Wie das Gehirn wächst und politische Orientierung entsteht

Die Frage, ob die politische Einstellung mit dem Gehirn zusammenhängt, ist ein spannendes und komplexes Thema, das in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus der neurowissenschaftlichen Forschung gerückt ist. Basiert unsere Weltanschauung lediglich auf den Einflüssen unseres Umfelds, unserer Kultur und unseres Bildungsstandes, oder spielen auch biologische Faktoren eine Rolle?

Die Rolle des Framings in der politischen Kommunikation

In der politischen Kommunikation spielt das sogenannte "Framing" eine entscheidende Rolle. Framing bedeutet, Werte in Worte zu fassen und einen sprachlichen Deutungsrahmen zu setzen. Da sich Politik fast ausschließlich über Sprache vermittelt, ist es für politische Organisationen von großer Bedeutung, sich ihrer Werte bewusst zu sein und diese klar zu formulieren.

Die Linguistin Elisabeth Wehling argumentiert, dass komplexes Denken erst dann entsteht, wenn politische Aussagen durch Framing an unser Erfahrungswissen anschließen und sich im Gehirn entfalten können. Ein gelungener Framingprozess zeichnet sich durch ein ausgeprägtes Bewusstsein für die eigene Sprache aus, eine dauerhaft kritische Reflexion des eigenen Ausdrucks und eine andauernde Auseinandersetzung um neue, starke und einfach verständliche Aussagen für die eigenen politischen Werte.

Ein Beispiel für erfolgreiches Framing ist der Begriff "Waldsterben", der in den 1980er Jahren von den Grünen verwendet wurde. Dieser Begriff beschrieb nicht nur ein Umweltproblem, sondern beförderte auch eine gesellschaftliche Krise und den Einzug einer neuen Partei in den Bundestag.

Neuronale Grundlagen kognitiver Fähigkeiten

Die Frage, ob ein Mehr an Neuronen im menschlichen Gehirn auch mehr unterschiedliche Eigenschaften bedeutet, ist Gegenstand aktueller Forschung. Es wird vermutet, dass eine höhere Anzahl von Neuronen in der Großhirnrinde, wenn sie richtig verschaltet sind, die kognitiven Fähigkeiten potenziell erhöhen kann.

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

Ein spezifischer Unterschied in der Zellteilung der sogenannten apikalen Stammzellen wurde in Laboruntersuchungen an Minigehirnen von Schimpansen und Menschen gefunden: eine Verlängerung der Metaphase der Mitose. Dies könnte bedeuten, dass eine gemächlichere Zellteilung die Fehlerrate bei der Verteilung des Erbmaterials senkt.

Die Forschung deutet auch darauf hin, dass die Verlängerung der Neurogenese, also der Entstehung von Nervenzellen, das menschliche Gehirn größer werden lässt. Die Dauer der Neurogenese geht mit der Dauer der Schwangerschaft einher, was beim Menschen länger ist als beim Schimpansen.

Faltung der Hirnrinde und Evolution

Ein weiterer Unterschied zwischen dem menschlichen Gehirn und den Gehirnen anderer Säugetiere liegt in der Faltung der Hirnrinde, auch Gyrifikation genannt. Bei Säugetieren mit stark gefalteten Gehirnen entsteht pro Schwangerschaftstag vierzehn Mal mehr Hirnmasse im Föten als in der anderen Gruppe.

Die Faltung der Hirnrinde hat im Laufe der Evolution der Säugetiere bei vielen Spezies zugenommen, bei anderen aber auch abgenommen. Es wird vermutet, dass die Zunahme an Nervenzellen und das Interagieren der bereits gebildeten Nervenzellen die Faltung begünstigen.

Geschlechterunterschiede im Gehirn: Mythos und Realität

Die Vorstellung, dass das Gehirn der Frau von Geburt an anders verdrahtet ist als das des Mannes und dies die Grundlage für Verhaltens- und Leistungsunterschiede der Geschlechter ist, wird von der aktuellen Forschung widerlegt.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

Im Bereich der Sprachanalysen sind die Befunde enorm widersprüchlich. Publikationen, die bei Frauen beidseitige und bei Männern einseitige Sprachverarbeitung im Gehirn präsentieren, stehen Arbeiten gegenüber, die keine Unterschiede finden. Ähnliches gilt für Geschlechterunterschiede bei der räumlichen Orientierung.

Die Theorie eines festgelegten und zeitlebens unveränderten Gehirns wird heute vom Konzept der Hirnplastizität abgelöst. Die Entwicklung der Netzwerke im Gehirn ist ständig abhängig von äußeren Einflüssen. Die Knotenpunkte zwischen den Nervenzellen, die Synapsen, verändern sowohl ihre Effektivität der Informationsübertragung als auch ihre Anzahl und Vernetzung, je nachdem was und wie gelernt wird.

