Die Funktion des primitiven Gehirns: Archaische Ängste und moderne Herausforderungen

Viele Menschen sind im Moment überrascht von sich selbst. Sie haben Suppen für Flüchtlinge gekocht, und plötzlich schlägt ihr eigenes Gefühl um: Die Urängste vor Fremden werden wach. Solche Ängste, wie nach den Übergriffen in Köln oder jetzt durch das abscheuliche Verbrechen in Freiburg, entstehen, wenn Fremde den einheimischen Frauen Gewalt antun.

Die zwei Gehirne: Intelligent vs. Primitiv

Angstforscher Borwin Bandelow von der Universität Göttingen erklärt: „Jeder Mensch hat ein intelligentes Gehirn, in dem er zwischen Gut und Böse abwägen kann, in dem er Statistiken wahrnimmt und dann bewertet, ob Ausländer wirklich eine Bedrohung darstellen oder nicht. Und dann hat jeder Mensch ein primitives Gehirn, in dem auch das überlieferte Stammesdenken von vor 100.000 Jahren schlummert, als noch jeder Eindringling sofort bekämpft werden musste, weil er die Frauen rauben wollte.“

Deshalb gibt es Vergewaltigungen als Zeichen der Demütigung der Männer in allen Kulturen und Zeiten. Vom Raub der Sabinerinnen kurz nach der Gründung Roms, über die Schändungen im Zweiten Weltkrieg bis zu den Jesidinnen, die ISIS heute als Sex-Sklavinnen missbraucht. Bandelow betont: „Das primitive Gehirn, das für die Bedürfnisse und auch für unsere Ängste zuständig ist, ist stärker als das intelligente Gehirn.“

Der Experte glaubt, dass dieses Archaische schuld daran ist, dass uns Gewalttaten, die von Fremden begangen werden, stärker emotionalisieren, als wenn sie von Deutschen verübt werden. „Beide Teile unseres Gehirns kämpfen miteinander, aber die primitiven Angstzentren setzen sich durch. Man kann das ganz gut beschreiben am Beispiel der Spinne. Das primitive Angstzentrum sagt uns: ‚Fass bloß diese Spinne nicht an, die ist tödlich.‘ Das intelligente Gehirn sagt: ‚Es gibt bei uns gar keine giftigen Spinnen, reg dich ab!‘ Aber die meisten haben trotzdem Angst vor dem kleinen Tierchen.“

Die Kolonialisierung des Gehirns: Ein historischer Blick

Herr Heinz spricht von dem „kolonialisierten Gehirn“. Damit meint er, dass, als unsere psychiatrischen Krankheitsbilder um 1900 artikuliert wurden, koloniale Hierarchien auf das Gehirn und seine Funktionen projiziert wurden. Erkrankungen wurden als Umkehrung der Evolution verstanden. Dabei sollen immer zuerst die evolutionär jüngsten und am komplexesten entwickelten Hirnzentren und deren Funktion geschädigt sein, allen voran der frontale Kortex. Das ist aber nachweislich falsch: Alle möglichen Hirnregionen können bei Erkrankungen zuerst betroffen sein, beim Parkinsonsyndrom zum Beispiel Nervenzellen im Mittelhirn. Vieles wusste man aber um 1900 noch nicht und es wurde dogmatisch behauptet, dass der krankheitsbedingte Abbau immer mit den „höchsten“ Hirnfunktionen beginne und auf ein individuell wie stammesgeschichtlich „primitives Niveau“ zurückführe.

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Erwachsene Menschen mit psychischen Erkrankungen würden sich deshalb wie „primitive Menschen“ oder wie Kinder benehmen. Und da die eigene Stammesgeschichte - also wie Menschen etwa in der Steinzeit gelebt haben - schwer zu erfassen ist, hat man sich kurzerhand mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der damaligen Kolonien beholfen, da sie angeblich auch „primitiv“ seien. Und so hat man etwa Menschen in Afrika mit Personen gleichgesetzt, die schizophrene Psychosen erleben.

