Einführung
Neurologische Erkrankungen stellen eine erhebliche Belastung für die globale Gesundheit dar. Die "Global Burden of Diseases" (GBD)-Studie hat bereits 2016 gezeigt, dass neurologische Erkrankungen einen großen und zunehmenden Anteil an der weltweiten Gesundheitslast haben. Die Aufschlüsselung der Daten, inwieweit diese Last national und regional variiert, ist notwendig, um die Gesundheitspolitik auf drohende Entwicklungen aufmerksam zu machen, Versorgungsstrukturen auszubauen und mit Präventionsstrategien entgegenzuarbeiten.
Dieser Artikel beleuchtet die weltweite Häufigkeit von Infektionen des Nervensystems, basierend auf verfügbaren statistischen Daten und Studien. Dabei werden sowohl die Prävalenz und Inzidenz verschiedener neurologischer Infektionen als auch die damit verbundenen Auswirkungen auf die Lebensqualität und Mortalität betrachtet.
Neurologische Erkrankungen: Eine globale Herausforderung
Neurologische Erkrankungen sind in der EU die dritthäufigste Ursache von Behinderungen und vorzeitigen Todesfällen. Fast 60 % der Bevölkerung in Europa, einschließlich Deutschland, sind von einer neurologischen Erkrankung betroffen. Es wird erwartet, dass die Prävalenz mit der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft weiter zunehmen wird. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) fordert daher von der Gesundheitspolitik, die Versorgungsstrukturen entsprechend zu stärken und Präventionsprogramme auf den Weg zu bringen.
Im Jahr 2017 litten in der EU 307 Millionen Menschen an mindestens einer neurologischen Erkrankung, was 60 % der Bevölkerung (512,4 Mio.) entspricht. Insgesamt verstarben in der EU 1,1 Millionen Menschen an neurologischen Erkrankungen und 1,97 Millionen im Europäischen WHO-Gebiet. Damit stehen neurologische Erkrankungen in der Statistik an dritter Stelle nach kardiovaskulären Erkrankungen und Krebserkrankungen; sie machen in der EU 13,3 % aller DALYs und 19,5 % der Gesamttodesfälle aus. In der EU waren die drei häufigsten DALY-Ursachen Schlaganfälle, Demenz und Kopfschmerzen.
Infektionen des Nervensystems: Ein Überblick
Infektionen des zentralen Nervensystems (ZNS) sind zwar selten, haben aber eine schlechte Prognose mit hoher Mortalität und führen zu langen Liegezeiten sowie hohen Kosten. ZNS-Infektionen können durch Pilze, Protozoen, Bakterien und Viren verursacht werden, jedoch sind Virusinfektionen am häufigsten relevant. In einer epidemiologischen Studie aus Großbritannien oszillierte die jährliche Inzidenz von viraler Meningitis/Enzephalitis zwischen zwei und 73 Infektionen pro 100.000 Einwohner.
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Die klinische Symptomatologie umfasst unabhängig von der Art des Erregers neben Allgemeinsymptomen wie Krankheitsgefühl, Fieber und Übelkeit/Erbrechen auch organspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Photophobie, Nackensteifigkeit bis hin zu epileptischen Anfällen.
Diagnose von Enzephalitis und Meningitis
Grundsätzlich lässt sich eine Enzephalitis nach den internationalen Enzephalitis-Konsortium-Kriterien diagnostizieren. Diese verlangen ein Majorkriterium (Veränderung des mentalen Status innerhalb von 24 Stunden) und mindestens zwei Minorkriterien (Fieber für 72 Stunden, fokale neurologische Befunde, Leukozyten im Liquor > 5 mm3, eine neu aufgetretene Veränderung in der Bildgebung des ZNS, Veränderungen im EEG).
Die virusbedingte Meningitis wird auch als aseptische Meningitis bezeichnet und kann akut (Symptomatik weniger als fünf Tage), subakut oder chronisch verlaufen (Symptome mehr als vier Wochen). Sie ist assoziiert mit einer Liquorpleozytose und einem negativen Grampräparat bzw. einer negativen bakteriellen Kultur/PCR, verläuft ohne ein systemisches Krankheitsbild und hat meist eine bessere Prognose als die bakterielle Enzephalitis.
