Cordarone-Polyneuropathie: Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Cordarone-Polyneuropathie ist eine periphere Nervenerkrankung, die als Nebenwirkung des Antiarrhythmikums Amiodaron auftreten kann. Obwohl die Häufigkeit neurologischer Störungen in den 1980er Jahren überschätzt wurde, ist es wichtig, die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten dieser potenziellen Komplikation zu kennen.

Was ist Polyneuropathie?

Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch eine Vielzahl von Ursachen ausgelöst werden kann. Einige Formen der Polyneuropathie resultieren aus einer primären Schädigung der Nervenzellen selbst, wie der Motoneuronen oder Spinalganglienneuronen. Die meisten Polyneuropathien betreffen die großkalibrigen Nervenfasern, die für die motorische Funktion und das Berührungs- und Vibrationsgefühl verantwortlich sind. Eine spezielle Form der Neuropathie, die Small-Fiber-Neuropathie, betrifft hingegen nur die kleinkalibrigen Nervenfasern, die für Schmerz und Temperaturwahrnehmung zuständig sind. Die Pathogenese der Polyneuropathie ist vielfältig und abhängig von der jeweiligen Ätiologie. Die Schädigung kann sowohl Nervenzellen, Axone als auch die Myelinscheide betreffen.

Ursachen der Cordarone-Polyneuropathie

Amiodaron ist ein Benzofuran-Derivat, das zur Behandlung von ventrikulären und supraventrikulären Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird. Es wirkt hemmend auf Kalium-, Natrium- und Kalziumkanäle und besitzt auch eine mäßig stark hemmende Wirkung auf α-, β- und muskarinerge Rezeptoren. Aufgrund seiner extremen Löslichkeit im Fettgewebe hat Amiodaron ein hohes Verteilungsvolumen und eine lange Halbwertszeit von 30 bis über 100 Tagen.

Die genauen Mechanismen, die zur Entstehung einer Amiodaron-induzierten Polyneuropathie führen, sind nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die lange Halbwertszeit und die Anreicherung von Amiodaron im Nervengewebe zu einer direkten Schädigung der Nervenzellen führen können. Frühere Studien gingen von einer höheren Inzidenz neurologischer Störungen aus, was vermutlich auf die damals höheren Dosierungen von Amiodaron zurückzuführen war. Neuere Untersuchungen zeigen, dass neurotoxische Nebenwirkungen bei etwa 2,8 % der mit Amiodaron behandelten Patienten auftreten, wobei die Therapiedauer der wichtigste Risikofaktor ist.

Es wurde eine kürzlich entdeckte neue Facette der toxischen Polyneuropathie als Nebenwirkung von Amiodaron ergänzend hinzugefügt: Amiodaron ist nicht nur für sensible und motorische Symptome im Rahmen einer Polyneuropathie, sondern auch für eine sensorische - genauer gesagt: vestibuläre - Neuropathie verantwortlich, weil es einen beidseitigen Ausfall der Gleichgewichtsfunktion (bilaterale Vestibulopathie) verursachen kann. Das klinische Erscheinungsbild der vestibulären Neuropathie besteht in Schwindel, Gangunsicherheit, Oszillopsien und Sturzgefahr.

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Risikofaktoren

Zu den Risikofaktoren für die Entwicklung einer Cordarone-Polyneuropathie gehören:

  • Längere Therapiedauer: Das Risiko steigt mit der Dauer der Amiodaron-Einnahme.
  • Höhere Dosierung: Obwohl das Auftreten einer Polyneuropathie nicht direkt mit einer höheren Dosis korreliert, können Dosisreduktionen Linderungen bringen.
  • Vorerkrankungen: Patienten mit Diabetes mellitus oder Alkoholabhängigkeit haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Polyneuropathie.
  • Weitere Medikamente: Die gleichzeitige Einnahme anderer Medikamente, die das Nervensystem schädigen können, kann das Risiko erhöhen.

Symptome der Cordarone-Polyneuropathie

Die Symptome einer Cordarone-Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nervenfasern betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühl oder brennende Schmerzen in den Füßen und Beinen, seltener in den Händen und Armen.
  • Motorische Schwäche: Muskelschwäche in den Beinen, die zu Gangunsicherheit und Schwierigkeiten beim Treppensteigen führen kann.
  • Reflexverlust: Verminderte oder fehlende Reflexe, insbesondere an den Knöcheln.
  • Trophische Störungen: Hautveränderungen, wie z. B. trockene Haut, Haarausfall oder Nagelwachstumsstörungen.
  • Schwindel und Gangunsicherheit: Aufgrund einer vestibulären Neuropathie.
  • Oszillopsien: Das Gefühl, dass die Umgebung sich bewegt.
  • Sturzgefahr: Erhöhtes Risiko zu stürzen.

