Die transiente globale Amnesie (TGA), auch bekannt als amnestische Episode, ist eine plötzlich auftretende, schwere Gedächtnisstörung, die in der Regel zwischen 1 und 24 Stunden andauert. Charakteristisch ist die anschließende vollständige Rückbildung der Symptome, wobei die Ursache bislang unbekannt ist. Obwohl die TGA für Betroffene und Angehörige beängstigend sein kann, gilt sie in den meisten Fällen als harmlos.
Definition und Häufigkeit
Die TGA ist definiert als eine plötzlich einsetzende, schwere Gedächtnisstörung, die zwischen 1 und 24 Stunden andauert und sich anschließend vollständig zurückbildet. Die Inzidenz liegt bei etwa 3 bis 8 Fällen pro 100.000 Einwohner pro Jahr.
Symptome
Das Hauptsymptom der TGA ist eine schwere Neugedächtnisstörung (anterograde Amnesie) und eine leichte retrograde Amnesie, ohne weitere neurologische Defizite. Einige Patienten berichten über leichte unspezifische Beschwerden wie Übelkeit oder Schwindel. Während der akuten Phase können sich Betroffene neue Gedächtnisinhalte nicht länger als 30 bis 180 Sekunden merken. Sie wissen oft nicht, wo sie sich befinden oder wie sie dorthin gekommen sind. Typisch sind wiederkehrende Fragen zur Umgebung oder Situation. Das prozedurale Gedächtnis, also das Abrufen erlernter Fähigkeiten wie Autofahren oder Kochen, bleibt jedoch erhalten.
Ein Beispiel: Ein 72-jähriger Werder-Fan kommt von einem Fußballspiel nach Hause und kann sich nicht mehr daran erinnern, wie das Spiel war oder wie es ausging. Er fragt immer wieder nach dem Auto, obwohl es am gewohnten Platz steht. Er weiß noch, wer er ist und wo er wohnt, erkennt aber seine Enkelkinder nicht mehr. Nach etwa zehn Stunden kehrt sein Gedächtnis zurück, nur eine Lücke von wenigen Stunden bleibt bestehen.
Diagnostik
Die Diagnose einer TGA wird in erster Linie klinisch gestellt. Dabei ist es wichtig, die TGA von anderen Ursachen für Gedächtnisstörungen abzugrenzen, wie z. B. Epilepsie (transiente epileptische Amnesie), Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Vergiftungen, Entzündungen des Gehirns oder funktionelle Störungen nach traumatischen Erlebnissen.
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Differenzialdiagnose
Für eine TGA sprechen, wenn anstrengende körperliche oder emotionale Ereignisse der Symptomatik vorangingen, der Patient immer die gleichen Fragen stellt und sich in der Anamnese kooperativ verhält. Gegen eine TGA spricht dagegen, wenn es Hinweise auf eine Epilepsie, ein Trauma oder eine Unterzuckerung gibt.
Zusatzdiagnostik
Bei atypischer Symptomatik oder Hinweisen auf Differenzialdiagnosen kann eine zusätzliche Diagnostik erforderlich sein, wie z. B. zerebrale Bildgebung (cMRT), Laboruntersuchungen oder Liquordiagnostik. Eine zerebrale Bildgebung sollte erfolgen, wenn die Symptome länger als 24 Stunden anhalten oder die klinische Beurteilung Zweifel an der Diagnose weckt. Die TGA-typischen Läsionen sind 24-72 Stunden nach Auftreten der Amnesie besonders gut erkennbar. Insbesondere ein ischämischer Schlaganfall muss rasch ausgeschlossen werden.
Neurologische und neuropsychologische Untersuchung
Neben der Eigen- und Fremdanamnese ist für die klinische Diagnose der transienten globalen Amnesie eine neurologische und orientierende neuropsychologische Untersuchung erforderlich. Bei einer typischen TGA fehlt den Betroffenen die zeitliche und situative Orientierung, sie wirken unruhig und stellen immer wieder die gleichen Fragen. Die retrograde Amnesie bezieht sich auf kurz zurückliegendes Geschehen. Es gelingt den Patienten beispielsweise nicht, den Ablauf der letzten Stunden und Tage zu rekonstruieren. Lang zuvor erlernte Tätigkeiten, z.B. Kochen oder Autofahren, können sie jedoch problemlos ausführen.
