Die Arbeitswelt kann eine Quelle von Stress und psychischer Belastung sein, die im schlimmsten Fall zu ernsthaften Erkrankungen führen kann. Dieser Artikel beleuchtet, inwieweit Arbeit seelisch krank machen kann, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und welche Maßnahmen zur Prävention und zum Schutz der psychischen Gesundheit von Arbeitnehmern ergriffen werden können.
Psychostress in der Arbeitswelt: Eine wachsende Herausforderung?
Die Frage, ob der Psychostress in der Arbeitswelt zunimmt, ist komplex. Einerseits berichten viele Menschen von steigendem Druck und Belastungen, andererseits lassen sich diese subjektiven Empfindungen nicht immer durch Studien untermauern. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erhebt beispielsweise regelmäßig einen Gute-Arbeit-Index, der große Unterschiede zwischen den Branchen aufzeigt. Besonders in sogenannten "Stressberufen" herrscht oft Arbeitskräftemangel, was die Belastung zusätzlich erhöht.
Ute, eine 40-jährige Krankenschwester aus Berlin, ist ein Beispiel für die Auswirkungen von Arbeitsstress. Sie ist aufgrund eines Burn-outs arbeitsunfähig geschrieben und spricht in einer Selbsthilfegruppe über den Zeitdruck und die Schichtarbeit im Krankenhaus. "Ich fühlte mich ständig erschöpft", sagt sie.
Ursachen von arbeitsbedingtem Stress
Verschiedene Faktoren können dazu beitragen, dass Arbeitnehmer unter Stress leiden. Dazu gehören:
- Mangelnde Kontrolle: Wer die Arbeitsmenge nicht kontrollieren kann und wenig Handlungsspielraum hat, ist stärker gefährdet.
- Monotonie: Fehlende Abwechslung bei der Tätigkeit kann ebenfalls Stress verursachen.
- Unvollständige Aufgabenstellung: Wenn man am Ende nicht den Erfolg der Arbeit sieht, kann dies die Belastung verstärken.
- Hohe Interaktions- und Emotionsarbeit: Berufe, in denen viel Kontakt mit Menschen besteht und Gefühle oft verborgen werden müssen, sind besonders belastend.
- Fehlende soziale Unterstützung: Ein schlechtes Betriebsklima, Mobbing und mangelnde Wertschätzung durch Kollegen und Führungskräfte können die psychische Gesundheit stark beeinträchtigen.
- Arbeitsverdichtung und Leistungsdruck: Zeit- und Leistungsdruck, Arbeitsverdichtung und Überforderung sind zentrale Risikofaktoren für Erschöpfungssyndrome.
- Ständige Erreichbarkeit: Termindruck, hohes Arbeitstempo, Lärm und die ständige Erreichbarkeit durch Handy und Smartphone können die Nerven zusätzlich belasten.
- Ungünstige Arbeitsbedingungen: Kurze Taktzeiten in Fabriken, Monotonie der Abläufe, ungünstige Schichtpläne und zu enge Zeitvorgaben bei Projekten sind weitere Stressfaktoren.
Die Rolle der Persönlichkeit
Der Umgang mit Stress ist auch von der Persönlichkeit des Einzelnen abhängig. Perfektionismus, Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse zu formulieren, und die Unfähigkeit, "Nein" zu sagen, können die Anfälligkeit für Stress erhöhen.
Lesen Sie auch: Autofahren bei Demenz: Regeln und Empfehlungen
Folgen von chronischem Stress
Chronischer Stress kann sowohl seelische als auch körperliche Erkrankungen zur Folge haben. Zu den häufigsten psychischen Erkrankungen zählen Depressionen, Angststörungen und Burn-out. Körperliche Beschwerden können Muskel-Skelett-Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Erkrankungen des Verdauungstrakts sein.
Aktuelle Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Erwerbstätigen unter großem Stress steht. Laut einer Umfrage erreichen viele Vollzeitbeschäftigte oft die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, verzichten auf Pausen oder erscheinen krank im Unternehmen. Knapp ein Viertel der Befragten legen ein Tempo vor, das sie langfristig selbst nicht durchzuhalten glauben.