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), auch als Landry-Guillain-Barré-Strohl-Syndrom oder akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie bezeichnet, ist eine seltene, akut bis subakut verlaufende neurologische Erkrankung. Diese häufig postinfektiös auftretende, immun-vermittelte Polyneuritis entsteht durch eine Autoimmunreaktion, bei der das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise Strukturen des peripheren Nervensystems angreift. Pathophysiologisch kommt es zu einer multifokalen Demyelinisierung und/oder axonalen Schädigung im Bereich der Rückenmarkswurzeln und peripheren Nerven.
Häufigkeit und Betroffenheit
Eine umfassende Metaanalyse von 16 internationalen epidemiologischen Studien dokumentiert einen linearen Anstieg der GBS-Häufigkeit mit dem Lebensalter, wobei der Erkrankungsgipfel zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr erreicht wird. Aktuelle globale Daten zeigen eine weltweite Prävalenz von 1,9 Fällen pro 100.000 Einwohner:innen, was einem Anstieg von 6,4 % seit 1990 entspricht. Im Kindes- und Jugendalter liegt die Inzidenz deutlich niedriger: 0,62/100.000 Personenjahre bei 0-9-Jährigen und 0,75/100.000 Personenjahre bei 10-19-Jährigen. Geografisch zeigen sich erhebliche Unterschiede: Die höchsten Prävalenzraten finden sich in Hocheinkommensländern des asiatisch-pazifischen Raums (6,4/100.000) und Nordamerikas (4,2/100.000), während Ostasien (0,8/100.000) und Ozeanien die niedrigsten Raten aufweisen.
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Ursachen und Risikofaktoren
Die Ätiologie und Pathogenese des Guillain-Barré-Syndroms sind noch nicht vollständig geklärt, jedoch spielen Autoantikörper gegen verschiedene Ganglioside als Komponenten neuraler Strukturen eine zentrale Rolle. Das GBS entwickelt sich typischerweise wenige Tage bis Wochen nach einer respiratorischen oder gastrointestinalen bakteriellen oder viralen Infektion, die eine aberrante Autoimmunreaktion auslöst. Als häufigster Risikofaktor gilt die Infektion mit Campylobacter jejuni, einem Bakterium, das Gastroenteritis mit Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe verursacht. Als weitere gesicherte auslösende Erreger gelten in allen Altersstufen Cytomegalieviren, Epstein-Barr-Viren und Mycoplasma pneumoniae. Zusätzlich wurde ein erhöhtes GBS-Risiko nach Infektionen mit COVID-19, Zika-Virus sowie anderen viralen Erregern beobachtet. Impfungen können in extrem seltenen Fällen das GBS-Risiko erhöhen, wobei die Wahrscheinlichkeit außerordentlich gering ist.
Klassifizierung
Das Guillain-Barré-Syndrom umfasst verschiedene Varianten, die pathogenetisch ähnlich sind, sich jedoch unter prognostischen und therapeutischen Gesichtspunkten unterscheiden:
- Demyelinisierender Typ (AIDP - Akute Inflammatorische Demyelinisierende Polyneuropathie): Diese in Europa und bei Kindern vorherrschende Form zeigt motorische und sensible Symptome mit elektrophysiologischen Kriterien der Demyelinisierung und möglicherweise sekundären axonalen Läsionen.
- Primär axonaler motorischer Typ (AMAN - Akute Motorische Axonale Neuropathie): Charakterisiert durch rein motorische Ausfälle ohne Sensibilitätsstörungen, elektrophysiologische Zeichen primär axonaler Schädigung und häufige Assoziation mit Campylobacter jejuni-Infektionen.
- Axonaler motorisch-sensorischer Typ (AMSAN - Akute Motorische und Sensorische Axonale Neuropathie): Entspricht dem AMAN-Typ mit zusätzlichen sensiblen Symptomen und elektrophysiologischem Befall sensibler Nerven.
- Miller-Fisher-Syndrom (MFS): Seltene Variante mit primärem Hirnnervenbefall, Ataxie und Areflexie.
- Pharyngo-cervico-brachiale Variante: Sehr seltene Form mit ausschließlich oder überwiegend bulbären Symptomen.
Symptome
Das Guillain-Barré-Syndrom manifestiert sich durch ein charakteristisches Spektrum neurologischer Symptome, die sich typischerweise rasch entwickeln und über Stunden bis Tage progredient verschlechtern.
