Einführung
Die Frage, ob Cannabis das Gehirn schädigen oder sogar regenerieren kann, ist Gegenstand intensiver Forschung. Mit der zunehmenden Legalisierung von Cannabis und seinem medizinischen Einsatz rückt diese Frage immer stärker in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen von Cannabis, insbesondere des Wirkstoffs THC, auf das Gehirn und untersucht sowohl potenzielle Risiken als auch therapeutische Anwendungen.
Cannabis und das alternde Gehirn
THC und der Proteinschalter mTOR
Eine Studie des Universitätsklinikums Bonn und der Hebrew University in Israel hat gezeigt, dass eine niedrig dosierte Langzeitgabe von Cannabis bei Mäusen Alterungsprozesse im Gehirn umkehren kann. Der Schlüssel dazu liegt in der Wirkung von THC auf das Protein mTOR (Mechanistic Target of Rapamycin), das eine zentrale Rolle im Zellwachstum und Stoffwechsel spielt.
Die Forscher fanden heraus, dass THC eine doppelte Wirkung auf die mTOR-Signalübertragung hat. Im Gehirn führte die THC-Behandlung zu einem vorübergehenden Anstieg der mTOR-Aktivität und des Gehalts an Zwischenprodukten, die an der Energieproduktion und Aminosäuresynthese beteiligt sind. Dies ermöglichte eine verstärkte Synthese von synaptischen Proteinen und damit die Bildung neuer Synapsen. Gleichzeitig wurde im Fettgewebe der Mäuse und im Blutplasma eine Verringerung der mTOR-Aktivität und des Gehalts an Aminosäuren und Kohlenhydratmetaboliten festgestellt, ähnlich wie bei einer kalorienarmen Diät oder intensiver körperlicher Betätigung.
Kognitionsfördernde und Anti-Aging-Effekte
Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass eine langfristige THC-Behandlung zunächst eine kognitionsfördernde Wirkung hat, indem sie die Energie- und synaptische Proteinproduktion im Gehirn erhöht, gefolgt von einer Anti-Aging-Wirkung durch eine Verringerung der mTOR-Aktivität und der Stoffwechselprozesse im übrigen Körper. Dies deutet darauf hin, dass THC potenziell zur Entwicklung von Medikamenten mit sowohl Anti-Aging- als auch kognitionsfördernden Eigenschaften eingesetzt werden könnte.
Verlangsamung der Hirnalterung und Förderung des Zellwachstums
Neueste Studien zeigen, dass einige Bestandteile von Cannabis, wie THC und CBG, nicht nur die Alterung des Gehirns verlangsamen, sondern sogar das Wachstum neuer Gehirnzellen fördern können. Im Rahmen eines Experiments wurden älteren Mäusen niedrige Dosen THC über einen Zeitraum von 28 Tagen verabreicht. Ein weiterer interessanter Befund stammt aus Studien über Cannabigerol (CBG), das als "Mutter aller Cannabinoide" bekannt ist. Obwohl diese Ergebnisse sehr vielversprechend sind, befindet sich die Forschung noch in einem frühen Stadium und es werden weitere Studien am Menschen benötigt.
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Cannabis und Gedächtnis
Auswirkungen auf das Arbeitsgedächtnis
Eine Studie an 1003 jungen Erwachsenen in den USA untersuchte die Auswirkungen von Cannabis auf die Hirnaktivität bei Aufgaben für das Arbeitsgedächtnis. Die Ergebnisse zeigten, dass häufige Cannabis Konsumierende bei der aufs Arbeitsgedächtnis zielenden Aufgabe im Durchschnitt eine geringere Hirnaktivierung zeigten. Personen, die in den Tagen vor dem Experiment Cannabis konsumiert hatten, schnitten bei diesem Test messbar schlechter ab.
THC und das Enzym COX-2
Eine andere Studie brachte Licht ins Dunkel der Frage, warum THC bei manchen Menschen das Gedächtnis beeinträchtigen kann. Die Forschenden fanden heraus, dass die längere Einnahme von THC im Gehirn ein Enzym aktivieren kann, das normalerweise bei Entzündungen eine Rolle spielt - COX-2. Wenn COX-2 aktiv ist, verändert sich die Struktur der Verbindungen zwischen den Nervenzellen, insbesondere im Hippocampus, der für das Lernen und Erinnern zuständig ist. In Tierversuchen führte dies dazu, dass weniger wichtige Signalstoffe (Glutamatrezeptoren) vorhanden waren und sich die Zahl der Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen verringerte. Sobald COX-2 gehemmt wurde, verschwanden diese negativen Effekte jedoch wieder.
