Rückenschmerzen sind ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem, das in Europa als „Volkskrankheit Nr. 1“ gilt. Die Charité - Universitätsmedizin Berlin hat sich als führende Institution der umfassenden Behandlung von Rückenschmerzen und damit einhergehenden Nervenbeschwerden verschrieben. Mit einem ganzheitlichen Ansatz und modernsten Therapieverfahren bietet die Charité Patienten individuelle Lösungen zur Linderung ihrer Schmerzen und zur Verbesserung ihrer Lebensqualität.
Die Komplexität von Rückenschmerzen
Die Wirbelsäule, das zentrale Stützgerüst unseres Körpers, ist im Laufe des Lebens vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Eine zunehmend bewegungsarme Lebensweise verstärkt diese Belastungen zusätzlich, was zu altersbedingten Veränderungen und Rückenschmerzen führen kann. In den meisten Fällen (etwa 90 %) klingen Rückenschmerzen spontan ab und erfordern keine invasiven Eingriffe. Diese als unspezifisch klassifizierten Rückenschmerzen bedürfen in der Regel auch keiner umfangreichen bildgebenden Diagnostik.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen auf ernsthafte körperliche Schäden hinweisen können. Bandscheibenvorfälle, Gelenkarthrosen und degenerative Veränderungen der Bandscheiben oder Wirbelkörper können Ursachen für Rückenschmerzen sein. Wenn der Schmerz nicht auf den Rücken beschränkt bleibt, sondern in andere Körperregionen ausstrahlt (z. B. ins Bein), kann dies ein Zeichen für eine Nervenbeeinträchtigung sein. In solchen Fällen ist eine frühzeitige, individuelle und symptomorientierte Therapie angezeigt, um eine Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern.
Kompetenzzentrum Schmerz an der Charité
Die Charité hat das Kompetenzzentrum Schmerz mit integrierter Tagesklinik am Campus Benjamin Franklin eröffnet, um Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen eine umfassende Behandlung zukommen zu lassen. Unter der Leitung von Andreas Kopf, Anästhesist, behandeln die Teams des Kompetenzzentrums chronische Schmerzzustände, wie Schmerzerkrankungen nach Nervenverletzungen, Unfällen, Gürtelrose oder Tumorerkrankungen. Die Tagesklinik ist auch für Patienten mit Endometriose, Morbus Sudeck, Schlaganfällen oder Operationen geeignet. Darüber hinaus werden chronische Kopfschmerzen und das Fibromyalgiesyndrom therapiert.
Die ganzheitliche tagesklinische Behandlung setzt auf die Unterstützung von Schmerzmedizinern, Schmerzpsychologen und auf Schmerztherapie spezialisierten Ärzten für Physikalische Medizin sowie Physio- und Sporttherapeuten. Ziel ist es, den Patienten neue Strategien gegen den Schmerz zu vermitteln, Angst abzubauen, die Entspannungsfähigkeit zu fördern und die körperliche Aktivierung zu unterstützen.
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Konservative Therapieansätze
Zu Beginn jeder Therapie stehen konservative Maßnahmen wie Wärmeanwendungen (Physikalische Therapie), Krankengymnastik (Physiotherapie) oder Schmerzmittel, die den meisten Patienten zumindest kurzfristig helfen. Das gilt auch für Bandscheibenvorwölbungen oder -vorfälle.
Physiotherapie und Bewegungstherapie spielen eine zentrale Rolle, indem gezielte Übungen die Rumpfmuskulatur stärken und die Beweglichkeit verbessern. Ergänzend kann eine medikamentöse Therapie mit Schmerzmitteln, entzündungshemmenden Medikamenten oder Muskelrelaxantien zur Linderung der Beschwerden beitragen.
