Einführung
In Deutschland ist es seit einigen Jahren möglich, dass Patienten mit schweren Erkrankungen, unabhängig von der spezifischen Diagnose, Cannabisblüten, -extrakte oder synthetische Cannabinoide von ihrer Krankenkasse erstattet bekommen können. Dies gilt, wenn keine anderen geeigneten Therapien zur Verfügung stehen oder diese aufgrund von Kontraindikationen oder erheblichen Nebenwirkungen nicht angewendet werden können. Laut Gesetzgeber reicht bereits "eine nicht ganz entfernte Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf schwerwiegende Symptome" aus, um eine Verordnung zu rechtfertigen. Die Entscheidung über die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei verschiedenen Indikationen und Grunderkrankungen liegt somit beim behandelnden Arzt. Dieser Artikel bietet einen Überblick über mögliche Behandlungsindikationen im Bereich der Neurologie, insbesondere im Hinblick auf die Anwendung von medizinischem Cannabis bei Bewegungsstörungen wie Parkinson, atypischen Parkinson-Syndromen, Dystonie, Huntington-Krankheit und Tic-Störungen, sowie bei Multipler Sklerose, epileptischen Syndromen und Motoneuronerkrankungen. Ziel ist es, eine fundierte Entscheidungsgrundlage für Ärzte hinsichtlich der Verschreibung von Cannabinoiden zu schaffen und die aktuelle Datenlage zu bewerten.
Rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen in Deutschland
Seit nunmehr einigen Jahren können in Deutschland Cannabisblüten und -extrakte bzw. synthetische Cannabinoide für Patienten mit einer schwerwiegenden Erkrankung zulasten der Krankenkassen verordnet werden. Der Gesetzgeber hat sich dabei auf keine spezifischen Indikationen festgelegt. Somit kann jedem schwerkranken Patienten, unabhängig von der Grunderkrankung, Cannabis auf Rezept zugänglich gemacht werden, wenn keine geeignete Therapie zur Verfügung steht oder diese „unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann“. Die maßgebliche Einschränkung für die Verordnung liegt laut Gesetzgeber darin, dass „eine nicht ganz entfernte Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf schwerwiegende Symptome“ bestehen soll. Dem verschreibenden Arzt obliegt es nun also, die Wirksamkeit des medizinischen Cannabis bei der Vielfalt der möglichen Indikationen und Grunderkrankungen einzuschätzen.
Cannabinoide und ihre Wirkung im Gehirn
Der menschliche Körper produziert sogenannte Endocannabinoide, die unter anderem zur Regulierung von Gedächtnis, Stimmung, Konzentration, Denken, Bewegung, Konzentration, Sinnes- und Zeitwahrnehmung sowie Appetit und Schmerz beitragen. Die wichtigsten Endocannabinoide sind Anandamid und 2-Arachidonoylglycerin. Sie wirken hauptsächlich an den CB1 und CB2 Rezeptoren im Globus pallidus und der Substantia nigra. Diese Hirnareale sind an der Kontrolle von Bewegungen beteiligt.
Auch die Cannabis Pflanze enthält sogenannte Cannabinoide. Diese chemischen Verbindungen, etwa Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC), sorgen für ihre medizinische Wirkung. CBD wirkt in erster Linie anxiolytisch, antipsychotisch und neuroprotektiv. Das bedeutet, es kann gegen Angststörungen und Psychosen wirken und schützt die Nervenzellen des Gehirns.
THC hingegen ist für die psychotrope Wirkung von Cannabis verantwortlich. THC kann über zwei Arten von Rezeptoren wirken: CB1 und CB2 Rezeptoren. CB1 Rezeptoren befinden sich primär im zentralen Nervensystem, während CB2 Rezeptoren in Organen und Zellen des Immunsystems zu finden sind. Aufgrund der Tatsache, dass es viele Cannabinoidrezeptoren in den Basalganglien gibt, haben Cannabinoide das Potenzial, als mögliche Medikamente gegen Parkinson eingesetzt werden zu können.
