Hochbegabung ist ein vielschichtiges Phänomen, das weit über den reinen Intelligenzquotienten (IQ) hinausgeht. Es beeinflusst die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung von Kindern auf vielfältige Weise. Dieser Artikel beleuchtet die Herz-Gehirn-Verbindung bei hochbegabten Kindern, wobei sowohl ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten als auch die damit verbundenen Herausforderungen berücksichtigt werden.
Was bedeutet Hochbegabung?
Entgegen der landläufigen Meinung ist Hochbegabung keine eindeutige Eigenschaft, die man von Geburt an besitzt. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Das Hochbegabungskonzept von Renzulli definiert Hochbegabung als die Schnittmenge aus überdurchschnittlichen intellektuellen Fähigkeiten, überdurchschnittlich ausgeprägter Kreativität und herausragender Aufgabenorientierung und Motivation.
Es gibt nicht "die" Hochbegabung an sich, sondern immer nur ein aus einer bestimmten Interessenslage heraus definiertes Konzept von Hochbegabung, das bestimmte Merkmale hervorhebt und andere vernachlässigt. Man möchte individuelle Eigenschaften (Leistungsdispositionen) ermitteln und kann auf deren Vorhandensein nur über beobachtbare Leistungsabweichungen nach oben sowie über zum Ausdruck gebrachte Bedürfnisäußerungen schließen. Das Vorliegen von Hochbegabung kann nur über Ausdrucksformen von Hochbegabung erschlossen werden.
Erkennungsmerkmale hochbegabter Kinder
Hochbegabung kann sich auf unterschiedliche Weise äußern. Einige häufige Merkmale sind:
- Frühes Interesse an Schulthemen: Kinder möchten von sich aus lesen und schreiben lernen, bereits im Kindergartenalter.
- Schnelle Auffassungsgabe: Hochbegabte Kinder erfassen komplexe Zusammenhänge intuitiv und denken vernetzt.
- Hohe Sensibilität: Viele hochbegabte Kinder reagieren intensiv auf Reize, Emotionen oder soziale Konflikte. Sie nehmen sehr viel von ihrer Außenwelt wahr und verarbeiten alles, was sie sehen, hören und spüren.
- Kreativität und Ideenvielfalt: Sie denken ungewöhnlich, stellen Fragen, die Erwachsene überraschen, und entwickeln in kurzer Zeit mehrere Lösungen gleichzeitig.
- Perfektionismus: Hochbegabte Kinder erwarten oft, dass sie in allem gut sein müssen.
- Hohes Energielevel: Sie können für eine Aufgabe ein hohes Energielevel entwickeln und darin eintauchen, bis sie beendet ist. Danach benötigen sie jedoch viel Zeit zum Erholen.
- Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen: Hochbegabte Kinder interessieren sich oft für Themen, die Gleichaltrige nicht teilen. Sie haben Schwierigkeiten, sich mit Gleichaltrigen anzufreunden oder sich in eine Gruppe Gleichaltriger zu integrieren.
- Ablehnung einfacher Aufgaben: Sie lehnen einfache Aufgaben ab oder langweilen sich schnell, wenn sie Lerninhalte wiederholen müssen. Geringer Übungsbedarf und das Üben und Wiederholen von bereits Verstandenem quält sie und führt zur Aufgabenverweigerung.
- Inakzeptanz von Unlogischem: Sie können Unlogisches nicht akzeptieren und suchen in allem den Sinn. Sie wollen, dass alles ehrlich abläuft und decken manipulatives Tarnen und Täuschen auf.
- Sinnsuche: Sie suchen in allem den Sinn.
- Hohes Gerechtigkeitsempfinden: Sie haben ein starkes Gerechtigkeitsempfinden.
Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jedes hochbegabte Kind all diese Facetten zeigt. Hochbegabung bedeutet nicht, dass alle Hochbegabten die gleichen Herausforderungen, Eigenschaften oder Stärken haben. Die beschriebenen Erfahrungen und Eigenschaften sind Optionen, keine universellen Merkmale.
