Charité sucht Probanden für Migräne-Studien: Innovative Therapieansätze und digitale Lösungen im Fokus

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Weltweit leiden viele Menschen unter Migräne, was zu einer erheblichen Einschränkung ihrer Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit führt. Die Charité-Universitätsmedizin Berlin und andere Forschungseinrichtungen suchen kontinuierlich nach neuen Wegen, um Migräne besser zu verstehen und effektiver zu behandeln. Dabei spielen sowohl innovative Therapieansätze als auch digitale Lösungen eine immer größere Rolle.

Aktuelle Studien und Projekte der Charité

Die Charité - Universitätsmedizin Berlin führt verschiedene Studien und Projekte durch, um die Versorgung von Migränepatienten zu verbessern. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Erprobung digitaler Therapiekonzepte und der Erforschung neuer medikamentöser Ansätze.

SMARTGEM: Smartphone-gestützte Migränetherapie

Die Charité sucht Patientinnen und Patienten mit häufigen Migräneattacken für das Projekt SMARTGEM (Smartphone-gestützte Migränetherapie). Ziel dieses Projekts ist es, die Wirksamkeit einer digitalen und ortsunabhängigen Therapieform zu untersuchen.

Bestandteile von SMARTGEM:

  • Elektronischer Kopfschmerzkalender: Mithilfe der App M-sense können die Patienten ihre Kopfschmerzen dokumentieren, um die Therapie zu überwachen und mögliche Auslöser zu identifizieren.
  • Schulung zur Selbsthilfe: Die Patienten erhalten Unterstützung bei der Durchführung von Entspannungsverfahren und Ausdauersport sowie Schulungen in verhaltenstherapeutischen Ansätzen.
  • Integriertes Therapiemodul: Dieses Modul unterstützt die Betroffenen bei der Umsetzung der erlernten Selbsthilfestrategien.
  • Online-Sprechstunde: Über eine Kommunikationsplattform können die Patienten direkt mit ihrem behandelnden Arzt in der Kopfschmerzambulanz Kontakt aufnehmen und sich in einem ärztlich moderierten Forum mit anderen Migränepatienten austauschen.

Ziele von SMARTGEM:

  • Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen
  • Verhinderung der Chronifizierung der Erkrankung
  • Verringerung der Attacken und des Schmerzmittelverbrauchs

Teilnahmevoraussetzungen:

  • Migränebeginn vor dem 50. Lebensjahr
  • Bestehen der Migräne seit mindestens einem Jahr
  • Wohnsitz in Berlin oder Brandenburg
  • Versicherung bei einer gesetzlichen Krankenkasse
  • Keine vorherige Vorstellung in der universitären Kopfschmerzambulanz der Charité
  • Besitz eines Android- oder iOS-fähigen Smartphones mit mobilem Internetzugang
  • Bisherige Nichtnutzung der Bezahlversion der App M-sense (M-sense Active)

Im Rahmen der Studie werden insgesamt 1.200 Patientinnen und Patienten aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt untersucht. 600 von ihnen erhalten direkt Zugang zu der neuen Versorgungsform, während die Vergleichsgruppe die App zunächst nur zur Kopfschmerzdokumentation nutzt.

Weitere Studien und Projekte

Neben SMARTGEM führt die Charité weitere Studien zur Behandlung von Migräne durch. Dazu gehören beispielsweise Studien zur Wirksamkeit neuer Medikamente und zur Anwendung nicht-medikamentöser Verfahren wie der Neurostimulation.

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Innovative Therapieansätze bei Migräne

In den letzten Jahren wurden bedeutende Fortschritte bei der Erforschung und Behandlung von Migräne erzielt. Insbesondere bei der Vorbeugung von Migräneattacken zeichnen sich vielversprechende Entwicklungen ab.

Antikörper gegen CGRP

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Kopfschmerzen spielt der körpereigene Nervenbotenstoff Calcitonin Gene-related Peptide (CGRP). Forscher haben festgestellt, dass die Konzentration dieses Stoffs bei einer Migräneattacke erhöht ist. Pharmahersteller setzen daher auf Antikörper, die die Wirkung von CGRP blockieren und dadurch Migräneattacken vorbeugen sollen.

Diese Antikörper werden alle paar Wochen unter die Haut gespritzt oder als Infusion verabreicht. Klinische Studien haben gezeigt, dass sie bei manchen Patienten die Häufigkeit von Migräneattacken deutlich reduzieren können. Die Nebenwirkungen sind in der Regel gering, am häufigsten treten etwas erhöhte Risiken für obere Atemwegsinfekte auf.