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Während THC teilweise als Agonist an CB1 und CB2 Rezeptoren bindet, kann CBD indirekt antagonistisch wirken und durch eine Erhöhung der CB1 Rezeptordichte die Nebenwirkungen von THC ausgleichen. Das bedeutet, dass CBD die psychotropen Wirkungen von THC hemmen und somit dessen Verträglichkeit verbessern kann. Studien deuten außerdem darauf hin, dass Cannabinoid-Antagonisten (CBD) gegen Parkinson wirken können. Agonisten (THC) hingegen könnten die motorische Kontrolle unterstützen.
Cannabis bei Morbus Parkinson
Aktuelle Studienlage
Cannabinoide scheinen in der Selbstbehandlung von Symptomen des M. Parkinson schon länger in Gebrauch zu sein. Eine 2004 veröffentlichte Umfrage unter Parkinson-Patienten in Prag ergab, dass 25 % der 339 Teilnehmer bereits Cannabis zu sich genommen hatten. Fast die Hälfte (46 %) berichtete, eine positive Wirkung auf Krankheitssymptome erlebt zu haben (31 % Verbesserung Ruhetremor, 45 % Verbesserung der Bradykinese, 38 % Rückgang der Muskelrigidität, 14 % Reduktion von Levodopa-induzierten Dyskinesien). Lediglich 5 % der Patienten bemerkten eine Verschlechterung der Symptome durch die Cannabis-Einnahme. Auch neuere, Internet-basierte Umfragen bestätigen den hohen Anteil von aktuell Cannabis-konsumierenden Parkinson-Patienten (37 %), die meisten nahmen bereits über ein Jahr Cannabis ein (70 %). Zumeist wurde Cannabis geraucht (41 %), oral eingenommen (6 %) oder beides (20 %). Fast die Hälfte der Patienten (48 %) berichtete, dass sie die verschriebene Medikation unter der Selbstmedikation mit Cannabis reduzieren konnten. Eine retrospektive Auswertung von 47 Patienten, die im Mittel 19,1 Monate mit Cannabinoiden behandelt wurden, ergab eine deutliche Verbesserung von motorischen und nichtmotorischen Symptomen wie Reduktion von Stürzen, Tremor und Muskelrigidität sowie eine Verbesserung des Schlafs, der Stimmung und von Schmerzen. Als Nebenwirkungen der zumeist durch Rauchen (81 %) zugeführten Medikation wurden Verwirrung (17 %) und Halluzinationen (17 %) berichtet.
In zwei Fallserien wurde der Effekt von Cannabinoiden auf motorische Symptome untersucht. Bei fünf Parkinson-Patienten, die nach der nächtlichen Medikationspause eine Zigarette mit 1 g Marihuana (2,9 % THC) rauchten, konnte keine Reduktion des Tremors festgestellt werden. Hingegen wurde in einer Untersuchung von 22 Patienten nach Rauchen von 0,5 g Cannabis (unbekannter THC/CBD-Gehalt) eine signifikante Verbesserung des Scores im motorischen Teil der MDS-UPDRS (33,1 ± 13,8 vs. 23,2 ± 10,5) mit ebenfalls signifikanter Reduktion der Subscores für Tremor, Rigidität und Bradykinese festgestellt. Zusätzlich wurden eine signifikante Reduktion von Schmerzen und eine verbesserte Schlafqualität beschrieben.
Nichtmotorische Parkinson-Symptome wurden in zwei weiteren unkontrollierten Studien untersucht. Bei sechs Patienten mit Parkinson-assoziierter Psychose wirkten sich 400 mg CBD/Tag positiv auf psychiatrische Positiv- und Negativsymptome gemäß Brief Psychiatric Rating Scale aus. Mit REM-Schlafverhaltensstörungen assoziierte Symptome wie Agitation, Schlagen, Treten und Albträume verschwanden bei vier Patienten, die 75 oder 300 mg CBD pro Tag einnahmen.
