Neurologische Aspekte der Inkontinenz bei Multipler Sklerose: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Multiple Sklerose (MS) ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die vielfältige Symptome verursachen kann, darunter auch Blasen- und Darmfunktionsstörungen. Inkontinenz, sowohl Harn- als auch Stuhlinkontinenz, ist ein häufiges und oft belastendes Symptom bei MS-Patienten. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Ursachen der Inkontinenz bei MS, die verschiedenen Arten von Blasenfunktionsstörungen, diagnostische Verfahren und moderne Behandlungsansätze, einschließlich des intermittierenden Selbstkatheterismus (ISK) und anderer Hilfsmittel.

Einführung

Die Kontrolle über die Blasen- und Darmfunktion ist ein komplexer Prozess, der die Koordination verschiedener Muskeln und Nerven erfordert. Bei MS können Entzündungen und Schädigungen im zentralen Nervensystem (ZNS) die Nervensignale zwischen Gehirn, Blase und Darm stören, was zu Funktionsstörungen führen kann. Viele Betroffene scheuen sich, über diese Probleme zu sprechen, was die Diagnose und Behandlung erschwert. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Inkontinenz bei MS eine Folge der Erkrankung ist und keine mangelnde Körperkontrolle darstellt.

Ursachen von Blasenfunktionsstörungen bei MS

Blasenfunktionsstörungen sind ein häufiges Symptom bei Multipler Sklerose. Zehn Jahre nach der MS-Diagnose leiden etwa 80 % der Betroffenen unter Blasenentleerungsstörungen und/oder Inkontinenz. Die Ursache liegt in den Entzündungsherden, die die Reizweiterleitung vom Gehirn über das Rückenmark zu Blase und Darm behindern. Die Nerven, die die Blasenfunktion steuern, sind relativ lang und bieten daher eine große Angriffsfläche für MS-bedingte Entzündungsherde. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass nicht alle Blasenfunktionsstörungen ausschließlich auf die MS zurückzuführen sind, weshalb auch andere Ursachen in Betracht gezogen werden sollten.

Man unterscheidet hauptsächlich drei Arten von Blasenfunktionsstörungen:

  • Überaktive Blase: Hierbei spannt sich der Blasenmuskel (Detrusor) unwillkürlich in der Füllphase an, was zu häufigem Harndrang und Dranginkontinenz führt. Betroffene erreichen möglicherweise nicht mehr rechtzeitig die Toilette.
  • Spastische Blase: Diese ist durch ein spastisches Anspannen des Blasenmuskels gekennzeichnet, oft gleichzeitig mit dem Schließmuskel. Der Urin soll raus, kann aber nicht. Es kommt zu einem gestörten Harnabfluss und die Blase kann nicht vollständig entleert werden.
  • Schlaffe Blase: Bei dieser Form kann der Blasenmuskel nicht mehr stark oder lang genug anspannen, um den gespeicherten Urin vollständig abzugeben.

Eine überaktive oder spastische Blase tritt mit mehr als 80 % am häufigsten auf, während eine schlaffe Blase bei 10-15 % der Betroffenen vorkommt.

Lesen Sie auch: Autofahren bei Demenz: Regeln und Empfehlungen

Bei bis zu 30 Prozent kommt es häufig zur sogenannten Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie. Diese neuromuskuläre Funktionsstörung wird durch Entmarkungsherde im Rückenmark verursacht, die zu einer mangelnden Koordination der Austreibermuskulatur der Blase und dem Schließmuskel führen. Anstatt sich zu entspannen, treten beim äußeren Schließmuskel spastische Kontraktionen auf. Mit der gleichzeitigen Kontraktion der Blasenmuskulatur führt das zu einem gestörten Harnabfluss und die Blase kann nicht vollständig entleert werden. Eine andauernde Überdehnung der Blase kann zum Verlust der Elastizität und Kontraktionsfähigkeit führen.

Diagnostische Verfahren

Um die genaue Ursache der Blasenfunktionsstörung zu ermitteln, führen (Neuro)-Urologen verschiedene Untersuchungen durch:

  • Anamnese und Miktionstagebuch: Der Arzt befragt den Patienten nach Problemen beim Wasserlassen und bittet ihn, für mindestens zwei Tage ein Miktionstagebuch zu führen, in dem Uhrzeit und Urinvolumen aller Toilettengänge notiert werden. Auffällig sind mehr als 10 oder 15 Toilettengänge in 24 Stunden und geringe Urinmengen mit nur 50 bis 150 ml.
  • Restharnsonographie: Die Restharnmenge wird mittels Ultraschall gemessen. Zuerst entleert der Patient die Blase auf der Toilette, anschließend misst der Arzt, wie groß die Blase ist und wie viel Restharn darin verblieben ist.
  • Harnstrahlmessung (Uroflowmetrie): Hierbei wird die Harnmenge pro Zeiteinheit beim Wasserlassen gemessen. Normal ist eine Glockenkurve, also ein schnelles Ansteigen der Urinmenge, Verweilen auf hohem Niveau und zügiges Abfallen hin zum Ende.
  • Urodynamik: Während der Urodynamik werden die Drücke in der Blase, im Mastdarm, zum Teil in der Vagina und auf die Beckenbodenmuskulatur gemessen. Die Blase wird durch einen Katheter langsam mit körperwarmem sterilem Wasser gefüllt. Dabei wird überprüft, ob künstliches Husten zu Urinverlust führt, wann man den Drang verspürt, nach einer Toilette zu suchen, und wann die maximale Füllmenge erreicht ist.