- Motorische Symptome: Die Schwäche beginnt meist in den Füßen und steigt symmetrisch aufwärts zu Beinen, Armen, Gesicht und schließlich zur Atemmuskulatur auf.
- Sensible Symptome: Aufgrund der Nervenschädigung empfängt das Gehirn abnorme sensorische Signale, was zu unerklärlichen, spontanen Empfindungen (Parästhesien) führt.
- Hirnnerven- und autonome Beteiligung: Bei einigen Patient:innen entwickelt sich eine Hirnnervenbeteiligung mit Schwierigkeiten bei Augenbewegungen, Schlucken, Sprechen oder Kauen.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose des Guillain-Barré-Syndroms basiert auf einer kombinierten Bewertung anamnestischer, klinischer, liquordiagnostischer und elektrophysiologischer Befunde. Derzeit existiert keine kausale Heilung für das Guillain-Barré-Syndrom. Jedoch können spezifische immunmodulierende Therapien den Schweregrad reduzieren und die Erholungszeit verkürzen. Die Behandlung umfasst akute immunmodulierende Maßnahmen sowie umfassende supportive Therapie.
Prognose
Die meisten Patient:innen erholen sich vollständig, wobei die Genesung von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren dauern kann. Manche behalten langfristige Schwäche, Taubheitsgefühle, Fatigue oder Schmerzen zurück.
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Neurologische Erkrankungen im Kontext von Migration
Die Welt erlebt eine zunehmende Migration. Laut UNO ist die Zahl der MigrantInnen in den letzten 10 Jahren um ein Viertel gestiegen, von 221 Mio. auf 272 Mio., es sind somit heute 51 Mio. mehr als 2010. Die meisten dieser MigrantInnen leben in Europa (81 Mio.) und in Nordamerika (59 Mio.), je 49 Mio. in Nordafrika und Westasien.
Reisende in bzw. MigrantInnen/Flüchtlinge aus tropischen und/oder subtropischen Regionen können sich - im Krankheitsfall - mit einer Vielzahl lokaler und regionaler Besonderheiten präsentieren; diese zu erkennen und richtig einzuordnen setzt detailliertes klinisches und epidemiologisches Wissen voraus. Neben „exotischen“ Infektionskrankheiten muss bei neurologischen Symptomen auch an Malnutrition, Wasser- und Elektrolytmangel gedacht werden und besonders während der Migration oder in Flüchtlingslagern Nordafrikas oder des Vorderen Orients an physische und psychische Gewalt.
MigrantInnen können auch (gesunde) „Carrier“ eines Erregers sein, selbst erkranken oder andere Menschen „infizieren“. Mit steigender Zahl von MigrantInnen gibt es auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, genetisch bedingte „europaatypische“ Erkrankungen zu sehen, z. B. Schlaganfall bei Sichelzellanämie, und letztlich sind auch soziale, kulturelle, religiöse, wirtschaftlich prekäre Faktoren bei Anamneseerhebung sowie diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen zu berücksichtigen.
Bedeutung der Anamnese
Die genaue Anamnese ist trotz vielfältiger Barrieren in der Kommunikation unverzichtbar. Die Häufigkeit bestimmter Erkrankungen in den Herkunfts- bzw. Zielländern erlaubt schon frühzeitige, wichtige differenzialdiagnostische Überlegungen. Viele Infektionserreger können oft nur mit ausreichendem Wissen über die Herkunft des/r Patienten/In - auch kurze Reisezwischenaufenthalte sind zu berücksichtigen -, die Transitroute, das epidemiologische „Setting“, inklusive Inkubationszeiten, epidemischem Auftreten auch nichtneurologischer Manifestationen, die gesamte Akut- und Langzeitanamnese und die klinische Präsentation eruiert und entsprechend präzise diagnostiziert und gezielt therapiert werden.