Es existieren drei höherwertige, Placebo-kontrollierte Studien, in denen die Wirkung von Cannabinoiden auf motorische und nichtmotorische Symptome untersucht wird. Sieradzan und Kollegen setzten Nabilon ein, um dessen Effekt auf Levodopa-induzierte Dyskinesien (LID) bei einem Levodopa-Test bei sieben Patienten zu untersuchen. Zwar fand sich eine signifikante Reduktion der Schwere, nicht jedoch der Dauer der LID. Caroll und Kollegen untersuchten den Effekt einer THC/CBD-(2 : 1)-Mischung auf LID bei 17 Patienten über vier Wochen. Weder konnte eine Verbesserung von LID noch von sekundären Outcome-Kriterien wie dem motorischen Teil der MDS-UPDRS, der Lebensqualität, Schmerzen oder Schlafqualität nachgewiesen werden. Chagas und Kollegen untersuchten den motorischen Teil der MDS-UPDRS und die Lebensqualität sechs Wochen nach Behandlung mit 75 oder 300 mg CBD (oder Placebo) bei sieben Patienten pro Behandlungsarm. Zwar konnte eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität in der 300-mg-CBD-Gruppe gefunden werden, der MDS-UPDRS-Score unterschied sich jedoch nicht zwischen den Gruppen. Kürzlich wurde das Studienprotokoll für die österreichische, qualitativ hochwertige „The NMS-Nab Study“ veröffentlicht, welche die Wirkung von Nabilon auf nichtmotorische Symptome bei M. Parkinson (gemessen an der MDS-UPDRS Teil 1) über vier Wochen untersuchen wird.
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Interessanterweise wurde neben den genannten CB1- und CB2-Agonisten auch der Effekt eines selektiven CB1-Antagonisten, Rimonabant, auf motorische Parkinson-Symptome inklusive LID untersucht. Hier zeigte sich bei vier Patienten nach einem Levodopa-Test keine zusätzliche Wirkung des Rimonabants auf den motorischen Teil der MDS-UPDRS oder auf LID.
Eine weitere Studie untersuchte die Auswirkungen einer Mischung aus hochdosiertem CBD und niedrigem THC-Anteil bei Parkinson-Patienten. Die Teilnehmer wurden randomisiert entweder mit CBD/THC oder einem Placebo behandelt. Die Studie umfasste 61 Teilnehmer, die über zwei Wochen eine schrittweise Steigerung der Dosis erhielten, bis zu einer abschließenden Dosierung von 2,5 mg/kg/Tag. Die Ergebnisse zeigten einen starken Placeboeffekt, aber auch Hinweise auf Behandlungseffekte bei Schlaf, Denkleistung und Alltagsaktivität, wobei die Placebogruppe bessere Ergebnisse erzielte. Die Autoren betonten, dass die kurze Studiendauer und der starke Placeboeffekt die Interpretation der Ergebnisse einschränken.
Bewertung und Empfehlungen
Insgesamt ist die Datenlage für Cannabinoide im Hinblick auf motorische und nichtmotorische Symptome beim M. Parkinson sehr dünn. Neben der Vielzahl von untersuchten Zielsymptomen sind auch die angewendeten Cannabis-Präparate sehr heterogen, sodass letztlich keine evidenzbasierte Empfehlungen ausgesprochen werden können. Aufgrund dessen sollten Cannabinoide erst nach Ausschöpfung der leitliniengerechten Therapie und am ehesten bei schwer behandelbaren Symptomen wie Levodopa-induzierten Dyskinesien, Schmerzen oder Schlafstörungen eingesetzt werden. Es empfiehlt sich, den Therapieerfolg mittels objektiver Skalen zu verifizieren.
Medizinisches Cannabis als Alternative zu Standardtherapien?
