Warum unser Gehirn negative Dinge besser behält: Ein umfassender Überblick

Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das ständig Informationen aufnimmt, verarbeitet und speichert. Einige Erinnerungen bleiben uns ein Leben lang im Gedächtnis, während andere schnell verblassen. Interessanterweise neigt unser Gehirn dazu, negative Erfahrungen besser zu behalten als positive. Dieser Artikel untersucht die Gründe für dieses Phänomen, die zugrunde liegenden Mechanismen und die Auswirkungen auf unser Leben.

Emotionen und Gedächtnis: Eine enge Verbindung

Emotionen spielen eine entscheidende Rolle bei der Gedächtnisbildung. Emotionale Inhalte oder Erlebnisse werden in der Regel länger erinnert und als lebendiger wahrgenommen. Dies liegt daran, dass Emotionen die Aktivierung verschiedener Hirnregionen beeinflussen, insbesondere der Amygdala, die eine zentrale Rolle bei der Emotionsverarbeitung und dem Einfluss von Emotionen auf Gedächtnisprozesse spielt.

Die Rolle von Neurotransmittern und Hormonen

Bei emotionalen Erfahrungen werden verschiedene Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, insbesondere Katecholamine wie Noradrenalin und Dopamin. Diese Botenstoffe aktivieren Hirnregionen wie die Amygdala, die Insula und die Basalganglien, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind. Die Amygdala ist sowohl für positive als auch für negative Erfahrungen wichtig, während das ventrale Striatum stark auf Belohnungssignale reagiert. Diese Regionen modulieren gedächtnisrelevante Hirnregionen wie den Hippocampus, der für unser episodisches, alltägliches Erinnern von zentraler Bedeutung ist.

Negative Erfahrungen: Einprägsamer als positive?

Im Allgemeinen werden negative Erfahrungen tendenziell stärker erinnert als positive. Dies könnte daran liegen, dass negative Ereignisse oft als bedrohlicher wahrgenommen werden und daher eine stärkere Reaktion im Gehirn auslösen. Diese verstärkte Reaktion führt zu einer besseren Speicherung der Informationen im Gedächtnis.

Die Komplexität des Vergessens

Es ist wichtig zu beachten, dass das Vergessen ein aktiver Prozess in unserem Gehirn ist. Es funktioniert wie ein gut programmierter Spam-Filter, der Wichtiges von Unwichtigem trennt. Das Gehirn speichert neue Informationen ab, indem es alte, nicht mehr gebrauchte Informationen überschreibt. Dies hilft uns, die Komplexität der Realität zu reduzieren und Probleme zu lösen.

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Vergessen als Spam-Filter des Gehirns

Da unser Gehirn Schwierigkeiten hat, große Informationsmengen zu verarbeiten, nutzen wir das Vergessen als Spam-Filter. Dieser Filter ist jedoch nicht immer fehlerlos, weshalb wir manchmal Schlüssel verlegen oder Namen vergessen. Das Vergessen ermöglicht es uns, abstrakt zu denken und Probleme zu lösen, indem irrelevante oder veraltete Informationen ausgeblendet werden.

Erinnern und Vergessen: Ein perfektes Zusammenspiel

Die neurobiologischen Mechanismen für Erinnern und Vergessen greifen perfekt ineinander. Wer sich daran erinnert, wo er zuletzt sein Fahrrad abgestellt hat, kann getrost vergessen, wo der Stellplatz vor drei Wochen war. Das Gedächtnis nimmt eine kontextabhängige Auslese vor, damit die relevanten Informationen schnell auffindbar sind. Dies ist wichtig, um im Alltag schnelle Entscheidungen auf der Basis unserer Erlebnisse und Erfahrungen treffen zu können.

Die Rolle des emotionalen Zustands beim Erinnern

Unser emotionaler Zustand spielt eine wichtige Rolle beim Abrufen von Erinnerungen. Es gibt Phänomene wie "mood-congruent memory" und "mood-dependent memory", die diesen Zusammenhang verdeutlichen.

Mood-congruent Memory

"Mood-congruent memory" bedeutet, dass wir uns besser an Dinge erinnern, wenn wir während der Lernerfahrung und der Abrufsituation in der gleichen emotionalen Verfassung sind. Unser innerer Zustand und unsere Emotionalität dienen als Hinweisreiz.

Mood-dependent Memory

"Mood-dependent memory" besagt, dass wir in einem bestimmten emotionalen Zustand typischerweise vermehrt Sachen erinnern, die zu diesem emotionalen Zustand passen. Wenn wir traurig gestimmt sind, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir negative emotionale Inhalte erinnern.

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Die Möglichkeit des bewussten Vergessens

Die Forschung hat gezeigt, dass es möglich ist, Erinnerungen bewusst zu unterdrücken. Dies kann insbesondere bei traumatischen Erlebnissen hilfreich sein.