Minimal-invasive Therapiemethoden
Bei Therapieresistenz konservativer Maßnahmen stehen minimal-invasive Therapiemethoden zur Verfügung. Diese modernen und schonenden Verfahren können häufig eine offene Bandscheiben-Operation vermeiden oder zumindest verzögern. Zu den Indikationen gehören:
- Chronische Rückenschmerzen, wenn Facettengelenke (FCG) oder Iliosakralgelenke (ISG) ursächlich sind
- Gelenkarthrosen z.B. bei Fehlstellungen der Wirbelsäule (Skoliosen)
- Chronische Schmerzen nach Unfällen oder Bandscheiben-Operationen
- Gelenkentzündungen
Facettengelenk- und Iliosakralgelenk-Blockade
Facettengelenke (FCG) bzw. Iliosakralgelenke (ISG) sind Ursache des unspezifischen tiefen Rückenschmerzes mit einer Prävalenz von bis zu 30 % bzw. bis 19 %. Wie alle Gelenke sind auch die FCG und ISG im Laufe des Lebens starken Belastungen ausgesetzt, was zu Schmerzen durch Verschleiß führen kann. Aufgrund einer ausgeprägten Nervenversorgung dieser Gelenke kann der Verschleiß besonders im Alter zu Schmerzen führen. Diese Probleme können auch schon in jungen Jahren auftreten, abhängig vom Ernährungszustand, der Körperhaltung oder von vorausgegangenen Unfällen.
Übliche Symptome sind eine lokale Druckempfindlichkeit und Bewegungsschmerzen der Lendenwirbelsäule. Ursache ist dabei die Kombination aus Arthrose, lokaler Entzündungsreaktion und Instabilität. Bei der FCG- und ISG-Blockade wird der Schmerz gezielt ausgeschaltet. Dafür werden schmerz- und entzündungshemmende Medikamente präzise in und an das schmerzende Gelenk gespritzt. Die Planung und der Verlauf der Behandlung wird dabei laufend durch das oMRT überwacht. Das Verfahren kann ambulant durchgeführt und ggf. wiederholt werden.
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Thermodenervation der Wirbelgelenke
Die Schmerzbehandlung der Wirbelsäule ist vornehmlich die Domäne der konservativen Therapie. Nach geprüfter Indikation durch probatorisches Anspritzen wird in Narkose mit einem mobilen Röntgengerät (Bildwandler) eine Sonde in der Nähe des kleinen Wirbelgelenkes angelegt und dieses mit einem speziellen Strom denerviert.
Interdisziplinäre stationäre multimodale Schmerztherapie (IMST)
Am Charité Campus Mitte wurde eine Station für interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie unter orthopädischer und anästhesiologischer Leitung eröffnet. Dabei steht insbesondere der Ausbau der Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzerkrankungen im Fokus, insbesondere bei therapierefraktären Rückenschmerzen.
Interdisziplinäre Betreuung und individuelle Therapiekonzepte
Chronische Schmerzerkrankungen werden in der modernen Schmerzmedizin als eigenständiges Krankheitsbild behandelt, das sich aus verschiedenen biologischen, psychologischen, spirituellen und sozialen Faktoren zusammensetzt. Beispiele für chronische Schmerzen sind:
- Wirbelsäulenerkrankungen
- Infektionserkrankungen (z.B. Post-Zoster-Neuralgien)
- Nervenschmerzen (Neuropathische Schmerzen) z.B. bei Polyneuropathie, nach Trauma oder Operationen
- operative Eingriffe (chronischer, postoperativer Schmerz)
- Schmerz bei Systemerkrankungen (z.B. Amyloidose, Muskeldystrophie, Fibromyalgie, etc.)
- Phantomschmerzen bei Amputationen von Extremitäten
- Komplexes, regionales Schmerzsyndrom (CRPS, Morbus Sudeck)
- Kopf- und Gesichtsschmerzsyndrome
- muskuloskeletale Schmerzen (z.B. Gelenkschmerzen etc.)
Die intensive Behandlungsserie wird typischerweise über insgesamt zwei bis vier Wochen durchgeführt. Dabei werden innovative digitale Anwendungen ergänzt, um eine Verstetigung von Behandlungsergebnissen in das häusliche Umfeld zu ermöglichen. Ziel ist es, individuelle Bewältigungsstrategien und nachhaltige funktionale Verhaltensänderungen zu erarbeiten. So soll die Selbstwirksamkeit gegen den Schmerz gestärkt und langfristig wirksame Strategien entwickelt werden.