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse aus einigen Studien ist es wichtig zu betonen, dass die Forschung zur Behandlung von Parkinson mit Cannabis noch in den Kinderschuhen steckt. Es gibt erste Studien, die Aufschluss darüber geben, wie medizinisches Cannabis die Symptome von Parkinson lindern kann. So kann medizinisches Cannabis im Körper wirkenDer menschliche Körper produziert sogenannte Endocannabinoide, die unter anderem zur Regulierung von Gedächtnis, Stimmung, Konzentration, Denken, Bewegung, Konzentration, Sinnes- und Zeitwahrnehmung sowie Appetit und Schmerz beitragen. Die wichtigsten Endocannabinoide sind Anandamid und 2-Arachidonoylglycerin. Sie wirken hauptsächlich an den CB1 und CB2 Rezeptoren im Globus pallidus und der Substantia nigra. Diese Hirnareale sind an der Kontrolle von Bewegungen beteiligt [2].Auch die Cannabis Pflanze enthält sogenannte Cannabinoide. Diese chemischen Verbindungen, etwa Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC), sorgen für ihre medizinische Wirkung. CBD wirkt in erster Linie anxiolytisch, antipsychotisch und neuroprotektiv. Das bedeutet, es kann gegen Angststörungen und Psychosen wirken und schützt die Nervenzellen des Gehirns.THC hingegen ist für die psychotrope Wirkung von Cannabis verantwortlich. THC kann über zwei Arten von Rezeptoren wirken: CB1 und CB2 Rezeptoren. CB1 Rezeptoren befinden sich primär im zentralen Nervensystem, während CB2 Rezeptoren in Organen und Zellen des Immunsystems zu finden sind. Aufgrund der Tatsache, dass es viele Cannabinoidrezeptoren in den Basalganglien gibt, haben Cannabinoide das Potenzial, als mögliche Medikamente gegen Parkinson eingesetzt werden zu können [2].Während THC teilweise als Agonist an CB1 und CB2 Rezeptoren bindet, kann CBD indirekt antagonistisch wirken und durch eine Erhöhung der CB1 Rezeptordichte die Nebenwirkungen von THC ausgleichen. Das bedeutet, dass CBD die psychotropen Wirkungen von THC hemmen und somit dessen Verträglichkeit verbessern kann. Studien deuten außerdem darauf hin, dass Cannabinoid-Antagonisten (CBD) gegen Parkinson wirken können. Agonisten (THC) hingegen könnten die motorische Kontrolle unterstützen [3]. Cannabis als Medizin bei Parkinson - die StudienlageIn einer 2004 veröffentlichten Studie an Mäusen führte der Verlust von CB1 Rezeptoren zu einer signifikanten Verringerung der motorischen Fähigkeiten. Diese Ergebnisse scheinen die Bedeutung der Cannabinoide bei der Steuerung der Bewegung durch die Basalganglien im Gehirn zu belegen. Forscher:innen vermuteten, dass die Aktivierung der CB1 Rezeptoren dazu beitragen könnte, das Gehirn vor Schäden durch den Verlust von Dopamin sowie gegen die Nebenwirkungen der medikamentösen Behandlung mit L-Dopa zu schützen [4].Cannabis gegen Tremor, Angst, Schmerzen und SchlafstörungenIn einem Literatur-Review aus dem Jahr 2021 betrachteten Forscher:innen 5 randomisierte, kontrollierte Studien und 18 nicht randomisierte Studien zur Behandlung von Parkinson-Patient:innen mit Cannabis. Auch wenn in diesem Literatur-Review keine zwingenden Beweise für den Nutzen einer Behandlung mit Cannabis gefunden wurden, wird ihr potenzieller Nutzen dennoch hervorgehoben. So halten Forscher:innen fest, dass Tremor, Angst, Schmerzen und Schlafstörungen durch den Einsatz von Cannabis gelindert werden konnten [1].In einer jüngeren Studie aus dem Jahr 2016 kamen Forscher:innen zu ähnlichen Schlüssen. Sie stellten fest, dass medizinisches Cannabis wirksam gegen Bradykinesie, Steifheit, Tremor, Schlafstörungen und Schmerzen war [2]. Cannabis kann Nebenwirkungen von Parkinson Medikamenten ausgleichenDer Konsum von Cannabis gemeinsam mit den verschriebenen Parkinson Medikamenten scheint nicht nur die Wirksamkeit der Parkinson Medikamente zu verbessern, sondern auch deren Nebenwirkungen zu reduzieren.Etwa 46 % der Studienteilnehmer:innen einer Untersuchung aus dem Jahr 2016 berichteten über eine allgemeine Linderung ihrer Symptome und der durch Levodopa induzierten