Die Frage, ob es ein "männliches" und ein "weibliches" Gehirn gibt, ist seit langem Gegenstand von Debatten und Forschungen. Während es unbestreitbar körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, wie z. B. die durchschnittliche Körpergröße, ist die Frage, ob diese Unterschiede auch zu funktionalen Unterschieden im Gehirn führen, komplexer. Die Neurowissenschaftlerin Lise Eliot argumentiert sogar, dass das menschliche Gehirn nicht "sexuell dimorph" ist.
Körperliche Unterschiede und ihre Interpretation
Männer sind im Durchschnitt größer und schwerer als Frauen. Studien haben auch einige strukturelle Unterschiede im Gehirn festgestellt. Beispielsweise sind Männergehirne im Durchschnitt etwa 8 % größer als Frauengehirne. Eine Studie aus dem Jahr 2020, in der die Hirnscans von fast 1.000 Männern und Frauen untersucht wurden, ergab, dass Frauen mehr graue Substanz in bestimmten Hirnregionen haben, wie z. B. im präfrontalen Kortex, der für die Steuerung von Aufgaben und Impulsen zuständig ist, sowie im Scheitel- und Schläfenlappen, die für die Konfliktverarbeitung zuständig sind. Männer hingegen haben mehr Volumen in hinteren und seitlichen Bereichen des Kortex, die für die Erkennung und Verarbeitung von Objekten und Gesichtern zuständig sind.
Trotz dieser Unterschiede ist es wichtig zu beachten, dass die Nervenzellen des weiblichen Gehirns eine größere Anzahl von Verbindungen aufweisen. Darüber hinaus verlaufen die Verbindungen im weiblichen Gehirn vermehrt zwischen der linken und rechten Gehirnhälfte, was darauf hindeutet, dass Frauen möglicherweise besser darin sind, bei Entscheidungen sowohl analytisch als auch intuitiv vorzugehen. Im männlichen Gehirn sind die vorderen und hinteren Teile stärker miteinander verbunden. Eine Ausnahme bildet das Kleinhirn, wo das männliche Gehirn mehr Verbindungen zwischen den beiden Hälften aufweist, was Männern möglicherweise das Erlernen komplexer Bewegungsabläufe erleichtert. Das limbische System, das für die emotionale Bewertung zuständig ist, ist im weiblichen Gehirn stärker ausgeprägt, während der inferiore parietale Lobus, der eine wichtige Rolle bei mathematischen Fähigkeiten spielt, im männlichen Gehirn stärker ausgeprägt ist.
Nature vs. Nurture: Ein komplexes Zusammenspiel
Die Debatte darüber, ob diese Unterschiede genetisch bedingt sind ("nature") oder durch kulturelle und umweltbedingte Einflüsse entstehen ("nurture"), ist komplex. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen. Die Forscher folgerten aus den Ergebnissen der Studie von 2020, dass nicht nur die Umweltbedingungen zu den geschlechterspezifischen Unterschieden führen können, sondern dass diese zumindest teilweise angeboren sind. Es wurde auch festgestellt, dass sich am menschlichen Erbgut seit mindestens 100.000 Jahren nichts mehr geändert hat, was bedeutet, dass unsere Vorfahren in der Steinzeit die gleichen genetischen Anlagen wie wir heute hatten.
Die moderne Hirnforschung betont jedoch, dass sich das Gehirn immer so ausbildet, wie es benutzt und gebraucht wird. Unser digitales Zeitalter hinterlässt also auch in unserem Gehirn seine Spuren. Obwohl Männer ein Y-Chromosom besitzen, das Frauen nicht haben, enthält dieses Chromosom keine "Bauanleitung" für ein männliches Gehirn. Es trägt jedoch zur Testosteronproduktion bei, die für die Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verantwortlich ist und auch andere Körpermerkmale beeinflusst.
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Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht das Gehirn mit einem Orchester, das bei Männern und Frauen mit den gleichen Instrumenten besetzt ist. Jungen und Mädchen haben jedoch ein unterschiedlich strukturiertes "Fundament", was bedeutet, dass von Anfang an unterschiedliche Voraussetzungen für die weitere Entwicklung vorliegen. Hormone beeinflussen dieses Fundament, während die Umwelt den weiteren Ausbau beeinflusst.
Die Rolle von Begeisterung und sozialer Prägung
Die Entwicklung des Gehirns wird stark von der eigenen Begeisterung beeinflusst. Wer gerne Tennis spielt, mit Tieren umgeht oder sich an fremden Sprachen erfreut, wird dies in der Regel öfter tun, wodurch die entsprechenden Nervenbahnen gestärkt werden. Wenn sich ein Gehirn auf eine bestimmte Weise entwickelt, ist also nicht die Umwelt allein verantwortlich, sondern die eigene Begeisterung.