Ziel der Untersuchungen ist es, dass die Blase Urin druckarm speichern kann, sie sich bei Bedarf vollständig entleeren lässt, sich die Anzahl der Toilettengänge normalisiert, die Kontinenz wieder erreicht wird, wiederkehrende Harnwegsinfekte sowie Nierenerkrankungen vermieden werden und die Lebensqualität ansteigt.

Behandlungsansätze

Um neurogene Blasenfunktionsstörungen infolge der MS in den Griff zu bekommen, stehen vielfältige Optionen zur Verfügung. Federführend ist der Urologe oder Neurourologe, der jedoch im engen Austausch mit dem behandelnden Neurologen stehen sollte, zwecks Abstimmung von Medikamenten und Auswirkungen auf andere Symptome der MS. Er klärt den Patienten zunächst über die Symptome der Blasenfunktionsstörung und mögliche Komplikationen auf.

Die Behandlungsoptionen reichen von Verhaltenstherapie, Physiotherapie über Hilfsmittel bis hin zu medikamentösen oder operativen Eingriffen.

Lesen Sie auch: Medikamentenliste für Myasthenia Gravis – Achtung!

Verhaltenstherapie und Physiotherapie

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen wie Blasentraining und Miktionsplanung können helfen, die Blasenkontrolle zu verbessern. Beckenbodentraining mit oder ohne Elektrostimulation kann die Beckenbodenmuskulatur stärken und somit die Kontinenz unterstützen. Entspannungstechniken können ebenfalls hilfreich sein, um den Harndrang zu reduzieren.

Medikamentöse Therapie

Es gibt verschiedene orale Medikamente, die bei Blasenfunktionsstörungen eingesetzt werden können:

  • Anticholinergika: Diese Medikamente (z.B. Trospiumchlorid) können das spastische Zusammenziehen der Blase abmildern und die Blasenkapazität erhöhen.
  • Beta-3-Adrenozeptor-Agonisten: Diese Medikamente (z.B. Mirabegron) wirken ähnlich wie Anticholinergika, haben aber oft weniger Nebenwirkungen.
  • Botulinumtoxin-Injektionen: Botulinumtoxin kann direkt in die Blase injiziert werden, um den Blasenmuskel zu entspannen und den Harndrang zu reduzieren.

Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK)

Der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) ist ein Eckpfeiler der neuro-urologischen Versorgung von MS-Patienten. Er wird vor allem zur Behandlung von Restharnbildung eingesetzt. Beim ISK führt der Patient mehrmals täglich einen Katheter in die Blase ein, um den Urin abzulassen. Dies ermöglicht eine vollständige Entleerung der Blase und reduziert das Risiko von Harnwegsinfektionen.

Moderne Einmalkatheter sind mit einer hydrophilen Beschichtung versehen, die sie gleitfähig macht und die Einführung erleichtert. Es gibt auch diskret designte Katheter, die sich leicht transportieren lassen.

Hilfsmittel

Inkontinenzhilfsmittel wie Vorlagen, spezielle Slips oder Tropfenfänger können Urin auffangen und speichern. Zudem stehen ableitende Inkontinenzprodukte zur Verfügung wie Kondom-Urinale oder Einmal- sowie Dauer-Katheter. Die Hilfsmittel können von der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt verordnet und die Kosten vom entsprechenden Leistungsträger übernommen werden.

Lesen Sie auch: Schwimmen trotz Epilepsie: Was Sie beachten müssen

Operative Eingriffe

In seltenen Fällen können operative Eingriffe erforderlich sein, um Blasenfunktionsstörungen zu behandeln. Eine Möglichkeit ist die Implantation eines Blasenschrittmachers, der die Nerven stimuliert, die die Blasenfunktion steuern.

Stuhlinkontinenz bei MS

Neben Blasenfunktionsstörungen können auch Darmfunktionsstörungen bei MS auftreten. Schätzungsweise 40-70 Prozent aller Menschen mit MS sind im Laufe der Erkrankung von Darmfunktionsstörungen betroffen. Am häufigsten kommt es zu Verstopfung, seltener zu unkontrolliertem Stuhlverlust (Darminkontinenz).

Ursachen der Stuhlinkontinenz

Bei einer neurogenen Stuhlinkontinenz sind die Ursachen des unkontrollierbaren Abgangs von Stuhl Schäden am Gehirn oder den Nerven des Rückenmarks. Zu diesen Schäden kann es aufgrund von verschiedenen Erkrankungen kommen, die beispielsweise Entzündungen zur Folge haben oder auf andere Art und Weise die Nerven schädigen oder angreifen. Außerdem kann es durch Verletzungen oder Unfälle zu einer Schädigung der Nerven und damit zu einer neurogenen Stuhlinkontinenz kommen. Beispiele hierfür sind Bandscheibenvorfälle oder das so genannte Cauda-equina-Syndrom, eine Quetschung des pferdeschweifförmigen Nervenfaserbündels am Ende des Rückenmarks.

