Das unbewusste Gehirn: Definition, Forschung und Bedeutung

Der unbewusste Geist ist ein faszinierendes und komplexes Thema, das seit Jahrhunderten Philosophen, Psychologen und Neurowissenschaftler beschäftigt. Obwohl es für die exakten Wissenschaften immer noch ein großes Rätsel darstellt, hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte bei der Aufdeckung seiner Funktionsweise und Bedeutung gemacht. Dieser Artikel beleuchtet die Definition des unbewussten Gehirns, die verschiedenen Theorien und experimentellen Befunde, die unser Verständnis prägen, und die potenziellen Auswirkungen auf Bereiche wie Persönlichkeitsentwicklung und klinische Versorgung.

Einführung in das Unbewusste

Im Alltag begegnet uns das Unbewusste regelmäßig. Ein simples Beispiel: Man langweilt sich und wird gefragt, ob man müde sei, da man gerade gegähnt hat. Dabei ist einem selbst gar nicht aufgefallen, dass man aus Langweile gegähnt hat. Das Unbewusste ist ein erdachtes Gebilde, das das menschliche Denken, Handeln und Fühlen außerhalb von bewussten Vorgängen und Entscheidungen bestimmt. Dazu gehört unbewusstes Handeln wie das Atmen, aber beispielsweise auch Angstreaktionen auf Situationen, die wir unbewusst mit etwas Negativem verbinden.

Definitionen und Konzepte

Unbewusst vs. Unterbewusstsein

Oft werden die Begriffe "unbewusst" und "unterbewusst" synonym verwendet, doch es gibt feine Unterschiede. Als unbewusst wird der kognitive Vorgang oder die motorische Handlung bezeichnet, die nicht im Bewusstsein stattfinden und nicht von diesem gesteuert werden. Hier werden beispielsweise traumatische Erlebnisse verortet, die von der Person verdrängt wurden. Das Unterbewusstsein hingegen beschreibt einen Bereich der Psyche, der dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist, aber Erinnerungen und Erfahrungen enthält, die jederzeit wieder aufgerufen werden können. Freud nennt diesen Bereich auch "vorbewusst".

Das Unbewusste nach Freud

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, revolutionierte das Verständnis des Unbewussten. Er sah es als einen Gehirnspeicher für inakzeptable Gedanken, Wünsche, Gefühle und Erinnerungen. Freud war überzeugt, dass die meisten inneren Prozesse des Menschen unbewusst ablaufen. Er entwickelte ein dynamisches Modell der Psyche, das Mechanismen aufzeigt, mit denen unangenehme oder unerträgliche Inhalte ins Unbewusste verdrängt werden können.

Die drei Teile des Bewusstseins

Freud unterschied drei Systeme:

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

  • Bewusstsein (Bw): Der Teil der Psyche, in dem sich das subjektive Erleben bewusst abspielt und vom "Ich" als eigene Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Wahrnehmungen und Erinnerungen wahrgenommen wird.
  • Vorbewusstsein (Vbw): Hier befinden sich Inhalte, die zwar derzeit nicht bewusst sind, aber jederzeit ins Bewusstsein treten oder geholt werden können.
  • Unbewusstes (Ubw): Hier finden Seelentätigkeiten statt, die grundsätzlich nicht bewusstseinsfähig sind, die ins Unbewusste verdrängt wurden oder die nur derzeit nicht vom Bewusstsein wahrgenommen werden.

Das Eisberg-Modell

Das Eisberg-Modell veranschaulicht das Verhältnis zwischen Bewusstsein, Vorbewusstsein und Unbewusstem. Nur ein kleiner Teil (ca. 20 %) ist uns bewusst, während der größte Teil (ca. 80 %) unbewusst ist.

  • Bewusster Anteil: Enthält Zahlen, Daten, Fakten, bewusste Emotionen und Wünsche.
  • Vorbewusster Anteil: Enthält automatische Gedanken, automatisches Verhalten und automatische Gefühle, die ins Bewusstsein gerufen werden können.
  • Unbewusster Anteil: Enthält verdrängte Erinnerungen, Impulse und Empfindungen, die unser Handeln unbewusst beeinflussen können.