Therapiespektrum
Die Charité bietet ein breites Spektrum an Behandlungen wie Einzel- und Gruppentherapien, interdisziplinäre Visiten und Fallkonferenzen. Das Team vereint Fachkompetenz in Schmerztherapie, Psychologie, Ergo-, Physio- und Kunsttherapie sowie Fachkrankenpflege. Das Spektrum umfasst:
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- Anamnese, körperliche Untersuchung und psychologische Diagnostik
- Differentialdiagnose und Diagnoseverifikation
- Pharmakotherapie
- interventionelle Schmerztherapie- und Diagnoseverfahren
- Neuraltherapie
- Manuelle Medizin und Osteopathie
- TENS (transkutanen elektrischen Nervenstimulation) und EMS (elektrische Muskelstimulation)
- Psychotherapie
- psychoedukative Gruppen
- Bewegungstherapie, Atemtechnik und Selbstregulation
- Kunsttherapie
- Entspannungsverfahren
- Integrierte naturheilkundliche Therapieverfahren
- Ernährungsberatung
Spezialisierte Sprechstunden an der Charité
Die Charité bietet eine Vielzahl spezialisierter Sprechstunden für Patienten mit unterschiedlichen neurologischen Erkrankungen, die mit Rückenschmerzen und Nervenbeschwerden einhergehen können. Dazu gehören:
- Epilepsieambulanz: Diagnostik und Behandlung von Epilepsie, Differentialdiagnostik zur Unterscheidung epileptischer Anfälle und nicht-epileptischer Ereignisse, Optimierung der antiepileptischen Medikation, Beratung zu Epilepsiechirurgie, Fahreignung, Empfängnisverhütung, Schwangerschaft und Stillzeit, sportlichen Aktivitäten, Reisen und Impfungen, Gebrauch von Genussmitteln und sonstigen Lebensbereichen.
- Gedächtnisambulanz: Diagnostik und Versorgung von Patienten mit Demenz und kognitiven Störungen, neuropsychologische Demenz Diagnostik, Lumbalpunktion zur Bestimmung von Demenzbiomarkern, genetische Beratung und molekulargenetische Abklärung für erblich bedingte Alzheimer- oder FTD-Demenzerkrankungen.
- Kopfschmerzzentrum: Behandlung und Betreuung von Patient:innen mit Kopf- und Gesichtsschmerzen.
- Multiple Sklerose Ambulanz: Beratung, Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose und anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems.
- Spezialambulanz für Muskelerkrankungen: Betreuung von Patientinnen und Patienten mit entzündlichen Erkrankungen der Muskulatur (Myositis) in interdisziplinärer Zusammenarbeit.
- Neuroonkologische Sprechstunde: Diagnostik und Behandlung von Tumorerkrankungen des Gehirns und Rückenmarks sowie Tumoren des peripheren Nervensystems in enger Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der Neurochirurgie, Radioonkologie, Neuropathologie, pädiatrischen Neuroonkologie, Hämatologie/Onkologie sowie Charité Comprehensive Cancer Center.
- Schlafmedizinische Sprechstunde: Abklärung von Schlafstörungen, Verhaltensauffälligkeiten im Schlaf, Narkolepsie, Syndrom der unruhigen Beine und Störungen in der Abfolge des Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Bewegungsstörungsambulanz: Behandlung von Patienten mit Parkinson-Syndrom, Dystonien, Tremor-Erkrankungen und seltenen Bewegungsstörungen. Beratung hinsichtlich der Indikation zur Tiefen Hirnstimulation (THS, DBS, "Hirnschrittmacher").
- Chorea-Ambulanz: Behandlung von Patienten mit Chorea Huntington und anderen choreatischen Erkrankungen.
- Neuroimmunologische Sprechstunde: Diagnostik und Behandlung von entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems, wie Multiple Sklerose, Neuromyelitis optica, Enzephalitis und Vaskulitis.
- Schlaganfall-Sprechstunde: Behandlung von Patienten nach Schlaganfall, Erkrankungen der Halsschlagadern und anderen zerebrovaskulären Erkrankungen.
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