Diagnose der Stuhlinkontinenz

Bei der Stuhlinkontinenz ist es das Ziel der Diagnose, die Ursache für den unkontrollierbaren Abgang von Stuhl herauszufinden. Erster Schritt ist immer ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt (Anamnese). Dieser wird dabei Fragen zu Häufigkeit und Dauer der Stuhlinkontinenz, zur Beschaffenheit des Stuhls und zur Häufigkeit des Stuhlgangs stellen. Nach dem Gespräch folgt eine gründliche körperliche Untersuchung, bei der der Arzt unter anderem den Enddarm vom After aus mit einem Finger austasten wird (rektale Palpation). Außerdem werden meist weitere Untersuchungen durchgeführt, um die Ursache einer Stuhlinkontinenz zu bestimmen und herauszufinden, ob es sich um eine neurogene Stuhlinkontinenz handelt oder der unkontrollierte Abgang von Stuhl andere Gründe hat.

Behandlung der Stuhlinkontinenz

Die Therapie einer Stuhlinkontinenz richtet sich in erster Linie nach ihrer Ursache.

  • Stuhlgangsregulierung: Ziel ist es, einen geschmeidigen Stuhl zu produzieren, der ohne einen großen Druck ausgeschieden werden kann. Dies bedeutet, dass entweder ein zu fester Stuhl bei einer Verstopfung (Obstipation) verdünnt und ein zu flüssiger Stuhl bei einer Durchfallerkrankung verdickt werden muss.
  • Anale Irrigation: Bei dieser Therapiemethode wird mithilfe einer Darmspülung der Darm gereinigt und vorhandener Stuhl entfernt. Wird sie regelmäßig durchgeführt - was auch zu Hause möglich ist - kann kein Stuhl mehr unkontrolliert abgehen und Betroffene sind in der Lage, wieder am sozialen Leben teilzunehmen.
  • Sakrale Nervenstimulation: Bei dem Verfahren wird im Rahmen einer Operation eine Elektrode eingesetzt, die den Schließmuskel stimulieren kann. Gesteuert wird die Elektrode über ein unter die Haut im Gesäß eingepflanztes Schrittmacheraggregat, das schwache elektrische Impulse an die Sakralnerven abgibt, die wiederum den Schließmuskel an- und entspannen können.
  • Hilfsmittel: Bei der Bewältigung von Inkontinenzproblemen bei einer Neurogenen Stuhlinkontinenz können moderne Hilfsmittel eine wichtige Rolle spielen. Um die Bedürfnisse Betroffener möglichst gut und situationsgerecht zu versorgen, gibt es verschiedene Hilfsmittelarten und ein noch größeres Spektrum konkreter Produkte diverser Hersteller. Aus Sicht des Einzelnen ist hier entscheidend, sich gut zu informieren und dann aus den Möglichkeiten die Versorgungslösung zu wählen, die optimal auf die individuelle medizinische Situation und seinen Lebensstil passt.

Tipps für den Alltag

Zusätzlich zu den medizinischen Behandlungen können MS-Patienten selbst einiges tun, um Blasen- und Darmfunktionsstörungen zu lindern:

  • Ausreichend trinken: Um Harnwegsinfektionen zu vermeiden, sollte man circa zwei Liter Flüssigkeit über den Tag verteilt trinken.
  • Ballaststoffreiche Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Obst kann Verstopfung vorbeugen.
  • Regelmäßige Bewegung: Bewegung hilft, die Darmtätigkeit anzuregen und die Beckenbodenmuskulatur zu stärken.
  • Beckenbodentraining: Tägliche Beckenbodenübungen helfen, die Muskeln wieder stark zu werden und der Symptomatik entgegenzuwirken.
  • Harndrang nicht unterdrücken: Gehen Sie lieber vorbeugend oder in regelmäßigen Abständen auf Toilette.
  • Euro-WC-Schlüssel: Der Euro-WC-Schlüssel öffnet über 12.000 Behindertentoiletten in Europa und kann das Reisen erleichtern.

Unterstützung und Lebensqualität

Inkontinenz kann die Lebensqualität von MS-Patienten erheblich beeinträchtigen. Es ist daher wichtig, sich Unterstützung zu suchen und offen über die Probleme zu sprechen. Neurologen, Urologen, MS-Schwestern, Physiotherapeuten und Ernährungsberater können wertvolle Hilfe leisten.

Sobald das Gefühl entsteht, dass die Blase nicht komplett entleert wurde oder direkt hintereinander gleichgroße Urinmengen abgesetzt werden, lohnt sich das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder einer medizinischen Fachkraft, wie neuro-urologisch spezialisierten Ärzten, MS-Nurses oder Kontinenzexperten.

tags: #darf #mir #mein #neurologe #bei #ms