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Die Rolle des Gehirns bei Hochbegabung
Studien haben gezeigt, dass die Gehirne hochbegabter Kinder anders arbeiten als die ihrer Altersgenossen. Mithilfe der strukturellen und diffusionsgewichteten MRT wurden die regionale Hirnform und die Konnektivität von Kindern verglichen, die entweder einen durchschnittlichen bis hohen IQ (TD - typically developing children) oder einen IQ von über 145 aufwiesen (IG - intellectual gifted).
Ergebnisse: IG hatte größere subkortikale Strukturen und eine robustere mikrostrukturelle Organisation der weißen Substanz zwischen diesen Strukturen in Regionen, die mit explizitem Gedächtnis assoziiert sind. Es wurde festgestellt, dass die Gedächtnissysteme in den Gehirnen von Kindern mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten im Vergleich zu Gehirnen von Kindern mit normaler Entwicklung anders dimensioniert und verbunden sind. Diese unterschiedlichen neurologischen Entwicklungsverläufe deuten auf unterschiedliche Lernstrategien hin.
Zwei parallele Gedächtnissysteme sind bei der Untersuchung der Neuroentwicklung von besonderem Interesse. Implizites Lernen beschreibt das automatische Lernen von sozialen, sprachlichen und prozeduralen Aufgaben, die ohne bewusste Anstrengung bewältigt werden. Explizites Lernen beinhaltet dagegen eine absichtliche, bewusste Anstrengung, um Informationen zu behalten oder abzurufen, z. B. das Erinnern an Vergangenes oder das Aufsagen von auswendig gelernten Fakten.
Hochsensibilität und Hochbegabung
Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Reize intensiver wahrgenommen werden. Sowohl Hochsensibilität als auch Hochbegabung sind angeboren. Es gibt sogar die These, dass Hochsensibilität und Hochbegabung nicht einfach nur Facetten oder Eigenschaften sind, wie introvertiert oder extrovertiert.
(Hoch)Begabte Kinder haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, auch hochsensibel zu sein, weil ihr Gehirn komplexer arbeitet und dadurch mehr Details bemerkt. Hochsensibilität allein bedeutet aber nicht automatisch Hochbegabung. Sie kommt genauso häufig bei normal und weniger begabten Kindern vor.
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Kinder, die beides vereinen, erleben die Welt oft gleichzeitig kognitiv und emotional besonders intensiv. Das kann sehr bereichernd, aber auch anstrengend sein. Denn kluge Kinder sind nicht emotional reifer. Es kann sogar umgekehrt sein. Während das Denken schon weit voraus ist, steckt die emotionale Regulation noch mitten in der Entwicklung.
Asynchrone Entwicklung
Viele hochbegabte Kinder und Erwachsene erleben eine Besonderheit, die oft übersehen wird: die asynchrone Entwicklung. Diese Diskrepanz kann zu Herausforderungen im Alltag, in der Schule und in sozialen Beziehungen führen.
Die asynchrone Entwicklung beschreibt ein Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Entwicklungsbereichen eines Kindes. Das Gehirn hochbegabter Kinder arbeitet anders als das ihrer Altersgenossen. Allerdings entwickeln sich exekutive Funktionen, wie emotionale Regulation, Impulskontrolle und soziale Anpassung, oft erst später.
Ein weiterer Faktor ist die Umgebung, in der sich das Kind bewegt. Das Schulsystem ist in erster Linie auf die "Durchschnittskinder" ausgerichtet. Wenn ein hochbegabtes Kind früh mit anderen kommuniziert, aber von Gleichaltrigen nicht verstanden wird, kann es sich isoliert fühlen.
Underachievement bei hochbegabten Kindern
Underachiever sind SchülerInnen, deren schulische Leistungen sich weit unter dem Niveau bewegen, als auf Grund ihrer kognitiven Fähigkeiten zu erwarten wäre. Schwache schulische Leistungen können aber nur in den seltensten Fällen einer einzigen Ursache zugeschrieben werden. Wegen der engen Verbindung von Emotion und Lernen wird schulisches Versagen oft von Verhaltensschwierigkeiten begleitet.