Allerdings spielt auch die soziale Prägung eine wichtige Rolle. Kinder und Jugendliche werden in unserer Gesellschaft stark nach Geschlecht sozialisiert. Die Übernahme gesellschaftlicher Vorstellungen, der so genannte Stereotype Threat, beeinflusst die Leistungen von Männern und Frauen. Wenn eine Aufgabe als Versuch zur räumlichen Orientierung präsentiert wird, lösen Männer sie beispielsweise schneller - wenn auch nicht unbedingt besser.
Die Plastizität des Gehirns und die Bedeutung individueller Biografien
Die Hirnforschung konnte zeigen, dass unser Gehirn eine lebenslange Baustelle ist. Das Gehirn vernetzt sich, es denkt und arbeitet so, wie es benutzt wird. Befunde zur Hirnstruktur sind immer nur eine Momentaufnahme, besonders bei Erwachsenen mit ihren individuellen Biografien.
Unterschiedliche Lernerfahrungen schlagen sich in der neuronalen Architektur nieder. Eine Studie zeigte beispielsweise, dass sich das Volumen der vermehrt beanspruchten Hirnareale bei weiblichen Jugendlichen vergrößerte, nachdem sie regelmäßig das Computerspiel Tetris spielten, das visuell-räumliche Fertigkeiten trainiert.
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Bei Erwachsenen lässt sich kaum bestimmen, woher ein entdeckter neuronaler Unterschied rührt - von den Genen oder von der Umwelt. Vielmehr prägt uns stets ein enges Wechselspiel aus beidem.
Die Dekonstruktion biologistischer Stereotype
Die moderne Hirnforschung sieht mögliche Begabungen von Frauen und Männern nicht mehr als biologisch vorgegeben und damit unveränderbar an. Die Biologin und Professorin für Gender Studies an der Universität Wien, Sigrid Schmitz, betont, dass auch die Naturwissenschaften ihre Erkenntnisse nicht völlig wertfrei gewinnen. Die Hirnforschung hat sich in jüngerer Zeit als Leitwissenschaft herausgebildet, weil sie mit neuen Verfahren den Blick ins lebende Gehirn verspricht. Doch den vermeintlichen Abbildern des Gehirns gehen immer Entscheidungen voraus: Was kommt ins Bild und was nicht, was wird hervorgehoben, was tritt in den Hintergrund? Damit handele es sich nicht um abbildende Verfahren, sondern um Konstruktionen.
Schmitz kritisiert, dass in der populärwissenschaftlichen Verbreitung eher auf Untersuchungen Bezug genommen wird, die Unterschiede festgestellt haben, und dass aus einzelnen Untersuchungen mit zum Teil sehr wenigen Probanden auf "die Frau" oder "den Mann" geschlossen wird. Forschung und Gesellschaft seien immer noch fokussiert auf die Suche nach Differenzen. In der Wissenschaft habe sich die Diskussion inzwischen aber verändert.
Die Grenzen der Geschlechterdifferenzforschung
Die Geschlechterdifferenzforschung ist ein Dauerbrenner, aber viele Meldungen gehen über die eigentlichen Befunde hinaus und erfinden Geschlechterunterschiede bei diversen kognitiven Fähigkeiten, die in den Studien gar nicht erfasst wurden. Die Resultate neurowissenschaftlicher Studien dienen häufig als Projektionsfläche für altbekannte Geschlechterklischees.
Die Psychologin Gina Rippon von der Aston University in Birmingham glaubt, die gegenwärtige Forschungskultur verführe regelrecht dazu, Geschlechterunterschiede überzubetonen. Dafür macht sie unter anderem eine kognitive Voreinstellung verantwortlich, die Fachleute als Essenzialismus bezeichnen. Rippon betont, dass kein Individuum ein eindeutig "männliches" oder "weibliches" Gehirn besitzt und dass jedes Gehirn eine individuelle Mosaikstruktur hat.
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Die Bedeutung der Forschungspraxis und die Gefahr falsch positiver Befunde
Die Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine von der University of Melbourne in Australien kritisiert, dass in Studien gezielt auf Geschlechterunterschiede hin getestet werde, selbst wenn es dafür gar keinen ersichtlichen Grund gebe. Falsch positive Befunde festigen Stereotype.
Der Neurowissenschaftler Larry Cahill von der University of California in Irvine betrachtet die gegenwärtige Forschungspraxis kritisch und ist der Ansicht, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht zu sehr, sondern im Gegenteil zu wenig betont werden. Er argumentiert, dass zu oft männliche Gehirne als Standard für "das Gehirn" schlechthin herhalten, während die Merkmale des weiblichen Gehirns lediglich als Sonderfall betrachtet würden.
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