Diagnose

Die Diagnose einer Cordarone-Polyneuropathie erfordert eine sorgfältige neurologische Untersuchung und Anamnese. Zu den diagnostischen Maßnahmen gehören:

  • Klinische Untersuchung: Beurteilung der Sensibilität, Motorik und Reflexe.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und der evozierten Potenziale, um die Funktion der Nervenfasern zu überprüfen.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen, um andere Ursachen für die Polyneuropathie auszuschließen, wie z. B. Diabetes mellitus, Vitaminmangel oder Autoimmunerkrankungen.
  • Vestibuläre Diagnostik: Bei Patienten mit Schwindel und/oder Gangunsicherheit unter Amiodaron-Einnahme.
  • Nervenbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Nervenbiopsie erforderlich sein, um die Diagnose zu bestätigen und andere Ursachen auszuschließen.

Differentialdiagnosen

Es ist wichtig, andere Ursachen für Polyneuropathien auszuschließen, bevor die Diagnose einer Cordarone-Polyneuropathie gestellt wird. Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen gehören:

  • Diabetische Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von Diabetes mellitus.
  • Alkoholische Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von chronischem Alkoholkonsum.
  • Vitaminmangelneuropathie: Nervenschäden aufgrund von Mangel an Vitamin B12, B1 oder E.
  • Chemotherapie-induzierte Neuropathie: Nervenschäden als Folge einer Chemotherapie.
  • Autoimmunneuropathie: Nervenschäden aufgrund von Autoimmunerkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom oder dem Sjögren-Syndrom.
  • Infektiöse Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von bakteriellen oder viralen Infektionen wie Lyme-Borreliose oder HIV.
  • Hereditäre Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von genetischen Erkrankungen wie der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung.
  • Urämische Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von chronischen Nierenerkrankungen.
  • Toxische Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von Exposition gegenüber Giftstoffen wie Arsen, Blei oder Quecksilber.
  • Dronedaron-induzierte Neuropathie: Als Differentialdiagnose sollte auch die Möglichkeit einer Dronedaron-induzierten Neuropathie in Betracht gezogen werden.

Behandlung

Die Behandlung der Cordarone-Polyneuropathie zielt in erster Linie darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Zu den wichtigsten Behandlungsmaßnahmen gehören:

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  • Amiodaron-Dosisreduktion oder -Absetzen: In den meisten Fällen bessern sich die Symptome nach Reduktion der Amiodaron-Dosis oder Absetzen des Medikaments. Die Entscheidung sollte jedoch in Absprache mit dem behandelnden Arzt getroffen werden, um das Risiko von Herzrhythmusstörungen zu minimieren.
  • Symptomatische Therapie:
    • Schmerzmittel: Bei neuropathischen Schmerzen können Schmerzmittel wie Amitriptylin, Gabapentin oder Pregabalin eingesetzt werden.
    • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern.
    • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag besser zu bewältigen und Hilfsmittel anzupassen.
    • Orthopädische Hilfsmittel: Bei Gangunsicherheit können orthopädische Hilfsmittel wie Gehstöcke oder Orthesen helfen.
    • Vestibuläre Rehabilitation: Bei vestibulärer Neuropathie kann eine vestibuläre Rehabilitation helfen, das Gleichgewicht zu verbessern.
  • Behandlung von Grunderkrankungen: Wenn die Polyneuropathie durch eine Grunderkrankung wie Diabetes mellitus oder Alkoholabhängigkeit verursacht wird, sollte diese entsprechend behandelt werden.
  • Nahrungsergänzungsmittel: Bei Vitaminmangel können Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin B12, B1 oder E sinnvoll sein.

Dronedaron als Alternative

Dronedaron ist ein Antiarrhythmikum, das strukturell eng mit Amiodaron verwandt ist, aber kein Jod enthält. Es wurde entwickelt, um die Wirksamkeit von Amiodaron beizubehalten und gleichzeitig das Risiko von Nebenwirkungen zu verringern. Dronedaron ist jedoch weniger wirksam als Amiodaron und hat auch eigene Risiken, wie z. B. Leberschäden, Lungenschäden und kardiovaskuläre Ereignisse. Fallberichte deuten darauf hin, dass Dronedaron in seltenen Fällen auch zu einer Polyneuropathie führen kann.

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