Die Funktionsweise des unbewussten Gehirns

Gehirnstruktur und -prozesse

Das Gehirn eines erwachsenen Menschen besteht aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen, die mit ca. 100 Billionen Synapsen verbunden sind. Bewusst nutzen wir nur einen geringen Teil des mentalen Potentials - der Rest schlummer unbewusst vor sich hin. Das Unterbewusstsein steuert zu circa 99 % die Funktionen unseres Organismus und die Ausführung unserer Handlungen. Es funktioniert gewohnheitsmäßig und routinemäßig.

Unbewusste Wahrnehmung

Reize, die wir nur unbewusst bzw. unterschwellig wahrnehmen, nennt man auch subliminale Reize. Diese Reize überschreiten nicht die Schwelle des Bewusstseins und können die Wahrnehmung und das Verhalten beeinflussen.

Unbewusste Handlungen und Entscheidungen

Ein großer Teil unserer Wahrnehmung findet unbewusst statt. Auch unsere Entscheidungen und Handlungen werden durch unbewusste Prozesse beeinflusst. Unbewusste Handlungen oder Entscheidungen sind durch Folgendes gekennzeichnet:

  • Eine Situation wird intuitiv erfasst.
  • Unser Unterbewusstsein nimmt einen Abgleich mit gespeicherten Erfahrungen vor und signalisiert uns Parallelen.
  • Das Gehirn verarbeitet diese Information und wir handeln aufgrund der Informationen aus unserem Unterbewusstsein.
  • Dieser Vorgang automatisiert sich und die Handlung wird im Unterbewusstsein verankert.

Experimentelle Befunde und Forschungsmethoden

Das "Mind Beagle" in der Wachkomaforschung

In der Wachkomaforschung wird das "Mind Beagle" eingesetzt, um Restbewusstsein bei Patienten mit "reaktionsloser Wachheit" zu erfassen. Durch die Messung von Gehirnwellen im Elektroenzephalogramm (EEG) können Forscher feststellen, ob Patienten auf Ansprache reagieren und Reize innerlich verarbeiten.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)

Mithilfe der fMRT können Forscher die Hirnaktivität von Wachkomapatienten beobachten, während sie sich bestimmte Aufgaben vorstellen. Es wurde festgestellt, dass einige Patienten ähnliche Hirnaktivitäten zeigen wie gesunde Menschen, die sich bewusst vorstellen, Tennis zu spielen. Dies deutet auf ein Restbewusstsein hin.

Continuous Flash Suppression (CFS)

Die Continuous Flash Suppression (CFS) ist eine Methode, bei der wechselnde bunte Bilder so schnell auf ein Auge projiziert werden, dass es sie nicht verarbeiten kann. Mithilfe von CFS konnte gezeigt werden, dass Versuchspersonen den korrekten Zielort eines Punktes vorhersehen konnten, selbst wenn dieser maskiert war. Dies deutet darauf hin, dass das Gehirn Bewegungen unbewusst berechnen kann.

Response-Priming-Methode

Bei der Response-Priming-Methode haben Probanden die Aufgabe, einen präsentierten Zielreiz per Tastendruck schnellstmöglich zu kategorisieren. Kurz vorher wird ein Prime (Bahnungsreiz) präsentiert, der entweder aus derselben Antwortkategorie wie der Zielreiz stammt (konsistent) oder einer anderen (inkonsistent). Typischerweise reagieren Probanden in konsistenten Durchgängen schneller auf den Zielreiz als in inkonsistenten Durchgängen. Dies deutet darauf hin, dass der Prime die ihm zugeordnete Reaktion vor-aktiviert und entsprechend die Zielreiz-Reaktion erleichtert oder erschwert.