Dyskinesie. Diese Linderung trat im Durchschnitt 1,7 Monate nach der ersten Einnahme von Cannabis ein. Daraus schlussfolgerten die Forscher:innen, dass ein regelmäßiger Cannabiskonsum die Symptome von Parkinson lindern könnte [2].Cannabis bei DepressionenDepressionen kommen bei Parkinsonkranken recht häufig vor. Etwa 50 % der Patient:innen sind davon betroffen. Es wird angenommen, dass Endocannabinoide die Stimmungslage regulieren und somit einer Depression entgegenwirken können. Hinzu kommt, dass die neuroprotektiven Eigenschaften von CBD das Fortschreiten der Krankheit unter Umständen verzögern könnten. Wissenschaftler:innen raten daher, Cannabis als Medizin alternativ zu Parkinson Medikamenten oder zusätzlich zur Standardtherapie anzuwenden [2].Gibt es Parkinson Medikamente mit medizinischem Cannabis? Bisher gibt es in Deutschland kein zugelassenes Parkinson Medikament, das Cannabis enthält. Mögliche Darreichungsformen sind Rezepturarzneimittel (etwa Tinkturen und Öle) oder Cannabisblüten. Die Inhalation von Cannabisblüten wird hierbei medizinisch empfohlen.Ärzte und Ärztinnen können medizinische Cannabis verschreiben, wenn sie die Therapie - etwas als Zusatztherapie - als sinnvoll ansehen. Zur Kostenübernahme durch die Krankenkasse muss die Entscheidung des Arztes oder der Ärztin folgendermaßen begründet werden: Eine Therapie mit anderen Medikamenten ist nicht möglich. Eine Standardtherapie mit Parkinson Medikamenten hat nicht zum Erfolg geführt oder verliert an Wirkung.Durch den Einsatz von Cannabis ist eine Besserung der Symptome zu erwarten.Wie bekommt man Cannabis als Medizin bei Parkinson verschrieben?Wenn ein Familienmitglied oder du selbst eine Behandlung deiner Erkrankung mit medizinischem Cannabis in Betracht ziehst, empfehlen wir dir, einen spezialisierten Cannabis Arzt oder eine Cannabis Ärztin aufzusuchen. Er oder sie sollte - falls eine Behandlung mit Cannabis als Medizin in Betracht kommt - die Behandlung so abstimmen, dass ungewünschte Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten vermieden werden. Im Allgemeinen sollten sich Patient:innen strengstens an Dosierung, Dauer der Einnahme und Art der Verabreichung halten.
Risiken und Nebenwirkungen
Es ist wichtig zu beachten, dass die Anwendung von Cannabis nicht risikolos ist und auch zu gravierenden Nebenwirkungen führen kann. In Studien sind bei einigen Patienten Halluzinationen aufgetreten. Das ist nicht verwunderlich, weil Halluzinationen bei Parkinson nicht selten sind und halluzinogene Medikamente wie Cannabis das noch verstärken können. Außerdem leiden Parkinsonpatienten oft unter Kreislaufschwäche und sehr niedrigem Blutdruck. Das kann ebenfalls durch THC noch verstärkt werden. Weiterhin gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte. Insgesamt sind diese Nebenwirkungen nicht zu vernachlässigen.
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Cannabis bei atypischen Parkinson-Syndromen
Aktuelle Studienlage
Die Behandlung von motorischen und nichtmotorischen Symptomen bei atypischen Parkinson-Syndromen ist angesichts der zumeist schlechten Wirksamkeit der dopaminergen Medikation eine große Herausforderung. Zur Behandlung motorischer Symptome mit Cannabinoiden konnten wir keine Fallberichte oder Studien identifizieren. Hinsichtlich nichtmotorischer Symptome ist erwähnenswert, dass ein Großteil der Patienten mit atypischen Parkinson-Syndromen unter Schmerzen leidet (z. B. Multisystematrophie 71 %, Lewy-Body-Demenz 50 %, progressive supranukleäre Blickparese 40 %), wobei dies häufiger bei Patienten mit Synucleinopathien als bei Tauopathien der Fall zu sein scheint. Als am analgetisch wirksamsten (etwa je 80 % Therapieresponder) wurden nichtsteroidale Antiphlogistika und Cannabis beschrieben, wobei hier keine Aussage zur Substanz und Art der Einnahme getroffen wurde. In einem Fallbericht konnte keine Wirkung von Dronabinol auf therapierefraktäre Agitation und Aggression bei einem Patienten mit Lewy-Body-Demenz nachgewiesen werden.
