Commissura alba des Rückenmarks: Funktion, Anatomie und klinische Bedeutung

Einführung

Das Rückenmark (Medulla spinalis) stellt eine lebenswichtige Verbindung zwischen Gehirn und Peripherie dar. Es dient nicht nur der Weiterleitung von sensorischen und motorischen Informationen, sondern fungiert auch als Reflexzentrum. Die graue Substanz (Substantia grisea) im Zentrum des Rückenmarks, umgeben von der weißen Substanz (Substantia alba), spielt eine zentrale Rolle bei diesen Funktionen. Ein wichtiger Bestandteil der grauen Substanz ist die Commissura alba anterior, die eine entscheidende Rolle bei der Koordination und Weiterleitung von Informationen zwischen den beiden Rückenmarkhälften spielt.

Anatomie des Rückenmarks

Das Rückenmark erstreckt sich im Canalis vertebralis, umgeben von Liquor cerebrospinalis. Es weist zwei spindelförmige Verdickungen auf: die Intumescentia cervicalis im Halsbereich und die Intumescentia lumbosacralis im Lumbalbereich, die jeweils für die Innervation der oberen bzw. unteren Extremitäten verantwortlich sind.

Graue Substanz (Substantia Grisea)

Im Querschnitt erscheint die graue Substanz schmetterlingsförmig und wird in Vorderhorn (Cornu anterius), Hinterhorn (Cornu posterius) und Seitenhorn (Cornu laterale) unterteilt. In der Längsansicht bilden diese Strukturen Säulen. Das Hinterhorn wird zusätzlich in Kopf (Apex cornuis dorsalis), Hals und Basis unterteilt. Im lateralen Halsbereich zwischen Hinter- und Vorderhorn befindet sich die Formatio reticularis. Die graue Substanz enthält Zellsäulen bzw. Kerngebiete (Nuclei), die spezifische Muskelgruppen oder Organe versorgen.

Die graue Substanz enthält verschiedene Laminae (Schichten), die nach Rexed benannt sind (Lamina I-X). Jede Lamina hat eine spezifische zelluläre Zusammensetzung und Funktion:

  • Lamina I (Marginalzone): Enthält Neurone, die Schmerz- und Temperaturinformationen verarbeiten.
  • Lamina II (Substantia gelatinosa Rolandi): Dient der Schmerzmodulation und enthält viele kleine Interneurone.
  • Lamina III und IV: Erhalten Informationen von Mechanorezeptoren und Nozizeptoren.
  • Lamina V: Empfängt sowohl nozizeptive als auch nicht-nozizeptive Informationen und projiziert zum Gehirn. Hier enden auch viele absteigende Bahnen aus dem Kortex und Hirnstamm.
  • Lamina VI: Ist an der Verarbeitung von propriozeptiven Informationen beteiligt.
  • Lamina VII: Enthält die Nucleus dorsalis (Clarke-Säule), der wichtige Informationen zum Kleinhirn weiterleitet. Hier befinden sich auch Interneurone und präganglionäre Neurone des autonomen Nervensystems.
  • Lamina VIII: Ist an der motorischen Steuerung beteiligt und enthält Interneurone, die mit Motoneuronen in Verbindung stehen.
  • Lamina IX: Enthält die Motoneurone, die direkt die Skelettmuskulatur innervieren. Diese Lamina ist in verschiedene Gruppen unterteilt, die unterschiedliche Muskelgruppen versorgen.
  • Lamina X: Umgibt den Zentralkanal und enthält Kommissurenzellen.

Weiße Substanz (Substantia Alba)

Die weiße Substanz umgibt die graue Substanz und besteht hauptsächlich aus myelinisierten Nervenfasern, die in aufsteigende (sensible) und absteigende (motorische) Bahnen angeordnet sind. Sie wird in drei Hauptbereiche unterteilt:

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  • Funiculus dorsalis (Hinterstrang): Verläuft vom Septum medianum dorsale bis zum Sulcus medianus dorsalis und enthält aufsteigende Bahnen, die feine Berührung, Vibration und Propriozeption vermitteln. Hier verlaufen der Fasciculus gracilis (Goll), der Informationen aus den unteren Extremitäten leitet, und der Fasciculus cuneatus (Burdach), der Informationen aus den oberen Extremitäten leitet.
  • Funiculus lateralis (Seitenstrang): Enthält sowohl aufsteigende als auch absteigende Bahnen, darunter den Tractus spinothalamicus lateralis (Schmerz und Temperatur), den Tractus corticospinalis lateralis (Willkürmotorik) und den Tractus spinocerebellaris (Propriozeption zum Kleinhirn).
  • Funiculus ventralis (Vorderstrang): Enthält ebenfalls aufsteigende und absteigende Bahnen, darunter den Tractus spinothalamicus anterior (grobe Berührung und Druck) und den Tractus corticospinalis anterior (Willkürmotorik). Die Funiculi ventrales et laterales werden zusammen als Vorderseitenstrang bezeichnet.

Commissura Alba Anterior

Die Commissura alba anterior, auch vordere weiße Kommissur genannt, ist eine Ansammlung von myelinisierten Axonen, die die beiden Hälften des Rückenmarks miteinander verbinden. Sie liegt ventral des Zentralkanals und besteht aus Nervenfasern, die von Neuronen im Vorder- und Hinterhorn der grauen Substanz ausgehen. Diese Fasern kreuzen die Mittellinie des Rückenmarks, um auf der gegenüberliegenden Seite zu Neuronen zu projizieren.

