Kribbeln und Taubheitsgefühle nach Anspannung sind weit verbreitete Beschwerden, die viele Menschen im Laufe ihres Lebens erfahren. Diese Missempfindungen können in verschiedenen Körperteilen auftreten, wie z.B. in Beinen, Armen, Händen, Füßen, Fingern, Zehen und im Gesicht. In manchen Fällen können sie auch am Kopf, Rumpf, an den Lippen oder im Mund vorkommen. Obwohl diese Symptome oft harmlos sind und durch vorübergehende Faktoren wie langes Sitzen oder eine falsche Körperhaltung verursacht werden, können sie in einigen Fällen auch auf ernstere zugrunde liegende Erkrankungen hinweisen.
Ursachen von Kribbeln und Taubheitsgefühlen nach Anspannung
Die Ursachen für Kribbeln und Taubheitsgefühle nach Anspannung sind vielfältig. Häufig resultieren sie aus Problemen mit den peripheren Nerven, den kleinen Nerven in Händen oder Füßen, die weit entfernt von den zentralen Nerven in Gehirn oder Rückenmark liegen. In anderen Fällen können die Missempfindungen ihren Ursprung direkt im zentralen Nervensystem haben oder psychisch bedingt sein.
Zu den häufigsten Ursachen gehören:
- Nervenkompression: Längeres Sitzen in einer Position kann zu Kribbeln oder Taubheitsgefühlen in den Beinen führen, da die Nerven durch den Druck beeinträchtigt werden. Dies ist meist harmlos und verschwindet durch Bewegung.
- Polyneuropathie: Eine Schädigung der peripheren Nerven, oft beginnend in den Füßen und Händen, kann zu Kribbeln, Ameisenlaufen und Taubheitsgefühlen führen. Typisch ist eine beidseitige Ausbreitung in strumpf- oder handschuhartiger Verteilung. Auslöser können Diabetes, Alkoholkonsum, Vitamin-B12-Mangel, Infektionen oder Gifte sein.
- Multiple Sklerose (MS): Gefühlsstörungen wie Kribbeln, Taubheit oder neuropathische Schmerzen zählen zu den frühen Symptomen von MS. Das Immunsystem greift die Nervenfasern an, was zu einer gestörten Reizweiterleitung im Gehirn und Rückenmark führt.
- Parkinson: Neben Muskelsteifigkeit, Bewegungsverlangsamung und Zittern können auch Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle auftreten, wenn sensorische Bahnen oder die Wahrnehmungsverarbeitung betroffen sind.
- Migräne: Insbesondere bei Migräne mit Aura können Kribbeln oder Taubheitsgefühle frühe Anzeichen einer beginnenden Attacke sein, oft im Gesicht oder den Extremitäten.
- Bandscheibenvorfall: Die Kompression von Nervenwurzeln im Bereich des Rückenmarks kann neurologische Symptome wie Taubheit, Kribbeln oder Muskelschwäche hervorrufen, typischerweise einseitig und abhängig vom betroffenen Bereich der Wirbelsäule.
- Karpaltunnelsyndrom: Eine Einengung des Mittelhandnervs im Karpaltunnel der Handwurzel kann zu Kribbeln an Mittel- und Ringfinger führen, später auch an Daumen und Zeigefinger.
- Ulnartunnel- und Ulnarrinnensyndrom: Druck auf den Ellen-Nerv (Nervus ulnaris) im Bereich des Ellenbogens oder Handgelenks kann Taubheitsgefühle, vor allem am kleinen Finger und teilweise am Ringfinger, verursachen.
- Leistentunnelsyndrom (Meralgia paraesthetica): Druck auf den Oberschenkelhautnerv im Bereich des Leistenbands oder Leistenkanals kann zu Schmerzen und Gefühlsstörungen am oberen und seitlichen Oberschenkel führen.
- Schlaganfall: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen in Arm, Bein oder Gesicht, insbesondere wenn sie nur eine Körperseite betreffen, können auf einen Schlaganfall hindeuten.