Heutzutage geht man in der Psychiatrie davon aus, dass psychische Erkrankungen dann entstehen, wenn höhere Hirnzentren die Kontrolle über vermeintlich niedrigere Hirnzentren verlieren. Das Gehirn ist ein wunderbar komplexes, interaktiv schwingendes Organ, seine Funktionen sind in Netzwerken und Regelkreisen organisiert. Evolutionär ältere Hirnzentren wie die Basalganglien tragen nicht nur zur Bewegung, sondern auch zu intelligenten Entscheidungen bei. Und psychische Erkrankungen sind keine „Primitivierung“: Um etwa einen Wahn zu bilden, müssen Sie sehr viel nachdenken und konstruieren, da sind Hirnzentren wie der frontale Kortex beteiligt, die wir als höchst komplex verstehen. Und natürlich waren die Bewohnerinnen und Bewohner der ehemaligen Kolonien nicht „primitiv“ oder fantasierten „unlogisch“ wie im Traum: Das waren Abwertungen, die der Rechtfertigung der jahrhundertelangen transatlantischen Sklaverei und des Kolonialismus dienten und die bis heute alle widerlegt wurden.

Folgen des kolonialen Hierarchiedenkens

Historisch wurden in der Zeit des Nationalsozialismus sowohl die schwarzen Deutschen im Rheinland als auch Personen mit einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen zwangssterilisiert, Letztere auch ermordet. Bis heute werden Menschen mit psychischen Erkrankungen stigmatisiert, ausgegrenzt und diskriminiert.

Unsere Krankheitstheorien stehen auf dem Prüfstand, und das ist gut so. Es gibt dimensionale Ansätze, die die gleitenden Übergänge zu Erkrankungen besser erfassen als starre Kategorien. Und wir verstehen, wie viele Erkrankungen als Ergebnisse von Lernmechanismen entstehen, also gerade auch aus Erfahrungen wie beispielsweise Traumatisierung oder sozialer Ausgrenzung. Expertinnen aus Erfahrung, also Betroffene und Angehörige müssen auf allen Entscheidungsebenen beteiligt sein. Das ist etwa im neuen Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit umgesetzt, aber längst noch nicht überall die Regel.

Die Bedeutung von Bewegung und Raum für das Gehirn

Es ist vermutlich die Mobilität der Tiere, die - im Gegensatz bei den Pflanzen - Gehirne erforderlich macht. Bewegung erfordert Orientierung, benötigt ein Gedächtnis und ermöglicht Interaktion. Zur Navigation gibt es im Hippocampus, einem entwicklungsgeschichtlich alten Teil des Großhirns von Säugern, so genannte Place Cells. Diese bilden in ihrer Gesamtheit eine Art zellulärer Karte des wahrgenommenen Raumes. Ebenfalls im Hippocampus finden sich Time Cells - Nervenzellen die distinkte Momente in einer zeitlichen Abfolge von Ereignissen markieren.

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Tiere haben Gehirne, Pflanzen nicht. Warum? Eine Antwort auf diese Frage liefert ein Blick auf eine erfolgreiche Gruppe von Tieren, die die Weltmeere besiedeln, die Seescheiden. Erwachsene Seescheiden kleben unbeweglich am Untergrund - nicht zuletzt auch an Schiffsrümpfen -, wo sie unermüdlich Nahrungspartikel aus dem Wasser filtrieren. Mit Blick auf ihre Erscheinung könnten sie problemlos als Pflanzen durchgehen. Sie haben kein Gehirn. Anders ihre Jugendform, die Seescheidenlarve, die freischwimmend die Umgebung erkundet. Es ist die Larve, die über primitive Sinnesorgane und ein primitives Gehirn verfügt. Das Gehirn wird gebraucht, um die Schwimmbewegungen zu kontrollieren, und es wird gebraucht, um Informationen, die die Sinnesorgane über die Umwelt und über die Bewegung der Larve anbieten, für deren Orientierung zu nutzen. Seescheiden legen somit nahe, dass es die Mobilität sein könnte, die Gehirne erforderlich macht.

Aber verbinden die Neurowissenschaften nicht mit unserem Gehirn Fähigkeiten, die uns weit komplexer und bedeutsamer erscheinen als die Bewegung: Sprache, Erinnerungsvermögen, ein Konzept von Vergangenheit und Zukunft, die Fähigkeit, Selbst und Nicht- Selbst zu unterscheiden und mit anderen zu interagieren, kurzum, all das, was menschliche Persönlichkeiten mit ihren Fähigkeiten und Eigenarten definiert. Ja, es handelt sich zweifelsohne um Hirnleistungen, die nicht von der Handvoll Nervenzellen der Seescheidenlarve erbracht werden können, für die vielmehr die Milliarden Nervenzellen des menschlichen Gehirns mit seinen Billionen Verbindungen nötig sind. Aber sie alle bauen letztlich auf unserer Fähigkeit auf, uns zu bewegen, eine Fähigkeit, die tragfähige Konzepte von Raum und Zeit erfordert.