Funktion der Commissura Alba

Die Commissura alba anterior spielt eine entscheidende Rolle bei verschiedenen Funktionen des Rückenmarks:

Schmerzleitung

Eine der wichtigsten Funktionen der Commissura alba ist die Kreuzung von Schmerz- und Temperaturfasern des Tractus spinothalamicus. Neurone im Hinterhorn der grauen Substanz empfangen Schmerz- und Temperaturinformationen von peripheren Nozizeptoren. Die Axone dieser Neurone kreuzen dann über die Commissura alba anterior auf die gegenüberliegende Seite des Rückenmarks, bevor sie im Tractus spinothalamicus aufsteigen, um zum Thalamus und schließlich zum somatosensorischen Kortex zu gelangen. Diese Kreuzung ist entscheidend für die kontralaterale Schmerzempfindung, d.h. Schmerzen, die auf einer Körperseite entstehen, werden auf der gegenüberliegenden Seite des Gehirns wahrgenommen.

Motorische Koordination

Die Commissura alba enthält auch Fasern, die an der motorischen Koordination beteiligt sind. Interneurone im Vorderhorn der grauen Substanz, die an der Steuerung der Muskelaktivität beteiligt sind, können ihre Axone über die Commissura alba zur gegenüberliegenden Seite des Rückenmarks senden, um dort mit Motoneuronen zu interagieren. Diese Kreuzung ermöglicht eine koordinierte Aktivität der Muskeln auf beiden Körperseiten, was für Bewegungen wie Gehen und Schwimmen unerlässlich ist.

Reflexe

Obwohl viele Reflexe innerhalb einer einzigen Rückenmarkshälfte ablaufen, erfordern einige Reflexe die Beteiligung beider Seiten des Rückenmarks. In solchen Fällen ermöglicht die Commissura alba die Kommunikation zwischen den beiden Seiten, um eine koordinierte Reflexantwort zu gewährleisten.

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Tractus spinotectalis

Der Tractus spinotectalis ist ein aufsteigendes Nervenfaserbündel im Rückenmark, das epikritische und protopathische Informationen zum Mittelhirndach (Tectum mesencephali) führt. Die Axone treten über das posteriore Spinalganglion in das Hinterhorn der grauen Substanz des Rückenmarks ein und werden dort auf das nächste Neuron umgeschaltet. Die Fasern kreuzen über die Commissura alba anterior auf die Gegenseite, um dann innerhalb der Vorderseitenstrangbahn aufzusteigen. Dabei liegen die Fasern des Tractus spinotectalis in der Nähe zum Tractus spinothalamicus lateralis. Der Tractus spinotectalis ist beispielsweise für die Pupillenverengung bei Schmerzen verantwortlich.

Klinische Bedeutung

Schädigungen der Commissura alba anterior können zu einer Reihe von neurologischen Defiziten führen, abhängig von der Lokalisation und dem Ausmaß der Schädigung:

Syringomyelie

Eine Syringomyelie ist eine Erkrankung, bei der sich eine Zyste (Syrinx) im Rückenmark bildet. Wenn diese Zyste sich ausdehnt, kann sie die Commissura alba anterior komprimieren und die kreuzenden Schmerz- und Temperaturfasern schädigen. Dies führt zu einer dissoziierten Sensibilitätsstörung, bei der die Schmerz- und Temperaturempfindung beeinträchtigt ist, während die Berührungs- und Propriozeptionsfähigkeit erhalten bleibt. Typischerweise betrifft dies die oberen Extremitäten und den Nackenbereich, was als kapenförmige Sensibilitätsstörung bezeichnet wird.

Tumoren

Tumoren, die im Rückenmark wachsen, können ebenfalls die Commissura alba anterior komprimieren und ähnliche Symptome wie bei der Syringomyelie verursachen.

Entzündliche Erkrankungen

Entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose können zu Läsionen im Rückenmark führen, die auch die Commissura alba anterior betreffen können.

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Traumatische Verletzungen

Traumatische Verletzungen des Rückenmarks, wie z.B. Querschnittslähmung, können die Commissura alba anterior direkt schädigen oder indirekt durch Kompression oder Durchblutungsstörungen beeinträchtigen.

Diagnostik

Die Diagnose von Schädigungen der Commissura alba anterior basiert in der Regel auf einer Kombination aus neurologischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren:

  • Neurologische Untersuchung: Eine sorgfältige neurologische Untersuchung kann Hinweise auf eine dissoziierte Sensibilitätsstörung oder andere neurologische Defizite liefern, die auf eine Schädigung der Commissura alba anterior hindeuten.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist das bildgebende Verfahren der Wahl, um das Rückenmark darzustellen und Schädigungen der Commissura alba anterior, wie z.B. Zysten, Tumoren oder Entzündungsherde, zu identifizieren.

Therapie

Die Therapie von Schädigungen der Commissura alba anterior richtet sich nach der Ursache der Schädigung:

  • Syringomyelie: Die Behandlung kann eine chirurgische Drainage der Zyste umfassen, um den Druck auf das Rückenmark zu verringern.
  • Tumoren: Die Behandlung kann eine chirurgische Entfernung, Strahlentherapie oder Chemotherapie umfassen, abhängig von der Art und dem Ausmaß des Tumors.
  • Entzündliche Erkrankungen: Die Behandlung zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen, z.B. mit Immunsuppressiva oder Kortikosteroiden.
  • Traumatische Verletzungen: Die Behandlung konzentriert sich auf die Stabilisierung des Rückenmarks, die Reduzierung von Entzündungen und die Rehabilitation, um dieFunktion zu verbessern.

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