Cannabis und psychische Gesundheit
Mögliche psychische Folgen
Der Konsum von Cannabis kann auch Risiken für die psychische Gesundheit bergen. Gegner:innen der medizinischen Behandlung mit Cannabis weisen auf etwaige psychische Konsequenzen und gesundheitliche Probleme hin, die durch den Cannabiskonsum entstehen können. Zu möglichen Wesensveränderungen, die im Zusammenhang mit dem Cannabiskonsum entstehen können, gehören eine gesteigerte Impulsivität, Angststörungen, Schizophrenie, Gleichgültigkeit sowie Depressionen.
THC und die Entwicklung des Gehirns
Mehrere Studien weisen darauf hin, dass jugendliche Cannabiskonsumenten deutlich höheren Risiken ausgesetzt sind als Erwachsene. Der Grund liegt in der Wirkung der psychoaktiven Komponente THC auf das Gehirn. Bis zum 23. Lebensjahr dauert es, bis das Gehirn eines Menschen aus neurochemischer Sicht voll entwickelt ist. THC bindet an die CB1 Rezeptoren im Gehirn, was eine übermäßige Ausschüttung von Dopamin und eine Beeinträchtigung der Kommunikation zwischen den Synapsen auslöst. Dies kann auf Dauer zu einer Verkümmerung des präfrontalen Kortex führen, der mit Lernschwierigkeiten, Gedächtnislücken und Konzentrationsstörungen in Verbindung gesetzt wird.
Cannabis Psychose
Als Cannabis Psychose wird allgemein eine Störung der Wahrnehmung verstanden, die durch den Konsum von Cannabis entsteht. Bisher ist jedoch nicht abschließend geklärt, ob nicht lediglich eine Korrelation zwischen den beiden Phänomenen besteht. Zweifelsfrei treten Psychosen bei starken Cannabiskonsumenten oder nach einer Cannabis Überdosis auf. Es könnte aber genauso gut sein, dass das soziale Umfeld, traumatische Erlebnisse oder die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle in der Entstehung von Psychosen spielen.
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Wesensveränderungen im Zuge einer Psychose
Im Zuge einer Psychose kann es zu einer Wesensveränderung bei Betroffenen kommen. Diese äußert sich mitunter in irrealen oder zwanghaften Ängsten, Schizophrenie, Impulsivität oder aber in Depression und Apathie.
Erholung des Gehirns nach Cannabiskonsum
Reversibilität von Veränderungen
Es gibt Hinweise darauf, dass sich das Gehirn beim Ausstieg aus dem Cannabiskonsum zumindest teilweise wieder erholen kann. Eine US-Studie untersuchte Jugendliche, die zuvor stark gekifft hatten, aber den Konsum inzwischen eingestellt hatten. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Jugendlichen keine schlechteren Leistungen ablieferten als altersgleiche Vergleichsgruppen ohne Cannabiskonsum. Dies deutet darauf hin, dass sich das jugendliche Gehirn nach erfolgreichem Ausstieg auch wieder von den Einflüssen des Cannabiskonsums erholen kann.
Bedeutung des frühen Ausstiegs
Die Forscher betonen jedoch, dass ein früher Einstieg in den Cannabiskonsum dennoch relevant ist. So war die Gesamtleistung der einzelnen Jugendlichen umso schwächer, je früher sie mit dem Kiffen begonnen hatten und je intensiver sie konsumiert hatten. Dies spricht erneut dafür, dass das Gehirn umso sensibler auf die Wirkung von Cannabis reagiert, je jünger es damit regelmäßig in Berührung kommt.
Medizinischer Einsatz von Cannabis
Therapeutisches Potenzial
Während der Freizeitkonsum von Cannabis mit Risiken einhergeht, können Cannabinoide im medizinischen Kontext ihr therapeutisches Potenzial entfalten. THC wird unter anderem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose oder Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt. CBD (Cannabidiol) wirkt im Gehirn auf eine ganz andere Weise als THC - beruhigend, ausgleichend und ohne berauschende Effekte. Laut aktuellen Studien beeinflusst CBD bestimmte Hirnregionen, die für Emotionen, Stressverarbeitung, Impulskontrolle und Gedächtnis zuständig sind.
Steuerung der Cannabis-Wirkung
Die Zukunft der medizinischen Cannabisanwendung liegt darin, die Cannabis-Wirkung gezielter zu steuern. Die Forschung zu COX-2 eröffnet hier neue Perspektiven und zeigt, dass die Debatte über Cannabis nicht mehr nur zwischen Schwarz und Weiß verläuft.
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Verantwortungsbewusster Umgang
Aufgrund der psychoaktiven Natur von THC sollte Cannabis nicht außerhalb der Aufsicht eines Arztes oder einer Ärztin eingenommen werden. Medizinisches Cannabis kann eine sinnvolle, alternative oder ergänzende Behandlungsform darstellen, wenn es durch geschultes medizinisches Personal verschrieben wird.
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