Botulinumtoxin A (Botox)

Botulinumtoxin A, besser bekannt als Botox, ist ein hochgiftiger Stoff, der von Bakterien produziert wird und die Übertragung von Nervensignalen in den Muskeln blockiert. Seit 2011 ist Botox zur Migränevorbeugung zugelassen.

Infrage kommt Botox für Patienten mit chronischer Migräne, bei denen andere Medikamente zur Vorbeugung nicht wirksam sind. Die Behandlung erfolgt durch Injektionen in die Kopf- und Nackenmuskulatur. Studien haben gezeigt, dass Botox bei etwa 60 Prozent der Patienten mit chronischer Migräne die Kopfschmerzhäufigkeit senken kann.

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Neurostimulation

Bei der Neurostimulation werden Hirnnerven mit elektrischen Impulsen gereizt, um die Weiterleitung von Schmerzen zu verhindern. Für die Therapie gibt es verschiedene Geräte, bei denen beispielsweise eine Elektrode auf die Stirn aufgeklebt oder über eine Ohrelektrode der Vagusnerv aktiviert wird.

Obwohl die ersten Ergebnisse vielversprechend sind, ist es noch zu früh, um die Wirksamkeit der Neurostimulation abschließend zu beurteilen.

Multimodaler Therapieansatz

Für schwer betroffene Patienten ist oft ein multimodaler Therapieansatz erforderlich, bei dem Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten gemeinsam einen individuellen Behandlungsplan erstellen. Dieser kann neben Medikamenten und anderen Verfahren auch Entspannungstechniken, Verhaltenstherapie und Physiotherapie umfassen.

Weitere Forschungsergebnisse und Entwicklungen

Neben den genannten Therapieansätzen gibt es weitere interessante Forschungsergebnisse und Entwicklungen im Bereich der Migränebehandlung.

Die Rolle der Ernährung

Die Rolle der Ernährung bei Migräne ist ein komplexes Thema, das noch weiterer Forschung bedarf. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Nahrungsmittel oder Inhaltsstoffe Migräneattacken auslösen können. Dazu gehören beispielsweise Alkohol, Käse, Schokolade, Zitrusfrüchte und bestimmte Zusatzstoffe.

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Eine vegetarische Diät mit Darmspülungen könnte motorische Symptome und Medikamentenbedarf bei Parkinson-Patienten verringern. Das Mikrobiom wies bei Betroffenen weniger Prevotellaceae und Bacteroidetes, aber mehr Actinobacteria und Firmicutes auf.

Fasten und Migräne

Einige Studien deuten darauf hin, dass Fasten einen positiven Einfluss auf Migräne haben kann. So zeigte Dr. Rainer Stange anhand von Glukoseprotokollen, dass der Blutzucker bei gesunden Personen im Verlauf einer Fastenperiode typischerweise auf Werte um 60 mg/dl absinkt. Aktuell wird untersucht, ob Intervallfasten (IF) anhand individueller Blutzuckerprofile optimiert werden kann.

Die Bedeutung der Darm-Hirn-Achse

Die Darm-Hirn-Achse spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung von psychischen Erkrankungen. Sogenannte Psychobiotika - Bakterien, die die Produktion stressregulierender Neurotransmitter beeinflussen - können Gefühlslage, Stressresilienz und Emotionen verbessern. Viele Patientinnen und Patienten zeigen hohe Zonulinwerte und ein Leaky-Gut-Syndrom.

Die Rolle des Lebensstils

Dr. Dr. Stekovic stellte die Dominanz des Lebensstils eindrucksvoll klar, dass der Alterungsprozess nur zu einem geringen Teil genetisch vorbestimmt ist. Etwa 90 % werden durch den individuellen Lebensstil beeinflusst. Anstatt allgemeiner Empfehlungen setzt Stekovic auf Multi-Omic-Analysen, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) ausgewertet werden, um maßgeschneiderte Gesundheitsstrategien zu entwickeln.

Weitere Studien und Umfragen zu psychischer Gesundheit

Neben den spezifischen Studien zur Migräne gibt es auch eine Reihe von Studien und Umfragen, die sich mit psychischer Gesundheit im Allgemeinen befassen. Diese Studien untersuchen beispielsweise die Auswirkungen von sozialer Diskriminierung, digitaler Selbstverletzung und steigenden Temperaturen auf die psychische Gesundheit.

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