Es gibt weder das männliche noch das weibliche Gehirn, es gibt auch kein Unisex-Gehirn. Jedes Gehirn ist einzigartig. Es verändert sich ständig, bindet das, was wir erfahren und lernen, in seine Strukturen und Verarbeitungsmuster ein und wirkt gleichzeitig auf unser Denken und Handeln ein.

Neuropolitik: Die Vermessung politischer Einstellungen im Gehirn

Die Neuropolitik ist ein Forschungsgebiet, das sich mit den neuronalen Grundlagen politischer Einstellungen und Entscheidungen beschäftigt. Forscher haben Hirnscanner eingesetzt, um die Gehirnaktivität von Probanden bei verschiedenen Aufgaben zu messen und mit ihren politischen Einstellungen in Verbindung zu bringen.

In einem Experiment erhielten die Teilnehmer beispielsweise 20 Geldstücke und sollten entscheiden, ob sie diese behalten oder als Wetteinsatz verwenden. Die Forscher konnten anhand der Gehirnaktivität bei 83 Prozent der Probanden vorhersagen, welcher Partei sie nahestehen.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

In einem anderen Experiment zeigte man den Probanden im Hirnscanner Bilder, die Ekel hervorrufen. Auch hier konnten die Wissenschaftler allein anhand der Aktivitätsmuster im Gehirn erstaunlich gut vorhersagen, ob die Probanden aus dem liberalen oder konservativen Lager stammten.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass politische Einstellungen nicht ausschließlich von unseren Genen bestimmt werden. Studien mit Zwillingen haben gezeigt, dass etwa 40 Prozent unserer politischen Einstellungen genetisch bedingt sind, während der größere Teil von nicht-genetischen Faktoren wie Umwelt, Erziehung und Erfahrung beeinflusst wird.

Räumliche Orientierung und kognitive Karten

Bestimmte Bereiche im Gehirn sind für die räumliche Orientierung zuständig. Die Entdeckung von Platzzellen im Hippocampus und Rasterzellen im entorhinalen Cortex hat unser Verständnis des Navigationssystems des Gehirns revolutioniert.

Prof. Christian Doeller argumentiert, dass dieses Navigationssystem auch für nicht-räumliche kognitive Leistungen, also für den Geist insgesamt, relevant ist. Er spricht von "kognitiven Karten", die jegliche Information über die Welt repräsentieren können.

Studien zeigen, dass Dinge und Konzepte, die eng zueinander gehören, auch im Navigationssystem des Gehirns räumlich eng beieinander abgelegt sind. Dies ermöglicht es uns, logische Schlussfolgerungen zu ziehen und soziale Beziehungen über räumliches Denken darzustellen.

Lernen mit Spaß und Freude: Positive Psychologie und Neurowissenschaft

Um Lernen angenehmer zu gestalten, können Methoden aus der Positiven Psychologie und der Neurowissenschaft genutzt werden. Ziel ist es, positive Gefühle zu erzeugen, die Lernbereitschaft zu erhöhen und das Gehirn für neue Informationen zu öffnen.

Einige bewährte Methoden sind:

  • Sich vor dem Lernen an einen "Happy Place" versetzen: Eine Minute lang an eine Situation denken, die mit Glück erfüllt, und sich in diesen Moment hineinfühlen.
  • Eine große Pose einnehmen: Wenn im Unterricht Angst vor einer Situation besteht, kann es helfen, sich innerlich groß und stark zu machen und tief zu atmen.
  • Die Loci-Methode anwenden: Lernstoff portionieren, kleine Päckchen bilden und diese an verschiedenen Orten im Raum üben.
  • In der Gruppe lernen: Lernen als freudiges Gemeinschaftserlebnis im Gehirn abspeichern.

Die Bedeutung von Bewegung für die geistige Leistungsfähigkeit

Studien deuten darauf hin, dass Bewegung die geistige Leistungsfähigkeit fördern kann. Schwedische Forscher beobachteten, dass Schülerinnen, die täglich eine Sportstunde hatten, bei der sie auch ihre räumliche Orientierung trainierten, fast 50 Prozent bessere Ergebnisse erzielten als eine Kontrollgruppe.

Andere Studien zeigen, dass auch ältere Menschen, die sich viel bewegen, in kognitiven Tests wesentlich besser abschneiden als Menschen, die viel sitzen und wenig aktiv sind.

tags: #das #gehirn #wachst #und #dann #wahlt