Prävention und Intervention
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, arbeitsbedingtem Stress vorzubeugen und die psychische Gesundheit von Arbeitnehmern zu schützen. Dazu gehören:
- Gesunde Führung: Wertschätzung, Rücksichtnahme und Beteiligung der Mitarbeiter sind wichtige Ressourcen für die Gesundheit.
- Betriebliches Gesundheitsmanagement: Unternehmen sollten ein betriebliches Gesundheitsmanagement implementieren, das psychosoziale Risikofaktoren in den Fokus nimmt.
- Frühzeitige Intervention: Erschöpfungssyndrome und leichte Depressionen sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden.
- Anpassung der Arbeitsbedingungen: Unternehmen sollten dafür sorgen, dass das Schichtsystem der Gesundheit zuträglich ist und die ständige Erreichbarkeit durch Handys und Laptops geregelt wird.
- Unterstützung bei der Wiedereingliederung: Besonders gefährdet sind Beschäftigte, die nach einer längeren Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung wieder in ihr Arbeitsumfeld zurückkehren. Hier ist eine gute Schnittstelle zwischen der ambulanten medizinischen Versorgung und den Betriebsärzten wichtig.
- Wertschätzung und Respekt: Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen die Wertschätzung ihrer Kollegen in den Betrieben.
- Anti-Stress-Verordnung: Die IG Metall fordert eine Anti-Stress-Verordnung, um Beschäftigte vor Gefährdungen durch psychische Belastungen zu schützen.
Umgang mit chronischen Erkrankungen am Arbeitsplatz
Chronische Erkrankungen können den Arbeitsalltag erheblich beeinträchtigen. Organisationen sollten Strukturen schaffen, in denen Betroffene offen über ihre Erkrankungen sprechen können, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Ein Canvas kann dabei helfen, individuelle chronische Krankheiten in die Arbeitsprozesse zu integrieren.
Es ist wichtig, dass Betroffene die Möglichkeit haben, flexible Arbeitszeiten und Unterstützung durch Technik oder Arbeitsentlastung in Anspruch zu nehmen. Kommunikation und Vertrauen sind dabei entscheidend.
Lesen Sie auch: Medikamentenliste für Myasthenia Gravis – Achtung!
Arbeitssucht (Workaholismus)
Arbeitssucht ist eine Verhaltenssucht, die durch das übermäßige und unkontrollierte Verlangen nach Arbeit gekennzeichnet ist. Betroffene machen ihr Selbstwertgefühl oft an der Arbeit fest und vernachlässigen andere Lebensbereiche.
Um dem vorzubeugen, sind sinnvolle Rahmenbedingungen für flexible Arbeitsmodelle wie Home-Office wichtig. Eine betriebliche Vereinbarung könnte das Risiko für suchthaftes Arbeiten verringern und zu einer besseren Work-Life-Balance führen.
Das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS)
Das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) ist eine schwere neurologische Erkrankung, die oft nach einem Infekt auftritt. Betroffene leiden unter bleierner Erschöpfung, Kopf- und Muskelschmerzen, Herzrasen, Fieber, Schwindel und Atemnot. Selbst kleinste Anstrengungen können zur totalen Erschöpfung führen.
Da es in Deutschland nur wenige Spezialambulanzen gibt, ist es für Betroffene oft schwierig, eine Diagnose und angemessene Behandlung zu erhalten. Selbsthilfeorganisationen spielen daher eine wichtige Rolle.
Die Rolle der Führungskräfte
Führungskräfte spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Sie sollten ein offenes Ohr für die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter haben, ein positives Arbeitsklima schaffen und bei Bedarf Unterstützung anbieten.
Lesen Sie auch: Schwimmen trotz Epilepsie: Was Sie beachten müssen
Wenn Führungskräfte den Verdacht haben, dass ein Mitarbeiter unter Stress leidet oder an einer psychischen Erkrankung leidet, sollten sie das Thema behutsam ansprechen und auf Hilfsangebote verweisen.