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Gründe für Underachievement können bereits in den ersten Lebensjahren entstanden sein. Ausschlaggebend sind nicht nur die elterliche Einstellung zum Kind, zur Leistung im allgemeinen und zu schulischem Erfolg im speziellen, sondern auch das elterliche Erziehungsniveau und die "kulturelle Situation" zu Hause. Die Persönlichkeit des Kindes, seine Beziehung zu den Geschwistern, deren Interaktion und Position in der Familie sind außerdem einflussreiche Faktoren, welche die Entwicklung der Leistung und die Einstellung zur Leistung mitbestimmen. Ebenso spielen emotionale Beziehungen innerhalb der gesamten Familie eine wichtige Rolle.
Im negativen Fall kann es jedoch dazu kommen, daß des Kindes Neugier und Freude am Lernen erstickt werden, und es aus Mangel persönlichen Bezugs keinerlei Anregung findet.
Zur Behandlung von Underachievement sollte dem Kind in jedem Sinne große Aufmerksamkeit geschenkt werden. Nicht nur die Defizite der Leistung, sondern auch eventuelle emotionale Mangelerscheinungen sollten ins Licht gerückt werden. Dem Einfluss von Emotionen, Zuwendung, Achtung und Ernst-genommen-werden auf das Lernen sollte sehr viel Aufmerksamkeit von seiten der Eltern und der Lehrern gewidmet werden. Um sein persönliches Einschätzungsvermögen zu erlernen, muss das Kind sein Selbstkonzept ändern und eigene Motivation entwickeln. Dabei kann ihm geholfen werden. In der Schule muss das Lernmaterial in Beziehung gesetzt werden zum Selbstkonzept und dem Erwartungsniveau der Lerner.
Der nichterfolgreiche Schüler schätzt sich in der Regel entweder zu hoch oder zu niedrig ein. Wenn der Schüler dazu gebracht wird, sich wegen seines Versagens schuldig oder ängstlich zu fühlen, wird er versuchen dieses Gefühl der Angst zu vermeiden. Er flüchtet in eine Scheinwelt, anstatt sich mit den Gründen seines Versagens zu befassen.
Unabhängig von ihrem Fähigkeitsniveau benötigen Kinder innerhalb des Lernens die Erfahrung des Erfolgs genauso wie die des Versagens, ohne dabei von Schuld oder Angst überwältigt zu werden, denn nur wer seine eigene Leistung einschätzen kann, lernt mit Erfolg und Versagen zurechtzukommen.
Hochbegabung und ADHS
Manche Kinder begeistern durch außergewöhnliche Ideen, komplexes Denken und ein unstillbares Interesse an allem Neuen. Und gleichzeitig fällt es ihnen schwer, still zu sitzen, Aufgaben zu beenden oder sich zu konzentrieren. Diese scheinbaren Widersprüche führen oft zu Ratlosigkeit: Ist es Hochbegabung, ADHS, oder vielleicht beides?
Kinder, die sowohl hochbegabt als auch von ADHS betroffen sind, gelten als „Twice Exceptional“, also doppelt außergewöhnlich. Sie verfügen über ein enormes intellektuelles Potenzial, das sich jedoch hinter Unruhe, Impulsivität oder Desorganisation verstecken kann. Ohne passende Förderung und Verständnis werden ihre Stärken häufig übersehen, und ihre Herausforderungen missinterpretiert.
Auf den ersten Blick können Hochbegabung und ADHS ähnlich wirken. Beide Kindergruppen fallen durch ungewöhnliche Denkweisen, Energie und Kreativität auf. Sie stellen viele Fragen, denken quer, sind schnell gelangweilt und reagieren empfindlich auf Ungerechtigkeit.
Der entscheidende Unterschied zwischen Hochbegabung und ADHS liegt also darin, dass sich die Symptome bei Hochbegabung verändern, sobald das Kind intellektuell gefordert wird.
Hochbegabung und ADHS schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, sie können sich gegenseitig beeinflussen. Die Frage, wie häufig Hochbegabung und ADHS gemeinsam auftreten, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Fachleute sprechen hier von einer sogenannten „Komorbidität“, also dem gleichzeitigen Auftreten zweier unterschiedlicher Merkmale.