Fallbeispiel: ZNS-Gnathostomiasis
Eine 23-jährige Medizinstudentin kehrt von einem 3‑monatigen Thailandaufenthalt zurück. Sie hatte sich im Vorfeld der empfohlenen Reise Impfungen (Japanische Enzephalitis, Tollwut, Typhus - bei sonst vollständigem Impfstatus) unterzogen. Etwa 2 Wochen nach ihrer Rückkehr entwickelte sie eine Pollakisurie und wenige Tage später auch eine Sensibilitätsstörung in Nabelhöhe. Im neurologischen Status fand sich eine deutliche Reflexsteigerung an den unteren Extremitäten. Um die bei dieser Konstellation eher unwahrscheinliche Zuweisungsdiagnose Multiple Sklerose „auszuschließen“ wurde eine spinale und zerebrale MRT durchgeführt. In Höhe des unteren Thorakalmarkes zeigte das T2-gewichtete MRT eine Hyperintensität, die als transverse Myelitis interpretiert wurde. In der nun durchgeführten Lumbalpunktion zeigte sich eine eosinophile Pleozytose (210 Zellen/ul, 33 % Eosinophile). Eine ZNS-Gnathostomiasis ist die häufigste Ursache einer eosinophilen Radikulomyelitis in Südostasien, vor allem Thailand. Die infektiösen Larven werden durch die Ingestion unzureichend gekochter Muscheln, Schalentiere oder Fische aufgenommen.
Differenzialdiagnostische Überlegungen
Bei MigrantInnen und Flüchtlingen sollte man auch an folgende neurologische Syndrome denken:
- Meningitis: ZNS-Tuberkulose, Kryptokokkose, Meningeosis neoplastica, Neurobrucellose, Afrikanische Trypanosomiasis.
- Epilepsie: Neurozystizerkose.
- Parkinson-Syndrom: Chronische Intoxikation.
- Myelitis: Poliomyelitis und andere enterovirale Myelitiden, eosinophile Myelitis (Gnathostomiasis).
- Radikulitis: Infektiöse Radikulitis (Borrelien spp., Herpes-Zoster-Viren), Radikulopathie bei Gnathostoma-spinigerum-Infestation.
Globale Trends und Herausforderungen
Eine neue Studie hat gezeigt, dass Erkrankungen des Nervensystems die Herz- und Kreislauferkrankungen an der Spitze der weltweit verbreitetsten Gesundheitsprobleme abgelöst haben. Demnach litten im Jahr 2021 mehr als 3,4 Milliarden Menschen und damit 43 Prozent der Weltbevölkerung an einer Erkrankung des Nervensystems wie Demenz, Migräne oder Schlaganfall.
Die Zahl derartiger Erkrankungen hat in den vergangenen drei Jahrzehnten um 59 Prozent zugenommen. Hauptursache dieser Entwicklung sei die zunehmende Überalterung. Im Jahr 2021 gingen insgesamt mehr als 443 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre auf das Konto von Erkrankungen des Nervensystems - ein Anstieg um 18 Prozent gegenüber dem Jahr 1990.
Schlaganfälle hatten dabei die schwersten Auswirkungen, sie raubten der Menschheit der Studie zufolge 160 Millionen Jahre gesunder Lebenszeit. Auf den Plätzen folgen Erkrankungen wie neonatale Enzephalopathie, Migräne, Demenz, Nervenschäden durch Diabetes, Hirnhautentzündung und Epilepsie.
Infektionskrankheiten: Eine anhaltende Bedrohung
Virale Erkrankungen des Nervensystems sind uralt, bereits 2000 v. Chr. wurde die Poliomyelitis in Ägypten beschrieben. Sie können ein breites Spektrum an neurologischen Symptomen verursachen. Das in 01/2020 neu identifizierte, weltweit vorkommende Virus SARS-CoV‑2 verdeutlicht die Folgen eines seit Jahrhunderten bekannten Phänomens, die mögliche rasche Ausbreitung erregerbedingter Infektionserkrankungen.
Während die Lebenserwartung weiter steigt und die durch Infektionskrankheiten verlorenen Lebensjahre abnehmen, wird die neue Bedrohung durch Infektionskrankheiten wahrscheinlich von neu auftretenden und wieder auftretenden Infektionen ausgehen. Klimawandel, rasche Urbanisierung und veränderte Landnutzungsmuster könnten das Risiko in den kommenden Jahrzehnten erhöhen. Besonders der Klimawandel kann das Spektrum globaler Krankheitserreger verändern, insbesondere vektorübertragene Infektionen können sich in neuen Gebieten ausdehnen.
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