Der Hippocampus ist ein entwicklungsgeschichtlich alter Teil des Großhirns von Säugern, der sich unter anderem durch eine einfachere Schichtenstruktur von den neueren Anteilen, dem Neocortex, unterscheidet. Es zeigte sich, dass sich in einem Teil des Hippocampus Nervenzellen finden ließen, die immer dann aktiv waren, wenn die Ratte auf ihren Erkundigungen einen bestimmten, für jede Place Cell charakteristischen Ort im Labor erreichte. Diese Nervenzellen stehen also für spezifische Orte im Raum und drücken durch ihre Aktivierung aus, dass das Tier den ihnen bekannten Ort erreicht hat. Ortszellen sind also die zelluläre Basis eines Ortsgedächtnisses. Nachdem sich verschiedene Ortszellen für unterschiedliche Orte zu interessieren und die vielen Ortszellen in ihrer Summe den gesamten Explorationsraum der Ratte abzudecken schienen, lag die Schlussfolgerung nahe, dass sie in ihrer Gesamtheit eine Art zellulärer Karte des wahrgenommenen Raumes anbieten.

Die Räume, die Ratten in Laborumgebungen explorieren, sind typischerweise eben. Es kann daher nicht überraschen, dass die auf Ortszellen basierende Raumkarte über viele Jahre hinweg als eine zweidimensionale Karte diskutiert wurde, gewissermaßen als Karte ohne Höhenangaben. Tatsächlich verfügen Ortszellen aber sehr wohl auch über Informationen über die Höhe. Sie interessieren sich nämlich genaugenommen für ein dreidimensionales Raumelement. Allerdings bilden Ortszellen von Ratten die dritte Dimension - die Höhe - im Unterschied zum Ort in der Ebene nur relativ grob ab. Könnte das damit zu tun haben, dass die dritte Dimension für Ratten und andere Bodenbewohner eine vergleichsweise geringe Rolle spielt?

Das Konzept des generalisierten Erinnerungsraumes geht davon aus, dass Objekte, Orte, Ereignisse und Fakten in dem raumzeitlichen Zusammenhang, in dem sie ursprünglich erlebt werden, abgespeichert werden und im Prozess des sich Erinnerns als Ganzes wieder abgerufen werden. In diesem Konzept wäre das Erinnern einer Route durch den Raum nichts anderes als der Spezialfall einer Abbildung einer Abfolge von Orten in der Zeit. Und es ist im Allgemeinen unsere Mobilität, die die zeitliche Abfolge definiert: Wir erreichen bestimmte Orte und die mit ihnen verbundenen Ereignisse früher als andere, weil sie auf unserem Weg näher liegen. Es ist diese zeitliche Abfolge, die kausale Beziehungen zwischen Ereignissen und Fakten ermöglicht.

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Die Langzeitspeicherung erfolgt vielmehr in der entwicklungsgeschichtlichen jüngeren Großhirnrinde, dem Neocortex. Nur sie bietet die riesige Speicherkapazität, die für die Erinnerungen eines langen Lebens benötigt wird, und nur sie bietet eine Basis für die Erstellung neuer, noch komplexerer Bezüge zwischen verschiedenen Inhalten. Der Hippocampus wird gebraucht, um die Überführung von neuen Gedächtnisinhalten in diesen Langzeitspeicher zu orchestrieren.

Der Spinale Galant-Reflex (SGR)

Als frühkindlicher bzw. primitiver Reflex oder Primitivreflex wird in der Medizin ein typisches und reproduzierbares Reaktionsmuster auf gezielte äußere Reize bezeichnet. Diese Reflexe laufen ohne Beteiligung des Großhirns ab. Primitive oder frühkindliche Reflexe entwickeln sich im Mutterleib und sind für das Überleben des Säuglings eine Notwendigkeit. Die Reflexe versorgen das Baby mit den Instinkten der Atmung, des Fütterns, des Schreiens und der Zuwendung. Abgesehen davon, dass diese Reflexe für einen der ersten Meilensteine in der Entwicklung sorgen - das Drehen des Babys auf den Bauch und zurück -, aktivieren sie auch Gene, die für das Wachstum und die Verknüpfungen von und im Gehirn sorgen und so weitere Meilensteine ermöglichen, so z.B. die Entwicklung von Grob- und Feinmotorik, Sprach- und Lesefähigkeit, visuelle und auditive Wahrnehmung und Verarbeitung.

