abdominelle #migrane