Phytocannabinoide stehen aufgrund ihrer antioxidativen und antiinflammatorischen Wirkung immer wieder als mögliche neuroprotektive Substanzen im Fokus, jedoch konnte der klinische Nutzen bislang noch nicht belegt werden.
Bewertung und Empfehlungen
Aufgrund der generell meist unzureichenden medikamentösen Behandlungsmöglichkeit der motorischen und nichtmotorischen Symptome bei atypischen Parkinson-Syndromen sollte den Patienten nach Einsatz der „konventionellen“ Medikation ein Therapieversuch mit Cannabinoiden unserer Meinung nach nicht verwehrt werden. Auch hier empfiehlt sich die Festlegung von Zielsymptomen, die während der Therapie mit validierten Scores dokumentiert werden sollten, um einen Therapieerfolg verifizieren zu können.
Cannabis bei Dystonie
Aktuelle Studienlage
Die Erfahrungen mit Cannabinoiden bei der idiopathischen Dystonie sind begrenzt. Anekdotische Fallberichte beschreiben einen positiven Effekt bei Patienten mit zervikaler Dystonie, generalisierter Dystonie oder Meige-Syndrom (idiopathische orofaziale Dystonie) bei CBD-Einnahme von bis zu 600 mg pro Tag. Auch wurden Symptome bei einer Patientin mit Blepharospasmus nach Einnahme von Dronabinol und bei einem Pianisten mit Musikerdystonie nach der Einnahme von THC deutlich gelindert. Darüber hinaus existieren zwei randomisierte, doppelblinde Cross-over-Studien: Fox et al. untersuchten 2002 den Effekt einer Einzeldosis Nabilon (0,03 mg/kg) bei einem heterogenen Patientenkollektiv (n = 15), zumeist mit der Diagnose einer generalisierten Dystonie (n = 9). Hier konnte kein positiver Effekt des Nabilons im Vergleich zu Placebo nachgewiesen werden. In der zweiten Cross-over-Studie bei neun Patienten mit zervikaler Dystonie über acht Wochen war Dronabinol (15 mg/Tag) Placebo nicht überlegen, um dystone Symptome abzumildern.
Bewertung und Empfehlungen
Demnach kann die Verwendung von Cannabinoiden bei dystonen Syndromen generell nicht empfohlen werden. Bei therapierefraktären Einzelfällen kann der Einsatz von Cannabis-Präparaten jedoch gemäß der Bestimmung des Gesetzgebers diskutiert werden.
Cannabis bei Huntington-Krankheit
Aktuelle Studienlage
Eine doppelblinde, randomisierte Cross-over-Studie mit 15 Huntington-Patienten mit CBD (10 mg/kg/Tag) über 12 Wochen zeigte keinen Effekt auf die Schwere der Chorea als primären Outcome-Parameter. In einer ebenfalls kontrollierten Studie mit 44 Huntington-Patienten konnte eine Verbesserung der motorischen und Chorea-Subskala der Unified Huntington’s Disease Rating Scale (UHDRS) von Nabilon im Vergleich zu Placebo nachgewiesen werden, jedoch fand sich kein Unterschied zwischen einer Dosis von 1 oder 2 mg Nabilon/Tag. Die Behandlung von 26 Huntington-Patienten mit Nabiximols (Sativex®), einem alkoholhaltigen Spray zur Anwendung in der Mundhöhle mit gleichen Teilen THC und CBD, über 12 Wochen führte im Vergleich zu Placebo zu keiner Verbesserung von motorischen, kognitiven oder funktionellen Parametern.