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK): Eine Durchblutungsstörung in den Beingefäßen kann Schmerzen und Missempfindungen verursachen, typischerweise beim Gehen (Schaufensterkrankheit).
- Raynaud-Syndrom: Kälte oder Stress können Gefäßkrämpfe auslösen, die zu anfallsartigen Durchblutungsstörungen, vor allem in den Händen, führen. Die Finger können kalt, blass, bläulich oder rot werden und sich taub anfühlen.
- Angst-/Panikattacken und Angststörungen (Phobien): Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle können begleitend zu Panikattacken oder Angstzuständen auftreten.
- Hyperventilationssyndrom: Hektisches Ein- und Ausatmen in Stress-Situationen oder während einer Panikattacke kann zu einer Abnahme des Kohlendioxids im Blut führen, was die Nerven und Muskeln kurzfristig zu stark erregt und Gefühlsstörungen und Verkrampfungen verursachen kann.
- Somatoforme Störungen: Körperliche Beschwerden ohne erkennbare körperliche Ursache, wie Müdigkeit, Muskelverspannungen, Zungenbrennen oder auch Kribbeln, können Symptome einer somatoformen Störung sein.
- Medikamente und Umweltgifte: Vergiftungen, z.B. mit Schwermetallen, können chronische Schäden an den Nerven verursachen. Kribbeln und Taubheitsgefühle können auch als Nebenwirkung einiger Medikamente auftreten.
- Akute Belastungsreaktion: Ein Nervenzusammenbruch, in der Fachsprache als akute Belastungsreaktion bezeichnet, kann durch traumatische Erlebnisse oder Stress ausgelöst werden und sich in verschiedenen Symptomen äußern, darunter auch veränderte Wahrnehmung und körperliche Reaktionen wie Schweißausbrüche oder Übelkeit.
- innere Unruhe: Innere Unruhe, oft begleitet von Anspannung und Nervosität, kann sich durch ein inneres Kribbeln oder Vibrieren in Bauch, Kopf und Beinen äußern. Sie kann durch Stress, Koffeinkonsum, hormonelle Veränderungen oder psychische Erkrankungen verursacht werden.
- Polyneuropathie: Eine Polyneuropathie kann mit unterschiedlichen Symptomen einhergehen, je nachdem, welche Nerven von der Erkrankung betroffen sind. Mediziner und Medizinerinnen unterscheiden sensible, motorische und vegetative Polyneuropathien. Manche Menschen sind auch von mehreren Formen der Polyneuropathie gleichzeitig betroffen. Eine Polyneuropathie kann akut, sich schnell verschlechternd oder chronisch verlaufen.
- Vitaminmangel: Ein Mangel an Vitamin B12 kann die Symptome von Empfindungsstörungen auslösen. Es kommt in großen Mengen in tierischen Produkten wie Weichkäse und Fisch vor und ist an der Bildung der Schutzhülle unserer Nerven beteiligt. Taubheitsgefühle und Kribbeln können die Folge sein, wenn ein Mangel des Vitamins vorliegt.
- eingeklemmter Nerv: Unfälle oder „falsche“ Bewegungen können dazu führen, dass Nerven eingeklemmt werden und diese dann nicht mehr in der Lage sind, Impulse zu senden. Je nachdem wo sich der betroffene Nerv befindet, können Symptome wie Kribbeln in den Beinen folgen.
- Bandscheibenvorfall: Die Ursachen eines Bandscheibenvorfalls liegen häufig in einer Überlastung oder Verschleißerscheinung der Wirbelsäule. Die Bandscheibe verrutscht und kann dadurch bestimmte Nerven abklemmen. Wie stark und wo genau die Symptome auftreten, hängt davon ab, in welchem Bereich der Wirbelsäule der Vorfall geschehen ist. Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule können betroffen sein.
- Alkoholmissbrauch: Die Abbauprodukte von Alkohol sind „giftig“ für unsere Nerven und können Taubheitsgefühle und Kribbeln auslösen. Längerfristiger oder dauerhafter Alkoholkonsum kann zu Nervenschädigungen führen. Die Nerven können sich nach Ende der Sucht allerdings wieder regenerieren.