Die Gefahr der Fehldiagnose
Die Gefahr einer Fehldiagnose ist bei Hochbegabung und ADHS besonders hoch. Beide Erscheinungsbilder zeigen sich oft in ähnlichen Verhaltensmustern. Ohne genaue Kenntnis der Hintergründe werden diese Kinder leicht falsch eingeschätzt.
- Hochbegabung wird fälschlich als ADHS interpretiert: Viele hochbegabte Kinder werden unruhig, wenn sie unterfordert sind. Sie verlieren die Aufmerksamkeit, fangen an zu reden, zu kritzeln oder zu träumen. Im Unterricht wirkt das wie mangelnde Konzentration oder Impulsivität. In Wahrheit ist das Kind geistig längst weiter und sucht sich innerlich neue Reize.
- ADHS wird übersehen, weil das Kind zu leistungsstark ist: Ein Kind mit ADHS, das gleichzeitig sehr intelligent ist, kann seine Schwierigkeiten jahrelang überdecken. Es versteht den Stoff schnell, schließt Wissenslücken intuitiv und gleicht chaotische Arbeitsweisen mit Denkgeschwindigkeit aus. Nach außen erscheint es deshalb „funktional“. Erst in der höheren Schule oder im Studium bricht das fragile System zusammen.
Was tun, wenn Hochbegabung und ADHS vorliegt?
Wenn bei einem Kind sowohl Hochbegabung als auch ADHS vorliegen, stehen Eltern und Fachkräfte vor einer besonderen Herausforderung. Das Kind ist geistig seiner Altersgruppe oft weit voraus, gleichzeitig kämpft es mit Aufmerksamkeitsproblemen, innerer Unruhe und Schwierigkeiten in der Selbstorganisation.
- Ganzheitlich denken statt kompensieren: Kinder mit Hochbegabung und ADHS profitieren am meisten, wenn ihr Umfeld sie nicht auf ihre Schwächen reduziert, sondern die gesamte Persönlichkeit betrachtet. Das bedeutet, dass Diagnose und Förderung Hand in Hand gehen müssen.
- Struktur und klare Rahmenbedingungen schaffen: Kinder mit Hochbegabung und ADHS brauchen Sicherheit durch Vorhersehbarkeit. Tagesabläufe, visuelle Pläne und klare Routinen helfen, Exekutivfunktionen zu entlasten.
- Intellektuelle Förderung nicht vergessen: Viele Kinder mit Hochbegabung und ADHS werden ausschließlich auf ihr Verhalten reduziert. Das ist fatal, denn fehlende kognitive Stimulation verstärkt ADHS-Symptome. Eine gezielte Förderung, die den Wissensdurst stillt, sorgt dagegen für innere Ruhe.
- Emotionale Begleitung und Selbstwert stärken: Kinder, die anders denken und fühlen, erleben sich oft als „nicht richtig“. Sie hören Sätze wie „Du bist zu laut“ oder „Warum kannst du dich nicht einfach konzentrieren“. Diese ständigen Rückmeldungen beschädigen das Selbstwertgefühl.
Förderung hochbegabter Kinder
Eine angemessene Förderung ist entscheidend, damit hochbegabte Kinder ihr Potenzial voll entfalten können.
- Individuelle Förderung: Die Förderung sollte sich an den individuellen Bedürfnissen und Interessen des Kindes orientieren.
- Herausforderungen bieten: Hochbegabte Kinder brauchen intellektuelle Herausforderungen, um sich nicht zu langweilen und unterfordert zu fühlen.
- Freiräume schaffen: Es ist wichtig, dem Kind Freiräume für eigene Projekte und Interessen zu lassen.
- Soziale Kontakte fördern: Hochbegabte Kinder suchen oft den Kontakt zu Älteren oder Gleichgesinnten. Der Kontakt zu anderen Hochbegabten kann eine große Erleichterung sein, um die schwierige soziale Situation aufzufangen.
- Unterstützung durch Experten: Eltern und Lehrer sollten sich bei Bedarf Unterstützung durch Experten suchen, z.B. durch Psychologen oder Pädagogen, die auf Hochbegabung spezialisiert sind.
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