Abrufunterdrückung

Die sogenannte Abrufunterdrückung funktioniert, indem die Aktivität des Hippocampus vom präfrontalen Kortex gehemmt wird. Studien haben gezeigt, dass das Unterdrücken von Erinnerungen die Gedächtnisspur im Gehirn verblassen lässt und die Erinnerungen weniger lebhaft und belastend macht.

Übung macht den Meister

Menschen sind unterschiedlich gut darin, Erinnerungen zu unterdrücken. Die Fähigkeit, unerwünschte Bilder und Gedanken beiseitezuschieben, scheint mit den bisherigen Lebenserfahrungen zusammenzuhängen. Menschen, die bereits mehrere Traumata durchlebt haben, sind oft besser darin als solche, die wenige oder keine schlimmen Erlebnisse in ihrer Vergangenheit zu verzeichnen haben.

Vergessen als Kennzeichen psychischen Wohlbefindens

Die Fähigkeit, Dinge zu vergessen und quälende Gedanken und Bilder beiseitezuschieben, ist vermutlich ein Kennzeichen psychischen Wohlbefindens. Menschen mit Angststörungen oder Depressionen haben oft Schwierigkeiten, Erinnerungen zu unterdrücken, was zu Grübeleien und negativen Gedankenspiralen führen kann.

Die Bedeutung des Kontextes für die Erinnerung

Negative Momente scheinen eher an eine Emotion geknüpft zu werden als an einen Kontext, sprich an einen bestimmten Ort oder eine Zeit. Dies bedeutet, dass bestimmte Objekte oder Personen, die mit einer stressigen Situation verbunden sind, besonders erinnerungswürdig werden.

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Zentrale Objekte und Stressauslöser

In Stresssituationen können bestimmte Objekte oder Personen, die mit dem Stressauslöser verbunden sind, besonders gut erinnert werden. Dies liegt daran, dass die negativen Emotionen über diese Objekte oder Personen transportiert werden.

Wie funktioniert Vergessen?

Um das Vergessen zu verstehen, müssen wir verstehen, wie unser Gedächtnis funktioniert. Dabei spielen zwei Begriffe eine zentrale Rolle: das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis.

Konsolidierung und Rekonsolidierung

Damit sich eine Erinnerung festigen kann, muss sie vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis transportiert werden. Dieser Prozess wird als Konsolidierung bezeichnet. Wenn die Erinnerung wieder hervorgerufen wird, wird sie im Kurzzeitgedächtnis neu aktiviert. Um dann wieder ins Langzeitgedächtnis übertragen zu werden, muss sie aufs Neue konsolidiert werden. Dieser Prozess wird als Rekonsolidierung bezeichnet.

Vergessen durch Veränderung der Erinnerung

Während der Rekonsolidierung kann die Erinnerung verändert werden. Sie kann theoretisch also auch vergessen werden. In Studien wurde gezeigt, dass Menschen sich schlechter an Informationen erinnern können, die sie vergessen sollten.

Unterschiedliche Arten von Gedächtnis

Es gibt verschiedene Arten von Gedächtnis, je nachdem, mit was für einer Art von Gedächtnisinhalt wir es zu tun haben. Bloße Fakten, die wir auswendig lernen, kommen in das semantische Gedächtnis. Dinge aus unserer eigenen Vergangenheit werden aus dem episodischen Gedächtnis abgerufen. Erinnerungen aus dem episodischen Gedächtnis absichtlich zu vergessen ist schwieriger als Inhalte aus dem semantischen Gedächtnis, da autobiografische Erinnerungen oft mit starken Gefühlen verknüpft sind.

Wann ist Vergessen sinnvoll?

Vergessen kann sinnvoll sein, wenn die Erinnerung für uns unangenehm ist oder uns belastet. Dies kann beispielsweise bei traumatischen Erlebnissen oder inneren Konflikten der Fall sein.

Vermeidung unangenehmer Informationen

Eine weitere Möglichkeit, sich unangenehmen Informationen zu entziehen, ist, sie überhaupt nicht aufzunehmen. Studien haben gezeigt, dass Menschen manchmal Angebote ablehnen, die ihnen unangenehme Informationen liefern könnten.

Wie können wir lernen zu vergessen?

Absichtliches Vergessen ist nicht nur im therapeutischen Kontext wichtig, sondern auch im Arbeitsleben. Es ist wichtig, diejenigen Hinweise zu entfernen, die eine Erinnerung aktivieren, um alte Arbeitsroutinen zu vergessen und sich an neue Arbeitsvorgänge anzupassen.