- Ansteckungskrankheiten: Virale Infektionen wie Masern, Mumps oder die von Zecken übertragenen Erkrankungen FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) sowie Borreliose können Entzündungen im zentralen Nervensystem auslösen, woraus möglicherweise Empfindungsstörungen resultieren.
- Multiple Sklerose: Die entzündliche Krankheit des zentralen Nervensystems äußert sich häufig durch viele verschiedene Symptome. Was bedeutet die Diagnose MS? Welche Herausforderungen begegnen Betroffenen im Alltag? Über ihre Erfahrung berichtet Bloggerin Samira in unserem Gesundheitspodcast.
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall führt unter Umständen zu Empfindungsstörungen auf einer Körperseite, da bestimmte Bereiche im Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Die dadurch absterbenden Nerven lösen die Symptome aus. Von den Risiken bis zum FAST-Test: In unserer Podcastfolge erklärt Experte Prof. Dr.
- Diabetes Typ 1 und 2: Hervorgerufen durch einen dauerhaft erhöhten Zuckerspiegel (beispielsweise durch fehlendes Insulin (Typ 1) oder eine erworbene Insulinresistenz (Typ 2)) kann eine sogenannte diabetische Neuropathie (Schädigung der Nerven) entstehen.
- Psychische Erkrankungen: Neben physischen Auslösern wie Unfällen oder körperlichen Krankheiten können auch psychische Erkrankungen eine Ursache von Taubheitsgefühl oder Kribbeln sein. Dann ist die Rede von einer sogenannten dissoziativen Empfindungsstörung.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es ist wichtig, einen Arzt aufzusuchen, wenn:
- Die Missempfindungen nicht nachlassen oder häufiger auftreten.
- Zusätzliche Beschwerden wie einseitige Lähmungen oder Probleme beim Sprechen auftreten (Verdacht auf Schlaganfall - Notruf 112 wählen!).
- Die Symptome plötzlich auftreten oder sich rasch verschlimmern.
- Die Missempfindungen mit Schmerzen, Muskelschwäche oder Bewegungseinschränkungen einhergehen.
- Der Verdacht besteht, dass die Symptome mit der Einnahme eines Medikaments zusammenhängen.
Diagnose von Kribbeln und Taubheitsgefühlen
Um die Ursachen für Kribbeln und Taubheitsgefühle abzuklären, wird der Arzt zunächst ein ausführliches persönliches Gespräch führen, um die genauen Beschwerden und die Krankengeschichte zu erfragen. Anschließend erfolgt eine körperliche Untersuchung, bei der unter anderem die Reizwahrnehmung auf der Haut und die Reflexe geprüft werden.
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Je nach Verdachtsdiagnose können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B.:
- Bluttests: zur Bestimmung des Blutzuckerspiegels, der Menge bestimmter Vitamine und Mineralstoffe sowie von Entzündungswerten.
- Elektroneurographie: zur Messung der elektrischen Impulse der Nerven und zur Feststellung von Nervenschädigungen.
- Elektromyographie: zur Messung der Muskelaktivität und zur Beurteilung des Ansprechens der Muskeln auf Nervensignale.
- Bildgebende Verfahren: wie Röntgen, CT oder MRT, um beispielsweise einen Bandscheibenvorfall oder andere strukturelle Veränderungen zu erkennen.
- Nerv-Muskel-Biopsie: Entnahme und feingewebliche Untersuchung einer Gewebeprobe aus dem Schienbein, um die Ursache der Polyneuropathie zu finden.
- Quantitative Sensorische Testung: Messung des Temperaturempfindens und anderer Gefühltests an der Haut, um zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist.
- Hautbiopsie: Untersuchung einer Gewebeprobe aus der Haut unter dem Mikroskop, um Small-Fiber-Neuropathien zu diagnostizieren.
Behandlung von Kribbeln und Taubheitsgefühlen
Die Behandlung von Kribbeln und Taubheitsgefühlen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. In vielen Fällen können die Beschwerden durch die Behandlung der Grunderkrankung gelindert oder beseitigt werden.
