Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht und warum das Konsequenzen hat

Einführung: Die Fragilität unserer Erinnerungen

Wir sind die Summe unserer Erinnerungen. Diese prägen unsere Identität, beeinflussen unsere Entscheidungen und formen unsere Wahrnehmung der Welt. Doch was, wenn diese Erinnerungen nicht die akkurate Wiedergabe der Vergangenheit sind, die wir annehmen? Was, wenn unser Gedächtnis uns täuscht und wir uns auf eine trügerische Realität verlassen? Die Rechtspsychologin Julia Shaw geht in ihrem Bestseller "Das trügerische Gedächtnis" diesen Fragen auf den Grund. Sie zeigt auf der Grundlage neuester Erkenntnisse von Neurowissenschaft und Psychologie sowie ihrer eigenen Forschung, wie fehleranfällig unser Gedächtnis ist und welche Konsequenzen dies für unser Leben hat.

Die Konstruktion der Erinnerung: Ein Teppich aus Fragmenten

Identität ist ein kunstvoll gewebter Teppich aus Erinnerungsfragmenten. Das Gehirn ist dabei kein passiver Speicher, der Informationen unverändert ablegt. Stattdessen konstruiert es Erinnerungen aktiv, indem es Fragmente zusammensetzt, interpretiert und mit vorhandenem Wissen verknüpft. Dieser Konstruktionsprozess ist jedoch fehleranfällig und kann zu Verzerrungen, Verfälschungen und sogar falschen Erinnerungen führen.

Warum unser Gehirn Fehler macht: Mechanismen der Erinnerungsverfälschung

Julia Shaw erklärt, warum dem Gehirn dabei ständig Fehler unterlaufen. Unser Gedächtnis ist kein exaktes Abbild der Realität, sondern vielmehr eine Rekonstruktion, die durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird:

  • Suggestion: Suggestive Fragen oder Informationen können unsere Erinnerungen verändern oder sogar falsche Erinnerungen erzeugen. Dies ist besonders problematisch in forensischen Kontexten, beispielsweise bei Zeugenbefragungen.
  • Emotionen: Emotionale Ereignisse werden oft intensiver erinnert, aber auch stärker verzerrt. Unsere Gefühle können die Art und Weise beeinflussen, wie wir ein Ereignis wahrnehmen und abspeichern.
  • Soziale Einflüsse: Gespräche mit anderen Personen über ein Ereignis können unsere Erinnerung daran verändern. Wir übernehmen unbewusst Details aus den Erzählungen anderer und integrieren sie in unsere eigene Erinnerung.
  • Zeit: Mit der Zeit verblassen Erinnerungen und werden anfälliger für Verzerrungen. Das Gehirn füllt Lücken mit plausiblen Details auf, die aber nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen.
  • Schlaf: Schlaf spielt eine wichtige Rolle bei der Konsolidierung von Erinnerungen. Schlafmangel kann die Gedächtnisleistung beeinträchtigen und die Entstehung falscher Erinnerungen begünstigen.
  • Denkverzerrungen: Kognitive Verzerrungen wie Bestätigungsfehler oder Rückschaufehler können unsere Erinnerungen beeinflussen und dazu führen, dass wir uns selektiv an Informationen erinnern, die unsere Überzeugungen bestätigen.
  • Hypnose: Die Rechtspsychologin Julia Shaw widerlegt auch, dass hypnotische Verstärkung genauso Humbug ist wie vermeintliche Erinnerungen an die eigene Geburt.

Die Konsequenzen der Erinnerungsfalle: Wenn wir uns nicht auf unser Gedächtnis verlassen können

Das Tappen in die Erinnerungsfalle hat Konsequenzen: Wir können uns auf unser Gedächtnis nicht verlassen. Die Unzuverlässigkeit unseres Gedächtnisses hat weitreichende Folgen:

  • Falsche Zeugenaussagen: In Gerichtsverfahren können falsche Erinnerungen zu Fehlurteilen führen. Zeugen können sich irrtümlich an Details erinnern oder falsche Täter identifizieren.
  • Beziehungsprobleme: Unterschiedliche Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse können zu Konflikten und Missverständnissen in Beziehungen führen.
  • Psychische Probleme: Falsche Erinnerungen an traumatische Ereignisse können zu Angstzuständen, Depressionen und anderen psychischen Problemen führen.
  • Politische Manipulation: Falsche oder verzerrte Erinnerungen können genutzt werden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen und politische Ziele zu erreichen.
  • Digitale Amnesie: Die zunehmende Nutzung digitaler Medien kann dazu führen, dass wir weniger Informationen selbst speichern und uns stattdessen auf externe Speicher verlassen. Dies kann unsere Gedächtnisleistung beeinträchtigen und uns anfälliger für Manipulationen machen.