Hinsichtlich möglicher neuroprotektiver Effekte wurde in Nagermodellen zur Huntington-Erkrankung eine Phytocannabinoid-Kombination, ähnlich der von Nabiximols untersucht. Hier zeigten sich Veränderungen neurochemischer Parameter, die auf eine Verlangsamung der striatalen Degeneration und somit der Krankheitsprogression hindeuten könnten.
Bewertung und Empfehlungen
Die Datenlage im Hinblick auf die Behandlung der Chorea beim M. Huntington ist schlecht und eine Behandlung kann somit momentan nicht empfohlen werden. Es bleibt abzuwarten, ob sich der im Tiermodell mögliche neuroprotektive Effekt auch beim Menschen nachweisen lässt.
Cannabis bei Tic-Störungen (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom)
Aktuelle Studienlage
Bei primären Tic-Störungen wie beim Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (GTS) zeigten erste Erfahrungsberichte in den 80er- und 90er-Jahren eine Wirksamkeit von Cannabis auf motorische und vokale Tics. In einer doppelblinden, Placebo-kontrollierten Cross-over-Studie bei 12 GTS-Patienten mit einer Einzeldosis THC (5-10 mg) wurde eine deutliche Verbesserung der Tics und auch der häufig bei GTS-Patienten auftretenden komorbiden Symptome einer Zwangsstörung festgestellt. Eine weitere hochwertige Studie derselben Arbeitsgruppe mit 24 GTS-Patienten über sechs Wochen demonstrierte ebenfalls eine deutliche Abnahme der Tic-Frequenz und des Schweregrads nach Gabe von bis zu 10 mg THC/Tag.
Nicht nur die Gabe von THC, auch die Kombination mit CBD, zum Beispiel in Nabiximols, kann in der Therapie des GTS Verwendung finden. Neben Fallberichten existieren hier jedoch noch keine weiteren kontrollierten Studien.
Des Weiteren existieren Ansätze, durch Stärkung des endogenen Cannabinoid-Systems GTS-Symptome zu kontrollieren, beispielsweise durch Hemmung der Monoacylglycerol-Lipase (MAGL), was den Abbau von Endocannabinoiden verhindert. Eine Phase-Ib-Studie mit einem MAGL-Inhibitor zeigte bereits positive Ergebnisse im Hinblick auf die Symptomschwere bei GTS ohne schwere Arzneimittelnebenwirkungen.
Bewertung und Empfehlungen
Da es an einer größeren Anzahl qualitativ hochwertiger Studien mangelt, gibt es bislang keine evidenzbasierte Empfehlung für den Gebrauch von Cannabinoiden in der Therapie des Tourette-Syndroms. Trotzdem wird von manchen deutschen Experten die Meinung vertreten, dass Cannabis-Präparate in der Second-Line-Behandlung von ansonsten medikamentös- und verhaltenstherapeutisch therapierefraktären Patienten Anwendung finden können.
Cannabis bei Multipler Sklerose
Nabiximols (Sativex®) ist zugelassen für die Behandlung einer mittelschweren bis schweren Spastik bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS), nachdem einige Studien eine signifikante antispastische Wirkung nachgewiesen hatten. Weiterhin wurde die Wirkung von medizinischem Cannabis auf Schmerz und eine neurogene Blasenstörung bei der MS untersucht. Systematische Reviews und Metaanalysen zeigen hier jedoch nur eine begrenzte Wirkung der Cannabinoide.
Cannabis und neurodegenerative Erkrankungen: Weitere Aspekte
Prävention und Risikofaktoren
Es gibt Hinweise darauf, dass der Konsum von Alkohol, Kokain und Crystal Meth das Risiko für Nervenerkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson erhöhen kann. Studien legen nahe, dass Drogen die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen, was zur Anreicherung von Eisen in den Nervenzellen und zur Produktion freier Radikale führt. Diese Prozesse können zum Zelltod führen und zur Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen beitragen.
Die Rolle der Ernährung
Eine gesunde Ernährung, insbesondere die mediterrane Küche, kann sich positiv auf die Gefäßgesundheit und das Herz auswirken und somit indirekt das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen beeinflussen.