Zu den möglichen Behandlungsansätzen gehören:
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckereinstellung wichtig, bei Alkoholabhängigkeit eine Suchttherapie. Ein Vitaminmangel kann durch Ernährungsumstellung oder Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen werden. Infektionen oder Entzündungen können mit Antibiotika oder Kortison behandelt werden.
- Schmerztherapie: Bei neuropathischen Schmerzen können Antidepressiva, Antikonvulsiva oder Opioide eingesetzt werden. Capsaicin-Pflaster können ebenfalls schmerzlindernd wirken und die Neubildung kleiner Nervenfasern anregen.
- Physio- und Ergotherapie: können bei ungünstigen Bewegungsabläufen, Gleichgewichtsstörungen oder Muskelschwäche helfen.
- Orthesen: Spezielle Schienen können bei Muskellähmungen helfen, Hände und Füße beweglich zu halten.
- Elektrotherapie: Stimulation der Nerven durch Impulse aus einem speziellen Gerät (TENS-Gerät), um Schmerzen zu reduzieren und ein Kribbeln zu erzeugen.
- Psychotherapie: Bei psychisch bedingten Missempfindungen kann eine Psychotherapie helfen, die zugrunde liegenden Belastungen zu bewältigen.
- Operation: Erkrankungen wie das Karpaltunnelsyndrom oder ein Bandscheibenvorfall werden operativ behandelt.
- Medikamente: Eine Virusinfektion wie die Gürtelrose - bei der das kribbelnde Missempfindung das erste Symptom ist, bevor der Hautausschlag sichtbar wird - wird mit Medikamenten, den sogenannten Virustatika, behandelt. Für das Restless-Legs-Syndrom gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten. Wird die Krankheit nicht durch einen Ernährungsmangel oder eine spezielle Lebenssituation ausgelöst - RLS kann beispielsweise vorübergehend in der Schwangerschaft auftreten - dann helfen die Wirkstoffe Levodopa und Benserazid, die Missempfindung in den Griff zu bekommen.
Tipps zur Vorbeugung und Linderung von Kribbeln und Taubheitsgefühlen
Neben der ärztlichen Behandlung können Betroffene selbst einiges tun, um Kribbeln und Taubheitsgefühle vorzubeugen oder zu lindern:
- Regelmäßige Bewegung: Fördert die Durchblutung und kann helfen, Nervenkompressionen zu vermeiden.
- Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Vermeiden Sie ungünstige Körperhaltungen und sorgen Sie für eine gute Unterstützung von Handgelenken und Rücken.
- Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen, insbesondere Vitamin B12.
- Stressreduktion: Entspannungsübungen wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Nerven zu beruhigen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Reduzieren Sie Alkoholkonsum und Nikotinkonsum.
- Blutzuckerkontrolle: Menschen mit Diabetes sollten ihren Blutzucker regelmäßig kontrollieren und ärztlich verordnete Medikamente einnehmen.
- Füße kontrollieren: Menschen mit Polyneuropathie an Beinen oder Füßen sollten regelmäßig ihre Füße auf Wunden kontrollieren.
- Bewusstes Entspannen: Der Mensch braucht Anspannung und Entspannung gleichermaßen, doch das Verhältnis sollte ausgeglichen sein. Es gibt zahlreiche Methoden, um sich vom Stress zu lösen. Für manche sind Sport oder Kontakte die beste Wahl, andere profitieren eher von kreativen Hobbys, Meditation und autogenem Training.
- Lavendel-Öl: Dieses ätherische Öl duftet nicht nur angenehm, sondern wirkt sich auch entspannend auf das zentrale Nervensystem aus, das häufig an der Entstehung der inneren Unruhe beteiligt ist.
- Stimulation des Vagusnervs: Knurren kann helfen, Anspannungszustände zu lindern.
- Sportlicher Ausgleich: Wer aufgrund der inneren Unruhe unter Bewegungsdrang leidet, sollte für sportlichen Ausgleich und Bewegung sorgen. Häufig helfen bereits Spaziergänge oder ein regelmäßiges Training. Anspannung in den Händen lässt sich auch mit einem Knautschball bewältigen.
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