EEG
In Betracht kommen amnestische epileptische Attacken, deren Diagnose das EEG unterstützen kann, weil es interiktal meist auffällig ist. Die Anfälle treten in der Regel häufiger als dreimal pro Jahr auf.
Ursachen
Die Ursache der TGA ist bislang unklar. Es wird von einem multifaktoriellen Geschehen ausgegangen. Bei der Mehrheit der Patienten gehen der Symptomatik Ereignisse voraus, die möglicherweise als Auslöser infrage kommen. Dies sind emotional belastende Erlebnisse, körperliche Anstrengung, Geschlechtsverkehr oder ein Sprung ins kalte Wasser.
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Beteiligung des Hippocampus
Fest steht, dass eine vorübergehende Funktionsstörung der mediobasalen Temporallappen-Anteile inklusive der beiden Hippocampi vorliegt, also der Gehirnstrukturen, die für die Gedächtnisbildung verantwortlich sind. Darauf weisen auch Läsionen im Hippocampus hin, die bei etwa der Hälfte der Patienten in MRT-Untersuchungen gefunden werden.
Durchblutungsstörung
Eine Durchblutungsstörung als Ursache der TGA gilt mittlerweile als unwahrscheinlich, da die Betroffenen kein erhöhtes Risiko für zerebrale Infarkte aufweisen.
Valsalva-ähnliche Manöver
Nach einem Erklärungsmodell entsteht die hippocampale Funktionsstörung als Folge von valsalva-ähnlichen Manövern. Diese ergeben sich aus den oben beschriebenen Auslösern (z.B. Dabei reduziert ein erhöhter intrathorakaler Druck den venösen Rückstrom zum Herzen. Intrakraniell entwickelt sich eine venöse Kongestion, der eine passagere venöse Ischämie folgt, so die Erklärung.
Migräne
Patienten mit TGA leiden signifikant häufiger an Migräne als die Allgemeinbevölkerung. Psychische Belastungen können das Auftreten einer TGA ebenfalls begünstigen. Bei den Betroffenen lassen sich häufig ängstliche Persönlichkeitsmerkmale und psychiatrische Vorerkrankungen nachweisen.
Therapie
Es gibt keine kausale Therapie für die TGA. Im klassischen Fall ist eine medikamentöse Therapie nicht erforderlich. Bei Patienten mit wiederholten Episoden einer TGA kann ein Behandlungsversuch mit Betablockern erfolgen. Wichtig ist, die Betroffenen und ihre Angehörigen über die Gutartigkeit der Erkrankung aufzuklären und ihnen die Angst vor schwerwiegenden Ursachen der Gedächtnisstörung zu nehmen.
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Stationäre Beobachtung
Eine stationäre Beobachtung der Patienten über mindestens 24 Stunden oder bis sich die Symptome zurückgebildet haben, kann sinnvoll sein. Dies gilt besonders, wenn es keine Angehörigen gibt, die den Patienten beaufsichtigen können.
Prognose
Die TGA ist in den meisten Fällen ein benignes und prognostisch günstiges Ereignis. Die Gedächtnisstörung klingt in der Regel innerhalb von 24 Stunden vollständig ab, es bleibt jedoch eine Gedächtnislücke für den Zeitraum der Symptomatik bestehen.
Rezidivrisiko
Etwa 12 bis 27 Prozent der Betroffenen erleiden eine weitere Episode. Die meisten Patienten erleiden insgesamt weniger als drei Rezidive.
Chronobiologie der TGA
Die TGA beginnt zwar immer plötzlich, aber nicht zu beliebigen Tageszeiten: Der größte Teil der Fälle tritt am Vormittag auf, besonders zwischen 10 und 12 Uhr. Am späten Nachmittag (17-18 Uhr) gibt es einen zweiten, kleineren Gipfel.
Leitlinien
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat eine vollständig überarbeitete S1-Leitlinie „Transiente Globale Amnesie (TGA)“ vorgestellt. Die Leitlinie soll Medizinern beim Erkennen der TGA-Symptomatik unterstützen und einen Überblick zu Klinik, Diagnostik und Therapie der TGA geben. Dadurch soll die Abgrenzung zu anderen Amnesie-Ursachen verbessert werden.
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