Mit Zunahme der Muskelbewegungen und mittels sensorischer Stimulation werden im Gehirn neue Neuronen gebildet und Verbindungen zwischen Neuronen gestärkt, was immer mehr und komplexere Gehirnfunktionen ermöglicht. Da nicht mehr benötigt, werden die primitiven Reflexe nach und nach gehemmt. Unter Hemmung versteht man die Unterdrückung einer Funktion durch Entwicklung einer anderen Funktion bzw. höher/besser entwickelter, neuronaler Strukturen. Das geschieht nach ungefähr 3 bis 12 Lebensmonaten. Anstatt aber einfach zu verschwinden, werden sie integriert, d.h. sie werden „aufgestückelt” und unterliegen fortan der Kontrolle des Kortex.

Bewegt sich das Kind nicht ausreichend, bekommt auch das Gehirn nicht genug Stimulation und die Reflexe bleiben aktiv. Es findet also keine Integration statt und es entwickelt sich ein Hirnungleichgewicht, das zu neurologischen Störungen führen kann.

Der Spinale Galant-Reflex (oder auch nur Galant-Reflex) entwickelt sich bereits im zweiten Trimester (15.-20. Schwangerschaftswoche) und spielt eine wichtige Rolle während einer Spontangeburt. Die Wehen stimulieren den Lendenbereich, d.h. den unteren Rücken, des Babys, was eine Bewegung der Hüfte aktiviert und so die Bewegung durch den Geburtskanal unterstützt. Und auch später noch ist dieser Reflex wichtig, damit das Baby die für das Krabbeln und Gehen erforderlichen Bewegungen der Hüfte entwickeln kann.

Man kann den SGR ganz einfach auslösen, indem man mit einem Finger auf einer Seite der Wirbelsäule entlang streicht. Das aktiviert eine Bewegung der Hüfte zu der ausgestrichenen Seite und beugt das Bein. Der SGR ist wichtig für die Entwicklung des vestibulären Gleichgewichts und hängt auch mit der Blasenentleerung zusammen. Ein nicht oder nur einseitig integrierter SGR kann zu Rückenproblemen, u.a. auch Skoliose, führen. Der SGR sollte nach ca. 5-9 Monaten integriert sein.

Konnte der SGR nicht integriert werden, ist also weiterhin aktiv, können sich eine Reihe von Symptomen zeigen, die mit dem vestibulären System, Bewegung, Muskeltonus und Blasenentleerung zusammenhängen. Hierzu zählen:

  • Bettnässen (nach dem 5. Lebensjahr)
  • Verdauungsstörungen
  • Überempfindlichkeit in Bezug auf Kleidung
  • Gefahr von Skoliose
  • Schlechte Haltung und Gangmuster
  • Koordination von Ober- und Unterkörper
  • Motorische Unruhe
  • Hyperaktivität
  • Schlechte Handschrift
  • Dyslexie

Spezielle Übungen können helfen, den Symmetrisch tonischen Nackenreflex zu integrieren und so Symptome zu lindern. Die Ergotherapie macht sich Übungen zur Reflexintegration zunutze. Ein Beispiel ist der klassische Schnee-Engel: Das Kind liegt rücklings auf der Matte. Die Arme sind seitlich neben dem Körper und die Füße zusammen. Nun bewegt es Arme und Beine gleichzeitig nach oben bzw. außen; Hände bis ganz nach oben über den Kopf, dann wieder in die Ausgangsposition. Die Arme und Beine bleiben in Kontakt mit dem Boden.

Training und Kontrolle des primitiven Gehirns

Aber: Man kann auch sein primitives Angst-Gehirn trainieren. „Allerdings reagiert unser Gehirn nur auf Taten und Erlebnisse, theoretische Reden helfen nicht“, so der Angstforscher. Durch bewusstes Handeln und das Sammeln neuer Erfahrungen können wir lernen, unsere archaischen Ängste zu erkennen und zu kontrollieren.

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