Der Negativitätsbias: Warum wir uns auf das Schlechte konzentrieren

Der Negativitätsbias ist ein psychologisches Phänomen, das besagt, dass negative Erlebnisse, Gefühle oder Gedanken eine größere Auswirkung auf uns haben als neutrale oder positive. Dies bedeutet, dass wir negative Dinge schneller, stärker und nachhaltiger wahrnehmen als positive.

Was passiert im Gehirn?

Studien haben gezeigt, dass das Gehirn stärker auf negative Reize reagiert als auf positive oder neutrale. Dies könnte daran liegen, dass negative Reize als bedrohlicher wahrgenommen werden und daher eine stärkere Reaktion auslösen.

Pessimismus und Depression

Negative Gedanken können mit steigenden Depressionsraten zusammenhängen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass Pessimismus nicht gleich Depression bedeutet. Problematisch wird es dann, wenn eine negative Einstellung davon abhält, Dinge zu tun, die man eigentlich gern macht.

Was können wir gegen negative Gedanken tun?

Es gibt verschiedene Techniken, um negative Gedanken zu reduzieren und eine positivere Einstellung zu entwickeln.

Exposition

Setzen Sie sich den Dingen aus, vor denen Sie sich zu schützen versuchen. Wenn Sie sich bewusst werden, dass Sie etwas noch nicht angefangen haben, weil Sie denken, Sie könnten schlecht darin sein, versuchen Sie es trotzdem.

Umdeutung von Gedanken

Versuchen Sie, alles Positive (und Neutrale) in Ihrem Leben bewusster wahrzunehmen und so die Aufmerksamkeit weg vom Negativen zu lenken. Führen Sie beispielsweise ein Dankbarkeitstagebuch und schreiben Sie jeden Abend auf, was gut lief und wofür Sie dankbar sind.

Übertriebener Optimismus ist auch keine Lösung

Es ist wichtig, eine realistische und unvoreingenommene Denkweise zu entwickeln. Eine übertrieben positive Einstellung kann negative Konsequenzen haben, da sie dazu führen kann, dass Sie denken, etwas würde nicht mit Ihnen stimmen, wenn Sie doch mal einen negativen Gedanken haben.

Der Realitätscheck

Um herauszufinden, wann es okay ist, negative beziehungsweise einfach nur realistische Gedanken zu haben, können Sie Ihre Erwartungen aufschreiben, bevor Sie sich einer Situation aussetzen, die schiefgehen könnte. Im Anschluss vergleichen Sie Ihre Notizen mit dem, was wirklich passiert ist.

Die Rolle des Schlafs beim Erinnern und Vergessen

Studien haben gezeigt, dass der Schlaf eine wichtige Rolle beim Erinnern und Vergessen spielt. Interessanterweise reagierte das Erinnerungsvermögen in einer Studie auf Schlaf anders als gedacht. So waren die mit einem EEG gemessenen REM-Phasen in der Auswertung eher mit der Wiedergabe negativer oder merkwürdiger Wörter verbunden als mit denen, die gemerkt werden sollten.

Tiefschlaf und Gedächtnis

Tiefschlaf korrelierte negativ mit dem Gesamterinnerungsvermögen. Dies war etwas unerwartet, da Tiefschlaf oft mit Verbesserungen des deklarativen Gedächtnisses in Verbindung gebracht wird.

Positive Psychologie: Dem Negativen etwas entgegensetzen

Es gibt Zeiten, da fühlt sich vieles dunkel an. In solchen Zeiten ist es wichtig, dem Schlechten etwas entgegenzusetzen, so klein es auch ist. Wir haben zwar leider oft keine Kontrolle darüber, ob wir fallen, aber wir entscheiden, wie wir landen.

Ein Tagebuch der guten Dinge

Eine Möglichkeit, dem Negativen etwas entgegenzusetzen, ist das Führen eines Tagebuchs der guten Dinge. Schreiben Sie alles hinein, was Sie an diesem Tag beschäftigt hat, was Sie erlebt, gesehen und gefühlt haben. Die Einträge sollten positiv sein und erklären, was Gutes aus dem folgt, was Sie als schlecht erlebt haben.

Selbstwertgefühl und Resilienz: Stärker aus Krisen hervorgehen

Ein gutes Selbstwertgefühl und eine optimistische Grundhaltung können in Krisen helfen. Menschen mit einem guten Selbstwertgefühl können schwierige Situationen besser an sich abprallen lassen und sich schneller von Rückschlägen erholen.

Resilienz trainieren

Resilienz ist die Fähigkeit, Widrigkeiten, Stress und traumatische Ereignisse gut zu überstehen. Sie kann trainiert werden, indem man sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst ist, soziale Kontakte pflegt, sich gut um sich selbst kümmert und die eigenen Stärken und Grenzen kennt.

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