Was wir unseren Erinnerungen trauen können: Strategien für ein zuverlässigeres Gedächtnis

Angesichts der Unzuverlässigkeit unseres Gedächtnisses stellt sich die Frage, welchen Erinnerungen wir überhaupt trauen können. Julia Shaw gibt in ihrem Buch Einblick in die neueste Hirnforschung. Sie zeigt, wie wir unser Gedächtnis besser verstehen und Strategien entwickeln können, um es zuverlässiger zu machen:

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  • Kritisches Hinterfragen: Wir sollten unsere Erinnerungen kritisch hinterfragen und uns bewusst machen, dass sie nicht immer die Wahrheit widerspiegeln.
  • Überprüfung: Wir sollten versuchen, unsere Erinnerungen durch andere Quellen zu überprüfen, beispielsweise durch Fotos, Videos oder Gespräche mit anderen Personen.
  • Kontextuelle Details: Je mehr Details wir uns an den Kontext eines Ereignisses erinnern, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Erinnerung korrekt ist.
  • Achtsamkeit: Achtsamkeitstraining kann uns helfen, unsere Aufmerksamkeit zu schulen und unsere Wahrnehmung zu verbessern. Dies kann dazu beitragen, dass wir Ereignisse genauer abspeichern und uns später besser daran erinnern.
  • Lernstrategien: Effektive Lernstrategien wie Wiederholung, Elaboration und Organisation können uns helfen, Informationen besser zu speichern und abzurufen.
  • Schlafhygiene: Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Konsolidierung von Erinnerungen. Wir sollten auf eine gute Schlafhygiene achten, um unser Gedächtnis zu unterstützen.

Julia Shaw: Eine Expertin auf dem Gebiet der Gedächtnisforschung

Julia Shaw, geboren 1987 in Köln und aufgewachsen in Kanada, ist eine renommierte Rechtspsychologin, Bestsellerautorin und internationale Referentin. Sie forscht am University College London und hat sich auf das Gebiet der Gedächtnisforschung spezialisiert. Ihr Buch "Das trügerische Gedächtnis" wurde 2016 international zum Bestseller und erschien in zwanzig Ländern. Shaw hat jüngst den Masterstudiengang Queer History am Goldsmiths College, London, absolviert.

Kritiken und Reaktionen auf "Das trügerische Gedächtnis"

"Julia Shaw möchte Irrtümer aus der Welt schaffen. Das tut sie in erfrischendem Ton, mit präziser Sprache und vor allem, indem sie einen Überblick über die aktuellen Studien gibt." - Ilona Jerger, Psychologie Heute, 04/2017

"Die Rechtspsychologin Julia Shaw gibt nicht nur sehr kundig und anschaulich Einblick in die neueste Hirnforschung, sondern kann sich auch auf eigene Versuchsanordnungen berufen. … Ein eindrucksvolles Buch." - Angela Gutzeit, NZZ Bücher am Sonntag, 29.01.17

"Allein das zu lesen, ist spannend. Aber in ihrem Buch geht es um mehr: um Lernstrategien, Hypnose, digitale Amnesie, den Schlaf, um Denkverzerrungen und wie all das auf das Gedächtnis einwirkt. All das ist gut erklärt und mit vielen Beispielen aus dem Alltag und aus spektakulären Prozessen versehen." - Volker Wildermuth, Deutschlandradio Kultur, 09.12.16

"Von den neurologischen Grundlagen der Erinnerung über die verschiedenen Arten von Gedächtnis und ungewöhnliche Phänomene wie Flashbacks führt Julia Shaw den Leser unterhaltsam und mit leichter Feder durch die moderne Gedächtnisforschung. (…) Wer einen breiten Einstieg in die Gedächtnisforschung sucht, sollte zu diesem Buch greifen." - Manuela Lenzen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.16

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"… ein spannendes, witziges und lehrreiches Buch, das Pflichtlektüre sein sollte für Journalisten, Polizisten, Staatsanwälte, Richter und alle anderen, die mit eigenen und fremden Erinnerungen arbeiten müssen." - Stefan Weigel, Rheinische Post Online, 12.10.16

"Ein tolles Buch. (…) Julia Shaw erklärt darin spannend, verständlich und oft witzig, warum unser Gehirn gar nicht anders kann, als vieles wieder zu vergessen." - Sven Stillich, Zeit Wissen, Oktober/November 2016

"Ein Buch, das zutiefst verstörend unsere Erinnerungswelten in Frage stellt." - Eduard Erne, SRF "Kulturplatz", 12.10.16

"Ein höchst aktuelles und sehr brisantes Thema. (…) Sehr spannend: Fast eine Bedienungsanleitung für Psychotherapie." - Markus Lanz, ZDF, 29.09.16

"Kaum zu glauben und ziemlich unheimlich, wie manipulierbar unser Gedächtnis sein soll." - WDR "Westart", 26.09.16

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"Für ihr Buch gebührt Shaw ein großes Kompliment. Sie hat ein weites Feld umfassend dargestellt und dies auf eine spannende, verständliche Art und Weise, obwohl manche Inhalte höchst verzwickt sind. (…) Julia Shaw zeigt höchst anschaulich, warum das Gedächtnis uns täuschen kann."

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