Experimente zur unbewussten Erinnerung

Die Berner Psychologin Katharina Henke hat in Experimenten gezeigt, dass unbewusstes Erinnern und Lernen auch bei anspruchsvolleren Aufgaben möglich ist. Versuchspersonen sahen auf einem Bildschirm Gesichter, unter die jemand Berufsbezeichnungen geschrieben hatte. Jedes Bild erschien nur 17 Millisekunden lang, unmittelbar vorher und nachher sahen die Versuchspersonen schwarz-weiße Pixelbilder. Später konnten die Versuchspersonen überzufällig korrekt raten, welchen Beruf diese Person haben könnte.

Kritik und Herausforderungen

Die Forschung zum Unbewussten ist nicht ohne Kritik. Einige Forscher bemängeln methodische Probleme und die Schwierigkeit, unbewusste Prozesse zweifelsfrei nachzuweisen. Es ist unklar, ab wann ein Reiz tatsächlich als unsichtbar zu gelten hat und wie verschiedene Methoden zur Maskierung von Reizen die Ergebnisse beeinflussen.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

Das Unbewusste in der Persönlichkeitsentwicklung

Psychoanalyse

In der Psychoanalyse ist das Unbewusste der Sitz von Trieben und Verdrängtem. Ziel der Psychoanalyse ist es, das Unbewusste bewusst zu machen und damit die Macht des Unbewussten zu entkräften.

Hypnotherapie

Milton Erickson sah im Unbewussten eine kluge Instanz voller ungenutzter Potenziale. Er nutzte die Hypnose, um einen Trancezustand zu erzeugen, der eine Ablösung vom gewohnten Denkrahmen ermöglicht und die Neustrukturierung von Erlebens- und Verhaltensmustern erleichtert.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie konzentriert sich auf das objektiv beobachtbare Verhalten und seine Änderung. Der Begriff des "Unbewussten" wird nicht berücksichtigt oder gar definiert.

Systemische Therapie

Im Fokus des Systemischen Ansatzes steht die Interaktion und Kommunikation zwischen Personen. Es wird versucht, unhilfreiche Muster zu unterbrechen und durch die Einführung neuer Wirklichkeitskonstruktionen eine Neuorganisation anzuregen.

Körpertherapie

Die Körpertherapie geht davon aus, dass sich Konflikte in muskulären Verspannungen manifestieren können. Durch die Lösung dieser Verspannungen sollen vegetative "Energien" freigesetzt werden.

Tragweite und Bedeutung

Beeinflussung des Verhaltens

Die Forschung zum Unbewussten hat gezeigt, dass unbewusste Reize unser Verhalten beeinflussen können. Durstige Probanden griffen häufiger zu einer unterschwellig eingeblendeten Getränkemarke als zu einem nicht präsentierten Konkurrenzprodukt. Unbewusste Werbung kann also die Entscheidung für ein spezifisches Produkt beeinflussen.

Kognitive Entlastung

Unbewusste visuelle Prozesse dienen primär der kognitiven Entlastung. Frei werdende Ressourcen könnten anderweitig eingesetzt werden, zum Beispiel für wohl überlegte (und bewusste) Einschätzungen.

Klinische Relevanz

Auch wenn das Bewusstsein gestört oder ausgeschaltet ist, funktionieren vielleicht unbewusste Anteile des Geistes. Der regelmäßige Kontakt mit dem unbewussten Geist von Wachkomapatienten könnte dafür sorgen, dass sie sich körperlich entspannen und besser fühlen. Ähnliches gilt auch für den Umgang mit Dementen.

Zugänge zum Unbewussten

Es können drei Zugänge zum Unbewussten unterschieden werden:

  • Para-verbale und nonverbale Kommunikation: Wie drückt sich ein Klient sprachlich aus? Welche nonverbalen Signale sendet er aus?
  • Körperhaltung und vegetative Reaktionen: Augenblinzeln, Hautleitwiderstandsänderungen, Muskelanspannungen usw.
  • Verhalten: Das Unbewusste hat das letzte Wort darüber, ob das, was bewusst geplant wurde, auch jetzt und genauso umgesetzt werden soll.

tags: #das #unbewusste #gehirn